Monday, December 22, 2008

Winterreise, Part II

2.
19.12., im Schwarzwald:

Ich fahre hinein in eine empfundene Tiefe. Wie in ein Tal, das sich verengt, und unweigerlich auf einen Stollen zuführen wird. Der Stollen, das ist Konstanz. Hier, hinter St. Georgen türmt sich bereits der Schnee neben den Geleisen, von dem in Leipzig noch keine Ahnung und in Frankfurt nur ein Regen war.

Wenn es dunkel wird noch dazu, vor den Fenstern, dann verstärkt sich das Gefühl, in einer Kapsel zu rasen, und das Rauschhafte des Zugfahrens nimmt überhand: Zusammen mit der unerreichten Monotonie seines Geräuschs erlaubte es mir, die letzten drei Stunden ebenso rauschhaft dem absurden Theater des Bomber Command zu folgen. Über den Krieg zu lesen, den Luftkrieg insbesondere, ist eine einmalige, bei Sebald natürlich abgeschaute Gedächtnisfigur: Durch ein heiles Land fahren, die Landschaft und die Städte mehr streifend und spürend als sie tatsächlich betrachtend, und sich dabei den Dissonanzen des doppelten Echos aussetzen, das zum einen die Druckwellen der Bombardierungen und die Feuerbrünste der Landschaft einbeschrieben haben und das zum anderen aus den Worten der Schriftsteller und Historiker deutscher wie englischer Zunge strahlt und im Kopf zu Schall und Erregung und Schmerz sich zurückwandelt.

In Konstanz, so ging – als ich dort lebte – stets die Mär, sollen sie einer Zerstörung von oben entgangen sein, weil sie ihre Nähe zur Schweiz ausnutzten und kühn einfach nicht verdunkelten, ganz wie die Schweizer Vettern es taten, und so von oben wie ein Stück der neutralen Schweiz erschienen sind. Das glaube ich nicht. Ich glaube, Konstanz hat Glück gehabt (but see Seuffer, 2003). Es stand vielleicht nie auf einer der sicher nur für Wissenschaftlerherzen wie das meine bewundernswert erscheinenden, akribisch erstellten und iterativ optimierten Listen aus den Faktoren Möglichkeit, Notwendigkeit, Brennbarkeit. Ich fahre nach Konstanz, durch den Schnee, und alles brennt lichterloh.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

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