Monday, July 21, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. IV)

Heute ein weiterer längerer Abschnitt aus meinem eher mühsamen, vielleicht auch müßigen Versuch, endlich etwas über die Emergenz des Totalen zu destillieren. Leserzuschriften, auch per Email, sehr erwünscht.

Auszug aus dem Teilabschnitt “Das totale Wissen”

[…] Unser junger Mann aber ist selbst überrascht, welche Emotionen dieser ja nur scheinbar neue und doch eigentlich gar nicht unpraktische Dreh in der zunehmenden Tendenz, lernende Algorithmen mit Internet-Benutzer-Interfaces zu verknüpfen (wie auch kommerziell sehr erfolgreich von dem ehemaligen Internetbuchhändler Amazon.com etabliert), in ihm auslöst. Er schreibt umgehend an den neuen Pandora.com-Jünger:

“Grundsätzlicher nun doch: Dich als Computerlinguisten macht das natürlich an, wenn so was funktioniert. Aber ich bin unterwegs zu anderen Sternen. Ich will nicht mehr erforscht, (falsch) verstanden, durchleuchtet werden. Es ist leider so grundsätzlich, dass ich von Websites, die aus mir lernen wollen, es mir recht machen wollen, mich einlullen wollen, echt zu viel habe. Für mich ist das ein Teil der großen totalen Maschine. In einer Linie mit den Faschisten von Google und Microsoft. ich kann es leider nicht un-emotionaler sagen, gerade heute, zwei Tage nachdem ich für einen USA-Flug gebeten wurde, Passnummer, Pass-Ausgabedatum und -Ort, Geburtsdatum sowie mein Hotel in Atlanta anzugeben—zwei Monate vor Abflug!, und einen Tag nachdem man keine Telefone, keine ipods und keine Wasserflasche mehr an Bord eines Öffentlichen Verkehrsmittels nehmen darf. Ich bin jeden Tag auf 300 CCTV-Kameras, da will ich wenigstens für mich behalten was auf meinem Mp3-Player läuft. So grundsätzlich ist meine Abwehr gegen das totale Wissen inzwischen.”

—Soweit der junge Mann. Es ist instruktiv, sich die gewollt wirkende Anachronizität seiner Worte zu vergegenwärtigen, die Flucht ins Poetische, und das Verzweifelte, das daraus spricht. Es ist der altbekannte kulturpessimistische Reflex, der sich hier heraushören lässt, und auch der Ton des Überforderten, der sich ins Grundsätzliche flüchten muss, weil die Vielzahl der einzelnen, Unbehagen auslösenden Ein-Drücke zu groß zu werden scheint.

Wo befindet sich dieser junge Mann? Es scheint, als ob an diesem modellhaft verdichteten Punkt alte, bekannte (staatlich initiierte) Mechanismen der Repression und Überwachung (die, obwohl als potentiell bedrohlich bekannt, vertraut sind und die vermeintlich eingeordnet werden können in bestehende Deutungsmuster, wie oben dargelegt) und neue, ihm noch unbekannte (nach-staatlich initiierte) Dimensionen der Durchdringung und Berückung ineinander greifen—Überwachung gelingt, auch ohne dass nur ein einzelner Handelnder sie initiiert hätte oder ein Einzelner unmittelbaren Nutzen daraus zöge.

Die drei gewählten Beispiele (nur das Dritte ist hier wiedergegeben, Anm. Wall of Time) demonstrieren desweiteren die verblüffende Effektivität der Überwachung: Ebenfalls schneiden und verdichten sich hier nämlich drei quasi vertikale Schichten unterschiedlicher Granularität und damit auch unterschiedlicher persönlicher Relevanz und Intimität: Erstens eine globale, aber abstrakt bleibende, alle betreffende Schicht (Anschlag, Restriktion, Sicherheit); Zweitens eine mittelbare, dazwischenliegende, inter-personale Schicht (die Fluggesellschaft und ich, evtl. der Staat und ich; allerdings auch Du/Ihr und ich auf Gemeinschaftsportalen wie myspace.com oder in den explizit persönlichen Mitteilungen in Internettagebüchern); sowie drittens eine sehr lokale, individuumsfokussierte Schicht (Pandora.com, Amazon.com; persönliche Gewohnheiten, Vorlieben, sog. Eigenheiten, einigermaßen nutzlos—auf ersten Blick—für Dritte). Nur am Rande sei angemerkt, dass das Musikportal Last.fm mit seinem Protokollieren und Detektieren von Musik-Hörgewohnheiten sowie dem beabsichtigten Zusammenführen von Menschen mit ‘ähnlichen’ Hörgewohnheiten hier eine interessante Zwischenstellung zwischen interpersonaler und lokaler Ebene einnimmt, genauer betrachtet zwischen lokaler Schicht und einer Textur, Verwebung aus zahlreichen interpersonalen Schichten.

Es ist diese, erst durch Algorithmik und Vernetzung möglich gewordene Qualität, die den Anschein des Entstehens (der Emergenz) von etwas gänzlichen Neuem nicht abzustreifen vermag—und die uns deshalb zu interessieren hat, wenn wir verstehen wollen, wie solche Verwebungen und Einbettungen intimer Eigenheiten des Individuums in interpersonale Netze und gegenseitige Kenntnis zurückwirken auf empfundene und tatsächliche Freiheit des Einzelnen.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

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