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Friday, April 16, 2010

Passagiere mit der Flugnummer 2012

Die Geschichte fängt an jenem Tag an, als die Flugzeuge am Boden blieben. Es ist ein Tag im April, als ganz unvermittelt das Geschehen zum Erliegen kommt. Fast kommt dies einer Umkehr des Auspruchs jenes französischen Dichters gleich, der da von den nie enden wollenden Geschehnissen und der deshalb längst ausgehauchten Geschichte sprach.

Heute, an jenem Tag, ist es genau anders herum. Ein Vulkan spuckt wieder, nach einer Zeitspanne, die ihm selbst wie ein Sekundenschlaf vorgekommen sein muss. Aus seinem Schlund fliegt heißes Gestein, seit Jahrmillionen zu einem äonischen Sugo verkocht. Es fliegt sehr hoch hinaus, Eruption nennt man dies nicht ohne Grund; dort oben fliegen schimmernde Steine und schwarze Asche aus Glas. Und dann?, fragen Sie jetzt vielleicht.

Nun, schöner könnte es sich Ernst Jünger, über seinem Trollinger raunend, nicht ausgedacht haben: Der Menschen hektisches Treiben, dessen Schmiermittel seit einiger Zeit (ein paar Jahrzehnte mögen es sein) diese Massentorpedos, düsengetrieben und mit Paketen zu je zwei–, dreihundert Menschen besetzt, sind, es kommt zum Erliegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gestrandete Wale stehen die Torpedos nun auf den Rollbahnen umher. Nur dort oben, auf drei­und­dreissig­tausend Fuß, wären sie, wozu sie gemacht sind: Transportraketen, von anmutender Eleganz und mit für erdengeborene Hirne unermeßlicher Geschwindigkeit, die sich dadurch wiederum dem Stillstand annähert.

Doch im Wolkennebel der Erdensteine, die selbst fliegen gelernt haben, oder vielmehr es nie verlernt hatten, stockt den Übermaschinen das Triebwerk, und die schmelzenden Steine in ihren Trieb­werks­schaufeln drehen ihnen im Wortsinne die Luft ab, wie Tante Margarethe damals jenes verhängisvolle Sahnebonbon.

Ein paar Jährchen Zivilisation, hinfortgepustet oder zumindest auf das Drastischste in Frage gestellt von heissen Steinen. Infragegestellt—dies nur am Rande—natürlich nicht von unzufried­enen In­genieurs­student­en aus islamisch geprägten Ländern und schon gar nicht von Pfarrhaushaltsabkömmlingen aus dem Schwäbischen. Auch kein Weltuntergang, oder ähnlicher Mummenschanz. Sondern eher eine kleine Selbstbefragung des Systems, eine Art Sich-lässig-am-Rückenkratzen des Mutterschiffs.

Die Forscher gelangen nicht zu ihren Tagungen; die Poster nicht zu ihren Rezipienten; die Ersatzteile nicht zum Formel-Eins-Zirkus; und die schwammig gewordenen Geschäftsreisenden müssen weiter Paulaner-Bier in einer billigst verkleideten Flughafengastronomie trinken, bis die Kreditkarte endlich sich selbst verbrennt.

So, in diesem Nicht-Geschehen, haben wir endlich Zeit nachzudenken; Zeit, uns an den Steinen zu messen; und endlich können wieder die Geschichten beginnen. Hier beginnt Geschichte, aufs alte Neue. Schicksalszeit hat der Alte aus Wilflingen das genannt, und ich dachte, es läge am Rotwein oder so, denn ich hatte ja keine Ahnung, wovon er sprach.






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Friday, October 23, 2009

Das System braucht uns nicht.

Heute ein leider für solche Notizbücher etwas zu langer Text. Sie können Ihn gerne auch hier etwas schöner sich öffnen und ausdrucken.
Ein Hinweis noch in eigener Sache:
WALL OF TIME, welche zur Zeit eher seltener denn häufiger erscheint, wird in Zukunft eher häufiger denn seltener seine noch so ephemeren Artikel in leserlicher und bibliophiler Form als portable document format darbieten—wenn schon große deutsche Tageszeitungen keine Zeit oder Lust mehr für simpelste typographische Details wie Ligaturen haben. Jetzt aber:
—J.O.


Flughafen Chicago. Eine wiederkehrende Figur, ein Thema: Das Verschwinden der Menschen. Verschwinden, das klingt nach Theater fast, nach kontrolliertem, organisiertem Abgang, als Ausdruck eines Gestaltungs– oder Schöpferwillens. Aber es ist ja ganz anders, komplizierter. Die Figur, die mich eigentlich bewegt und wiederkehrend heimsucht, ist jene vom obsolet werdenden Menschen.

Der obsolete Mensch. Das knüpft sehr schnell an verschiedene, unterschiedlich unangenehme Motive an. Das fern liegende, an das ich hier nicht erinnern will, wäre jenes vom unnützen Menschen und vom unnützen Leben; ein ekelhaftes Nazi-Thema. Woran ich viel eher denke—hier, am Flughafen, in den USA, genauso wie sehr oft zuhause—, ist das Motiv der 1970er Jahre, der zu Ende gehenden Industriegesellschaft: Jener stets leicht irrationale Refrain vom Roboter, der den Menschen ersetzt. Von Papi, der keine Arbeit mehr hat, denn die macht jetzt ein Automat. Nun, der Punkt ist ja: Genauso ist es.

Ich muss ausholen. Zahlreiche USA-Reisen haben mir klargemacht, wie anders, und zwar ambivalent anders, das Verhältnis der US-amerikanischen Gesellschaft zur Arbeit ist. Es scheint hier für viel mehr Menschen Arbeit zu geben als zuhause im Europa der 1990er und 2000er Jahre. Die Menschen, oft gar nicht legal im Land, also eigentlich gar nicht da, sie arbeiten überall, sie leisten Dienst. Dienstleistung, das war doch das nächste große Ding, die Dienstleistungsgesellschaft, die haben wir im Gesell­schafts­kunde­leist­ungs­kurs besungen, sie stand vor der Tür. Es war also ja gar nicht schlimm, dass Papis Arbeit ein Automat machte, denn Papa könnte ja stattdessen Dienst leisten. Und hier, in den USA, hier schien es genauso zu sein. Zahllose Menschen aus Puerto Rico, Haiti, den Philippinen wuseln stets umher. Sie machen Dinge, die man in Europa immer ohne nachzudenken entweder selbst oder gar nicht tut: Einkaufende begrüßen, Einkaufstüten füllen; Gläser abräumen oder fast unbemerkt zwischen den echten, aufgestiegenen Kellnern Wassergläser auffüllen, den Krug dabei stets seltsam gedreht in der einen Hand haltend; in Wartehäuschen sitzen, aufpassen, und vor allem warten. Oder—neuer und ewiger Spitzenreiter der völlig sinnlosen, aber von Menschen eingenommen Jobs—mit einem auf einen Besenstiel aufgespießten Tennisball zwischen den Konferenzbesuchern umher-(gibt es dafür denn gar kein deutsches Verbum:)ushern und die schwarzen Schlieren der Schuhe vom Boden rubbeln.

Diese Menschen haben natürlich (beginne ich bereits wie August Bebel zu klingen? Die Sozialdemokratie ist ja tot, dann macht das vielleicht nichts.) überhaupt keine Krankenversicherung oder ähnliches; einmal schlecht Gläser geschenkt und den Job macht ab morgen der Vetter, und sie verdienen, wie alle im Dienstleistungssektor, viel weniger als man sich vielleicht denken würde; und so sind die vielen ausgeteilten Handgelder, die einzelnen Dollarnoten für die Gepäckjungen, alle in ihren späten Dreißigerjahren, ein fest einkalkulierter und vermutlich sehr nötiger Teil des Haushalts.

Aber sie haben Arbeit, sie werden gebraucht, sie nehmen Teil. Dieses “Aber” ist die Ambivalenz. Es geht im Kern, Sie ahnen es seit dem Beginn meiner Suada, natürlich darum, für wen wir eigentlich Arbeit haben, und wen wir brauchen, und für was. So richtig klar wird einem dieses Problem aber nicht zuhause, wo man die etwa vier Millionen Erwerbslosen mal munter binnen ein paar Jahren wegschrödern will, ein andermal einfach totschweigt oder in Hartz gießt. Klirrend klar, als ein emotionales Problem sich darstellend, und zwar als ein Zittern oder Zucken und Fragen im empfindenden Wesen, was das denn eigentlich alles bedeuteten wird: Klar wird einem das hier in den USA, wenn hier auf einmal die Arbeit ausgeht. Hier, wo man—weiland man komplexere, dadurch entstehende Probleme ignoriert—zumindest die Simulation von Arbeit (und die Simulation würdiger Einkommen) am längsten aufrechterhalten hat (siehe dazu auch meine poetische Figur zum Begriff des “Automatic Teller”); hier, das heisst: auch hier!, halten nun die Automaten Einzug.

Am Flughafen checkt man selbst ein. Die Rechnung ist ja einfach und tausendfach gemacht worden: Maschinen sind billiger, es reicht völlig, wenn auf einer Seite des Tresens ein Mensch (der Kunde) steht. Im Supermarkt checkt man selbst aus. Der eine, der da mal etwas betrügt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Die meisten sind ehrlich und lassen sich wie die Kühe, die schon lange selbst zum Melken anstehen, die Beträge abbuchen. Die Eleganz solcher Modelle besticht mich, Betriebswirtschaft mit ihrem „Think Big“, dem Zulassen kleiner Unschärfen und ihrem Blick auf die großen Summen und langfristigen Gewinne rührt mich ästhetisch an. Doch, der einzige Grund, wieso ich dies alles aufschreibe, lautet: Wieso tun alle so, als würden wir gebraucht? Wozu wird der Mensch noch gebraucht?

Sie hören recht, ich sage nicht: Wozu wird Pablo, der illegale Anstreicher noch gebraucht, sondern wozu der Mensch?

Schnitt: Ein verschwitzter Rainer Werner Fassbinder gibt etwa 1972, pre-Ölkrise, pre-(gefühlt)-everything, ein Interview anlässlich der Ausstrahlung seiner Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“. Ich weiß alles gar nicht mehr genau und habe das alles ja nur einmal in jenen Leistungskurszeiten in den 1990er Jahren auf Video gesehen, aber er sagt: “Wie müssen einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn nicht mehr alle gebraucht werden, um den Wohlstand zu erwirtschaften. Wie könnte ein erfülltes Leben ohne Arbeit überhaupt aussehen?” Das sagt er alles wirklich, und ich denke, damals wie heute: wir denken ja alle gar nicht darüber nach. Wir werkeln alle, wirtschaften, mal ohne Ertrag, mal wie oft nur mit simulierten Erträgen, aber wir wollen alle arbeiten, denn nur so, so lehrt man uns, bekommen wir Geld und nur so vollzieht sich die Wandlung, die uns selbst zu etwas von Wert werden lässt.

Das Buch kann doch bald selbst ent­scheiden, dass es in meinem Buch­regal unge­lesen stehen will, und dann kann es der Kredit­karte Bescheid sagen und die mensch­lich­en Finger­tapser im System werden weniger.

Das System braucht uns nicht mehr lange, das wird mir klar, wie ich am Flughafen Chicago die Maschinen sehe, an denen reichlich hilflose, eigentlich schon: überflüssige Passagiere ihren Check-In-Versuchen nachgehen. Denn, um auf das obige Bild zurückzukommen, wieso überhaupt noch Menschen auf auch nur einer Seite des Tresens, den das System darstellt? Wieso gaukelt uns die Airline einen persönlichen Gewinn vor, wenn wir nur etwas im Grunde sinnlos Gewordenes auch noch selbst tun?

Wenn der Kühlschrank bald schon selbst nachschaut, was noch vorhanden ist und was gebraucht wird, um es dann bei einer anderen Maschine zu bestellen, dann—ich bitte Sie aufrichtig: Verzeihen Sie mir die 1970er-SPD-Haftigkeit meiner Worte; ich erschrecke selbst, dass alles so wahr ist!—dann jedenfalls kann er doch auch selbst wegwerfen, was verdorben ist, und überhaupt können das doch auch die Maschinen untereinander ausmachen. Das Buch kann doch bald selbst entscheiden, dass es in meinem Buchregal ungelesen stehen will, und nicht in Ihrem, und dann kann es der Kreditkarte mit dem simulierten Kreditrahmen Bescheid sagen, dass sie es bitte bestellen soll, und dann schickt es der Paketautomat auf den Weg, und die menschlichen Schlieren und Fingertapser im System werden weniger, von den Lohnnebenkosten ganz abgesehen; und Maschinen machen auch weniger nur von Menschenhand zu entfernende Schmutzspuren auf den Fussboden.

Das alles muss gar nicht schlimm sein. Keine Dystopie, die ich hier aufzeigen will, kein Warnen, kein rhetorisches Umsteuern. Nein, gar nicht, wohin auch. Nur: Sehen will ich es, und vielleicht sehen Sie es auch, und lassen den kleinen Schmerz oder, adäquater, die Irritation und den Schrecken zu, dass es so ist.

Re-enter the Matrix: Dies alles kann sich entspinnen, und bleibt zurück wie ein böser Traum, während der Kollege schnell und zugegebenermaßen völlig problemlos an dieser Maschine dort eincheckt. Das eigentliche Erschreckende ist, dass ich selbst nicht weiss, wozu ich hier bin.



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Friday, October 16, 2009

Zeitschneisen (III)

London, 03. Oktober 2005

Da ist es wieder, und haut Dich um: Zuhause, nach (in umgekehrter Startreihenfolge) Abendessen, Nach Hause laufen, Trainieren, Arbeiten, Herumor-ganisieren, Mittagessen, Herumorganisieren, Herumorganisieren, Busfahrt, Frühstück, Erwachen setzt Du die Kopfhörer auf und suchst auf dem Rechner nach den deutschen Gedichten, worin sich die Stimmung ja schon andeutet: Zufrieden, aber verloren zugleich. Dann denkst Du, Otto Sander, ja, sein warmer Monsterbass wäre das Rechte jetzt, bevor Du den schnarrenden Originalaufnahmen von Gottfried Benn wieder weiter lauschen willst.

Und dann sagt er es, dieses Gedicht, jenes, für das selbst oder gerade der scheidende Kanzler einmal gescholten wurde vom naseweisen Medienjournalisten, weil es wohl zu abgeschmackt oder platt sei, dies zum Lieblingsgedicht zu haben und es in einer Talkshow zu rezitieren—geschenkt; aber hier, und jetzt, und an diesem dritten Oktober in einer fremden Stadt, den Schmerz des Aufbruchs und die Verwirrung des Ankommens und vor allem des Alleinseins noch in jeder Zelle, da macht es wieder Bumm!, und es schockgefrieren die Tränen in den Augen:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. […] Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ja, so ist es immer gewesen, im September 1902 oder wann auch immer, und so ist es im Oktober 2005 in London. Und doch endet der Tag mit einem sehr schönen, leisen, leichten, gelungenen Telefongespräch, mit Fiepsen eines Katers aus dem Off. Alles soll gut sein.



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Friday, September 25, 2009

Matrix is close to singular or badly scaled

Ein neues Gerät in der Wand, und jemand hat die Wand sogar gestrichen. Die ältere Dame wendet sich einer jüngeren zu, sucht mit ihren Blicken die Aufmerksamkeit, ja, fast den Zusammenhalt. Dann sagt sie: “Schrecklich ist das hier, früher war es besser mit den Angestellten noch. Heute traut man sich kaum herein, und muss immerzu Angst haben.” Die Angesprochene nickt zustimmend, leise lächelnd.

So geht vielleicht diese kleine Begegnung in der – früher hätte man gesagt: – Schalterhalle in der kleinen ehemaligen Bankfiliale im Erdgeschoss eines Frühachtziger-Plattenbaus.

Die Menschen verschwinden, und es fällt mir gar nicht mehr auf. Die ältere Dame hat es bemerkt. Ein kleiner Riss in der Matrix, eine Fast-Singularität, matrix is badly scaled, und man merkt auf: Da ist ja gar keiner mehr. Wir sind allein, zwischen den Maschinen.

“Im Englischen”, sage ich, als ich die Geschichte höre, “Im Englischen heisst es ja Automatic Teller Machine, man sagt nur noch ATM natürlich; aber der Bankangestellte, der Teller hat sich selbst noch in diese Bezeichnung, die ihn fürderhin ersetzen sollte, eingeschrieben. Und dann ist er gegangen. Das Wort trägt noch seine Spur, und er selbst hat längst von Außen abgeschlossen.”

“Im Britischen heisst es gar Hole in the Wall. Die Engländer haben etwas erkannt”, entgegnet sie. Ja, etwas ist ausgelaufen, durch das Loch. Wir bleiben innen, eine entleerte Hülle, die wir versuchen zu bewohnen noch, jeder Einzelne; eine unnütze Bucht. Bahia Inutil.

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Wednesday, August 19, 2009

Delirium statt Tausch

„Eine andere Erklärung für unser Unglück: Die Welt ist uns gegeben. Was einem aber gegeben wurde, das muß man zurückgeben können. Früher konnte man Dank sagen oder die Gabe mit einem Opfer erwidern. Heute aber haben wir niemanden mehr, dem wir danken könnten. Und wenn wir im Tausch gegen die Welt nichts mehr geben können, dann ist diese ihrerseits unannehmbar.

Wir werden also die gegebene Welt liquidieren müssen. Wir werden sie zerstören müssen, indem wir sie durch eine künstliche, durch und durch konstruierte Welt ersetzen, für die wir niemandem Rechenschaft schulden werden. Daher diese gigantische technische Unternehmung der Eliminierung der realen Welt in all ihren Formen. Alles Natürliche wird aufgrund dieser symbolischen Regel der Gegengabe und des unmöglichen Tauschs völlig negiert werden.“


Es steht ja alles geschrieben. Zehn Jahre ist das alt, wie immer von Markus Sed­lazcek in poetisches, knappes Deutsch übertragen und von den Freunden bei Merve in liebe­voll-lieb­lose Schweizer Grotesk ge­quetscht. Jean Baudrillard hat, wie immer, völlig recht. Dagegen sind selbst die ver­schwitzt­en Öko­nom­en mit ihrer traurigen Ver­suchen, zum Aus­gleich in der Krise noch schnell etwas Anti-Geld her­bei­zu­hallu­zinieren, lächer­lich. Der Tausch ist un­möglich, weil wir zu lange das Nichts negiert haben.



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Friday, August 07, 2009

Dreifachimpfung

“Verworrensein und Nicht schreiben Können ist noch kein Surrealismus”
—Gottfried Benn


Ich sitze in einem weißen Plastikstuhl. In Belgien fällt alles auseinander, höre ich. Ich entnehme dies einer fast weißen Postkarte, die umseitig den fiktiven Reporter eines non-fiktiven Journals bei seinem (fiktiven) Russland-Abenteuer aus dem Jahre 1929 zeigt. Belgien zerfällt? Im Frühjahr, wenn dickes Blut in dünnen Ärmchen auf 9 Atmosphärenüberdruck durch die flämische Hölle strampelt, frage ich mich ohnehin immer, ob diese eindrücklichen Pflastersteine nicht direkt aus der Zeitmauer herausgebrochen sind einst. Nun liegen Sie dort.

Ein anderer Schamane, Paco sein von Zeitungsblättern umrankter Name, erzählt von Reisen entlang einer anderen, von ihm mythisch aufgeladenen, vor allem aber wesentlich besser präparierten Piste, der Autobahn 38. Er zeigt mir neue Bilder; wieder hat er also eine Gruppe blasierter und vom Posthistoire schon ganz gelangweilter Großstädter ins Südharz gelockt, dieser Jeffrey Dahmer des Speedtourimus. Die Photographien resonieren mit Bildern in mir, die ich längst verloren glaubte; wieder das Kaffee Kolditz, wieder die Storm-Statue, wieder dieser schlimme Tyler-Brulé-McDonalds.

Indes erwähnt in Amerika ein Schriftsteller, dem ein anderer, mit den Kolditzschen und den belgischen Mythen nicht unassoziierter Scharfgeist einmal bei einem französischen Butterhörnchen und Kirschmarmeldade mit etwas starkem Bourbon-Vanille-Aroma vorwarf, doch nur von Sex zu schreiben, in seinem neuen Buch diese weißen Stühle, diese aus Plastik, und feiert auch den Namen des europäischen Experten auf diesem Gebiet, Monoblocist Jens Thiel.

Da wird mir dann vollends etwas schwindelig auf meinem Balkon, zu viele Querbezüge, und die 3-fach-Impfung (REPEVAX) gegen Ironie, Ennuie und Misanthropie vom Anfang der Woche haut wieder rein. Ich hole einen mit einem Putzeimer voll lauwarmem, um nicht zu sagen: heilignüchternen Wasser. Ich reinige das weiße Plastik vom Schmutz; vor allem Reifenabrieb einer dritten, sehr ausgefahrenen Piste, an der wir alle gerne großes Weltengericht halten. Ich gieße mit einer Haltung, die mich selbst an Liebenswürdigkeit erinnert, einen großen Pflanzengast und erwarte, möglichst nichts denkend, die Rückkehr unserer Bel­gien­kor­res­pondentin.



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Wednesday, August 05, 2009

Lektionen des Verschwindens

I found a book on how to be invisible. Einige Übungen:

1. In eine Stadt fahren, die man nicht kennt, und dort Photo­gra­phi­en machen von Plätzen und Straß­en. Menschen, die ak­zidentiell mit­be­lich­tet werden, darf man keines­falls kennen.

2. Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause die toten Vögel zählen. Kleine Vögel zählen mehr, denn sie sind unserer mit­fühl­enden Natur gemäß an­rühr­ender.

3. Über eine Poetik des Verschwindens nachdenken; kürzere Texte, Sätze, Gedanken.

4. Mit Kindern, und zwar nur noch mit Kindern, über Jean Baudrillard sprechen.

5. Weniger Internet. Alle sogenannten social networks meiden.

6. Die Freizeitangebote nicht wahrnehmen.

7. Leiser sprechen, telefonieren.

8. Weniger telefonieren.

9. Gasförmig leben.

10. Lieben.



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Friday, July 31, 2009

Der Müll, die Stadt und der Tod

Als ich einmal versuchte, ein Hölderlin-Gedicht zu lernen:

Die Mauern stehn sprachlos und kalt.

[Das Starrende, das Dreckige. Der Dreck, der Schmutz. So sollte man nicht schreiben, aber ich bin noch so erstaunt und bar jedes Handlungswortes, nachdem ich verstehen musste, wieviel Dreck die immer für so rein und fast unberührt gehaltene Heimat birgt. Ein paar Tage verbrachte ich in diesen klingenden schwäbischen Städten des mittleren Neckars. Doch alles geht zu Ende dort.

Die Häuser der Siedlung tragen nicht mehr den Stolz ihrer Erbauer zur Schau. Kein Aufbruch und keine überstandene Ölkrise mehr ist zu spüren, und der zweite Versuch, der Neuanstrich in Memphis-Türkis aus den 1980er Jahren, war damals schon von minderer Qualität und vollführt nun einen Totentanz mit dem Schimmel, dem über alles und immer siegenden WETTER zum letzten Mahl vorgeworfen.

Große, viel zu breite Straßen, die sich über die ehemaligen, längst gegangenen Obstwiesen gelegt haben und einmal die Verheißungen der San-Francisco-Werdung unseres Viertels andeuten sollten, dienen nur noch den knautschumzonten Kleinwagen, und einigen einsamen Radfahrerinnen, die einzuschlafen drohen, als letzte Flucht.

Halt, rufen Sie jetzt bestimmt, Sie übertreiben; doch es ist alles wahr, und wer Augen hat zu schauen, der schaue. Dieses Land ist vorbei, es ist nicht mehr, denn seine Keimzelle, die Kleinstadt funktioniert nicht mehr. Sie spielt jetzt Dorf, und hat die Errungenschaften ausgesperrt; Fußgängerzonen sind errichtet worden, und aus ihnen heraus sind Ground Zeros entstanden, die nurmehr Seelenlose freiwillig betreten können.

Die Kreisstadt spielt an anderen Orten jetzt Großstadt und stört die Ihren nicht, und vollzieht dies in atemberaubender Debilität; die billige Sportkleidung von 1998, da waren die armen Menschen etwa sechs – sie muss einhegen, was keine Seele mehr beheimatet. Alle sitzen da, auf Bänken, die auf der Gemeinderatssitzung vom 24. April 1986 mit den Stimmen der SPD– und Freie Wähler-Fraktionen erstritten wurden, und sie rauchen das Crack direkt von der Folie, und ein junger Schizophrener mit einem Strick um den Leib und dünnem Tartarenbart geißelt und fuchtelt umher und ruft etwas von „Reinigung“.

Glauben Sie mir, es geht schlimm und elend zu dort in der Provinz, aber bald, bald ist es sicher vorbei, und die großen Feldhasen werden wieder aufsitzen und in Ruhe schauen können,]

und im Winde klirren die Fahnen.


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Saturday, May 30, 2009

Weltende, Dreissigster Mai

“Komm, wir wollen uns näher verbergen
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen”
—Else Lasker-Schüler

‘Das war noch damals gewesen, als wir noch “klasse” sagten, wenn wir etwas gut fanden.’ ― ‘Genau, damals, als die Frau im Jugendhaus immer ihren Kiefer so ganz speziell nach vorne schob, wenn sie etwas “klasse” fand.’ ― ‘Und ihre Zähne nicht auseinander bekam dabei. Ich könnte mich kaputt lachen.’ ― ‘Spiralen der Erinnerung; ist das von Lieske?’ ― ‘Nein, von Köhnke.’ ― ‘Wer hat es bei wem gestohlen?’ ― ‘Ist doch egal, solange meine Erinnerungen sich nur so schön im Kreis drehen dürfen…’ ― ‘…Und ich mich an ihnen so schön schwindeln kann.’ ― ‘Du bist schön. Ich liebe Dich vielleicht.’ ― ‘Darf man das sagen; lieben, vielleicht?’ ― ‘Ja, das darf man. Man darf sich ein großes Und tätowieren lassen, und man darf nicht Bescheid wissen, und man darf seine Lebenszeit verschwenden, und man darf seine Sozialarbeiter auslachen.’ ― ‘Dann liebe ich Dich vielleicht auch.’



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Saturday, May 09, 2009

Geschieht es?


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Ist die Monochromie das erste oder das letzte Bild? Was geschieht mit der Zeit, wenn die Narration aus dem Bild verschwindet?

Das folgende ist ein Zitat aus Julia Friedrichs hervorragend geschriebener (und von Carmen Strzelecki sehr schön gesetzter) Dissertation, “Grau ohne Grund — Gerhard Richters Monochromien als Herausforderung der künstlerischen Avantgarde”, erschienen 2009 bei Strzelecki Books, Köln.

Wo noch Bewegung ist – ließe sich Lyotards Überlegung fortsetzen –, ist noch immer ein Vorher und Nachher, eine Entwicklung und kein Jetzt. Zugleich ist aber mit [Barnett] Newmans Tafeln, die zwar narrative Titel tragen, aber keine Szenen geben, die zwar Bilder sind, aber nichts darstellen, zugleich die Frage »Geschieht es?« gestellt. 143 Erhaben wären die Tafeln Newmans nach deser Deutung keineswegs deshalb, weil sie an dräuende Wolken oder Steinwüsten erinnerten, und auch nicht deshalb, weil sie den Betrachter durch ihre Monumentalität überwältigten, sondern gerade durch ihre Verweigerung der Abbildung und weil sie dennoch in der Zeit, im Jetzt, die konkrete Frage nach dem Seienden stellen. Geschieht es? Das Ereignis ist demnach nicht Moment einer Entwicklung oder einer zeitlich fortschreitenden Bewegung, sondern fällt aus der Zeit heraus.

Obwohl Lyotards Analyse einen ganz wichtigen Punkt erfasst – das Verhältnis von Zeit und Unzeit, von linearem, geschichtlichen Fortschreiten und plötzlichem Ereignis –, der gerade im Vergleich mit Gerhard Richters Konzeption, die in vieler Beziehung exakt das Gegenteil von Newmans vorstellt, noch genauer betrachtet werden muss, scheint sie doch zu abstrakt. Auch wenn Newmans »Vir heroicus sublimis« Lyotards Ausgangspunkt ist, schaut er sich das Gemälde gar nicht näher an. Die Frage »Geschieht es?« wird im Grunde von allen Kunstwerken aufgeworfen, die die Frage nach der eigenen Existenz stellen, also von der Konzeptkunst Lawrence Weiners oder On Kawaras ebenso wie vom Action Paiting oder vom abstrakten Expressionismus Jackson Pollocks oder Willem De Koonings.

143 Lyotard, F. (1984). Das Erhabene und die Avantgarde. Merkur 424:151–164



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Monday, April 13, 2009

Pessimistisches Fragment, das keines mehr sein will

“Diesem Absurd-Werden alles unseres Unternehmens und nicht irgendwelchen Besorgnissen über irgendwelche apokalyptischen Katastrophen, die uns bedrohen, ist unser Scheitern zu verdanken.”
—Vilém Flusser

Ich bin durch die Gassen mäandert, in Iterationen von Fünftausend, von Dreißigtausend, und hab nach Dir gesucht und mir. Ich habe die schüchternen Begegnungen gefunden und das tangentiale Vor­bei­sprech­en. Ich habe giftige Herzen gefunden, voller Wut über die Unbekannten anderen und voller Lösungsvorschläge, die keine sein können.

Ich habe am Ufer eines großen und tiefen Sees bizarr an­mut­end­en, weil so un­erwart­eten Trost erahnt. Ich habe sodann auf den Feuer­wegen aus Beton einem verloren geglaubten Mut nachspüren können, und ich bin schließlich in einer Wiege von Wohl und Wollen erwacht, mit dem Leben in beiden Händen. So werde ich also weiter durch die Gassen mäandern, in Iterationen von Fünftausend, von Dreißig­tausend, nur etwas weniger verloren und etwas weniger traurig denn zuvor.

“Wir sind alle Scheiterer”, ruft mir Vilém Flusser zu, “und zwar deshalb, weil wir wissen, dass wir sterben werden. Aber nicht unser eigener Tod ist der Grund unseres Scheiterns, sondern der Tod aller jener, die wir lieben, und mit denen wir in Freundschaft verbunden sind.”


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Tuesday, February 03, 2009

Am Tag nach Maria Lichtmess

—“The Bonanza was at a slight downward angle and banked to the right when it struck the ground at around 170 miles per hour (270 km/h). The plane tumbled and skidded another 570 feet (170 m) across the frozen landscape before the crumpled ball of wreckage piled against a wire fence at the edge of the property.”

—Director Kenneth Anger turned 32 on February 3, 1959

Vor langer, langer Zeit —Ich weiss es noch genau—musste ich immer unwillkürlich lächeln bei dieser Musik. Und ich wusste, wenn ich nur einmal meine Chance bekäme, dann würde ich die Leute zum Tanzen bringen, und vielleicht wären sie dann glücklich, nur eine Weile.

Aber der Februar fröstelte mich, mit jeder Zeitung die ich austrug; Schlechte Neuigkeiten auf den Haustreppen, ich konnte keinen Schritt vorwärts mehr. Ich weiss nicht mehr, ob ich geweint habe, als ich von seiner verwitweten Braut las, aber irgendwas hat mich tief berührt am Tag, als die Musik starb.

Tschüss, also, Fräulein American Pie. Ich fuhr meinen VW zum Stausee, aber der war ausgetrocknet; die guten alten Jungs tranken Whisky und Klare, sangen “We’re all gonna die, but we don’t know how, and we don’t know when” von Scout Niblett.

Hast Du das Buch der Liebe geschrieben? Und glaubst Du an den Gott da oben, wenn es doch so in der Bibel steht? Sag mal, glaubst Du an Rock’n’Roll? Kann Musik Deine sterbliche Seele retten?

Und, könntest Du mir beibringen, schön langsam und eng zu tanzen? Ich weiss, Du liebst ihn, denn ich sah Euch tanzen in der Sporthalle; Ihr zogt beide Eure Schuhe aus. Junge, Ich steh echt auf R&B. Ich war damals ein einsamer Testosteron-Teenie, mit rosiger Haut und einem VW Kombi, aber ich wusste, das Glück war vollends vorbei am Tag, als die Musik starb.

Schließlich traf ich ein Mädchen, die mir den Blues sang. Ich fragte Sie nach ein paar guten Neuigkeiten, aber sie lächelte nur und drehte sich fort. Also ging ich runter zum heiligen Laden, wo ich die Musik Jahre zuvor gehört hatte, aber der Mann im Laden sagte nur: Keine Musik heute.

In den Straßen schrien die Kinder, Liebende heulten herum, und die Dichter träumten. Aber kein Wort wurde gesprochen, die Glocken der Kirchen waren alle kaputt, oder an der Front. Und just die drei Männer, die ich am meisten bewundere, der Vater, sein Sohn und der heilige Geist, die schnappten sich den letzten Zug Richtung Küste, am Tag, als die Musik starb.

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Monday, January 19, 2009

Deconstructing Jünger

“Wenn Sie einsteigen in ein Spiel […], dann merken Sie, daß eine gewisse Be­geist­erung Sie befällt, auch wenn Sie, wie ich, eigentlich kein Ver­hält­nis [zu diesem Spiel] haben. Dasselbe ereignet sich, wenn ich in ein polit­isches System einsteige. Ich habe für Ord­nungs­systeme ein Faible.” Das sagte Ernst Jünger einmal, 1982, und dieser Satz lässt ahnen, dass er der span­nungs­reichen (De-)Konstruktion seiner eigenen Begriffswelten durch den Herausgeber Alexander Pschera und seiner nicht un-illustren Autorenschar im recht neuen Band “BUNTER STAUB sicher sehr aufgeschlossen gegenübergetreten wäre.

Das vieltausendseitige Ordnungssystem Ernst Jünger, an dem der alte bad guy mit dem später eher humanistisch-entzeitlichten Gestus eines Astrologen und Sehers jahrzehntelang gewerkt und, vielleicht ohne es zu bemerken sehr postmodern, herumredigiert hat. Dieses System erfährt nun eine Spiegelung und Brechung in einem fast vierhundertseitigen Band aus dem Hause Matthes & Seitz:

Schlüsselbegriffe aus Jüngers Werk wie “Gestalt”, “Rausch”, “Waldgang”, “Schmerz” werden von ausgewählten Kennern des Jüngerschen Werks in eigenen Texten neu eingeleuchtet, und stehen  in der Mehrzahl  als Kunsttexte eigenen Ranges nun vor uns. Ihre wirklich kunstvolle, ebenso gedanken– wie für Jüngernovizen einsichtsreiche Verbindung aber besorgt ein namenloser Essayist, von dem wir annehmen, dass es Pschera selbst ist und der hier uneitel die eigentlichen Ein– und Aussichten zusammenträgt.

Gerade also für alle, denen dieser Bücherversand schon ebenso penetrant wie erfolgreich vom »Arbeiter« bis zu den »Afrikanischen Spielen« oder den »Glass Bees« (Jünger auf Englisch, auch eine sehr schöne Spiegelung) alles anempfohlen hat, ist dieser Band ein Segen: Endlich weiterdenken, über Jünger hinausdenken, Jünger anders lesen. Dazu tragen am ertragreichsten gerade die aberwitzigsten Versuche bei, wie David Woodards situationskomischer Trip mit Jüngers Augen durch das nicht mehr Leningrad heissende Petersburg, oder Pscheras stream of consciousness, den Topos des “Flugtraum” einleitend. Die einst an einer selbstbewussten Nation feilenden vermeintlichen Stars des Bandes hingegen bleiben erstaunlich blass, zu nah an Jünger selbst vielleicht, um dem Unternehmen der Dekonstruktion Entscheidendes beifügen zu können. Aber das machen andere wett, wie Eckhart Nickel, Lorenz Jäger, Günter Figal oder Mark von Schlegell, die verschmitzt ihre Hütchenspieltricks mit Jüngers Wesen und seinen Begrifflichkeiten veranstalten.

Jeder “[Künstler], für den […] die Jagd ein faszinierendes Spiel ist, ein Vorwand für subtilste Kombinationen und Differenzierungen” (so schreibt Jünger selbst in “Subtile Jagden” 1967) wird jedenfalls eine andauernde Freude am Besitz dieses sehr schön gesetzten, schön unbunt in schwarz und weiss gehaltenen, handlichen Bandes haben. Kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her!


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Thursday, October 02, 2008

Vielleicht ein Ausweg, ein Entkommen: Das neue Buch von Christian Kracht

In einer aktuellen Portraitphotographie sieht man den Dichter Christian Kracht innehalten, und eine Fliege sitzt dort, wo andere Lichtgestalten einst ihren Schönheitsfleck hatten. Die Fliege sonnt sich, oder sucht den Schatten unter Krachts Nase; und hätte Tom Ising nicht so einen mesmerisierenden Umschlag entworfen, der mit einer alten (nicht einmal fiktiven) Afrika-Karte den Ton setzt, und wären Autorenfotos auf dem Cover nicht spätestens seit den verlustreichen Schlachten am Adlon 1999 wegen akutem Mißverstand verboten, so könnte auch dieses Bild eine hervorragende Vignette sein für diesen neuen, vielleicht letzten Roman von Christian Kracht.

Denn, überhaupt, die Tiere: Vorangestellt hat Kracht diesem Lied in Buchform ein Zitat von D.H. Lawrence, in welchem der Anmut einer Wiese mit nichts als einem Hasen darauf gehuldigt wird; durch den Buchtrailer von Frauke Finsterwalder flattert ein Schmetterling und scheint einer gravitätischen Bahn nach Afrika zu folgen. Und am Ende, soviel sei verraten, tragen Hyänen eine Art von Sieg davon.

Im übrigen den einzigen Sieg, den es noch zu erringen gibt, den eines freien Lebens über den Hirntod: In Krachts Sonnenschein, wie in allen seinen Erzähltexten, ist die Zeit aufgehoben, Post-Histoire in Reinkultur: “Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören”, also liefern sich die eifrigen und diffus guten Schweizer noch Scharmützel mit den Deutschen, aber der große Krieg wird nicht gewonnen werden, er dauert gefühlt schon ewig und wird es immer tun. Aber hier, plötzlich und unvermutet anders als in “Faserland” und in der faux period novel “1979”, spürt man am Ende vielleicht doch einen Ausweg, ein Entkommen aus der Endlosschleife des abhanden gekommenen Sinns.

Es sind ausserdem oder vor allem in diesem Buch, wie stets bei Kracht: die klaren Sätze, von allem Ballast befreit; die einprägsamen Bilder, die man gemeint hat gesehen zu haben, ohne sich genau erinnern zu können; die lustigen und listigen doppelten Böden, die der Autor für unser wiederholtes und vertieftes Lesevergnügen eingezogen hat; die Träume, also: die so oft beschworene und doch so selten einfach niedergeschriebene Phantasie.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, nachdem ich diesen Traum nachgeträumt hatte gewissermaßen, und nachdem ich diesem Humanisten in Uniform nach Hause, nach Afrika gefolgt war, der uns voraus fliegt wie der Schmetterling, war für ein paar Minuten alles gut. Mehr kann man nicht verlangen. Kaufen Sie dieses Buch, und geben sie es nicht mehr her.


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Friday, August 29, 2008

Classics of Camp (VI): Zum Glück nicht in England

«Die Geschichte, die einzige im Übrigen, die ich kenne, sie beginnt in einer Stadt im damaligen England. Sie wissen, über dem Kanal. Es war vor dem Krieg. Also, dort war ich.

Es war ja fast wie in den Neunzigern. Nur dass die großen Kinder sehr viel Drogen in sich trugen, ganz offensichtlich. Vielleicht war das immer so gewesen, doch meine eigenen Neunziger Jahre hatten hiervon nichts gewusst, deshalb ist das nur zum Teil ein gültiger Vergleich. Auch kostete das Bier, das ich trank, das Vierfache dessen, was ich aus jenen Zeiten gewohnt war, als man die Jahreszahlen noch mit einer unschuldigen 19 begann. Doch das ist ja in Verfallszeiten meist so.

Es war alles in einem Club, so hieß das. Eine Einrichtung, in die man ging, als eine Sorte teureren, gut gemeinten Zeitvertreibs. Eine Einrichtung, die, etwas antiquiert, noch dem Konzept einer Art Schallwart oder DJ (von englisch: disc jockey) huldigte: Ein Mensch, oft peinlich auf das Prätentiöseste unprätentiös am Rande des Etablissements oder neben der Bar positioniert, später gerne auch weiblich, wurde dafür bezahlt, dass er das Schallerleben der Besucher mit mitgebrachten, scheinbar sorgsam ausgewählten Tonträgern und unter Einsatz einer oft sehr, sehr leistungsstarken Schaltung zur Schalldruckerzeugung aktiv gestaltete. Eine Einrichtung, in der aber eigentlich alles egal war. Eine Einrichtung auch, in der um einen herum überall schwer intoxikierte junge Männer, kaum älter als zwanzig, sich sehr einspurig und eindeutig an den verträumt (oder einfacher: weggedrogt) hüpfenden Hintern von eher jüngeren Frauen rieben. Dies geschah mit einer wirklich erwähnenswerten Mühung um Diskretion, welche angesichts des allgegenwärtigen (die Psychobiochemie dieser jungen Männer längst beherrschenden) Kontrollverlusts natürlich völlig lächerlich wirkte und bedeutungslos war.

Dass ich diese Aspekte des Clublebens hier überhaupt erwähnen kann, liegt daran, dass ich an besagtem Abend vor dem Krieg aus einer Laune heraus im Diesseits geblieben war – mit einer gewissen Absicht ließ ich einige Tagesdosen Bier aus, ich versuchte, einmal wenigstens in der Wirklichkeit anstatt in einer Schale aus Substanz und Wahn zu bestehen. Das war gar nicht einfach, aber genau deshalb kann ich Ihnen ja heute so ausführlich berichten. Und ich kann kaum in Allem, was ich zu erzählen weiß, falsch liegen. Nicht in allem; das kann nicht sein.»



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Monday, June 02, 2008

Gedächtnis-Manifest, erster Paragraph

Ehrendes Andenken: Was ist das? Und, wer wird geehrt? Der Ehrende, der Geehrte, der Andenkende, der Angedachte?

Warum sollte man die Windmühlenstraße nicht in Stalin-Straße umbennen? Wäre es nicht viel ehrlicher, die Windmühlenstraße, in der—ich zähle:—keine Windmühlen stehen, in Stalin-Straße, in der mindestens zwei riesengroße—stalinistisch mindestens inspirierte, wenn nicht, der Einfachheit und Ehrlichkeit halber: stalinistische—Riesen-Großbauten stehen, umzubenennen?

Warum ist es denn ein besseres Mahnen für die Opfer des Stalinismus, derer es ungezählte gibt, keine Stalin-Straße zu haben?

Es ist doch ein ganz albernes Spiel mit dem Straßen-Umbenennen. Es ist ja eigentlich das Stalinistischste überhaupt, Straßen umzubenennen. Wenn Stalinismus als Ideologie für irgendetwas steht, dann für das Negieren von Geschichte, das Auslöschen von Geschehenem. Insofern gibt es wenig stalinistischeres, als stalinistische Bauten abzureissen, oder imposante Stalin-Straßen in weinerliche Windmühlenstraßen um– oder von mir aus auch rückzubenennen.

—J.O., Café Cantona, Stalin-Straße, 04103 Leipzig



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Wednesday, May 28, 2008

Sils Miron

Vergangenes Wochenende habe ich die Zeitmauer gefunden. Sie ist, überraschend, ein Zaun. Eigentlich eine Hecke und Reste eines Zauns.

Direkt vor der Zeitmauer, so dass man sie nie richtig wahrnehme, weil man ja immer schauen muss, wo man selbst bleibt in der heutigen Zeit, aber auch so dass man nie ganz an ihnen vorbei komme, sind dort: drei Gräber.

Die Zeitmauer verläuft quer über einen kleinstädtischen Friedhof. Das ist interessant, denn es ist eine bereits länger genährte These, dass die Zeit im Kosmos der Kleinstadt anders geht—ein Sprichwort fast—und deshalb auch genauer zu studieren ist. Die Zeitmauer verläuft nach meinen Berechnungen genau mitten durch den Ort, anlässlich eines Besuchs dessen Lorenz Schröter einmal passenderweise schrieb “In der Mitte? Ach, in der Mitte ist nichts”, auf seiner Suche nach der hohlen Welt.

Die drei Gräber, die man dort angebracht und vergessen hat, tragen fünf Namen; man weiss nicht warum, genauso wenig ist bekannt, was es genau mit den hier Beerdigten auf sich hat. Aber die Inschrift auf den drei Kreuzen ist genug, um als kleiner Stolperstein hinaus ins bequeme Nachgeschichtliche uns zu erinnern.

Mich befällt die Idee, dass sich diese Toten mit ihren Gräbern mir in den Weg gelegt haben; wann immer wir vorstossen wollen ins leichte und befreite Nachgeschichtliche, und nun wirklich einmal alles hinter uns lassen wollen—diese ganze alte miserable Sache, die als das Post-Histoire so benannt wurde, keine 10 Jahre her war—immer dann müssen wir, jeder von uns, mit unserem kollektivem oder individuellen Bewusstsein, an diesen Gräbern vorbei.

Es ist zuviel um es in Worte zu packen, und Worte sind nicht dazu geeignet; Sie müssen sich vielleicht selbst einmal dorthinstellen, an die Zeitmauer, und fühlen, was in Ihnen aufsteigt, wenn Sie dort, irgendwo im Schwäbischen Nichts der Behaglichkeit und des fast tödlichen Ennui diese Inschriften auf den Stolpergräbern am Gartenzaun der Geschichte lesen.

Alors, soviel geplappert, soviel unausgesprochen. Es ist ja alles da, in den Namen und den Zahlen:

Sils Miron, † 1944
Alexej Kruschinski und Nikolaj Magerko † 1944
Alexej Mauljudow † 1943 und Pawel Katew † 1942



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Sunday, May 11, 2008

Verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen

Pfingsten 2008, auf der Zeitmauer, zum Sprung bereit:

“IX.

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb‘ ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.
—Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (Reflektion IX). Der Text entstand im Frühjahr 1940. Die Zukunft endete für Benjamin, der das Bild 1921 gekauft hatte und es in Berlin und Paris stets vor Augen hatte, am 26. September 1940 an der französisch-spanischen Grenze, Port Bou, in den Pyrenäen.




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Friday, May 09, 2008

Groundhog day

Thank you again for your assistance in evaluating this paper.
J. G.
Editor-in-Chief

Thank you for giving us the opportunity to consider your paper for publication.
Your sincerely
Prof. S. T.
Reviewing Editor

If you find that you have a conflict of interest, or due to unforeseen circumstances, you are unable to complete your review, please contact the office immediately.
We urge you not to provide reviews based on images that have been degraded by the electronic submission process. There are a number of ways we can work with you to provide adequate images for review.
J. G.
Editor-in-Chief

You will find this paper in a category of manuscripts called “Manuscripts with decisions” and you may initiate the process of submitting your revision by clicking on the link titled “create revised manuscript”.
Yours sincerely,
K.E.

This is to confirm that we have received your review for the manuscript referenced above. We appreciate the time that you have contributed to this important component of the peer review process.
Kind regards,
L. P.
Editor

This e-mail is a notification that your account on Manuscript Central site has been modified. Thank you for your participation.
Sincerely,
Editorial Office

This is a reminder that your review of the following manuscript is DUE TODAY:
Thank you.
Editorial Staff

I have now received three reviews from highly qualified experts in the field and I have also read your manuscript. Not all three reviewers agree on the merits of the paper, but the majority is critical: Reviewer A only asks for a minor revision, but reviewers B and C agree that this paper is not suitable for publication in a journal like [ours].
Sincerely,
P.H.
Associate Editor

Can you please let me know if the authors have addressed your concerns and whether this manuscript is now suitable for publication? To access the manuscript, you may click on the link below (which will take you right to the score sheet).
Regards,
T.
Associate Editor

With this in mind, I would be very grateful if, in considering the paper, you would assess whether it is sufficiently novel and important to warrant inclusion in a journal that is currently having to reject more than 60% of submitted work. The ratings that you are asked to provide on significance, originality and quality have become more relevant to the decision process; it would help us greatly if you provided an expert rating on these criteria, bearing in mind that manuscripts with an average score of 3 or worse are unlikely to be accepted.
Kind regards,
L.P.
Editor

Thank you for your enquiry about submitting a manuscript. I have discussed your abstract with my colleagues and regret that we cannot encourage submission of the full manuscript.
Yours sincerely,
A.W.L., PhD
Associate Editor





Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Monday, April 28, 2008

Das Böse des Banalen: Sieben kulturpessimistische Versuche


I.
trivial • adjective
1 trivial problems unimportant, banal, trite, commonplace, insignificant, inconsequential, minor, of no account, of no consequence, of no importance; incidental, inessential, nonessential, petty, trifling, trumpery, pettifogging, footling, small, slight, little, inconsiderable, negligible, paltry, nugatory; informal piddling, picayune, nickel-and-dime, penny-ante; trademark Mickey Mouse. ANTONYM important, significant, life-and-death.
2 I used to be quite a trivial person frivolous, superficial, shallow, unthinking, airheaded, featherbrained, lightweight, foolish, silly, trite. ANTONYM profound, serious.

II.
Amstetten, Niederösterreich.
Bayern vs Getafe, Viertelfinale.
Deutschland sucht den Superstar, Motto-Show.

III.
banal • adjective
banal lyrics trite, hackneyed, clichéd, platitudinous, vapid, commonplace, ordinary, common, stock, conventional, stereotyped, overused, overdone, overworked, stale, worn out, timeworn, tired, threadbare, hoary, hack, unimaginative, humdrum, ho-hum, unoriginal, uninteresting, dull, trivial; informal old hat, corny, cornball, played out; dated dime-store; rare truistic, bromidic. ANTONYM original.

IV.
“Inzest-Fall von Amstetten ist weitgehend geklärt.”
“Die Aufklärung des Kriminalfalls, der Österreich und die Welt erschüttert, begann vor neun Tagen.”
“Unvorstellbares Martyrium”
“Für Rosemarie F. sei eine Welt zusammengebrochen.”
“Ein anderes Entführungsopfer, Natascha Kampusch, bietet inzwischen ihre Hilfe an.”

V.
Was denkt man da?
Was ging da in Dir vor?
Wie fühlt man sich in so einem Moment?

VI.
Unbeschreiblich. Wahnsinn. Einfach geil. Man ist sprachlos. Unvorstellbar. Der pure Wahnsinn. Schrecklich. Hier bei uns. Emotion pur.

VII.
Das Scheitern von Zusammenhängen. Das Ende der Syntax. Das Ende der Versuche, durch Syntax Zusammenhänge zu schaffen.

Frage, einfach, Antwort, komplex: Soll ich mich mehr über die Menschen wundern, die in Kameras nur noch in Drei-Wort-Ausrufen antworten (dürfen)—ohne Verben und jegliche Syntax, die Binde- und Schmiermittel, die erst Kausalität, Zusammenhang, Kohäsion, Logik erlauben würden? Oder über die Artikel in den besten der schlechten Tageszeitungen, jetzt neu mit Syntax!, in denen alles unfassbar, gleichzeitig aber schon geklärt ist? Oder doch über die grausame und peinliche Frage, was (wahlweise) ich gefühlt habe als, in mir vorgehe wenn ich so etwas, man fühle wenn? Und: Bin ich, jetzt, wenn ich ermattet auf die Tastatur meines eigenen Sensoriums und Emotikums sinke, wieder nur der lahme Kulturpessimist, der irgendwas nicht verstanden hat?

Nicht alles lässt sich verkürzen. Nicht alles was man fühlt, vielleicht, kann man sagen, oder möchte man überhaupt sagen. Um das einzusehen, muss man nicht Psychologie studiert haben. Es reicht, sich zu überlegen, wann man das letzte Mal eine wirklich enge Freundin gefragt hat: “Was ging da in Dir vor, als Du das gehört hast? Was fühlt man da?” — genau. Also warum einfach, wenn es doch kompliziert ist?
Und bevor irgendeine RTL-Mitarbeiterin jetzt Hannah Arendt zitiert: Nein, anders herum, die Banalität ist es, die böse ist.


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