Saturday, May 20, 2006

Es beginnt, tatsächlich, das magische Denken.

Wir hören Vilém Flusser, 1978:

"Will man einen Text entschlüsseln (»lesen«), […] dann muss das Auge der Zeile entlang gleiten. Erst am Ende der Zeile hat man die Botschaft empfangen und muss versuchen, sie zusammenzufassen, zu synthetisieren. Lineare Koden […] fordern fortschreitendes Empfangen. Und das hat eine neue Zeiterfahrung zur Folge, nämlich die einer linearen Zeit, eines Stroms des unwiderruflichen Fortschritts, der dramatischen Unwiederholbarkeit, des Entwurfs: kurz der Geschichte. Mit der Erfindung der Schrift beginnt die Geschichte, nicht weil die Schrift Prozesse festhält, sondern weil sie Szenen in Prozesse verwandelt: Sie erzeugt das historische Bewusstsein.
Dieses Bewusstsein hat nicht etwa sofort über das magische gesiegt, es hat es mühsam und langsam überwunden. [...] Erst im Lauf der Jahrhunderte begannen Texte (Homer und die Bibel), die Gesellschaft zu programmieren, und das historische Bewusstsein blieb, im Lauf der Antike und des Mittelalters, Kennzeichen einer kleinen Elite von Literaten. Die Masse wurde weiter von Bildern programmiert, obwohl diese Bilder von Texten zunehmend infiziert wurden; sie verharrte sozusagen im magischen Bewusstsein […].
Die Erfindung des Buchdrucks verbilligte die Manuskripte und erlaubte einer aufsteigenden Bourgeoisie, zum historischen Bewusstsein der Elite vorzudringen. Und die Industrierevolution, welche die »heidnische« Dorfbevölkerung aus ihrem magischen Dasein riss, um sie als Masse um Maschinen zu ballen, programmierte diese Masse dank Volksschule und Presse mit linearen Koden.
[…] Der Sieg der Texte über die Bilder (der Wissenschaft über die Magie) ist ein Ereignis der jüngsten Vergangenheit und weit entfernt, als gesichert angesehen werden zu können.
[Es] ist nämlich im Gegenteil eine Verflüchtigung des historischen Bewusstseins festzustellen. In dem Maße, in dem Oberflächenkoden überwiegen, in dem Bilder alphabetische Texte ersetzen, hört die Zeiterfahrung auf, die mit den Kategorien der Geschichte, also als irreversibel, fortschreitend und dramatisch erfasst wird. Die kodifizierte Welt, in der wir leben, bedeutet nicht mehr Prozesse, ein Werden, sie erzählt keine Geschichten, und leben in ihr bedeutet nicht handeln.
[…] Vorläufig erzählen wir noch TV‑Geschichten. Aber diese Geschichten haben doch schon ein nachgeschichtliches Klima. Es wird lange dauern, bevor wir auch ein nachgeschichtliches Bewusstsein erkämpfen; aber es ist doch erkennbar, dass wir daran sind, einen entscheidenden Schritt zurück von Texten oder hinaus über sie zu leisten. Einen Schritt, der an das Wagnis der mesopotamischen Keilschreiber erinnert."

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