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Sunday, September 18, 2016

Und die Vergangenheit, sie war immer interessanter als die Gegenwart.


Was das Wort „The Departed“ im von der deutschen Essayistin Ingeborg Harms einmal eigener Auskunft nach nicht weniger als achtmal betrachteten und sodann furios in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung besprochenen, gleichnamigen Film von Martin Scorcese eigentlich bedeutet, habe ich erst viele Jahre später verstanden—„Die Toten“.
Und genauso heisst auch dieses neueste Buch des Ephemeralisten Christian Kracht. Kracht selbst erklärte erst jüngst dem lustigen, seine Herkunft aus der obskuren Gemeinde Berglen auch in Los Angeles nicht verleugnenden Dennis Scheck, die klassische Dramaturgie des japanischen Nō-Theaters habe ihm, Kracht, die Form gespendet, die sich in dieser Erzählung, den „Toten“, als ein langer, um nicht zu sagen langsamer, von Adjektiven ausgebremster erster Akt darstellt, in dem wir die beiden Protagonisten elliptisch umrunden; die eine wesentlich rasantere und lustigere, im Präsens gehaltene Schnitzeljagd folgen lässt; und die das Buch ausklingen lässt in einer eilig erzählten Serie von, nun, Nachhallen.
Diese sonischen Begrifflichkeiten sind nun wiederum kein müder Scherz im Rahmen der Referenz an ein Buch, das nebenbei auch dem sterbenden Stummfilm huldigt, sondern wollen nur meinen, dass es wie immer der Krachtsche Sound ist, der das Buch auf seinen schönsten Seiten so besonders macht und der den schönen Trick mit sich bringt, in der Leserin Erinnerungen an Nie Erlebtes zu formen—ganz so, wie ich selbst von „The Departed“ zwar jene Trailer-Sekunden mit „Gimme Shelter“, besagte Besprechung in der FAS, und den wunderbaren Titel mit so vielem verbinde, nur nicht mit dem Film selbst, den es vielleicht gar nicht gibt, oder meinethalben nie gegeben haben müsste.—Kaufen Sie dieses Buch, und geben Sie es nie wieder her.

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Wednesday, October 07, 2009

Akkumulator series (ongoing)

„Energie geht nicht verloren“
—Udo Lindenberg

Akkumulator I
Jonas Obleser & Lars Meyer (2009). Goose Fat, Vaccum cleaner content (“Gewöll”), Premium shopping bag. C-print, 1200 x 900 mm



Akkumulator II
Jonas Obleser (2009). Cheap plastic bag, heavy glass lid, 2 British newspapers of opposing political flavour. C-Print, 1200 x 900 mm



BEUYS, ICH FÜHRE DEN ZÄPFCHENBOMBER PERSÖNLICH ÜBER DIE DOCUMENTA / BEUYS, I WILL PERSONALLY GUIDE THE SUPPOSITORY BOMBER THROUGH DOCUMENTA (AKKUMULATOR III)
Jonas Obleser (2009). Worn US-fabricated trainers, Pebble stones, Zip-loc bags. ca. 300 x 300 x 130 mm. C-Print, 1200 x 950 mm

Monday, June 22, 2009

Of flags and freedom

—Tehran, GMT +330

No worries: Your beloved literary and fine arts enterprise WALL OF TIME. will not branch out and strive for world domi­nation—but if any opportunity arises to add a few grains of subversion here or a light touch of terribly old-fashioned, out-of-date yet lean hyper­text mark­up language code there, we do what we can.

Very recently, DIE GROSSE FLAGGE, previously announced here, have relaunched their website and we humbly tried to make them look good, hip, old-fashioned, idealistic and nonchalant at the same time.

Note especially how the proto-fascist social network of FACEBOOK is hemmed in and watched over by DIE GROSSE FLAGGE’s 1997-style Frame set.




Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Wednesday, June 17, 2009

Testimony (III): Kippi was here.

Gestern bin ich dem deutschen Künstler Martin Kippen­berger hier begeg­net. Er ging schweren, lang­samen Schrittes. Ich sprach ihn natürlich an, wie ich alle anspreche. Herr Kippen­berger, sind Sie das? Kurzes Nachdenken auf Seiten des Kolosses mir gegenüber, ob Weitergehen nicht das Beste wäre.

Ja, bin ich. Nun ist ja dieser große deutsche Held seit langem tot, und an seinem Grab auf dem Düsseldorfer Friedhof kann man jeden Samstag die Kinder beobachten, wie sie Fange spielen, und wenn der im­pertinente Jon­athan Meese mal wieder im manischen Stile eines Elton John ein Farben­geschäft leerkauft und sich unbeobachtet fühlt, dann lacht er immer sehr laut und grüßt jovial zu dem Kippenberger-Wandbild hinauf, das dieser einmal als eine postironische DDR-Reminiszenz photographieren hatte lassen. Um so mehr freute ich mich, dieses lebende tote Denkmal bei offenbar bester Gesundheit in sich gekehrt durch die Ruinen der neuen Leipziger Schule spazieren zu sehen.

—Was ist mit der Zeit passiert, Herr Kippenberger?, fiel mir als erstes ein. Da endlich lachte er.

—Die Zeit, die Zeit, rief er mehr hinaus als mir zu, die haben die Chinesen gekauft, das weiss doch ein jeder, sag mal, wo lebst du denn; die Chinesen sind ja das Nächste Grosse Ding, und jetzt geh ich nach Hause und male schön.

Seltsamerweise machte er zu diesem Ausruf aber zwei Riesenschritte auf mich zu, und sagte das alles mit einem entgleitenden Lächeln, das ich eher als Bedrohung empfand, und ich glaubte plötzlich einem lokalen Kippenberger-Darsteller und gescheiterten HGB-Faktotum in die Axtmörder-Arme gelaufen zu sein. Sehr, gut, sehr gut, nickte ich noch völlig überemphatisch, und Ja, Chinesen, und verabschiedete mich, servil rückwärts in meinen Kinderschuhen stolpernd.



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Sunday, May 24, 2009

Ich tanze mit Elfen: Das Andromeda Mega Express Orchestra

„You want to suffer? Go to a rockshow.“ Das ist vom (Rock–)Musiker Jarvis Cocker. Und er hat natürlich recht: Es gibt ja wenig schlimmeres als Konzerte. Die Menschen um einen riechen streng, das Bier wird warm, auf Platte klang alles viel besser, weil der Gitarrist zu faul oder zu unmusikalisch ist, die schönen Harmonie-Gesänge der Studioversion mitzusingen, et cetera pp. Und aus diesen Gründen sollte man auch auf das sogenannte Live-Aufführen von Musik natürlich völlig verzichten, von Hörer–, Veranstalter– wie von Künstlerseite, wirklich große Seelen wie die Beatles und Brian Wilson haben es ja alles vorgemacht.

Gäbe es da nicht ein Orchester. Das Andromeda Mega Express Orchestra. Die heissen wirklich so, und es sind 20 Musikerinnen und Musiker. Sie tragen Röcke, spielen Fagotte und Bratschen, Flöten und Bassklarinetten, und legen wie Ringo Handtücher auf die Standtom, oder sie kommen aus Osteuropa oder Surinam oder von Plan Nine from outer space, man weiss es nicht, und der Schweiz, und tragen putzige Namen wie Andi oder Johannes. Sie benutzen kaum bis keinen Strom, denn der ist schmutzig und rauscht, und, ganz wichtig, weil Ende aller Diskussion und Beginn aller großen Kunst: Sie sind allesamt studierte Musikerinnen und Musiker und beherrschen also schlicht einmal ihre Instrumente und sind zeitlich und räumlich in der Partitur orientiert.

Denn dann kann der Zauber beginnen.

Nachdem Daniel Glatzel, der schlanke Mann an den Klarinetten, sein Orchester und das Publikum im kleinen, stickigen ehemaligen Schnaps­verkost­ungs­etablisse­ment “Horns Erben” zum Abschalten der Mobiltelefone aufgefordert hat, verlassen wir unsere Parking position, taxien die Rollbahn entlang zu einem Surren aus hunderttausend fast sinusförmigen, sich überlagernden Glissandi, die den Bratschen und Violinen und Celli und Flöten und dem (gerne auch mit dem Geigenbogen gespielten) Vibraphon entsteigen, um schliesslich in vollem Schub in ein Reich des nicht geahnten sonischen Glücks aufzubrechen.

Ich stehe in diesem Strom, inmitten der selben stickigen Luft, ein nach Eisenstahl schmeckendes Mineralwasser in der Hand, aber das Andromeda Mega Express Orchestra hat mich längst in seinen Traumpalast entführt, wo Spike Jones und Spike Jonze mit Richard Strauss und Stanley Kubrick um die Wette Rollschuh mit der Weltall-Harfe fahren, wo man lässig Mark Mothersbaugh und Wes Anderson beobachten kann, wie sie eine Fussballmannschaft Elfen und Klabauter zum Mitsingen animieren, und John Zorn und La Monte Young rufen einander verschmitzt Primzahlen zu, und wo das Rattern eines alten Projektors von einem fanatisch und frettchenhaft feilenden Rhythmus-Duo um Andi Waelti und Andy Haberl perfekt simuliert wird.

Situationismus und Perfektion im Detail finden hier ungeahnt zueinander. Gezielte, kontrollierte Massenimprovisation, für die die leider nur als genialisch zu bezeichnenden Kompositionen mit modularen Konzepten Raum schaffen. Die Riesen-Band schert aus in kleinere Formationen; deren Sektionsleiter zählen mit großen Gesten, die das Klopfen auf den Kopf und das sequentielle Einfalten der Finger wie beim Zeitfahren umfassen, auf eine beliebige Achtel im Riesen-Maelstrom eines bösen Grooves (engl. ~ Rundlauf) ihre dann von allen abgefeuerten Skalen ein. Es ist zum Heulen, vor Glück.

Die Späße haben ihren Platz, und tanzen mag man auch, so ganz verhalten, wie ein Hund, der im Traum ja auch nur die Tatzen wippt. Weiße Einhörner mit Nutella-verschmierten Mündern schauen vorbei (das Stück heisst wirklich so), und als Zugabe wird die Komposition eines „brasilianischen Albino-Zwergs“ (es handelt sich um Hermeto Pascoal) neu für dieses Sound-Raum– und Zeitschiff eingerichtet. All diese das Absurde nicht mehr nur streifenden Bilder und Momente leben sorgsam eingebettet innerhalb des Monsters, das das Andromeda Mega Express Orchestra darstellt. Es ist Kunst, die über sich selbst weit hinausweist; es ist Musik, die viel größer ist als ihre Musiker selbst — wie dies ja im Übrigen bei aller wirklich großer Musik der Fall ist; Slayer, die Beatles, Jobim, wenn sie wissen, was ich meine.

Ach so, für die berühmten Geistesverwandten aus Weilheim, The Notwist, haben diese Musikerinnen und Musiker ihre Dienste auch getan. Aber, bitte, kaufen Sie sofort die neue Schallplatte, die von den Musikern selbst als sehr gut und getreu eingeschätzt wird, und stellen Sie sicher, dass sie sobald als möglich das Andromeda Mega Express Orchestra selbst und wahr– und leibhaftig erleben.


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Monday, May 18, 2009

Time traveler’s wisdom: A.P. Seelmann full-length interview



—von Jonas Obleser für walloftime.net

Kennen Sie das? Sie leben so vor sich hin und lassen die Zeit durch den Kamin und denken: Wie wäre es, wenn ich einfach noch mehr wissen würde? Noch mehr lesen vielleicht, oder mich neben meinem Brotberuf einmal ernsthaft mit dem Hof Rudolfs des Zweiten befassen – könnte dies das Leben ändern? Und überhaupt, ist es nicht das Credo unserer in Unsicherheit und mangelndem Selbstwert verhafteten Gesellschaft, dass Bildung den Schlüssel zu quasi allem anderen darstellt?

Höchste Zeit für Wall of Time, diese und andere Fragen mit dem quantitativen Sozialforscher, Kunstgeschichtler und passionerten Witzesammler A.P. Seelmann, auch gelesen als Autor des Feuilletons Der Umblätterer, zu klären.

Herr Seelmann, fragen Sie mich bitte im Gegenzug nicht sofort, warum; aber es erscheint mir seit langem sonnenklar, dass ich mit genau Ihnen über Bildung sprechen möchte. Spielen Sie mit?

Da spiele ich gern mit, schon allein deshalb, weil es mich brennend interessiert warum Sie genau mit mir über Bildung sprechen wollen. Aber zuerst würde ich gern wissen wollen, an welche Art von Bildung Sie denken?

Ich glaube, ich meine Bildung fast in diesem erstmal völlig abstossenden Dietrich Schwanitz-Sinne. Sie wissen schon: Was man gelesen haben muss, für Menschen, die eh überhaupt nicht lesen. Nun, halten Sie sich denn für gebildet?

Interessanter Einstieg, gerade weil Sie Bildung hier mit Büchern, also Gelesenem, verbinden. Arno Schmidt stellte ja mal dieses Rechenmodell über die Anzahl von Büchern auf, welche man in einem Leben lesen kann. Das sind nur ein paar Tausend Bände, viel mehr ist beim besten Willen nicht drin.

… wie der chronisch unterbeschäftigte Sänger Art Garfunkel beweisst, der seit 1968 akribisch jedes gelesene Buch notiert und diese Liste auch öffentlich hält; selbst er liegt bei entsprechend nur 1400 Büchern.

Für ein normales Leseleben, welches ja in der Masse sehr deutlich unter dieser Titelanzahl liegt, sollte man also eigentlich sehr genau auswählen was man liest. In Ecce Homo schreibt Nietzsche ebenfalls am Rande über die Anzahl von Büchern, welche man benötigt und lesen sollte und kommt zu einer deutlich geringeren Anzahl, einige hundert Titel. Sein Hauptargument ist allerdings, dass man sich nicht zu viele fremde Gedanken in den Kopf pflanzen sollte, um seine eigenen nicht zu verwässern. So ähnlich sah das auch Stefan George, nur noch restriktiver, er hielt wohl theoretisch 50 wohlüberlegte Bände für ein Leben ausreichend. Müsste man demnach nicht diese Art von Buchbildung messen können? Also einen Wert, der sich aus der Anzahl und Qualität des Gelesenen errechnen lässt. Dazu würde man natürlich eine Bewertung von Titeln benötigen, also jemanden, der auf einer Skala den Wert eines Buches festlegt. Diese Skala sollte dann sicher von minus bis plus gehen, denn dann würde man vielleicht nach der Lektüre von Dan Browns Da Vinci Code sogar seinen Buchbildungswert verringern. Sie werden entschuldigen, dass ich hier etwas abgeschweift bin, aber wäre es nicht wunderbar wenn ich auf Ihre Frage einfach mit einer Zahl antworten könnte?

Doch, das wäre wunderbar, und spiegelt genau mein Ansinnen wider, Herr Seelmann: Mit Ihnen über Bildung, Lesen, und letztlich Wissen sprechen zu wollen, speist sich nämlich aus Ihrem Doppelleben als Tätiger in der quantitativen Sozialforschung – korrigieren Sie mich, aber im Brotberuf finden Sie zum Beispiel heraus, warum Menschen welche Druckerpatronen schätzen, oder warum sie wohl die eine der anderen, im Grunde völlig identischen Digitalkamera vorziehen – und als staff writer mit den augenscheinlichen Spezialgebieten HP Lovecraft, Thrash Metal und Kunstgeschichte bei den Meta-Feuilletonisten von Umblaetterer.de. Nun, wie auch immer Ihre Formel zum Errechnen Ihrer oder meiner Bildung lauten wird, der Ihrige Kennwert würde auf der Normskala besorgniserregend hoch liegen, so glaube ich. Und da fragt man sich: Wie entscheiden Sie, was Sie lesen? Was Sie schauen? Was Sie hören? Wie entsteht, in diesem anscheinend uferlosen See des kulturgeschichtlichen Expertentums, eine Auswahl? Und, haben Sie für unsere hochmotivierten Leser einige zeit-ökonomische Hinweise?

Vielen Dank für die Blumen, ich fühle mich geehrt, wohl wissend, dass Sie das nicht nötig haben. Ich kann Sie aber beruhigen oder vielleicht auch enttäuschen, ich habe jedenfalls keinen Masterplan beim Lesen, Schauen und Hören und ich hungere auch keinem bürgerlichen Bildungsideal hinterher. Ich bin nur übermäßig neugierig und schlage schnell meine Zähne irgendwo ein und bin dann geradezu exzessiv, jedenfalls solange bis ich einigermaßen meinen „Blutdurst“ gestillt habe. Ich kenne mich auch ehrlicherweise mit nichts so richtig befriedigend aus, ich bin Generalist und verfüge über ein, wohl relativ breites, Halbwissen. Das kommt wohl daher, dass ich tatsächlich sehr viel lese und zwar immer und überall, auch beim Zähneputzen.

Beim Zähneputzen! Ist das nicht sehr un-zen! Ich erinnere mich an den toten Janwillem van de Wetering, dem im Zen-Schlager „Der leere Spiegel“ von seinem Meister exakt solches untersagt wurde. Erzählen Sie sofort!

Ja, das Zähneputzen sollte man ja mindestens drei Minuten tun und je nach Schriftsatz kann man in dieser Zeit ungefähr ein bis zwei Buchseiten konsumieren. Ich brauche aber für die Dentalpflege etwas mehr Zeit, weil ich vor dem Bürsten noch die Zahnzwischenräume reinige, mittlerweile nicht mehr mit Zahnseide, dazu braucht man ja zwei Hände und kann kein Buch halten, sondern mit diesen kleinen borstigen Reinigungsstäbchen, und schaffe also in dieser Zeit einen längeren Artikel oder einige Buchseiten. Ich habe auch immer etwas zu lesen einstecken, wenn ich unterwegs bin, meistens ein Buch. Bücher haben ja auch einen ästhetischen Wert und ich kaufe gern schöne Ausgaben, aber ich brauche auch immer kleinformatige Paperbacks, die ich gut in der Tasche tragen kann, denn ich verspüre eine ungeheure Unruhe, wenn ich zehn Minuten U-Bahn fahre oder irgendwo warten muss und ich habe kein Lesematerial bei mir.

Die Unruhe, um nicht zu sagen: die Langeweile als Bildungsantrieb — ein altes Motiv. Erst das Fressen, dann aber bald das Lesen, bitte.

Vielleicht! Eine ähnliche Unruhe verspüre ich übrigens auch, wenn ich irgendetwas nicht weiß, von dem ich der Meinung bin, dass ich es wissen sollte, das kann im Gespräch sein, im Buchladen oder im Museum und es ist die pure Begeisterung für alles Mögliche, die mich dann treibt entsprechende Lücken zu schließen. Neulich erzählte mir ein Bekannter von Arthur Cravan – Dada-Künstler, Boxer und Lebemann –, von dem ich noch nie etwas gehört hatte und was er da von Cravan erzählte klang so spannend, dass ich mich sofort in einem Zustand der kognitiven Dissonanz befand, welche ich nur durch Lektüre auflösen konnte. Cravan verschwand irgendwann um 1920 spurlos und nach einer von vielen Theorien soll er vielleicht sogar mit B. Traven identisch sein, über den man ja nicht viel weiß, und „Das Totenschiff“, welches verblüffend einer Episode aus Cravans Leben ähnelt, erschien nur wenige Jahre nach Cravans Verschwinden. Solche Geschichten um Randfiguren aus der Vergangenheit reizen mich viel mehr als Gegenwartshits die in aller Munde sind.

Und so gelangen sie immer tiefer in die Kunstgeschichte hinein, zum Beispiel, wie in einen Stollen, und nehmen dort auch im Zweifelsfall den etwas schlechter ausgeleuchteten Pfad?

In der Kunstgeschichte geht es mir ähnlich, ja. Der misanthropische Eigenbrötler Jacopo da Pontormo, welcher sich nach Vasari in seinem Haus ein Turmzimmer schuf, welches nur über eine Leiter zugänglich war, welche er oft einzog, um nicht gestört zu werden, ist für mich reizvoller als der „göttliche“ Genius Michelangelo, obwohl mich natürlich die Schönheit seiner Kunst ebenso bewegt, wie jeden Menschen, der nicht aus Holz ist. Oder nehmen wir die hochmanieristische Kunst am Hofe Rudolfs II, welche kunsthistorisch maximal in der zweiten Liga rangiert, aber ich finde diese Überkünstelung ungeheuer reizvoll, vielleicht vor allem deshalb, weil das Umfeld in dem sie entstand so spannend ist. Allein der exzentrische Imperator, der die Regierungsgeschäfte nahezu vollkommen vernachlässigte, während er das Staatssäckel für seine kulturelle Extravaganz leerte und neben Künstlern (die wirklich großen der Epoche bekam er allerdings nicht nach Prag) auch Alchimisten, Astrologen und allerlei Scharlatane anzog, welche in und um die Prager Burg kampierten.

Ich habe davon ja noch gar nie gehört. Denken Sie an jemanden bestimmten?

Ich denke hier an Joseph Heintz, Hans Rottenhammer und Hans von Aachen, der aber eigentlich aus Köln stammt, und den wichtigsten sogenannten Dürer-Nachahmer Hans Hoffmann. Als prominentes Beispiel kennt man hier natürlich Giuseppe Arcim­boldo, wegen seiner Gemüse­portraits, den sogenan­nten Com­posite Heads. Arcimboldo war aber auch ein begnadeter Zeichner. Das ist nicht verwunderlich, denn er stammt aus Mailand und war mit Bernadino Luini befreundet, einem Leonardo-Schüler. Aber weil wir gerade so viel über Bücher sprechen, Arcimboldos Portraits aus Gemüse sind ja hinreichend bekannt, aber es gibt auch eines, welches bezeichnenderweise „Der Bibliothekar“ genannt wird. Es ist ein Composite Head aus Büchern. Sein schönstes Portrait ist es aber nicht gerade.

Ja, es sieht wirklich entsetzlich aus.

Hierher passt allerdings auch ganz wunderbar der Episodenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“ von Leo Perutz, welcher im Prag dieser Zeit spielt und neben vielen anderen Handlungssträngen auch Rudolf porträtiert. Diese wilde Kette von Assoziationen gibt vielleicht einen kleinen Eindruck wie ich auswähle, nämlich gar nicht, oder eher unterbewusst, ich treibe so dahin und der Rest ergibt sich; eine Art Schneeballsystem. Aber ob man viel oder wenig liest, Leo Perutz, welchen ich für mich auch erst auf Empfehlung eines Freundes entdeckte, kann ich nur wärmstens empfehlen, den muss man lesen, am besten komplett.

Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner „Stern­stunden der Mensch­heit“ dazu ver­öffent­licht. Einen eben­solch­en Effekt wie Slayer auf die Metal-Musik hatte ­Cara­vaggio auf die Maler­ei, sage ich jetzt mal in aller Ver­mes­sen­heit.

Da war es wieder, das im Zweifelsfalle Unersättliche. Macht Wissen einsam?

Ich würde jedenfalls davon ausgehen, dass mit dem Anstieg der Wissenskurve die Anzahl der Leute abnimmt die ebensoviel wissen und sich dadurch, wenn man so will, die Anzahl „Ebenbürtiger“ reduziert und damit tendenziell eine Vereinsamung stattfinden könnte.

Ihre Arbeit, sofern Sie geneigt und befugt sind, darüber kurz zu sprechen, schließt ja – wir erwähnten es bereits – den Austausch mit Laien als Experten ein. Sie versuchen, für ihre Klienten (Hersteller diverser Konsumgüter) etwas über die Herangehensweise, Entscheidungswege, also letztlich auch: das Wissen der Konsumenten zu erfahren. Meinen Sie, so ein Experten-Roundtable wäre auch für im eher Schöngeistigen beheimatete Produzenten wie den offensichtlich nach seinem Weg suchenden Suhrkamp-Verlag hilfreich?

In unserem Institut beschäftigen wir uns weniger mit Konsumgütern, da wir überwiegend im so genannten B2B-Bereich arbeiten und unsere „Feldarbeiter“ dann zumeist mit tatsächlichen Experten zu tun haben, zumindest sollte das im Idealfall so sein. Das unterscheidet sich allerdings grundsätzlich nur wenig von reiner Konsumentenforschung. Wissen ist aber nur ein geringer Teil der hier erforscht wird, überwiegend geht es um die Messung von Verhalten (Was? Wann? Wie viel?) und Einstellungen (Warum?). Aber schlussendlich geht es um schnöden Mammon, denn unsere Kunden wollen basierend auf unseren Ergebnissen Strategien entwickeln, mit denen sie mehr von ihren Produkten an den Mann bringen können. Und damit unterscheiden sie sich natürlich nicht so sehr von einem Verlagshaus wie z.B. Suhrkamp. So gesehen wäre der Einsatz von Methoden der empirischen Sozialforschung, in welcher Form auch immer, sehr nützlich bei der Suche nach dem oder einem Weg. Aber meinen Sie denn nicht, dass der Suhrkamp Verlag sowieso in irgendeiner Form Marktanalyse betreibt?

Ich weiss nicht. Ich will es mir nicht recht wünschen wollen. Herr Seelmann, zum Abschluss müssen wir uns unbedingt noch über die von uns beiden hochgeschätzte Musikgruppe Slayer austauschen. Ich erinnere mich lebhaft, wie Sie mir erzählten, einen Kneipendisput über den genauen Namen der Slayer-Plattenfirma einmal mittels dieses englischen Textnachrichten-Anbieters gelöst zu haben, der auf beliebige, enzyklopädische Fragen gegen viel Geld pro Minute die Antwort prompt zusendet. Und ich erinnere mich, dass wir beide sodann Ihren Disputanten anrufen mussten, um uns zu erinnern, wie dieser Dienst-Anbieter noch einmal genau hiesse. Ein schönes Beispiel, wie eins zum anderen führt in der Fraktalität des Unwissens. Slayer! Welche Rolle nimmt das Werk dieser eher finster aufspielenden Gruppe in dem von Ihnen bis hierher aufgespannten Kosmos aus sehr solidem Halbwissen und Kunstbeflissenheit ein?

Ja, mir wollte jemand nicht glauben, dass die Schallplatte „Reign in Blood“ auf Def Jam Recordings herausgekommen ist, das Plattenlabel welches Rick Rubin gegründet hatte und das sich eher auf Hip-Hop spezialisierte. Aber die letzten vier Johnny Cash Alben kamen ja auch auf American Recordings heraus, einem Ableger oder Nachfolger oder so von Def Jam, so genau weiß ich das auch nicht, bitte bei Wikipedia nachlesen. Die „Reign in Blood“ ist jedenfalls eines der wenigen Alben, das man immer und immer wieder von vorn bis hinten hören kann, also „Piece by Piece“ wenn man so will, hehe. Alles ist wie aus einem Guss, zeitlos schön und hat eingeschlagen wie eine Bombe, als es herauskam. Ich hörte das erste Stück des Albums in der Sendung „Heavy Metal Special“ auf NDR 2 und sie spielten nicht den Einstiegshit „Angel of Death“ – …

„Infamous! Butcher! Immense Decay!“

… Genau! – sondern das erste Stück der B-Seite, „Criminally Insane“. Vielleicht hatten die einfach die Platte falsch herum aufgelegt; mich riss das Stück, vielleicht das seichteste des Albums, trotzdem vom sprichwörtlichen Hocker.

Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner Sternstunden der Menschheit dazu veröffentlicht. Einen ebensolchen Effekt wie Slayer auf die Metal-Musik hatte Caravaggio auf die Malerei, sage ich jetzt mal in aller Vermessenheit. Und wie bei Caravaggio, der eine ganze Schar von Nachahmern fand, brauchte es ein paar Jahre bis wirklich jemand an sein Werk anschließen und es fortsetzen konnte. Das waren dann nicht die so genannten Caravaggisti, die seinen Stil nachahmten, sondern die Maler die darauf aufbauend nach einer Weile etwas Neues schaffen konnten, Velazquez, Rembrandt, Georges de la Tour. Bei Slayer waren das vielleicht Sepultura mit dem fünf Jahre nach der „Reign in Blood“ erschienenen Album „Arise“.

Herr Seelmann, das ist doch zum Thema Bildung eine ganz hervorragende Kaufempfehlung zum Ende dieses interessanten Gesprächs. Herzlichen Dank.


References

Barcinski, A., Gomes, S. (1999). Sepultura: Toda a História. São Paulo: Ed. 34

Brown, D. (2003). The Da Vinci Code. London: Bantham Books

Cravan,A. (1991). Boxer und Poet: Oder Die Seele im 20. Jahrhundert. Hamburg: Edition Nautilus

Da Costa Kaufmann, T. (1988). The School of Prague: Painting at the Court of Rudolf II. Chicago: University Of Chicago Press

King, K., Hannemann, J., Araya, T., Lombardo, D. (1987). Slayer: Reign In Blood. New York: Def Jam / Geffen / Warner Bros. Records

Kulturstiftung Ruhr Essen (1988). Prag um 1600 – Kunst und Kultur am Hofe Rudolf II. Freren: Luca.

Nietzsche, F. (2005). Ecce homo. Wie man wird, was man ist. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

Paumgarten, N. (2008). [Art Garfunkel] The King of Reading. New Yorker Magazine January 28 Issue.

Perutz, L. (2002). Nachts unter der steinernen Brücke. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

Reuter, S. (2000). Arno Schmidt und die Bücher – betrachtet aus der Per­spek­tive einer gestrich­enen Text­stelle der Fouqué-Bio­graphie. http://ste­phan­reuth­ner.de/­smibio7.htm

Richardson, M., Geary, R. (2005). Cravan: Mystery Man of the Twentieth Century. Milwaukie, Oregon: Dark Horse Comics

Schwanitz, D. (2002). Bildung. Alles was man wissen muss. München: Goldmann.

Schonauer, F. (2000). Stefan George. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch

Schürmann-Emanuely, A. (2000). Arthur Cravan – Die Niedertracht der Tafelrunde. Risse im Context (Magazin zur Alpenbegradigung) XXI: 5.

Traven, B. (1926). Das Totenschiff. Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg

Vasari, G. (2004). Das Leben des Pontormo. Berlin: Klaus Wagenbach.

Van de Wetering, J. (1972). De lege spiegel. Ervaringen in een Japans Zenklooster. Rotterdam: Synthese Uitgeverij

Zweig, S. (1926). Sternstunden der Menschheit. Leipzig: Insel


A.P. Seelmann ist regelmäßig zu lesen auf Umblaetterer.de unter dem Kampfnamen Dique. Wir sprachen mit A.P. Seelmann im April und Mai 2009 in Leipzig und Hamburg.


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Friday, May 15, 2009

Announcement for the upcoming A.P. SEELMANN interview

for immediate release

Fellow time travelers, liebe Zeitmaurer,

Watch out for another full-length and in-depth interview here at the WALL OF TIME for the Time traveler’s wisdom series:

We recently had the pleasure and great honour to chat with Hamburg– and London-based long-time erraticist, well-reputed ecleticist, and social scientist A.P Seel­mann.

Seelmann is an honoury fellow of the German-lingo literary and fine arts house Der Umblätterer, where you can read Seelmann’s erudite and often plain funny endeavours (“Curb your Michelangelo”, “Auf dem Kopf ein Aushilfs-Timoschenko-Flechtwerk”, and the likes) under the battle name Dique.

Stay tuned for the 4-page full-text four-colour portable document format file as well as the complimentary hyper-text markup language version both being available in the tongue of Goethe, Goering and others (German, that is) here from Monday May 18th 0900 hours AM on.

Meanwhile, freel free to check out or previous interviews.


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen — zum Beispiel das hier annoncierte Interview mit dem großen Bildungsforscher A.P. Seelmann.

Saturday, May 09, 2009

Geschieht es?


Jonas Obleser, 'RGB 29,24,21’, 240 × 200 px

Ist die Monochromie das erste oder das letzte Bild? Was geschieht mit der Zeit, wenn die Narration aus dem Bild verschwindet?

Das folgende ist ein Zitat aus Julia Friedrichs hervorragend geschriebener (und von Carmen Strzelecki sehr schön gesetzter) Dissertation, “Grau ohne Grund — Gerhard Richters Monochromien als Herausforderung der künstlerischen Avantgarde”, erschienen 2009 bei Strzelecki Books, Köln.

Wo noch Bewegung ist – ließe sich Lyotards Überlegung fortsetzen –, ist noch immer ein Vorher und Nachher, eine Entwicklung und kein Jetzt. Zugleich ist aber mit [Barnett] Newmans Tafeln, die zwar narrative Titel tragen, aber keine Szenen geben, die zwar Bilder sind, aber nichts darstellen, zugleich die Frage »Geschieht es?« gestellt. 143 Erhaben wären die Tafeln Newmans nach deser Deutung keineswegs deshalb, weil sie an dräuende Wolken oder Steinwüsten erinnerten, und auch nicht deshalb, weil sie den Betrachter durch ihre Monumentalität überwältigten, sondern gerade durch ihre Verweigerung der Abbildung und weil sie dennoch in der Zeit, im Jetzt, die konkrete Frage nach dem Seienden stellen. Geschieht es? Das Ereignis ist demnach nicht Moment einer Entwicklung oder einer zeitlich fortschreitenden Bewegung, sondern fällt aus der Zeit heraus.

Obwohl Lyotards Analyse einen ganz wichtigen Punkt erfasst – das Verhältnis von Zeit und Unzeit, von linearem, geschichtlichen Fortschreiten und plötzlichem Ereignis –, der gerade im Vergleich mit Gerhard Richters Konzeption, die in vieler Beziehung exakt das Gegenteil von Newmans vorstellt, noch genauer betrachtet werden muss, scheint sie doch zu abstrakt. Auch wenn Newmans »Vir heroicus sublimis« Lyotards Ausgangspunkt ist, schaut er sich das Gemälde gar nicht näher an. Die Frage »Geschieht es?« wird im Grunde von allen Kunstwerken aufgeworfen, die die Frage nach der eigenen Existenz stellen, also von der Konzeptkunst Lawrence Weiners oder On Kawaras ebenso wie vom Action Paiting oder vom abstrakten Expressionismus Jackson Pollocks oder Willem De Koonings.

143 Lyotard, F. (1984). Das Erhabene und die Avantgarde. Merkur 424:151–164



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Thursday, May 07, 2009

Fake beards (I)




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Wednesday, April 29, 2009

Die Grosse Flagge

“9005, Tiefschwarz; 3020, Verkehrsrot; 1021, Rapsgelb”
—Aus den technischen Spezifikationen für das Corporate Design des Bundeskabinetts


Endlich! Die GROSSE FLAGGE—the previously missing solution to resolve Germany’s haphazard struggle to find identity, meaning and something to disagree with!

Where would this country go without Ingo Niermann, Ralf Pflugfelder, and Erik Niedling? To hell in a handbasket.

Von den Machern der GROSSEN PYRAMIDE kommt jetzt der neue Gesell­schafts­schock­er und Diskurs­rocker DIE GROSSE FLAGGE. Gerhard Richter hat in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger bereits Abstand genommen—die Pläne zur Errichtung des größten Fahnenmasts der Welt in Berlin als Nationaldenkmal werde an ästhetischer Absurdität nur noch von Rainer Fettings Brandt-Statue annäherend erreicht. Auch droht Richter, seine (die Farbspezifikationen des Bundeskabinetts übrigens missachtende) Schwarz–Rot–Gold-Skulptur im Reichstag eigenhändig zu deinstallieren, sollten Niermann und die FREUNDE DER GROSSEN FLAGGE Erfolg bei der Berliner Jury haben. Wall of Time kann all dem nur uneingeschränkt zustimmen.

Materialien und sogenannte Internet-Auftritte zu den FREUNDEN DER GROSSEN FLAGGE werden unseren Lesern selbstredend nachgereicht.

Sunday, February 15, 2009

Das Vergnügen, die Empörung singen.

“Weisst Du, vor hundert Jahren, vor: hundert!, hat Marinetti sein futuristisches Manifest hinausgeschleudert. Das habe ich neulich gelesen.” — “Marinetti war doch ein Faschist.” — “Das ist doch nur kennzeichnend, dass er später dann eben daran geglaubt hat; Er dachte, Mussolini überlässt den Künstlern die Macht; war das Benn, der ja auch kurz darauf reingefallen ist in seiner Eitelkeit, der das als Artokratie bezeichnet hat? Nun ja.” — “Und, macht es Dich traurig, dass es schon hundert Jahre alt ist, das Manifest?” — “Ich glaube, Du machst Dich lustig. Aber: Ja, es macht mich traurig. Wo ist unsere Wut? Wo ist dieser Schaum vor dem Mund hin, der die schönsten Blasen trug? Wo ist diese Wut hin? Der Aufbruch.” — “Zweitausend Euro bekommt ein Wissenschaftler heute, wie soll man da wütend sein?” — “Ja, vielleicht ist das das Problem. Aber ich glaube, es ist eher ein Symptom. Kein Druck mehr.” —

“Noch ist es doch nicht zu spät. Ich will mich auch nicht lustig machen, ich spüre ja auch diese Trägheit, diese Dumpfheit. Wir könnten doch neu aufbrechen.” — “2009, das Jahr in dem wir alles hinter uns liessen…Ich weiss nicht. Weisst Du noch, 2004, also: neulich erst. Da waren wir beide noch so voller Bilder, und voller magischer Träume, und voller Pläne. Und jetzt, in diesem neuen Jahr, hundert neue Jahre seit Marinettis durchbrochenen Lampen, elektrischen Herzen, dem Lärm der Straße, sitzen und warten wir matt und dumpf und hirntot; so tot am Leben wie es heute nichtmal mehr die umsorgten und bespaßten Zoobären sind.” — “Kannst Du schnell dranbleiben, ich habe einen Anruf des Vermieters gerade.” — “Ja – ein anderes Mal dann. Wir haben heute auch Karten fürs Theater. Ich verabscheue das Theater. Ich will das alles nicht.” — “Sei nicht so – traurig. Freitag dann?” — “Am Freitag sind es dann genau hundert Jahre.” — “Elektrische Herzen!” — “Siehst Du, Du machst Dich doch lustig.”


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Friday, January 30, 2009

Object Trouvée

This photo was allegedly taken only minutes before Rezzo Schlauch failed being elected as mayor of Stuttgart, in autumn 1996.

Thursday, January 15, 2009

Hannes Woidich: Maschine

Hannes Woidich
MASCHINE
Ausstellung der Diplomarbeit
15.–18. Januar 2009, jeweils von 16.00 bis 19.00 Uhr
Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1

Hannes Woidich, der mit uns an der Wall of Time letzten Mai ausführlich sprach, stellt nun endlich sein bisheriges Opus Magnum, die Photographien-Serie “MASCHINE”, aus.

Damals sagte Woidich, nach seinen Motiven (sic) befragt:

“Zur Zeit photographiere ich in großen Fabrikhallen Maschinen, alles bei Nacht, die Maschinen stehen still. Wenn man diese Produktionsstätten ruhen sieht, bei Dunkelheit und menschenleer, dann fragt man sich zwangsläufig, was das bedeuten könnte. Ein Leben, das versorgt wird aus irgendwelchen austauschbaren Fabriken, die diese austauschbaren Waren herstellen, die ich dann mit meiner einzigartigen CANON EOS 5d und mit meinem hochwertigen und vorzüglich verarbeitetem Stativ aus Carbon abphotographiere […] Ich photographiere diesen Zerfall auch, weil ich froh um ihn bin.



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Tuesday, January 13, 2009

Bekanntmachung

Antje Majewski

“Tanz
RGBCMYK
05 January–31 January 2009

neugerriemschneider
Linienstr. 155
10115 Berlin

Bitte besuchen Sie die Ausstellung der Künstlerin Antje Majewski, wenn Sie einmal in Berlin sein sollten dieser Tage.

Monday, December 01, 2008

Hier ist immer woanders.

Kennen Sie das? Sie reissen einen braunen Umschlag auf; gelblich ist er eher—eine Farbe, wie sie längst ausgestorben sein müsste, wenn es kein Leben im Geheimnis gäbe.

Und wenn Sie den Umschlag aufreissen, dann schaut sie das Ergebnis einer längst vergessenen DVD-Bestellung an. Diese wiederum, jetzt erinnern Sie sich, war das Ergebnis langen Suchens, intensiv empfundener Sehnsucht gewesen.

Ich übertreibe schrecklich, aber so ist es, wenn man in Worten sagen muss, was nur Bilder können. Ich jage seit langen Jahren, wie hier oft genug zu lesen war bereits, dem Mann nach, der einst auf sein Segelboot stieg und verschwand. Nicht ohne uns große, weil reine, kleine Kunst zu hinterlassen. Kunst, bei der man nicht mit Idioten dikutieren muss, was denn daran Kunst sei. Dies wiederum nicht, weil es solche matten Geister nicht gäbe, die angesichts des Schaffens dieses Mannes dies einwerfen würden; sondern weil man ganz gleichmütig und leise und melancholisch, und: froh wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Bas Jan Ader. Endlich, endlich auch in allen DVD-Geräten all überall. Erwerben Sie bitte diesen Film und geben Sie ihn nicht mehr fort.


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Saturday, November 29, 2008

Singularity

I hope that nobody will come and visit the Wall of Time, as I type this, in the last minutes of November 29, 2008. I hope so, because statistics indicate that today would then have been the first day (since Wall of Time came to new life in February earlier this year) on which nobody has visited. Now, this is not a bad thing. This is rather a very good thing, finally, something interesting is happening in the overwhelming amounts of senseless statistics a simple and irrelevant literary web-based notebook like this produces, every day. Normally, that is. Today, a big Zero lights up inmidst the steady flow of 28, 37, 106, or 49 visitors we usually witness each and every day, 24/7.

Please, come in, have a look around; but thanks honestly for giving the internet a real sense of space and limits today. A singularity in time and space, a zero with a smile. Speak soon, dear visitors, here at the Wall of Time.

Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, November 04, 2008

Heute sind wir alle Amerikaner: Ingo Niermanns JOIN THE U.S. ARMY

Am vergangenen Freitag eröffnete der Autor und Künstler Ingo Niermann in der Berliner Galerie ZERN seine Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY, passend zu den heute bevorstehenden Umstürzen im Heimatland dieser großen Militärmacht.

Ich war auch anwesend, geplagt von widerstrebenden Eindrücken – doch am Schluss gewann das Leuchten in meinen Augen, nach der wiederholten gedanklichen Rückkehr zur Kindheit in den frühen 1980er Jahren, als während des NATO-Doppelbeschlusses es meinen Eltern leider nicht geboten schien, ihrem Kind ein ordentliches Gewehr auszusägen, und deshalb nur Holz-Tomahawks (die Äxte, nicht die Raketen) zur Verfügung standen.

WALL OF TIME konnte in den unmittelbaren Turbulenzen nach der Vernissage mit dem deutschen Künstler Ingo Niermann ein kurzes Gespräch führen.

Lieber Ingo Niermann, als wir bei WALL OF TIME von Ihrer Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY hörten, zögerten wir keine Sekunde, Ihrem Ruf Folge zu leisten. Und die Eröffnung geriet ja auch zum veritablen Spektakel, von den gestrengen Recruiting Officers der Galerie ZERN über die wunderschönen M-16 Holzgewehre – wer hat diese eigentlich ausgesägt?

…Ein mir nicht bekannter, kundiger Schreiner…

– bis zu Ihrem Drill Instructor Thoralf. Ein sehr guter Name, im Übrigen. Wieso eine Ausstellung, Ihre erste Einzel-Ausstellung, zur US-Armee? Hat diese nicht ein sehr schlechtes Image?

Keine andere Armee ist auch nur halb so mächtig.

Im Begleittext zur Ausstellung wird Bezug genommen auf den Cargo-Kult der auf den Neuen Hebriden Verbreitung erfuhr, eine – bitte korrigieren Sie mich – Form der kultischen Verehrung von US-Cargo-Gütern, die die Verheerungen des Pazifikkriegs an diese Inseln spülten. Ist es tatsächlich so, dass dort bis heute der US-Armee wie einer Gottheit gehuldigt wird? Sie waren 2004 einmal dort, stimmt das?

Cargo-Kulte gibt es auf vielen Südsee-Inseln. Die Güter wurden während des Zweiten Weltkriegs von gegen Japan kämpfenden GIs auf die Inseln gebracht. Auf der Insel Tanna im Inselstaat Vanuatu (ehemals Neue Hebriden) wird der eschatologischen Gottheit John Frum einmal jährlich mit einer eigenen US-Armee gedacht. Christian Kracht und ich hatten im Februar 2004 die Ehre, diesem Fest beizuwohnen, und erfuhren, dass auf der Insel, im Krater des Mount Yasur, auch der Geist von Amerika Zuflucht gefunden hat. Der Geist von Amerika – so auch der Titel eines gemeinsam mit Christian Kracht verfassten Aufsatzes, abgedruckt in Krachts “New Wave” (Köln, 2006) und dem von Chus Martínez herausgegebenen Katalog “Pensée Sauvage” (Frankfurt/M., 2007).

Mir fiel auf, dass sehr viele Un­ge­dien­te und Frau­en Ihrem Ruf Folge leistet­en und sofort und be­reit­wil­lig der U.S. ARMY be­itrat­en. Hatten Sie das geahnt, waren Sie sich dieses Zuspruchs gar sicher im Vorfeld? Und warum wollen nun auf einmal alle der US-Armee angehören? Was ist das Geheimnis?

Die schöne Flagge, die schönen Gewehre und die Macht.

Ein integraler Bestandteil der Ausstellung schien mir neben den Holzgewehren und dem Rekrutierungsprozess selbst die Feilbietung und Aufnahme von frei verfügbarem, hochprozentigem Alkohol zu sein. Ich selbst fürchtete kurzzeitig, mittels des Alkohols vielleicht “shanghait” zu werden und mich am nächsten Morgen auf einem Flugzeugträger der dann leider echten U.S. ARMY wiederzufinden. Dies passierte nicht, aber: Weshalb der Alkohol, der in der echten U.S. ARMY wie in jeder Armee sicher streng verboten und doch Teil der Kultur ist?

Alkohol ist eine klassische Rekrutierungsdroge, die sich – wie ich von an dem Abend anwesenden US-Amerikanern erfuhr – auch heute noch die US-Armee während des Spring Breaks zunutze macht.

Commander Niermann, aufmerksame Besucher Ihrer Ausstellung konnten Zeuge werden, wie Sie wiederholt davon sprachen, dies sei erst der Anfang gewesen, und es gehe “immer weiter”. Wohin bitte geht es immer weiter mit der Niermannschen U.S. ARMY?

Geplant sind weitere Rekrutierungen sowieso Ausbildungscamps mit den bereits Rekrutierten.

Oh. Das betrifft auch mich. — Heute wird gewählt, Sie feiern in Ihrer Ausstellung auch eine große Wahlparty unter dem Motto “My Country, right or wrong”. Sehen Sie direkte Implikationen für die U.S. ARMY durch den Ausgang der Wahl?

Nein.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Wednesday, October 29, 2008

Strahlt ein toter Wind noch? Jünger, abgetippt.

—“So schreibe ich jeden Tag, auch wenn ich selbst nichts schreiben mag.”

Man kann sich den Schriften eines Vielschreibers, eines täglich Schreibenden, auf unterschiedliche Arten nähern. Lesen ist meist ein Teil davon, seltener das Abschreiben. Ein Mensch mit dem hervorragend geeigneten Pseudonym Mistral («The Mistral in France is a fresh or cold, often violent, and usually dry wind, blowing throughout the year but is most frequent in winter and spring») hat nun beschlossen, sich dem sperrigen Vielschreiber Ernst Jünger und dessen (von vielen als Hauptwerk verstandenen) “Strahlungen”, den Tagebüchern von 1939 bis 1948, zu nähern.

Was tut Mistral? In einem anderen Tagebuch, nicht jenem Jüngers, sondern jenem des Schriftstellers Pippin Wigglesworth-Weider, lese ich:

“Dann tippe ich sie ab. Zwei bis drei Einträge pro Tag. Es ist Tipp- und Schauarbeit. Hin und zurück mit den Augen, weil die Hände noch nicht ganz selbständig auf die Tasten wirken. Das Ziel der Übung, der genaue Blick auf die Worte und das Gehör für ihr Gewicht im Satz, bewusst und unbewusst das Gute zu verinnerlichen. Zu jedem abgetippten Eintrag füge ich ein Bild hinzu, die Auswahl des passenden Motivs ist der Zucker für den Esel. Dann lade ich die Arbeit auf den Weblog: Strahlungen 2010.”

Mistral oder Pippin oder eine Figur, die sie beide bilden, irgendwo zwischen ihren eigenen Vorlieben, Text­begegnungen mit Jünger und einer berührenden Formstrenge, tippen für uns (vielleicht bis 2010, was ich nicht recht glaube, und was auch egal ist) also die “Strahl­ungen” ab, und verleihen Einträgen wie vom 18. April 1939, in Kirchhorst, neues Leben. Man hätte einscannen, horten, selektieren, kopieren, einfügen, apfel v, können. Und vielleicht macht es ein schlauer Mistral auch genau so, und spielt mit uns—dahingestellt.

Was uns geschenkt wird, ist ein web-basiertes Tagebuch, das nichts anderes will, als die fast 70 Jahre alten Gedanken und Sprachspiele eines anderen wieder zum Atmen zu bringen. Keine albernen Youtube-Links, aber auch kein Party-Nacherzählen, oder prätentiöse Befindlichkeit, wie hier manchesmal. Nur die Strahlungen.


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Friday, October 24, 2008

Ein Nutzsignal im visuellen Rauschen: Herburg & Weiland

Mrs Eaves war eine gute Haushälterin. Auch wenn es etwas aus der Mode gekommen ist, Menschen zu bezahlen, damit sie nach dem Rechten sehen und damit alles hübsch ist, wenn einmal Besuch kommt, so war Mrs Eaves doch genau solch ein guter Geist, im Hause des Schriftgießers Baskerville, in einer anderen Zeit [1].

Vielleicht hat sich Mrs Eaves auch manchmal eingemischt in Herrn Baskervilles Geschäfte mit guten Vorschlägen, sicher aber hat sie dafür gesorgt, dass sich Herr Baskerville keine Gedanken über die Tischdecke und das Gebäck machen musste, und seine zahlreichen Gäste sollen immer sehr zufrieden gewesen sein.

Die gestaltende Agentur Herburg & Weiland in München stelle ich mir immer wie eine stille, fürsorgliche und fast weise Haushälterin vor, die heimlich in ihrer Stube eine direkte Leitung zu den Universen des guten Geschmacks und der Stilsicherheit unterhält, jedoch niemals so prätentiös wäre, dies irgendjemanden spüren zu lassen [2]. Alles, was ihr Haus verlässt, sieht auf fast unheimliche Art und Weise gut und richtig aus.


REFERENCES

[1] Mrs Eaves, typeface designed by Zuzana Licko in 1996, licenced by Emigre type foundry.
[2] Herburg & Weiland, Munich, Germany


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Tuesday, August 05, 2008

A crystal of time (lost, and found, on my hard disc)



†) Anm.: Wenn ich wüsste, was sentimental genau bedeutet, könnte ich Ihnen mit größerer Bestimmtheit sagen, ob dieses Fundstück, das seit 2006 auf meiner Festplatte lebt und pulsiert, auch wenn man es nicht zum Leben erklickt, in einem Moment der Sentimentalität entstand.

Sicher weiss ich nur, dass ich unter Kopfhörern, in einer kleinen möblierten Hölle in Camden, UK, immer wieder Herrn Distelmeyers und Herrn Rattays hynoptischer siebenminütiger Schleife aus E-Moll nachspürte; wie eine Katze, die ja auch nicht weiss, wieso sie stets mit den Augen gebannt dem Spielzeug hinterherstarrt. Ein Zeitkristall.


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen. Das gezeigte animierte .gif ist eine nicht-authorisierte Übersetzung und Adaption dieses Musikstücks.