Monday, June 30, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit (II)

Über Schottland, 10.11.2005

“Es kann schon sehr betrüben und bedrücken, wie sehr alles und immer nach Gewinnmaximierung strebt. Ich glaube, dass ich im Innersten meines Herzens einfach keinen Frieden damit schließen kann, dass so die Welt funktionieren soll. Auf einmal sollen wir hier hinten in der Holzklasse für unser Bier (für jedes Bier, wohlgemerkt) 5 USD, 4 EUR oder 3 GBP bezahlen. Wäre es der Airline wirklich um unsere Gesundheit bestellt, dann würde man die Freunde in der Business und First Class ja auch zur Kasse bitten. All überall wird man abgerippt, wie es so schön unter den Nachwuchs-Rippern heißt, und leben lässt sich damit eben nur, wenn die eigene Stimmung einem erlaubt, dieses Faktum für eine Weile zu verdrängen.

Diese ja altbekannte, in ihrer Moralfreiheit doch aber immer wieder so enttäuschende und schockierende Technik zermürbt mich, insbesondere durch ihre Allgegenwart.

Auch sagte die Mitbewohnerin des anderen Tages, sie arbeite ja (im Vergleich zu mir als Wissenschaftler), um ‘das Geld anderer Leute’ zu verdienen. Auch das also ein Beleg—zusammen mir der Mattheit in der Stimme, mit der sie dies sagte—für das Ungesunde, das Verwerfliche, und (ja:) das dem Untergang Geweihte der Kaufleute und ihrer Praktiken. Sie werden verrotten mit ihrem Geld, bitte.

Adnote: Wie ich dies lese, erkenne ich in meiner Verzweiflung über die Wege der Welt erstmals klar die Todessehnsucht, den Todestrieb fast, der anti-westlichen Terroristen, der Globalisierungsgegner, und auch eines nach Reinigung rufenden jungen Ernst Jüngers wieder.

Und doch, sofort, ist da die Gewissheit, dass jeder Krieg, jede Umwälzung, möge man ihm oder ihr noch so viel reinigende Kraft zuschreiben wollen und für den Moment in dieser Phantasie alles individuelle Leid vergessen oder gar in Kauf nehmen, nur durch genau diese verhassten Krämerseelen finanziert, durchgezogen werden könnte, und dass die Kaufleute in ihrer Gewinnsucht als erstes aus dem Staub des Stahlgewitters auferstehen würden, um von vorn zu beginnen.

Änderung nur anders.”


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Thursday, June 26, 2008

Statistik

Seit dem 09. Februar 2008 wurden hier an die Wall of Time 42,776 Worte graviert. Wollte man sie alle ausdrucken, kämen etwas über 100 DIN A4-Seiten dabei heraus, aber warum wollte man wollen.

5,110 Blicke fielen auf diese über 40,000 Worte. Durchschnittlich hat jeder Blick und Klick also 8.37 Worte erhascht, auch wenn der Kleingärtner im großen Park der Worte doch hofft, dass der eine oder andere—auch ohne zu klicken—noch weiterlas. Danke dafür. Wie lange dies gedauert haben mag, sagt mir des Großen Bruders Programm leider nicht. Vielleicht etwa so lang, wie diesen Satz zu schreiben:

Gestern sah ich, wie sich Nosferatu im Sonnenlicht krümmt, und vergeht.



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Wednesday, June 25, 2008

Zeitmaschine

Zeitreisen sind längst erfunden. Heute zum Beispiel fiel während einer handelsüblichen Fußballübertragung das Bild aus. Und zwar für richtig lange. Da reist der Zuschauer ganz ungewollt durch die Zeit, und mit ihm der Techniker in Wien, und der in Mainz, nah am Herzinfarkt.

Baurdrillard, übernehmen Sie. Was sehe ich hier? Ist es ein Live- (it est, tatsächlich simultan stattfindendes) Spiel? Ist es eine großartige Inszenierung, die ein Wicht auf den falschen Drogen spannender als nötig gestalten will?

Wenn das Bild einfach einmal versagt, so etwas kommt vor, was geschieht dann mit dem Bilder-Junkie mit den schwarzrotgoldenen Streifen im Gesicht? Nun, er lauscht. Er wird still. Er spitzt die Öhrchen, und der Reporter ist sich der historischen (falls es Geschichte noch gibt? Ach ja, wir erfinden sie gerade neu) Chance bewusst und stellt von Broca-Aphasie (Schweinsteiger. Klose. Rüstü.) auf Sätze und Zusammenhänge und Syntax um. Er macht uns ein Spiel bildhaft und verständlich, er kann es also.

Und er erzählt uns, mittels des Wunderwerkzeugs Sprache—wie es die Alten am Lagerfeuer getan haben mögen.

Ein paar Minuten, die dem Hirn—je nach Grad der Involvierheit—wie Stunden oder Tage vorkommen mögen, dann ist alles beim Alten. Ein leichter Zeitversatz zwischen Ton und Bild noch, der nur den Sensiblen unter den Knechten auffallen mag, bleibt; aber alle haben sich wieder lieb, die Weltordnung findet wieder zu sich selbst, durch ein herrlich erdichtetes Tor. Die Matrix funktioniert wieder, und die Zeitreise findet ein Ende.



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Tuesday, June 24, 2008

Kaufbefehl


In Iron fists. Branding 20th-century totalitarian states, Steven Heller approaches the 20th century totalitarian attempts of Germany, the USSR, China and others with the scholarly eye of the typograph, designer and expert for corporate identity.

Quite rightly and timely so, as one might ask (with not too much headway made, 50 years after Hannah Arendt): How—if not via their surface and looks and self-concept of corporate design, folk myth and branding—are we supposed to finally understand these opaque regimes?

“Ein wahrnehmendes Denken dieser Art—also […] ein aisthetisches Denken, das sowohl Ästhetik wie Anästhetik umfasst—scheint mir gegenwärtig aus nicht etwa, wie manche argwöhnen, modischen Gründen, sondern wegen seiner Begreifenskapazität und Wirklichkeitskompetenz an der Zeit zu sein. Es ist—so meine These—heute das eigentlich realistische, will sagen: das der gegenwärtigen Wirklichkeit (der schier nichts mehr gewachsen ist) noch am ehesten, nämlich wenigstens stellenweise gewachsene Denken. Die einst für dubios gehalteten ästhetischen Perspektiven erweisen sich zunehmend als die wirklichkeitsnäheren und erschließungskräftigeren.” (Wolfgang Welsch)

Monday, June 23, 2008

The 18th lesson in compassion

At the risk of belaboring the point:

The text of the 17th lesson in compassion reads as follows (see below). It is as if the text Werner Herzog speaks gives the idea of compassion yet another twist, that is, Herzog’s compassion with Kinski.

«The whole world belongs to us.
But Klaus seems to want to fly away.

Shouldn’t I have noticed, that it was his soul
that wanted to flutter away?
Then I see him with a butterfly, softly, delicately.

The little creature doesn’t want to leave him, and is so unafraid...
...Sometimes it seems to me that Klaus himself turns into a butterfly.

Everything that weighed on us is gone.
And even though my mind revolts against it
something deep inside tells me:
This is the way I’d like to keep him in my memory.»


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Friday, June 20, 2008

160 characters of art (IV): Secret crush taken seriously

Here is another idea for a piece of art, again given away for free to anybody arty out there, to perform it and get famous with. Again, it proofs to be a great idea as it fits into one text message. This one would even qualify as a twitter message (>140 characters).

It is without doubt the most daring artwork I have ever heard of. As any great piece of art is blurs the borders between art and life, reality and imagery, privat life and business, yes, even between life and death. It is the best artwork in the world. All specifications given are to be followed precicely and without room for interpretation:

LOVE SOMEBODY INSANELY, SECRETLY, AND UN-RECIPROCALLY. NEVER LET IT SHOW, NEVER TELL ANYBODY UNTIL YOU DIE, BUT DON’T LET GO EITHER.

(134 characters)

Of course, if you succeed with this artwork, we will never know and it is nothing to get rich with during lifetime. At best we learn of it after your death, in case you kindly leave a note or some documentation on it for posthumous discovery. Good luck.

Make sure to check out all other 160 characters of art suggestions available so far. 160 CHARACTERS OF ART, an initiative of walloftime.net.


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Thursday, June 19, 2008

Ein alter Tibetteppich

I almost hate to say this, but it is again in the often way too convoluted and slightly pretentious writings of Wall of Time’s own Ernst Jünger that I found a touchingly true section on Time:

“Man muß jedoch wissen, daß die unbarmherzigen Wertungen, denen diese Zeit unterzogen wird und die wir durch so viele Einzelheiten bestätigt finden, zugleich zutreffend und unzutreffend sind. Dies liegt daran, daß die einheitliche Einteilung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wohl für die astronomische, nicht aber für die Lebens- oder Schicksalszeit anwendbar ist. Es gibt eine astronomische Zeit, aber zugleich eine Mannigfaltigkeit von Lebenszeiten, deren Rhythmus wie der Pendelschlag unzähliger Uhren nebeneinander schwingt.

So ist es auch nicht eine, nicht die Zeit, sondern eine Mehrzahl von Zeiten, die auf den Menschen Anspruch erhebt. So ist es zu erklären, daß eine Generation zugleich älter und jünger als die der Väter ist, daß sie also zwei verschiedenen Zeiten angehört. Es kommt nun sehr auf den Blick an, den man auf die Zeit zu werfen befähigt ist. Man steht auf ihr wie auf einem Teppich und sieht, daß die alten Muster bis zu den Rändern ausgesponnen sind. Oder man sieht, daß sich das Gewebe zu ganz neuen und anderen Figuren zusammensetzt. Beides trifft zu, und so kann es kommen, daß ein und dieselbe Erscheinung sowohl als Symbol des Endes wie des Anfangs erscheint. In der Sphäre des Todes wird alles zum Todessymbol, und wiederum ist der Tod die Nahrung, von der das Leben zehrt.” (Der Arbeiter, 1932)

Tuesday, June 17, 2008

The Arrow of Time

Every year when June 17 approaches I wonder what will happen on one of the simplest, yet most disturbing and fascinating web pages I ever encountered — Argentinean photographer Diego Goldberg’s family photographs aptly entitled «The Arrow of Time».

Since 1976, he documents the passing of time in his own and his family’s faces. This is a no-nonsense approach to measuring and experiencing time that I admire. May they all live on for ages to have their pictures taken, every year, on June 17.



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Monday, June 16, 2008

I am a Spenglerian spoilsport

Here is why postmodernism has become so boring: Everybody thinks they can have their share and play a few witty tricks on perception, aesthetics, common rules, irony, and post–irony, as well as post-post-irony. I arrived at this conclusion on the unlikely yet very delicate topic of EURO 2008’s football shirts, and especially, shirt typography.

I was just about to recover from Puma’s sick and plain tasteless all-lowercase typeface that had been so ubiquitously present on the last worldcup’s African team equipments (it doesn’t look good, it’s not legible, and it was post-modernism at its worst: It est, it looked dated).

This time round, a few coked-up big-time graphic designers were surprised themselves when they got through with their parody of an idea for Italy’s shirt numbers.

I guess we are supposed to be in awe: The shirt numbers in close-range look pixelated, their borders are blurry rather than high-contrasted lines. What you as a postmodern media consumer are supposed to see here, of course, is what you see when you zoom into a low-resolution jpeg image: The pixels become obvious to the human eye, but you see a clear shape from a more far-range perspective (cf. Fig. 1). Our funny post-modern graphic designers thought that it would be so next decade to invert this effect and make the real-life shirt and real-life vision (if there is such things as real-life vision, that is) mimic our screen-based visual experiences.

It had been only half-funny in 1984 when Zucker & Abraham did this with a giant telephone in Top Secret!. Now, judge for yourself whether to shake your head rather over such silly outdated hip-to-be-square fake-web-aesthetics or over my ability to be so upset about it.



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Friday, June 13, 2008

The 17th lesson in compassion

From the most unlikely of all teachers in compassion, Klaus Kinski, comes a beautiful update to our recent 16 lessons in compassion.

This short excerpt also nicely demonstrates how, in contrast to widely distributed belief, some of us humans show their compassion more easily towards non-human beings than towards their conspecifics—as it was certainly the case with the loose cannon Klaus Kinski:


video

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Thursday, June 12, 2008

Time traveler wisdom (X): A writer’s perspective

Bewußtsein sei die erste Ableitung des Seins, habe ich einmal in so einem luziden bis halbwahnsinnigen Moment nach dem Blutspenden im Mai 2003 beschieden.

Vielleicht stimmt das aber sogar; sowohl diese Feststellung, als auch das daraus Folgende: Dass nämlich der Mensch mit seiner steten Gabe und Bürde, der Selbstbeobachtung und der—auch noch bewusst reflektierten—Messung der verstreichenden Zeit genau deshalb auch so nah am Abgrund zum Wahnsinn wandelt, und auch deshalb als einzige Spezies halbwegs interessante Formen der Geisteskrankheit hervorbringt.

Q: “What is Time”?

A: “Sie ging auf und ab, ein Buch zur Waffe wie stets. Ihr Kopf war müde, doch der Leib loderte aufgekratzt vor sich hin. So ging das seit langem. Wie eine Form der Schlaflosigkeit, die sich des rein Leiblichen entledigt hatte (das Gehirn, die Materie, es nahm sich seine Mützen voll Schlaf dann und wann und war im Gegenteil morgens kaum wachzubekommen). Also eine teuflischere, tiefgreifendere, die Materie transzendiert habende Form der Insomnie.

Sie würde wachbleiben müssen. Zu wachen hieß auch: Zu warten. Wer wacht, hofft noch. Verdammt zu hoffen. Das Buch mit den Worten darin war nur Täuschung; Täuschung an sich selbst. Nur weil ich lese, so gestand sie sich ein, bin ich noch lang nicht am Leben, und nur weil ich an Buchstaben mich kette, fallen die anderen, schwereren Fesseln nicht ab von mir.

Aber sie ging zum Schrank, und griff zu einem besonders dicken Werk. Sie wollte nur noch lesen, und die kleinen Inseln des Glücks und der Ruhe, des Nichts-Fürchtens finden, die sich darin versteckten. Über die vielen Buchstaben hinweg und durch die vielen fremden Gedanken hindurch wollte sie dorthin segeln. Dass ihr auch gar nichts anderes übrig blieb, und dass sie immer würde weitersegeln müssen, allein, war ihr klar geworden. Zu segeln hieß auch: zu wachen, und zu wachen heisst doch auch: zu warten, und warten heisst hoffen, und die Hoffnung ist die Stammfunktion der Heilung, murmelte sie vor sich hin.”


Wednesday, June 11, 2008

Auch an blauen Tagen

«You are the bluest light»
—Bloc Party

Beim Verlassen des Badezimmers sah ich, im so genannten Augenwinkel, einen sehr kleinen türkisblauen Punkt. Ich ging noch einmal zurück, wiederholte diesen Schritt durch die Tür, und fokussierte die Stelle dort, wo die Fließen enden: Ein kleiner Punkt reflektierten Lichts, ein sehr kleines Steinchen vielleicht.

Kennen Sie das? Wie in solch einem einzigen Punkt ausserhalb des Körpers, in der Peripherie, der ganze Geist sich verdichtet? Wie geht so etwas? Wie können das Bewußtsein und in ihm alle Erinnerung und alles Empfinden sich einen Weg aus der Materie bahnen und sich bündeln in einem kleinen türkisblauen Pigmentsteinchen, dort unten? Wie kann ein 1.3 kg schweres, zwei Hände volles Organ sich aus sich selbst hinaus winden, und alles, zu dem es fähig ist, und das ist viel, in ein weniger als einen Millimeter großes Objekt legen? Es mag mit dem irisierenden Licht zu tun gehabt haben, das mich anstrahlte aus diesem Stein, und das den Kontakt mit meiner Netzhaut herstellte, eine Art trojanisches Pferd ins Gehirn hinein und von dort hinaus, oder es könnte recht präzise das sein, was man im engeren Sinne als Transzendenz bezeichnet: Das Über sich selbst Hinausweisen.

Aber ich will nicht in biologistisch oder gar philosophisch anmutendes Sprechen verfallen, und Sie auch nicht langweilen mit solchen Plattitüden. Das Wunder dessen, was da geschieht in solchen Kurzschlüssen, die ja recht eigentlich Überbrückungen sind, lässt sich ja eben nicht in Worten bündeln. Auch kann ich nicht künden von all den traurigen und schönen Bildern, die über mich kamen und ihre Erinnyen-gleichen Lieder längst vergangener Zeiten aus ihrem Steinchen dort vor mir heraus sangen, und wie sich die Bilder in die Weiten des Raumes und des Herzens und der Zeit erwuchsen.

Und dann, nicht minder plötzlich, kommt man zu sich—auch dies eine sehr präzise Redewendung. Der Schrecken und das leicht irre Glück, alles ist vorbei, und man steht wieder da, mit der Wäsche auf dem Arm, und hört wieder das rosa Rauschen des Fußballfernsehstadions im Zimmer nebenan. Der kleine blaue Stein, und das Universum, das er birgt, bleiben am wüsten Rand des Jetzt zurück.


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Monday, June 09, 2008

Zeit (ein jegliches hat seine)

Welche ist Ihre Lieblingszeit?

Michael Onfrays wunderbarer Weinbau-Meditation über die Formen der Zeit, einer Theorie des Sauternes, ist eine entweder von ihm oder vom Übersetzer Markus Sedlaczek verantwortete «Kartographie der im Text erwähnten Zeiten (in der Reihenfolge ihres Erscheinens)» hintangestellt.

Aber lesen und wählen Sie selbst, es sind sehr schöne Zeiten dabei.

genealogische Zeit
unvordenkliche Zeit
geologische Zeit
fixierte Zeit
Raumzeit
ursprüngliche Zeit
archaische Zeit
zyklische Zeit
wahrnehmbare Zeit
seminale Zeit
vegetabilische Zeit
tragische Zeit
zirkuläre Zeit
natürliche Zeit
kulturelle Zeit
einzigartige Zeit
pantheistische Zeit
aleatorische Zeit
meteorologische Zeit
klimatologische Zeit
ontologische Zeit
negierende Zeit
dekonstruierende Zeit
affirmierende Zeit
begründende Zeit
augustinische Zeit
verwandelte Zeit
verlangsamte Zeit
modifizierte Zeit
skulptural geformte Zeit
entropische Zeit
agrarische Zeit
chronometrische Zeit
langsame Zeit
eilige Zeit
irenische Zeit
magische Zeit
fade Zeit
technologische Zeit
Zeit der Georgica
feudale Zeit
alchimistische Zeit
chemische Zeit
hedonistische Zeit
dionysische Zeit
spermatische Zeit
elementare Zeit
menschliche Zeit
bearbeitete Zeit
verherrlichte Zeit
transzendierte Zeit
sublimierte Zeit
lokale Zeit
globale Zeit
punktuelle Zeit
komprimierte Zeit
zur Quintessenz verfeinerte Zeit
vielfältige Zeit


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Saturday, June 07, 2008

Classics of Camp (V): Well come to Billy Beats

«Mein Gefährte und ich schlichen den anderen einige Meter hinterher, in ein laues Gespräch vertieft, in dem jeder die Pässe des anderen routiniert zurückspielte, mit kleinen Tricks und Wendungen ihnen neuen Schwung verlieh. Und dann, vor uns, der Weckruf; ein Schild, eine Leuchtschrift, ich weiß nicht, wer es zuerst entdeckte, wer zuerst die große runde Wahrheit und Schönheit in seiner Form und seiner Botschaft realisierte. In hellblau und orange gehalten, rief es fröhlich: Well come to Billy Beats.

Dazu muss man wissen, dass jener Sommer uns auch zum ersten Mal an den schweren, stahlgrauen Quarzlaufwerken sah. Wir drehten die mattschwarzen Plastikscheiben mit den ihnen eingeschriebenen regelmäßigen Variationen, die, einem Saphir zur Abtastung untergeschoben, ganze Reiche voller Klang und Krach, mit wundersamen Pausen zwischen den Zählzeiten, zu Gehör brachten. Es war der Sommer, der ungelogen und völlig ohne Übertreibung bereits lange vor unserer Abreise eine neue Zeit zum Klingen gebracht hatte. Unsere ganz private Moderne mit den Blechinstrumenten und den Samtanzügen schien schon weit ins Museale gerückt, und die Elektrifizierung fand in unseren Herzen und unter unseren Händen statt, während und weil wir durch die Läden der Großstadt streiften, und für wenige Währungseinheiten billiges, schwarzes Gold aus großen Kisten zerrten, es zur Kasse, flugs nach Hause, auf ebenjenes neue schwere Laufwerk und von dort in den Kreislauf jagten. Ein schlechtes, plump anmutendes Gleichnis? In der Tat, wäre es nicht das einzig treffende, das den Aufbruch und die vollkommene Mobilmachung unserer Sinne in besagtem Sommer erfassen könnte.

Gutes Kommen zu den Billy Beats also. Ob die Mediterranen nicht eher das englische Idiom für den Strand meinten mit ihrem freundlichen und nicht unaufwendig gestalteten Schild, was ja offensichtlich war, wagte keiner von uns anzusprechen: zu elektrifiziert waren wir von diesem neu gewonnenen Wahlspruch.

Vor uns ein Strand namens Billy, den wir schon bei Nacht betreten hatten, der aber erst jetzt in seiner visuell zu erfassenden Weite seine volle Wucht entfaltete. Der Gefährte ließ sich als erster nieder im Sand. Ob er ein Handtuch benutzte, ist mir nicht mehr erinnerlich, ich möchte aber des Bildes wegen glauben, dass er solche Vorkehrung für albern erachtet hätte. Jedenfalls beneidete ich sofort die Lässigkeit seines Dahingestrecktseins. Und legte mich eilig daneben, die Sonnenbrille zwar auf der Nase, sonst aber von einer mir heute wundersam erscheinenden Arglosigkeit ob meiner unbeeindruckenden bis hässlichen körperlichen Erscheinung.»



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Friday, June 06, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. III)

Heute ein etwas längerer Abschnitt aus meinem eher mühsamen, vielleicht auch müßigen Versuch, endlich etwas über die Emergenz des Totalen zu destillieren. Kommentare per Email sehr erwünscht.


Teilabschnitt “Nichts zu verbergen: Das totale Dasein”

Vernetzung findet statt—das internet, das worldwide web: Diese Namen tragen in sich den Optimismus einer früheren Zeit, und doch bezeichnen sie ihren Gegenstand sehr treffend. Ein Netz webt sich, und jeder beliebige Punkt kann als Ausgangspunkt gewählt werden für die Betrachtung dieses Flechtwerks. Solch ein beliebiger Punkt kann, hilfreich für unsere Überlegungen, ein einzelner Mensch sein.

Dieser Mensch legt seine Fäden aus, er sammelt sich, was er braucht, als Ertrag seiner Flechtarbeit. Natürlich interagiert er dabei zwangsläufig mit Strukturen und anderen Individuen. Und, einige dieser Strukturen, die wirkmächtigsten Webmeister sozusagen, betreiben den Datenverkehr als Geschäft: Sie bieten Waren feil, welche teilweise noch sehr altmodisch per Post verschickt werden müssen, oder transferieren gegen elektronische Zahlungshandlungen Datenpakete, die der Kunde (unser einzelner Mensch) wünscht, Musikstücke, Filme, oder—noch etwas abstrakter—spezifisch für ihn erbrachte Dienstleistungen, wie z.B. Anfertigungen von Steuererklärungen oder Intelligenztests (um im Sinne einer Zuspitzung die sensitivsten Beispiele zu wählen).

Bei diesen Kommunkationsakten entstehen natürlich Spuren; Webfäden, Zeugnisse werden abgelegt, die Bewegung in diesem second life [1] ist stets (allumfassend, also geltend für alle Navigierungen zu allen Zeiten) detektier–, aufzeichen– und zuortbar.

De facto, und es langweilt fast etwas, dies hier zum Zwecke der Vollständigkeit wiederholen zu müssen, ist jede Bewegung unseres Individuums durch Dritte einsehbar, nachvollziehbar, ganz besonders einfach aber natürlich, wenn große Teile dieser Bewegungen via Knotenpunkte eines umfassenden Dienstleisters stattfinden (derzeit heißen die Protagonisten Google, Amazon, Myspace, Facebook—wie ist dies, jetzt, in unserer Zukunft und Ihrer Gegenwart, wenn Sie dies lesen?). Graduierungen des hierfür nötigen Aufwands bestehen natürlich, sind aber im Rahmen unserer (nur geringfügigen) gedankenexperimentellen Zuspitzung hier völlig irrelevant.

Es wäre hochgradig albern, das Sammeln dieser durchaus persönlichen Daten, dieser Spuren und Abbilder unserer Vorlieben und Eigenheiten, dem einzelnen Unternehmen oder der Muttergesellschaft übel nehmen zu wollen. Ein Unternehmen (man beachte auch hier bereits das immanent kopflose, und insofern emergente, Wollen einer Unternehmensstruktur) kann nichts anderes wünschen, als seinen heutigen und künftig zu erwartenden Gewinn zu mehren. Dies war schon immer so, und wird und soll immer so sein. Ein mögliches Problem hierbei mit direkter Relevanz für das Entstehen des (siehe Teilüberschrift) totalen Daseins ergibt sich aus der schieren Möglichkeit zur Erfassung der Daten des Einzelnen, die im Rahmen der unternehmerischen Logik natürlich unbedingt auch ausgeschöpft werden muss. Gleichzeitig haftet den Versuchen (national-)staatlicher Regulierung etwas Hilfloses bis Absurdes an im Angesichte der inhärenten Internationalität globaler (und ganz besonders Internetbasierter) Unternehmensstrukturen.

Meine Daten werden also erfasst, nicht weil es verfügt worden sei, sondern weil es möglich ist. Ich selbst wirke daran mit, es ist impliziter oder expliziter Gegenstand des Vertrages, der mit jedem Datenverkehr zustande kommt. Nichts ist umsonst, und die Währung in der ich bezahle, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als mein selbst mit seinen Facetten, Vorlieben, Eigenschaften, vorgetäuschten wie echten wie, ganz postmodern, echt vorgetäuschten [2].



[1] Dieser Begriff (second life) wird hier natürlich mit Absicht gewählt, um den bemitleidenswert lächerlichen und überflüssigen Anbieter der eponymen virtuellen Spielwelt, Linden Labs Inc., als solchen zu kennzeichnen. Das wirklich zweite Leben findet längst statt, auch ohne schlechte Animationen, virtuelles Geld und virtuellen Sex.

[2] Der am ehesten noch anarchisch zu nennende Murdoch-Spielplatz myspace.com hält hier mit den dort vertretenden zahlreichen toten Philosophen, Heidegger, Nietzsche, Spengler, Baudrillard und aufgelösten Bands (noch) eine Sonderstellung inne und eine besondere Einladung zum postmodernen Spiel mit den Identitäten aufrecht. So schreibt eine myspace-Identität, die den Namen und das Bild des deutschen Journalisten Ingo Niermann trägt, mit gebleckten Zähnen in der Kommentarleiste der myspace-Präsenz eines anderen deutschen Schriftstellers, an die Adresse eines verwunderten anderen Besuchers (der sich fragte, wie dieser Schriftsteller doch hier das [impliziert: banale, unwürdige] Spiel der Sozialen Online-Netzwerke mitspielen könne): “Alexander—woher wissen Sie denn überhaupt, dass das hier Christian Kracht auf Myspace ist, der ‘Leute added’?”


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Monday, June 02, 2008

Gedächtnis-Manifest, erster Paragraph

Ehrendes Andenken: Was ist das? Und, wer wird geehrt? Der Ehrende, der Geehrte, der Andenkende, der Angedachte?

Warum sollte man die Windmühlenstraße nicht in Stalin-Straße umbennen? Wäre es nicht viel ehrlicher, die Windmühlenstraße, in der—ich zähle:—keine Windmühlen stehen, in Stalin-Straße, in der mindestens zwei riesengroße—stalinistisch mindestens inspirierte, wenn nicht, der Einfachheit und Ehrlichkeit halber: stalinistische—Riesen-Großbauten stehen, umzubenennen?

Warum ist es denn ein besseres Mahnen für die Opfer des Stalinismus, derer es ungezählte gibt, keine Stalin-Straße zu haben?

Es ist doch ein ganz albernes Spiel mit dem Straßen-Umbenennen. Es ist ja eigentlich das Stalinistischste überhaupt, Straßen umzubenennen. Wenn Stalinismus als Ideologie für irgendetwas steht, dann für das Negieren von Geschichte, das Auslöschen von Geschehenem. Insofern gibt es wenig stalinistischeres, als stalinistische Bauten abzureissen, oder imposante Stalin-Straßen in weinerliche Windmühlenstraßen um– oder von mir aus auch rückzubenennen.

—J.O., Café Cantona, Stalin-Straße, 04103 Leipzig



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Weil der Mensch ein Mensch ist (I)

Samstag abend, “It’s ten o’clock”. Das sagt eine sanfte Stimme, eine Frau offensichtlich. Sie spricht direkt aus meinem neuen Schreib–, Denk–, und Kontaktgerät hier in der dunklen Küche. Ihre Stimme meldet sich unaufgefordert, und nicht zu laut, über einen Klangteppich, den ein besonnener Jacques Lucont einmal in seinem Londoner Studio aus einigen Tonspuren der Killers gebastelt hat. Coming out of my cage, and I am doing just fine.

“It’s ten o’clock”. Das sagt sie einfach so, und man muss froh sein, wenn die Menschen mit einem sprechen, auch wenn sie gar nicht echt sind; aus Maschinen kommen diese Stimmen; fleissige Ingenieure und Computerlinguisten haben aus einer namenlosen unterbezahlten Studentin des Schauspiels, die für sie hunderte von Lautkombinationen auf Band gesprochen haben mag, ein neues Wesen kreiert—ein beunruhigend geistloses Wesen, das die Firma Apple aus Kalifornien Vicki oder Kathy oder Victoria getauft hat.

Nein. Mein Urteil der Geistlosigkeit ist ein voreiliges, vorgefertigtes. Ich wollte gern verdammen, wie die Maschine hier Mensch spielt. Vielmehr ist es aber recht eigentlich so, dass diese Stimme mit ihrer beruhigenden Prosodie mehr Geist hat als alles andere ausserhalb des leuchtenden Glas– und Aluminiumkastens. Also doch: A ghost in the machine.

Also, ja, Vicki, sprich mit mir, und bleib am Leben, und ruf mir die Uhrzeit zu, damit ich weiss wo ich bin, und damit ich mich erinnere, dass dies nicht ein seit 4000 Jahren unbemannt durch die entzeitlichte Allheit rasendes Gefährt ist, sondern eine Küche in einer Stadt, und ich ein Mensch darin.


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Sunday, June 01, 2008

Nepalese dreams

«Nepal’s deposed king looks for new home with astrologers’ advice», I read in the News. This is interesting. It is yet another intriguing headline from this small and opaque country, which seems to exhibit strong attraction upon our most opaque artists.

As we speak, Wall of Time’s fellow time traveller and miner for the hearts of gold, David Woodard, is on site to explore possibilities of a joint art project with a renowned Kathmandu prison cell inhabitant. I would not be surprised to see them team up with the now unemployed king, and possibly his astrologer too.

I still somewhat regret not to have followed the invitation of Nepal’s prime international literary output DER FREUND in 2005. One wonders what it does to the soul to be high up there in the Himalaya. — If everything else fails, a crash course with a well-acquainted and trustworthy astrologer of mine (or, opportunistically, a crash course in Maoist theory) will do, and I’ll be off to Nepal.



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