Friday, December 26, 2008

Winterreise, Part IV

4.
«This paper trail leads right back to you»

Wieder in der Zeitraummaschine Zug; Bilder, die bleiben: Ein Bildband, in der Buchhandlung, mit vielen, würdigen, mit Sorgfalt arrangierten Portraitphotographien. Menschen, alle tot, seit langem. Die Gebäude, denen gegenüber auf einer Doppelseite ihre Abbilder arrangiert sind, stehen noch. Nicht mehr so völlig spektakulär allein auf leeren Fluren und Plätzen wie anno 1890 oder 1936, natürlich, doch sie sind noch da. Und bieten uns an, unsere Lebenszeit gegen sie zu messen.

—wie lange hast Du am Bodensee gelebt?
—etwa halb so lange wie das Münster eingerüstet war.
—und wie lang bist Du schon weg?
—höchstens so kurz, wie sie für den großen neuen Kaufhausmonolithen benötigt haben, der rührend viel aus der Zeit gekippte Moderne, Verheißung, Aufbruch ausstrahlt.

Gegen die dar­gestellt­en Men­schen kann ich mich nicht vermessen; nur das Gefühl bleibt, sie verpasst zu haben. Nepomuk, den stadt­berühmten, schwach­sinn­igen Stum­pen-Lieb­haber, der die Aborte des Kranken­hauses leerte und verfrachtete, sehe ich da mit Frack und Zylinder. Er starb 1909, und mit ihm wurde tat­sächlich noch 1938 lokale Zigarren­werb­ung gemacht; ihn habe ich nie gesehen, wo ist er hin? In welcher Stadt hat er gelebt, und in welcher Welt, noch dazu mit einem etwas enger gefassten Verstand? Sein Portrait ist so einprägsam, dass ich es gerne in einem kleinen verlegerischen Trick im Nachhinein in Barthes’ berühmte Abhandlung seiner Lieblings­photo­graph­ien montieren würde.

Menschen und Gebäude und Getier hinter mir lassend, breche ich auf. Was bricht da, wenn ich aufbreche? Breaking and entering. Enter Stuttgart.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

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