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Friday, April 16, 2010

Passagiere mit der Flugnummer 2012

Die Geschichte fängt an jenem Tag an, als die Flugzeuge am Boden blieben. Es ist ein Tag im April, als ganz unvermittelt das Geschehen zum Erliegen kommt. Fast kommt dies einer Umkehr des Auspruchs jenes französischen Dichters gleich, der da von den nie enden wollenden Geschehnissen und der deshalb längst ausgehauchten Geschichte sprach.

Heute, an jenem Tag, ist es genau anders herum. Ein Vulkan spuckt wieder, nach einer Zeitspanne, die ihm selbst wie ein Sekundenschlaf vorgekommen sein muss. Aus seinem Schlund fliegt heißes Gestein, seit Jahrmillionen zu einem äonischen Sugo verkocht. Es fliegt sehr hoch hinaus, Eruption nennt man dies nicht ohne Grund; dort oben fliegen schimmernde Steine und schwarze Asche aus Glas. Und dann?, fragen Sie jetzt vielleicht.

Nun, schöner könnte es sich Ernst Jünger, über seinem Trollinger raunend, nicht ausgedacht haben: Der Menschen hektisches Treiben, dessen Schmiermittel seit einiger Zeit (ein paar Jahrzehnte mögen es sein) diese Massentorpedos, düsengetrieben und mit Paketen zu je zwei–, dreihundert Menschen besetzt, sind, es kommt zum Erliegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gestrandete Wale stehen die Torpedos nun auf den Rollbahnen umher. Nur dort oben, auf drei­und­dreissig­tausend Fuß, wären sie, wozu sie gemacht sind: Transportraketen, von anmutender Eleganz und mit für erdengeborene Hirne unermeßlicher Geschwindigkeit, die sich dadurch wiederum dem Stillstand annähert.

Doch im Wolkennebel der Erdensteine, die selbst fliegen gelernt haben, oder vielmehr es nie verlernt hatten, stockt den Übermaschinen das Triebwerk, und die schmelzenden Steine in ihren Trieb­werks­schaufeln drehen ihnen im Wortsinne die Luft ab, wie Tante Margarethe damals jenes verhängisvolle Sahnebonbon.

Ein paar Jährchen Zivilisation, hinfortgepustet oder zumindest auf das Drastischste in Frage gestellt von heissen Steinen. Infragegestellt—dies nur am Rande—natürlich nicht von unzufried­enen In­genieurs­student­en aus islamisch geprägten Ländern und schon gar nicht von Pfarrhaushaltsabkömmlingen aus dem Schwäbischen. Auch kein Weltuntergang, oder ähnlicher Mummenschanz. Sondern eher eine kleine Selbstbefragung des Systems, eine Art Sich-lässig-am-Rückenkratzen des Mutterschiffs.

Die Forscher gelangen nicht zu ihren Tagungen; die Poster nicht zu ihren Rezipienten; die Ersatzteile nicht zum Formel-Eins-Zirkus; und die schwammig gewordenen Geschäftsreisenden müssen weiter Paulaner-Bier in einer billigst verkleideten Flughafengastronomie trinken, bis die Kreditkarte endlich sich selbst verbrennt.

So, in diesem Nicht-Geschehen, haben wir endlich Zeit nachzudenken; Zeit, uns an den Steinen zu messen; und endlich können wieder die Geschichten beginnen. Hier beginnt Geschichte, aufs alte Neue. Schicksalszeit hat der Alte aus Wilflingen das genannt, und ich dachte, es läge am Rotwein oder so, denn ich hatte ja keine Ahnung, wovon er sprach.






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Sunday, December 06, 2009

In search of the miraculous

„Eine je größere Anzahl von freien Entscheidungen sich summiert,
desto mehr verschwindet der freie Wille aus dem Resultat“
Ernst Jünger, Februar 1940, über Tolstois Vorwort zu Krieg und Frieden nachdenkend


Liebe Leser, im Geheimnis leben. Das werde ich im Jahre 2010 wieder verstärkt versuchen. Es geht im Kern um das Schrei­ben ohne Öffent­lich­keit; und um das Herausfinden, ob solches überhaupt möglich ist: Die größten Chronisten, die ich zur Hand habe in meiner Sprache, und die vieles des hier Ge­schrieben­en beeinflusst haben, allen voran die Vielschreiber Jünger und Kempowski – sie haben stets nie nur für sich selbst geschrieben. Aber versuchen muss man es, immer wieder.

Auf die Gefahr hin, nach Botho Strauß und anderen alten Herren, die die Welt nicht mehr verstehen, zu klingen: Öffentlichkeit, und besonders jene hyperreale, imaginierte, ersehnte, die sich innerhalb des Rhizoms mit den IP-Adressen manifestiert, sie ist faul geworden, und sie war es längst, als WALL OF TIME anhob, so richtig, im Frühjahr 2008. Jetzt wird einmal ordentlich geschwiegen, und ephemere Gedanken werden wieder in Dateien gespeichert, statt an Wände gepinselt und mit 140-Zeichen-Projektilen scharf verschossen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre über 25,000-fache Aufmerksamkeit entlang des Wegs. J.O.


PS – Nie tut man irgendetwas ganz allein:


































Wednesday, November 11, 2009

Brasilien

“Yes, I always used to wonder if she wore falsies.”
—Sam Lowry, in Terry Gilliam’s “Brazil”


Ich fühle mich ja wirklich manchmal etwas schlecht, wenn ich ein Leben als Täuschung aufführe. Wenn ich von Städten schreibe, die es zwar gibt, die aber in Wirklichkeit ganz anders aussehen. Wenn ich Personen treffe, die nicht mehr leben und wenn, dann schon gar nicht dort auftauchen würden, wo die Spürnasen von WALL OF TIME sie wieder gesehen haben wollen. Aber es gibt eben kein richtiges Leben im Gefälschten, und so bleibt mir nichts übrig, als Ihnen diese kleinen Spielchen aufzuführen. Und es ist ja am Ende des Tages auch alles wahr, was ich zu berichten weiß. Aber ich gestehe zu, dass es alles sehr ermüdend ist mit dieser Postmoderne.

Und dann lese ich von Brasilien. Nicht jenem Brasilien, dem Oskar Niermeyer, als die Moderne noch ohne Vorsilbe auskam, einen gigantischen Traum in Stein goß. Sondern jenem Brasilien in Lauffen am Neckar. Ich lüge nicht.

Ich wollte doch nur etwas mehr wissen über den Friedrich Hölderlin einmal mehr, der am Fluß Neckar sein Leben gelebt hat, in Lauffen und Nürtingen und Tübingen. Und ich höre: Da ist nichts mehr zu sehen; alles der alliierten luftgestützten Stadtplanung zum Opfer gefallen.

Bei Lauffen, so stellt sich heraus, macht dieser Neckar, den der Holder gern besang, einen seiner Mäander – hatte ich bereits einmal erwähnt, dass Flüße, wenn man nur Mut zum Großen Ganzen hat, immer ihre Bögen der Kreiszahl π annähern? Steht irgendwo in Science, 1995 – und just diese Biegung ähnelt aus der Höhe besehen recht eindringlich jener wirtschaftlich und politisch viel signifikanteren Biegung weiter stromaufwärts, in Cannstatt bei Stuttgart. Während des Krieges war die Kenntnis solch flußlicher Selbstvervielfältigung den Nazis ein ganz besonderes Schauspiel wert. Unter dem nom de guerre „Brasilien“ wurde Lauffen zu Stuttgart. Können Sie noch folgen?

Der Stuttgarter Hauptbahnhof, jene von Paul Bonatz geschaffene spätimperiale Quadratperle, wurde flugs aus sehr viel Holz, versehen mit echt gefaketen Flugabwehrkanonen, im Niemandsland an der Lauffener Neckarkrümmung, 40, 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, aufs Aufwändigste herbeipotemkinisiert. Ein schwäbischer, arbeitsloser Informatiker schreibt dazu in der Informatikerpostille Wikipedia, unter dem schönen Stichwort „Brasilien (Scheinanlage)“: „An Stangen befestigte Lampen erweckten den Eindruck von beleuchteten Gleisanlagen. Künstliche Lichtblitze sollten fahrende Straßenbahnen vortäuschen, Strohmatten umliegende Straßenzüge.“

So kommt es, dass sich noch heute im schönen Bad Cannstatt in der Nähe des Hauptbahnhofs alte Bürgerhäuser erhalten haben, in deren ausrangierten Bäckereien ich als Kind spielen und etwas unbestimmt Erhabenes, Altes, mich bei weitem Überragendes wahrnehmen durfte. (Dafür haben sich die Stuttgarter fairerweise auch bei den fast vierzig Mal einem der falschen Flußbiegung zugeeigneten Feuer zum Ziel gewordenen Lauffenern bedankt.) Aber so kommt es eben auch, dass man in Lauffen am Neckar vergeblich ein Hölderlin-Erbe herbeisimulieren muss heute, denn Echtes, was immer das sein mag, ist längst fort, verbrannt, einmal, als Lauffen ein Brasilien war, das Stuttgart sein sollte.


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Tuesday, November 10, 2009

Spannungszustand

Ich frage ihn: Wie soll man das verbinden daß du unzufrieden bist, wie du letzthin sagtest, und daß du dich in allem zurechtfindest, wie man immer wieder sieht (und wie es sich mit der solchem Zurechtfinden immer eigentümlichen Rohheit zeigt, dachte ich). Er antwortete, wie es sich in meiner Erinnerung auflöst: «Im einzelnen bin ich zufrieden, an das Ganze reicht es nicht heran.[…]»

—Franz Kafka, 05 September 1913

Diese Notiz fand ich heute, ganz ohne irgendwelche Notiz­sortier­ungs­soft­ware, auf einem Haufen in meinem tragbaren Schreibtisch.

Wednesday, November 04, 2009

Drei Worte

“Muss ich auch sterben?”
—Rudolf

Das weisse Band.

Nun gut, Das weisse Band von Michael Haneke. Ich gehe kaum noch ins Kino, es ist so irrelevant geworden, für mich ganz persönlich. Doch hier war ein Besuch unabwendbar—das war früh klargeworden in den letzten Wochen und Monaten.

Haneke ist ein großer Moralist, das bringt stets mit sich die Gefahr, völlig danebenzugreifen, in allem, und ganz besonders im Ästhetischen. Vielleicht ist Haneke aber auch ein großer Ästhet; einer, der verstanden hat, dass Ästhetizismus mit der Abwesenheit von Moral nichts zu tun hat. Dieser Film hat—so er denn eine Moral transportieren will, wie man Haneke ja immer sofort unterstellt—die Moral ins Ästhetische , und von dort direkt ins Viszerale übersetzt. Es ist ein grausamer und amoralischer Film, über die—per definitionem amoralische—Grausamkeit, die zwischen und in den Menschen wohnt, für alle Zeit und alle Lebenstage.



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Friday, October 23, 2009

Das System braucht uns nicht.

Heute ein leider für solche Notizbücher etwas zu langer Text. Sie können Ihn gerne auch hier etwas schöner sich öffnen und ausdrucken.
Ein Hinweis noch in eigener Sache:
WALL OF TIME, welche zur Zeit eher seltener denn häufiger erscheint, wird in Zukunft eher häufiger denn seltener seine noch so ephemeren Artikel in leserlicher und bibliophiler Form als portable document format darbieten—wenn schon große deutsche Tageszeitungen keine Zeit oder Lust mehr für simpelste typographische Details wie Ligaturen haben. Jetzt aber:
—J.O.


Flughafen Chicago. Eine wiederkehrende Figur, ein Thema: Das Verschwinden der Menschen. Verschwinden, das klingt nach Theater fast, nach kontrolliertem, organisiertem Abgang, als Ausdruck eines Gestaltungs– oder Schöpferwillens. Aber es ist ja ganz anders, komplizierter. Die Figur, die mich eigentlich bewegt und wiederkehrend heimsucht, ist jene vom obsolet werdenden Menschen.

Der obsolete Mensch. Das knüpft sehr schnell an verschiedene, unterschiedlich unangenehme Motive an. Das fern liegende, an das ich hier nicht erinnern will, wäre jenes vom unnützen Menschen und vom unnützen Leben; ein ekelhaftes Nazi-Thema. Woran ich viel eher denke—hier, am Flughafen, in den USA, genauso wie sehr oft zuhause—, ist das Motiv der 1970er Jahre, der zu Ende gehenden Industriegesellschaft: Jener stets leicht irrationale Refrain vom Roboter, der den Menschen ersetzt. Von Papi, der keine Arbeit mehr hat, denn die macht jetzt ein Automat. Nun, der Punkt ist ja: Genauso ist es.

Ich muss ausholen. Zahlreiche USA-Reisen haben mir klargemacht, wie anders, und zwar ambivalent anders, das Verhältnis der US-amerikanischen Gesellschaft zur Arbeit ist. Es scheint hier für viel mehr Menschen Arbeit zu geben als zuhause im Europa der 1990er und 2000er Jahre. Die Menschen, oft gar nicht legal im Land, also eigentlich gar nicht da, sie arbeiten überall, sie leisten Dienst. Dienstleistung, das war doch das nächste große Ding, die Dienstleistungsgesellschaft, die haben wir im Gesell­schafts­kunde­leist­ungs­kurs besungen, sie stand vor der Tür. Es war also ja gar nicht schlimm, dass Papis Arbeit ein Automat machte, denn Papa könnte ja stattdessen Dienst leisten. Und hier, in den USA, hier schien es genauso zu sein. Zahllose Menschen aus Puerto Rico, Haiti, den Philippinen wuseln stets umher. Sie machen Dinge, die man in Europa immer ohne nachzudenken entweder selbst oder gar nicht tut: Einkaufende begrüßen, Einkaufstüten füllen; Gläser abräumen oder fast unbemerkt zwischen den echten, aufgestiegenen Kellnern Wassergläser auffüllen, den Krug dabei stets seltsam gedreht in der einen Hand haltend; in Wartehäuschen sitzen, aufpassen, und vor allem warten. Oder—neuer und ewiger Spitzenreiter der völlig sinnlosen, aber von Menschen eingenommen Jobs—mit einem auf einen Besenstiel aufgespießten Tennisball zwischen den Konferenzbesuchern umher-(gibt es dafür denn gar kein deutsches Verbum:)ushern und die schwarzen Schlieren der Schuhe vom Boden rubbeln.

Diese Menschen haben natürlich (beginne ich bereits wie August Bebel zu klingen? Die Sozialdemokratie ist ja tot, dann macht das vielleicht nichts.) überhaupt keine Krankenversicherung oder ähnliches; einmal schlecht Gläser geschenkt und den Job macht ab morgen der Vetter, und sie verdienen, wie alle im Dienstleistungssektor, viel weniger als man sich vielleicht denken würde; und so sind die vielen ausgeteilten Handgelder, die einzelnen Dollarnoten für die Gepäckjungen, alle in ihren späten Dreißigerjahren, ein fest einkalkulierter und vermutlich sehr nötiger Teil des Haushalts.

Aber sie haben Arbeit, sie werden gebraucht, sie nehmen Teil. Dieses “Aber” ist die Ambivalenz. Es geht im Kern, Sie ahnen es seit dem Beginn meiner Suada, natürlich darum, für wen wir eigentlich Arbeit haben, und wen wir brauchen, und für was. So richtig klar wird einem dieses Problem aber nicht zuhause, wo man die etwa vier Millionen Erwerbslosen mal munter binnen ein paar Jahren wegschrödern will, ein andermal einfach totschweigt oder in Hartz gießt. Klirrend klar, als ein emotionales Problem sich darstellend, und zwar als ein Zittern oder Zucken und Fragen im empfindenden Wesen, was das denn eigentlich alles bedeuteten wird: Klar wird einem das hier in den USA, wenn hier auf einmal die Arbeit ausgeht. Hier, wo man—weiland man komplexere, dadurch entstehende Probleme ignoriert—zumindest die Simulation von Arbeit (und die Simulation würdiger Einkommen) am längsten aufrechterhalten hat (siehe dazu auch meine poetische Figur zum Begriff des “Automatic Teller”); hier, das heisst: auch hier!, halten nun die Automaten Einzug.

Am Flughafen checkt man selbst ein. Die Rechnung ist ja einfach und tausendfach gemacht worden: Maschinen sind billiger, es reicht völlig, wenn auf einer Seite des Tresens ein Mensch (der Kunde) steht. Im Supermarkt checkt man selbst aus. Der eine, der da mal etwas betrügt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Die meisten sind ehrlich und lassen sich wie die Kühe, die schon lange selbst zum Melken anstehen, die Beträge abbuchen. Die Eleganz solcher Modelle besticht mich, Betriebswirtschaft mit ihrem „Think Big“, dem Zulassen kleiner Unschärfen und ihrem Blick auf die großen Summen und langfristigen Gewinne rührt mich ästhetisch an. Doch, der einzige Grund, wieso ich dies alles aufschreibe, lautet: Wieso tun alle so, als würden wir gebraucht? Wozu wird der Mensch noch gebraucht?

Sie hören recht, ich sage nicht: Wozu wird Pablo, der illegale Anstreicher noch gebraucht, sondern wozu der Mensch?

Schnitt: Ein verschwitzter Rainer Werner Fassbinder gibt etwa 1972, pre-Ölkrise, pre-(gefühlt)-everything, ein Interview anlässlich der Ausstrahlung seiner Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“. Ich weiß alles gar nicht mehr genau und habe das alles ja nur einmal in jenen Leistungskurszeiten in den 1990er Jahren auf Video gesehen, aber er sagt: “Wie müssen einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn nicht mehr alle gebraucht werden, um den Wohlstand zu erwirtschaften. Wie könnte ein erfülltes Leben ohne Arbeit überhaupt aussehen?” Das sagt er alles wirklich, und ich denke, damals wie heute: wir denken ja alle gar nicht darüber nach. Wir werkeln alle, wirtschaften, mal ohne Ertrag, mal wie oft nur mit simulierten Erträgen, aber wir wollen alle arbeiten, denn nur so, so lehrt man uns, bekommen wir Geld und nur so vollzieht sich die Wandlung, die uns selbst zu etwas von Wert werden lässt.

Das Buch kann doch bald selbst ent­scheiden, dass es in meinem Buch­regal unge­lesen stehen will, und dann kann es der Kredit­karte Bescheid sagen und die mensch­lich­en Finger­tapser im System werden weniger.

Das System braucht uns nicht mehr lange, das wird mir klar, wie ich am Flughafen Chicago die Maschinen sehe, an denen reichlich hilflose, eigentlich schon: überflüssige Passagiere ihren Check-In-Versuchen nachgehen. Denn, um auf das obige Bild zurückzukommen, wieso überhaupt noch Menschen auf auch nur einer Seite des Tresens, den das System darstellt? Wieso gaukelt uns die Airline einen persönlichen Gewinn vor, wenn wir nur etwas im Grunde sinnlos Gewordenes auch noch selbst tun?

Wenn der Kühlschrank bald schon selbst nachschaut, was noch vorhanden ist und was gebraucht wird, um es dann bei einer anderen Maschine zu bestellen, dann—ich bitte Sie aufrichtig: Verzeihen Sie mir die 1970er-SPD-Haftigkeit meiner Worte; ich erschrecke selbst, dass alles so wahr ist!—dann jedenfalls kann er doch auch selbst wegwerfen, was verdorben ist, und überhaupt können das doch auch die Maschinen untereinander ausmachen. Das Buch kann doch bald selbst entscheiden, dass es in meinem Buchregal ungelesen stehen will, und nicht in Ihrem, und dann kann es der Kreditkarte mit dem simulierten Kreditrahmen Bescheid sagen, dass sie es bitte bestellen soll, und dann schickt es der Paketautomat auf den Weg, und die menschlichen Schlieren und Fingertapser im System werden weniger, von den Lohnnebenkosten ganz abgesehen; und Maschinen machen auch weniger nur von Menschenhand zu entfernende Schmutzspuren auf den Fussboden.

Das alles muss gar nicht schlimm sein. Keine Dystopie, die ich hier aufzeigen will, kein Warnen, kein rhetorisches Umsteuern. Nein, gar nicht, wohin auch. Nur: Sehen will ich es, und vielleicht sehen Sie es auch, und lassen den kleinen Schmerz oder, adäquater, die Irritation und den Schrecken zu, dass es so ist.

Re-enter the Matrix: Dies alles kann sich entspinnen, und bleibt zurück wie ein böser Traum, während der Kollege schnell und zugegebenermaßen völlig problemlos an dieser Maschine dort eincheckt. Das eigentliche Erschreckende ist, dass ich selbst nicht weiss, wozu ich hier bin.



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Thursday, October 22, 2009

Wo die wilden Kerle wohnen

Ich suche noch jenen weisen Mann, jene weise Frau, die mir in Worten verständlich machen können, was dort oben passiert, was überall—wo ist oben?—passiert, wenn wir in großen, riesenhaften Gefährten durch den Atlantikhimmel reisen.

Wo war ich heute nacht, war es denn eine Nacht, war es ein Traum oder Rausch? Auf welches rätselhafte Konto habe ich soeben sieben Stunden eingezahlt? Ich verstehe es alles nicht. Ich ahne die Dämonen um uns nur, die das Blech schütteln, es anstupsen mit dem Zeh. Aber man sieht sie nicht. Welches Wegepfand fordern sie pro passierendem Fluggerät? Der Pilot mag es wissen, wie er alles durchwacht und durchlebt: Als wäre es hilfreich, ein Fenster, viele Maßzahlen und Geräte zur Verfügung zu haben. Oder die Damen, eher Matronen, alle 2 Meter 35 groß, Kleidergröße 56, in nachtblauen Uniformen, blond, hanseatisch, streng, die nach allem schauen. Arbeitend, alltäglich lässt sich das Rätsel Transatlantikflug vielleicht erschließen; vielleicht. Eher aber auch: nicht. Sie hören vermutlich nur auf, darüber nachzusinnieren.

Als wir die Wolken über München von oben her durchbrechen und als schließlich das zeit– und geschwindigkeitslose Taumeln in fühlbaren Speed auf der Landebahn sich verwandelt, da schaut mich der alte amerikanische Grieche Sam neben mir an, er strahlt fast, und ich sehe in seinen Augen irgendeine unaussprechbare Übereinkunft, dass wir gerade wieder einmal das Rätsel durchquert haben.

Vielleicht ist er jener, den ich meine? Er gibt es nicht zu, doch wie um mir eine Freude zu machen, und in Ermangelung von besseren Worten, formt er seine beiden Hände im Schoß zu Schaufeln, und spricht zu mir nur dieses eine Wort: „Fatherland“.



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Friday, October 16, 2009

Zeitschneisen (III)

London, 03. Oktober 2005

Da ist es wieder, und haut Dich um: Zuhause, nach (in umgekehrter Startreihenfolge) Abendessen, Nach Hause laufen, Trainieren, Arbeiten, Herumor-ganisieren, Mittagessen, Herumorganisieren, Herumorganisieren, Busfahrt, Frühstück, Erwachen setzt Du die Kopfhörer auf und suchst auf dem Rechner nach den deutschen Gedichten, worin sich die Stimmung ja schon andeutet: Zufrieden, aber verloren zugleich. Dann denkst Du, Otto Sander, ja, sein warmer Monsterbass wäre das Rechte jetzt, bevor Du den schnarrenden Originalaufnahmen von Gottfried Benn wieder weiter lauschen willst.

Und dann sagt er es, dieses Gedicht, jenes, für das selbst oder gerade der scheidende Kanzler einmal gescholten wurde vom naseweisen Medienjournalisten, weil es wohl zu abgeschmackt oder platt sei, dies zum Lieblingsgedicht zu haben und es in einer Talkshow zu rezitieren—geschenkt; aber hier, und jetzt, und an diesem dritten Oktober in einer fremden Stadt, den Schmerz des Aufbruchs und die Verwirrung des Ankommens und vor allem des Alleinseins noch in jeder Zelle, da macht es wieder Bumm!, und es schockgefrieren die Tränen in den Augen:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. […] Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ja, so ist es immer gewesen, im September 1902 oder wann auch immer, und so ist es im Oktober 2005 in London. Und doch endet der Tag mit einem sehr schönen, leisen, leichten, gelungenen Telefongespräch, mit Fiepsen eines Katers aus dem Off. Alles soll gut sein.



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Thursday, October 15, 2009

Weg der Erkenntnis

Konstanz, 14. Mai 2003

WEG DER ERKENNTNIS

Man muss sich nur hin und wieder
einen halben Liter Blut
entnehmen lassen,

Dann kommt man wie von selbst
auf so wahre wie schöne
Sätze wie

Bewusstsein ist die erste
Ableitung des Seins.



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Friday, September 25, 2009

Matrix is close to singular or badly scaled

Ein neues Gerät in der Wand, und jemand hat die Wand sogar gestrichen. Die ältere Dame wendet sich einer jüngeren zu, sucht mit ihren Blicken die Aufmerksamkeit, ja, fast den Zusammenhalt. Dann sagt sie: “Schrecklich ist das hier, früher war es besser mit den Angestellten noch. Heute traut man sich kaum herein, und muss immerzu Angst haben.” Die Angesprochene nickt zustimmend, leise lächelnd.

So geht vielleicht diese kleine Begegnung in der – früher hätte man gesagt: – Schalterhalle in der kleinen ehemaligen Bankfiliale im Erdgeschoss eines Frühachtziger-Plattenbaus.

Die Menschen verschwinden, und es fällt mir gar nicht mehr auf. Die ältere Dame hat es bemerkt. Ein kleiner Riss in der Matrix, eine Fast-Singularität, matrix is badly scaled, und man merkt auf: Da ist ja gar keiner mehr. Wir sind allein, zwischen den Maschinen.

“Im Englischen”, sage ich, als ich die Geschichte höre, “Im Englischen heisst es ja Automatic Teller Machine, man sagt nur noch ATM natürlich; aber der Bankangestellte, der Teller hat sich selbst noch in diese Bezeichnung, die ihn fürderhin ersetzen sollte, eingeschrieben. Und dann ist er gegangen. Das Wort trägt noch seine Spur, und er selbst hat längst von Außen abgeschlossen.”

“Im Britischen heisst es gar Hole in the Wall. Die Engländer haben etwas erkannt”, entgegnet sie. Ja, etwas ist ausgelaufen, durch das Loch. Wir bleiben innen, eine entleerte Hülle, die wir versuchen zu bewohnen noch, jeder Einzelne; eine unnütze Bucht. Bahia Inutil.

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Tuesday, September 22, 2009

Da die Ereignisse nie aufhören dürfen:

“Weil nichts mehr Sinn hat, muß alles reibungslos funktionieren.”
—Jean Baudrillard

Ein paar Dinge sind geschehen. So findet der große Vorsitzende Guido Wester­welle das 1995 erschienene Buch “Faser­land” von Christian Kracht über einen “jungen Alko­holi­ker” sehr gut, wie er in der Welt­zeitung kundtut. Leider habe ich meinen Wahl­zettel schon ein­ge­tütet.

Außerdem weiss die Süd­deutsche Zeitung Er­staun­lich­es zu berichten; “Amok­läufer handelte aus Hass”. Ist das Strauss, Handke, Franz Josef Wagner?

Währen­dessen hatten wir hier an der Zeitmauer die wesent­lich freudigere Gelegen­heit, dem Künstler Ingo Niermann ein wenig unter die Arme zu greifen bei der Gestaltung einer schlichtest­möglichen Internet­präsenz.

Auch dieser Tage erscheint die dritte Ausgabe des recht neuen Magazins OPAK, zu der ich eine kleine Suada über die nie so recht gelingen wollende “Reise ins Hirn der Finsternis” der Filmschaffenden beisteuern durfte; garniert—zu meiner Freude und Überraschung—mit Photographien des hier bereits öfter erwähnten Hannes Woidich.



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Tuesday, September 08, 2009

When Love breaks down

1. Gestern abend saß der englische Popsänger Robbie Williams auf seinem Bett und weinte ein wenig. Seine neue Single, so nennt man das immer noch, gefiel ihm eigentlich sehr gut. Der alte Trevor Horn hatte sich seiner angenommen, und eigentlich hätte alles so gut werden können. Doch als Robbie nach Hause kam von einem anstrengen Popsängertag, da hatte er in der Post das neue, eigentlich schon sehr alte Album einer längst vergessenen geglaubten Band namens Prefab Sprout gefunden. Er war erschüttert. Erst weinte Robbie ein wenig, weil er gerne weinte zu guter Popmusik. Doch dann fror es ihn: Wieso Paddy McAloon, dieser alte bärtige Mann mit vergehendem Gehör und brechendem Auge? Er war wirklich so alt, wie Robbie sich stets fühlte. Und dieser Paddy McAloon zog also einfach aus seinem legendären Giftschrank ein paar alte Tapes aus den frühen 1990er Jahren und sandte sie an seine Plattenfirma, auf dass diese endlich Ruhe gäbe.

Robbie weinte. Hätte er doch nur einen, einen einzigen dieser Refrains. Eine einzige dieser luftigen Melodielinien, auf seiner eigenen neuen Platte! Sie hatten Robbie überredet in Lederjacke zurückzukehren, mit einem dicken Lächeln und ebensodicken Wollpullovern unter der Belstaff Trackmaster, und den STEVE MC QUEEN zu machen. Und was tat Paddy McAloon, was taten Prefab Sprout; jene, die bereits 1985 – da war Robbie etwa 11 gewesen – ein Album gleichen berühmten Namens veröffentlicht hatten? Robbie weinte noch ein bisschen. Nur einen dieser Songs!

2. Gestern abend ging der englische Produzent Stuart Price durch ein kleine Straße in Hackney. Niemand erkannte ihn, obgleich dieser Stuart Price nicht ganz zu unrecht als derzeitiger Deluxe-Schamane der Popmusik gefeiert wurde: In seinen alechmistischen Händen ward alles zu Gold geronnen in den letzten Jahren, eine müde trainierte Madonna ebenso wie tanzende Fahrzeuge für Citroën, der stark bekiffte George Michael oder die etwas sehr selbstverliebt levitierenden Killers. Doch das war zuviel. Price betrat den kleinen Afroshop und polterte sofort ins Hinterzimmer. Der chinesische Weihsager Dr. Wu hatte ihm, dem damals noch sehr adoleszenten Price, vor einigen Jahren für sagenhafte 74 englische Pfund das Mojo von Paddy McAloon verkauft:

Alun over; no fresh songs; will be deaf soon; now you master.

Seitdem hatte Price sich unbesiegbar gefühlt und hatte seine immer wohl brillianten, aber doch verräterisch saftlosen Keyboard-Teppiche für ein vielfaches dieser kleinen Invesitition an die genannten Titanen verhökern können. Von Paddy McAloon und Prefab Sprout hatte niemand mehr gesprochen, für viele Jahre, und Price wähnte sich sicher. Doch der chinesische Medizinmann hatte ihn wohl übers Ohr gehauen.

3. Bitte, kaufen Sie alle Platten von Prefab Sprout und geben Sie sie nicht mehr her.



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Tuesday, September 01, 2009

What goes around, comes around.


Dabei war ja eigentlich alles ganz einfach. Wieluń, 01. September 1939.

Tuesday, August 25, 2009

Neues aus der Hirnforschung

Es wird früh dunkel jetzt. Die Rücklichter der Fahrzeuge, die in der Stalinallee auf ihr Grün warten, sind für das kurzsichtige Auge bereits zu Glühwürmchen geworden; Feuerfliegen, wie sie das immer unerwartet poetische Englisch zu nennen weiss. Das rhythmische Knattern der Elektrischen, die für die Kurve behutsam die Fahrt verringert, hat genau das richtige Tempo jetzt und ich will am liebsten hinübergehen und das Ohr an die Schienen legen.

Es wird früh dunkel jetzt. Gerade erst spazierte ich über die große Wiese hinter den wirklich traurigen Häuserzeilen eines längst verblichenen Traumes; jeden Tag ist diese Wiese morgens Türwächter eines Abschieds und abends das Willkommenstor der guten Welt. Heute jedenfalls kamen die Raben wieder, und wie fast jeden Tag fragte ich mich mein Koan, Können Raben weiden?.

Es wird früh dunkel jetzt. Ein Rabe flog langsam, am Rande des Strömungsabrisses, eine Michael Ballhaus zur Ehre gereichende Ellipse um mich und landete einige Meter rechts von mir, um mit seinen Rabenkameraden noch etwas zu Abend zu äsen. Die blauschwarze Zeichnung seiner Federn war jetzt, beim Landungsanflug über dieser verschatteten Wiese, sehr schön anzuschauen. Die Spannweite seiner Flügel ließ mich staunen, und etwas in mir zog sich zusammen und erzeugte diesen Unterdruck, der das Glück in den Poren dazwischen umgehend dehnte.

Es wird früh dunkel jetzt, und das Glück tritt unbehelligt hervor.



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Sunday, August 23, 2009

The next 16 lessons in compassion

1. Beobachten Sie eine Wespe dabei, wie sie, während Sie auf dem Balkon sitzen, innen an Ihrer Fensterscheibe den Ausgang sucht.

2. Spüren Sie dem Bedauern nach, das nach kürzester Zeit sich in Ihnen breitmacht. Vergleichen Sie es mit dem Gefühl der völligen Entnervung, das Sie noch vor wenigen Minuten befallen, ja, beherrscht hatte, als Artgenossen der Wespe—vielleicht die selbe?—Ihnen das Essen so schwer machten.

3. Stehen Sie auf, gehen hinein, und versuchen der Wespe mit einem bereitliegenden ZEIT-Magazin unter die Beinchen zu greifen, im Versuch, es nach draußen zu werfen.

4. Scheitern Sie.

5. Beschreiben Sie stattdessen große Gesten mit den Armen, sprechen Sie mit dem Insekt, und winken es mental nach draußen.

6. Für Naturwissenschaftler: Um sich nicht lächerlich zu machen mit ihrem (erfolgreichen!) Versuch, das Insekt durch mentale Beeinflussung zu lenken, verweisen Sie—vor sich selbst, vor Ihrer Freundin, wer auch immer zugegen ist—auf die Möglichkeit, dass unsere telepathischen Möglichkeiten vielleicht zur Beeinflussung von schweren Objekten und anderen Menschen zu schwach, für ein Insekt aber meistens doch völlig ausreichend sein dürften.

7. Sehen die der Wespe zu, wie sie hinausfliegt. Erfolg; Ihr Erfolg! Freiheit! Malboro-Country, Jochen Distelmeyer, et al.

8. Lassen Sie nicht mehr als eine Minute verstreichen und lauschen dann wieder dieser, jener, nun: Ihrer Wespe.

9. Beobachten Sie die Wespe kraftlos auf Bodenhöhe am Fenster entlang helikoptieren.

10. Denken Sie über eine Konjunktion aus Scheitern an sich, dem Scheitern dieser Wespe und Ihrem Scheitern nach.

11. Seien sie bereit für ein neues Drama, wenn sich genau jetzt diese Wespe in einem für Sie nicht mal zu sehenden Spinnennetz verfängt. Lauschen Sie genau, wie die Frequenz des Flügelschlags dieses Insekts sich ins Extreme, sich ungesund Anhörende steigert.

12. Sehen Sie dieses erneute, nun viel grundsätzlichere Scheitern der Wespe. Welches auch der kleinen, sehr kleinen Hausherrin und Spinne nicht entgangen ist.

13. Knien Sie ganz nah und schauen Sie. Seien Sie Ernst Jünger, der kalte Blick, etc. pp., und schauen Sie sich das mal ganz genau an. Wie hier jemand stirbt. Wie hier jemand anderes sich die Nahrung für die nächsten drei kommenden Winter sichert. Wie erstmal die—immer noch nicht zu sehenden—Fäden betriebsam aber nicht hektisch um das erst noch kämpfende, dann doch merklich verendende Insekt gewoben werden.

14. Ganz wichtig jetzt: Bleiben Sie.

15. Denken Sie zurück an Lektion #2.

16. Denken Sie zurück an Lektion #4.



This is a sequel to the first and critically acclaimed “16 lessons of compassion”.



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Wednesday, August 19, 2009

Delirium statt Tausch

„Eine andere Erklärung für unser Unglück: Die Welt ist uns gegeben. Was einem aber gegeben wurde, das muß man zurückgeben können. Früher konnte man Dank sagen oder die Gabe mit einem Opfer erwidern. Heute aber haben wir niemanden mehr, dem wir danken könnten. Und wenn wir im Tausch gegen die Welt nichts mehr geben können, dann ist diese ihrerseits unannehmbar.

Wir werden also die gegebene Welt liquidieren müssen. Wir werden sie zerstören müssen, indem wir sie durch eine künstliche, durch und durch konstruierte Welt ersetzen, für die wir niemandem Rechenschaft schulden werden. Daher diese gigantische technische Unternehmung der Eliminierung der realen Welt in all ihren Formen. Alles Natürliche wird aufgrund dieser symbolischen Regel der Gegengabe und des unmöglichen Tauschs völlig negiert werden.“


Es steht ja alles geschrieben. Zehn Jahre ist das alt, wie immer von Markus Sed­lazcek in poetisches, knappes Deutsch übertragen und von den Freunden bei Merve in liebe­voll-lieb­lose Schweizer Grotesk ge­quetscht. Jean Baudrillard hat, wie immer, völlig recht. Dagegen sind selbst die ver­schwitzt­en Öko­nom­en mit ihrer traurigen Ver­suchen, zum Aus­gleich in der Krise noch schnell etwas Anti-Geld her­bei­zu­hallu­zinieren, lächer­lich. Der Tausch ist un­möglich, weil wir zu lange das Nichts negiert haben.



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Friday, August 14, 2009

Versuch über den Müll

“Abfall für alle”
—Dr. R. Goetz


Einen gänzlich unter-erforschten Topos stellt ja die Mülldeponie dar. Dies wurde mir klar, als es – endlich, möchte ich meinen – einmal wieder wirklich nach Müll roch in meiner Straße. Müll, das riecht man ja gar nicht mehr. Natürlich, der Müll­haufen der Geschichte (Kom­mu­nis­mus!), musikalischer Ab­fall, et cetera, sind geläufige und gern gewählte Kampfbegriffe. Aber wir feinen Kulturforscher reden ungern über die gänzlich verschwundene MÜLLDEPONIE.

Das liegt natürlich an den schwitzigen Gesichtern der Landräte, und dem einfach wenig appetitiven Thema der Kreis– und Regional­politik. Aber wir müssen über Müll reden.

Für den bescheidenen Gültigkeits­bereich meiner west­lichen Gesell­schaft gesprochen: Man konnte für viel­leicht dreißig, vierzig Jahre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachten, wie Müll einfach auf Halden geworfen wurde. Natürlich sind immer schon ganze Städte auf dem Müll, dem Abraum, dem Schutt ihrer selbst erwachsen. Allein, es entstand dann in diesen wenigen Jahr­zehnten dieses faszinierende Amalgam aus einem kognitiven Zustand, der absoluten Egalheit (sich selbst den Müll vor die Stadttore zu werfen), und seriously toxischer, gemeingefährlicher, niemals verrottender Materialien, wie sie erst die moderne Chemie uns zu produzieren erlaubt hatte.

Nur kurz, zwischen dem Hurra der Nachkriegsjahre und dem fasziniert-fetischisierenden Nein der ökologischen Bewegung in den 1980er Jahren war es also möglich, dieser Kulturrtechnik des erstaunlich un-sophitizierten Wegwerfens zu fröhnen.

Ich gehe durch diese Straße, und der Müll er-innert mich: Ich stelle mir vor, wie es vom Hügel herab immer so interessant stank, und denke an die großen Schaufelradbagger, die immer so leicht sinnlos das Geröll aus Fässern, Windeln, Schrott und Haushaltsabfällen matschend von links nach rechts wuchteten.

Das alles gibt es nicht mehr. Man kann sich fragen, ob der wahnhafte Fiebertraum vom nie verrottenden, ewig (im besten Falle:) strahlenden Müll, wie ich ihn in den Comics des genialischen Chronisten jener Jahre, Gerhard Seyfried, noch sehen kann – ob diese Furcht vor dem Kollaps durch Müll nicht doch etwas übersteigert war und eher einer tief deutschen, andere oft befremdenden Faszination für die Ewigkeit, das Nichts und die Auslöschung entsprang als den ökologischen Realitäten.

Aber auf die eine oder andere Weise hatte dieser Wimpernschlag der Entwicklungsgeschichte, diese ebenso entwaffnend-geniale wie kindlich-kurzsichtige Idee des Sich den Müll einfach vor die Stadttore Werfens und dem Gras beim Wachsen Zuschauens, bald wieder sein Ende gefunden.

Ich selbst lebe in meiner Küche diesen Traum noch, im Privaten, ich werfe, wie früher, alles in die eine, gerade im Sommer schnell stinkende Mülltüte und bringe dann alles hinunter, damit es nach Delitzsch oder Indonesien oder sonstwo gefahren und bestimmt völlig geruchlos verbrannt wird.

Meinen Kindern (die ich übrigens Klaus und Inge nennen möchte, aber dies ist eine andere Geschichte) werde ich nur noch erzählen können wie es war damals, als das leuchtende Orange der 1970er zu muffigem Braun verrottete, und bald wird auch dies nur noch ein Traum, ein verblassender Duft sein, und die letzten acht Menschen, die noch wussten wie Müll riecht, werden ausgestorben sein.



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Tuesday, August 11, 2009

Persönlichkeitsfragebogen am Nachmittag des 11. August, 2009

—für Hans Eysenck, Moritz von Oswald, Nicholas Currie


1. Ich empfinde oft eine ontologische Differenz.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


2. Ich wünsche mir heimlich, dass Usama Bin Laden nie gefasst wird.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


3. Ich möchte Arbeit lieber geben als nehmen.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


4. Moral ist Eitelkeit.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


5. I’d rather prefer an English questionnaire.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


6. Ich will kein Inmich mehr sein.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


7. Ich wäre manchmal gerne unsichtbar.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


8. Ich wünsche mir, dass Usama Bin Laden gefasst wird.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


9. Nur wer nicht wütend ist, kann denken.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


10. Meine Persönlichkeit wird sich nie ändern.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


11. Ich würde gerne mehr sein und wäre weniger seiend.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


12. Ich habe Angst vor einem überfluteten Keller.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


13. Ich habe nie Angst.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


14. Ich bin eher traurig als wütend, wenn mein Zug Verspätung hat.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu

Saturday, August 08, 2009

Zeichenlehre

Geschichte wird gemacht, schon wieder, dieses Wochenende. Charles Manson schickte vor vierzig Jahre eine radikale Erneuerung der Defintion von Böse auf den Weg. Die Beatles liefen über einen Füßgängerüberweg, und belebten das Genre der Verschwörungstheorie damit neu: Paul ist tot? Und gehörte dieser VW Käfer nicht auch einmal Charles Manson? Ach nein.

Die Hakenkreuze auf Mansons Stirn jedenfalls drehen in den frühen Jahren mal links, mal rechts herum. Dies erstaunt zumindest, und legt nahe dass Manson in jener Zeit sich sicher intensiv mit der hinduistischen Symbolik der Svastika, स्वस्तिक, auseinandersetzte. Jedoch, virtuose, brutale Semiotiker waren die Manson-Familie von Beginn an, ohne dass man sich sicher sein kann, dass hier Wissen und planvolle Zeichenspiele am Werk waren und nicht vielmehr kruder Bildersturm.

Spielen Sie doch heute, so oder so, einmal die Abbey Road Schallplatte links statt rechts herum ab. Vielleicht macht das die schlimmsten von Paul McCartney’s zahlreichen ästhetischen Irrungen in diesem Spätwerk erträglicher.

Abb. 1: Eine verunglimpfende Schmähcollage, in der das Gesicht des Paul McCartney, offensichtlich geliftet und leer, mit dem erstaunlich ansehnlich gealterten Gesicht des Charles Manson, ein Hakenkreuz ist zu erahnen, übereinander projiziert ist, leicht gefiltert mit RGB 204,0,0.



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Friday, August 07, 2009

Dreifachimpfung

“Verworrensein und Nicht schreiben Können ist noch kein Surrealismus”
—Gottfried Benn


Ich sitze in einem weißen Plastikstuhl. In Belgien fällt alles auseinander, höre ich. Ich entnehme dies einer fast weißen Postkarte, die umseitig den fiktiven Reporter eines non-fiktiven Journals bei seinem (fiktiven) Russland-Abenteuer aus dem Jahre 1929 zeigt. Belgien zerfällt? Im Frühjahr, wenn dickes Blut in dünnen Ärmchen auf 9 Atmosphärenüberdruck durch die flämische Hölle strampelt, frage ich mich ohnehin immer, ob diese eindrücklichen Pflastersteine nicht direkt aus der Zeitmauer herausgebrochen sind einst. Nun liegen Sie dort.

Ein anderer Schamane, Paco sein von Zeitungsblättern umrankter Name, erzählt von Reisen entlang einer anderen, von ihm mythisch aufgeladenen, vor allem aber wesentlich besser präparierten Piste, der Autobahn 38. Er zeigt mir neue Bilder; wieder hat er also eine Gruppe blasierter und vom Posthistoire schon ganz gelangweilter Großstädter ins Südharz gelockt, dieser Jeffrey Dahmer des Speedtourimus. Die Photographien resonieren mit Bildern in mir, die ich längst verloren glaubte; wieder das Kaffee Kolditz, wieder die Storm-Statue, wieder dieser schlimme Tyler-Brulé-McDonalds.

Indes erwähnt in Amerika ein Schriftsteller, dem ein anderer, mit den Kolditzschen und den belgischen Mythen nicht unassoziierter Scharfgeist einmal bei einem französischen Butterhörnchen und Kirschmarmeldade mit etwas starkem Bourbon-Vanille-Aroma vorwarf, doch nur von Sex zu schreiben, in seinem neuen Buch diese weißen Stühle, diese aus Plastik, und feiert auch den Namen des europäischen Experten auf diesem Gebiet, Monoblocist Jens Thiel.

Da wird mir dann vollends etwas schwindelig auf meinem Balkon, zu viele Querbezüge, und die 3-fach-Impfung (REPEVAX) gegen Ironie, Ennuie und Misanthropie vom Anfang der Woche haut wieder rein. Ich hole einen mit einem Putzeimer voll lauwarmem, um nicht zu sagen: heilignüchternen Wasser. Ich reinige das weiße Plastik vom Schmutz; vor allem Reifenabrieb einer dritten, sehr ausgefahrenen Piste, an der wir alle gerne großes Weltengericht halten. Ich gieße mit einer Haltung, die mich selbst an Liebenswürdigkeit erinnert, einen großen Pflanzengast und erwarte, möglichst nichts denkend, die Rückkehr unserer Bel­gien­kor­res­pondentin.



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