Sunday, March 02, 2008

Auf Reisen — Are you with me Dr. Woo?

I went searching for the song / You used to sing to me /
Katy lies / You could see it in her eyes /
But imagine my surprise / When I saw you /
Are you with me Doctor Wu?
(Steely Dan, 1975)

Vergangenen Samstag verließ ein Regionalzug Leipzig, mit einem übernächtigten, unpassend touristisch gekleideten Mann an Bord.

Die Fahrt führte zügig ins Herz der ostdeutschen Finsternis hinein. Klingende Namen eines vergangenen Schreckens, die kraft ebenjenes Klangs die Imagination befeuerten: Bitterfeld, Wolfen, Dessau. Wer Dessau nur aus sterilen, sonnendurchfluteten Galerieräumlichkeiten in London oder Berlin kennt, von den in Helvetica gedruckten Legendentexten zu Austellungsstücken von Josef Albers oder Laszlo Moholy-Nagy, hat etwas Fundamentales über Dessau falsch verstanden: Keiner baut ein Haus in Dessau, kein Mensch. Auch in den 1920er Jahren muss es ein kühner Akt gewesen sein, die Avantgarde ausgerechnet unter dem dräuenden Himmel im Nichts zwischen Berlin und Leipzig hochziehen zu wollen.

Die Fahrt durch diese Siedlungen tut dem Geiste durchaus etwas an, und nur zu gerne hätte man jetzt den nie geschriebenen Reisebericht der wandernden Erinnerungs– und Vernetzungsmaschine W.G. Sebald und seine—am besten in diesem ruhigen, etwas Versicherndes ausstrahlenden, 27 Zeilen pro Seite nie überschreitenden Satzspiegel gedruckten—Quisquilien über Rosslau / Elbe studiert.

Irgend ein derartiges Schutzschild aber sollte man besser zur Hand haben, wenn man hindurch will und hinein, tiefer hinein, ins Mark. Wiesenburg (Mark), Bahnhof. Doktor Woodard hatte versichert da zu sein, 11 Uhr 49.

Es ist wieder einer dieser geschrieben immer zu gewollt klingenden Zufälle, dass, als ich obigen Satz mit “11 Uhr 49” geformt und zuende getippt hatte, es bereits 11 Uhr 55 war und mein Telefon mich aus den Gedanken riss.

“Hi, it’s David”—"Oh David, hi, I think we’re running late"—"Er, Jonas, I think your train passed. You did not leave the train, this is an easy thing to happen here."

Doktor Woodard sollte recht behalten mit seiner Einschätzung, und so war es also erst einige Biegungen des Raum-Zeit-Kontinuums später, dass ich ihm die Hand schütteln konnte. Es gab ihn wirklich.

Wir spazierten drauflos, zaghaft Ansichten und Vorstellungen zu Zeitreisen, J.S. Bach, Haight Ashbury, The Magnificent Brotherhood sowie das gravitätische Kreisen der US-Amerikaner um den uralten Turm Zentraleuropa austauschend.

Auch wenn nicht genau klar war nach 20 Minuten solchen Spazierens, ob man das Jahr 1896, 1689 oder 1968 schrieb, kam schließlich das Schloss des Doktor Woodard in unseren Blick. Ein sanft der Parklandschaft einbeschriebener Teich bot sich uns dar und lud zu Spekulationen über so nie stattgefundene Aussprachen zwischen dem somnabulen Gottfried Benn und dem vogelgesichtigen Ernst Jünger ein. Ein freundliches Gespräch entspann sich also, und ein eindrucksreicher Tag vollzog seinen Lauf, und das Ergebnis lesen geneigte, dem Englischen mächtige oder ihm zumindest zugewandte Besucher morgen hier.



Apologies to our readers who prefer our English posts.

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