Saturday, May 23, 2009

Eine weitere Kampfschrift gegen das Bild

Wo gehen Sie hin um zu träumen? — Die Bilder sind mir fad geworden. Ich weiss nicht, woher das Wort fad stammt, aber seine vielleicht nur phonetische Ähnlichkeit zum englischen to fade trifft es gut. Die Bilder laufen nicht mehr nur, sie bilden zunehmend ein Kontinuum mit unserer Existenz aus, und unter ihrer zäh werdenden, in tausend Jahren nicht verwesenden Lackfarbe verblassen die eigenen Träume. Diese an sich langweilige kulturpessimistische Figur ist so alt wie die Photographie oder älter; sie haben vor mir wortreicher und geistesschärfer andere analysiert, und Verlage wie Merve oder Suhrkamp bestreiten mit Variationen derselben einen beträchtlichen Teil ihres Katalogs.

Aber am eigenen Ätherleib spürt man dieses unfreiwillige Kontinuum doch am besten. Die Bilder kommen einen holen, wenn man sich nicht in Acht nimmt vor Ihnen. Sie schliessen ganz von selbst die Grenze zwischen mir hier und Ihnen dort, zwischen Erfahrungsrealität und Bildrealität. Es wird gern übersehen, dass der Mensch ein Augenwesen ist, und mein Augensinn macht mich so anfällig für die Wirkstoffe des Bildes.

Viel leichter kann ich einfach nicht glauben oder einfach gar nicht hören, was man mir erzählt. Aber die neuralen Bilder, die ich aus Ab­bild­ern aufnehme—von Photo­graphi­en etwa, oder noch wirk­mächtiger von Filmen und Filmspielen—trennen sich ungleich schwerer ab von jenen neuralen Bildern, die ich selbst er-lebt habe. Warum auch; es ist dasselbe, und es ist in besonderem Maße dasselbe für die uralten Schaltkreise, die mit nur zweimal Umsteigen in die Sehrinde führen und auf dem Weg dorthin bereits in die vorbewussten Vorratskeller des fühlenden Hirns hinabdiffundiert sind.

Das Hören oder Lesen eines noch so trivialen und sicher in vielerlei Hinsicht fahrlässigen Textes wie Angel of Death der Krawallbrüder von Slayer, so die These, bringt insgesamt deutlich weniger Schaden und Verkommenheit in die Welt als der sepiafarbene Auschwitz-Kitsch von Stephen Spielberg. Und, so der Komplementärteil der These, traumatisiert worden (d.h., in seiner eigenen Phantasie vieler Freiheitsgrade gewaltsam beraubt worden) ist von einem noch so detail– und blutreich, meinethalben: pervers (falls Ihnen diese Vokabel weiterhilft; mir nicht) erdachten Roman, Text, Satz sicher niemand. Verstört: ja; seiner Vor­stellungen, seiner Ausmalungen, und damit seiner Souveränität beraubt: Nein.

Mit dem Vorsatz noch träumen zu wollen in die Bilder zu gehen heisst also zunehmend: Nicht mehr zu träumen. Wenn die Bilder zum Träumen also nicht mehr taugen, weil sie von einer Realität sich nicht mehr ab­setzen, dann verliert auch das Kino seinen Options­schein auf meine Träume.

Ob es nun die nächste Evolutionsstufe sein wird, lieber gar nicht mehr zu sehen, sei dahin­gestellt. Vorerst aber heisst die Antwort: Zurück zum Wort, paradoxer­weise. Die alte Schulhof– und Smalltalk-Frage Buch oder Film muss in dieser Allge­mein­heit und zunehmend radikaler mit Buch beantwortet werden, und die an sich jüngere Kulturtechnik des geschriebenen Worts ist es erstaunlicherweise, die uns hilft, den fast verlorenen Freiraum des selbstbestimmten Traums zu bewahren.

Abb.: Keine vorhanden.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

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