Tuesday, January 24, 2006

Augen der Großstadt

"Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem
Gang, die dich vergaßen.
Ein Auge winkt, die Seele klingt;
du hast's gefunden, nur für Sekunden.
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das?
Kein Mensch dreht die Zeit zurück.
Vorbei, verweht, nie wieder."
(Kurt Tucholsky)


Die Großstadt. Mit einem Buch
vor der Brust schneiste ich
heute morgen die Meter vom Bus
zur Arbeit mir frei, durch den
Menschenmaelstrom, das Buch
einer Rüstung und einem Schwert
gleich gleichzeitig.

Eigentlich ist es die Tugend
der Gleichgültigkeit, die mir
und uns allen es erst erlaubt,
es in so einer unfreiwillig
gemeinsamen Lebenswelt
überhaupt auszuhalten.
Die moderne Großstadt
kann ja nur so funktionieren.

Und genau deshalb ist es vielleicht
auch so ungehörig, in der Bahn
oder dem Bus diese eherne Regel
zu brechen, und die Blicke eben
doch auf Braue oder Kinn des
anderen (machen wir einander
nichts vor: der anderen) verweilen
zu lassen.

Ob die dabei gelegentlich
empfunden leichten Stiche ob
der unerbittlich nach vorne
weisenden Zeit, wie Tucholsky
sie kennt und nennt, vielleicht
noch ungehöriger als die Blicke sind?

Dass mein gedrucktes Schwert
heute morgen zu allem Überfluß
eine Monographie über die
Grenzen, die Nähe, und die
Bedingungen des Raums war,
passte ja auch ganz gut.

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