Friday, July 25, 2008

Drachenhaut

Für einen Moment erstaunt mich am meisten das Fächern des Sandes über die seltsam unpassend klinkerverkleideten Wangen der Quai-Ruine. Ein warmer Wind streicht mir über die Stirn, und unter mir zittert das Fundament eines schlafenden Riesen.

Fünfzehn Meter tief in den Boden der Prorer Wiek geschmiegt, durchgängig dreigestöckig über die gesamte Strecke seines fast fünf Kilometer langen Leibes, liegt es da. Wie die verdörrte, vielleicht sogar versteinerte Haut einer aus­gestorbenen Echse. Das Drachentier ist fort, verbannt, keiner der noch lebenden Inselbewohner will es gesehen haben. Nicht der freundliche Fischfritteur mit den Tabakresten im Schnautzbart, und auch nicht der ennervierende Fremdenführer mit seinen—ist das irgendwie so ironisch gemeint?—Camouflage- und Militaria-Versatzstücken aus dem Billigstversandhandel und seiner Volksarmee-Vergangenheit und seinem «Die dort oben»-Sermon.

Vom Drachen selbst hat er auch nichts zu berichten, nur vom genialischen Baumeister mit dem etwas zu nahe­liegenden Namen Klotz. Von den 72 Millionen Reichsmark, die sie beerdigt haben, mit Schaufeln nur und ganz wenigen Maschinen, in Windeseile, bevor es daran ging im Osten mit dem wirk­lichen Beerdigen zu beginnen.

Wenn man dort steht, auf diesem Fundament, und in den herrlichen Kiefernwald hineinschaut, oder auf die See hinaus, wenn man den Aufbruch und die Anmut zulässt, die unwillkürlich aufsteigen, dann hat der Drache bewiesen, wieso er so erfolgreich sein Lied singen konnte in jenen Jahren, und am liebsten will man sofort mithelfen, alles gut werden zu lassen.

Ich kann, wenn ich meiner Faszination für Ordnungssysteme aller Art auch nur einen Hauch von Raum lasse, nicht gedanklich verharren in dieser Ruine; ich muss zurück in der Zeit, um viele Jahre, die sich wie Zeitalter ausnehmen, angesichts der irreversiblen Ungeheurlichkeiten die ihren Lauf nahmen, als dem Drachen hier die Kraft verging und sich alle, die an seinem Drachenkostüm mitwebten, sich ihrer eigentlichen Boshaftigkeit wieder zuwandten. An diesem Punkt der Geschichte will man chronochirurgisch eingreifen: Die Mendelssohnschen Rundungen dort oben vollenden, und die Platten aus Muschelkalk endlich anbringen, und die grässliche Festhalle ganz aus dem Plan streichen, und ich will das Wellenbad in Betrieb nehmen, und die Besucher zum Strand laufen sehen mit den Kindern, alle für sich, in verrückten unberechenbaren Bahnen, jedes für sich in seinem Rhythmus, nur geeint in der Freude, hier zu sein, am schönsten Strand dieser Welt.

In solch alberne, ahistorische und meinethalben rührselige Gedankenspiele drifte ich unwillkürlich, bis die Nervensäge in Tarnfarben zum wortreichen Rückmarsch bittet.

Apologies to our readers who prefer our English posts.

1 comment:

  1. Prora ist ein großartiger Ort. Die verrückte Hast, mit der das Bad entstanden ist, fasziniert mich; sie haben nicht nur Politik gemacht, wie man sonst nur Krieg führt (das Unwahrscheinliche tun, bevor die anderen Zeit hatten, nachzudenken), sie haben auch das Volk mit Freude versorgen wollen in diesem Stil, atemlos und auf Pump, wie immer.

    Prora ist toll, weil das Volk abwesend ist. Es ist nur Beton da und alles scheitert weiter: Sogar die Versuche, dort ein Museum zu machen, scheitern an zu viel Platz und der Bitterkeit der Betreiber. Sogar meine Versuche, am Proraer Strand das Lenkdrachenfliegen zu lernen, scheitern, aber es verbindet mich mit dem Ort, und ich kann mich erinnern, daß ich sehr zufrieden war damit, daß Prora ein Ort für nicht ganz so strahlende Helden geworden ist.

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