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Friday, April 16, 2010

Passagiere mit der Flugnummer 2012

Die Geschichte fängt an jenem Tag an, als die Flugzeuge am Boden blieben. Es ist ein Tag im April, als ganz unvermittelt das Geschehen zum Erliegen kommt. Fast kommt dies einer Umkehr des Auspruchs jenes französischen Dichters gleich, der da von den nie enden wollenden Geschehnissen und der deshalb längst ausgehauchten Geschichte sprach.

Heute, an jenem Tag, ist es genau anders herum. Ein Vulkan spuckt wieder, nach einer Zeitspanne, die ihm selbst wie ein Sekundenschlaf vorgekommen sein muss. Aus seinem Schlund fliegt heißes Gestein, seit Jahrmillionen zu einem äonischen Sugo verkocht. Es fliegt sehr hoch hinaus, Eruption nennt man dies nicht ohne Grund; dort oben fliegen schimmernde Steine und schwarze Asche aus Glas. Und dann?, fragen Sie jetzt vielleicht.

Nun, schöner könnte es sich Ernst Jünger, über seinem Trollinger raunend, nicht ausgedacht haben: Der Menschen hektisches Treiben, dessen Schmiermittel seit einiger Zeit (ein paar Jahrzehnte mögen es sein) diese Massentorpedos, düsengetrieben und mit Paketen zu je zwei–, dreihundert Menschen besetzt, sind, es kommt zum Erliegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gestrandete Wale stehen die Torpedos nun auf den Rollbahnen umher. Nur dort oben, auf drei­und­dreissig­tausend Fuß, wären sie, wozu sie gemacht sind: Transportraketen, von anmutender Eleganz und mit für erdengeborene Hirne unermeßlicher Geschwindigkeit, die sich dadurch wiederum dem Stillstand annähert.

Doch im Wolkennebel der Erdensteine, die selbst fliegen gelernt haben, oder vielmehr es nie verlernt hatten, stockt den Übermaschinen das Triebwerk, und die schmelzenden Steine in ihren Trieb­werks­schaufeln drehen ihnen im Wortsinne die Luft ab, wie Tante Margarethe damals jenes verhängisvolle Sahnebonbon.

Ein paar Jährchen Zivilisation, hinfortgepustet oder zumindest auf das Drastischste in Frage gestellt von heissen Steinen. Infragegestellt—dies nur am Rande—natürlich nicht von unzufried­enen In­genieurs­student­en aus islamisch geprägten Ländern und schon gar nicht von Pfarrhaushaltsabkömmlingen aus dem Schwäbischen. Auch kein Weltuntergang, oder ähnlicher Mummenschanz. Sondern eher eine kleine Selbstbefragung des Systems, eine Art Sich-lässig-am-Rückenkratzen des Mutterschiffs.

Die Forscher gelangen nicht zu ihren Tagungen; die Poster nicht zu ihren Rezipienten; die Ersatzteile nicht zum Formel-Eins-Zirkus; und die schwammig gewordenen Geschäftsreisenden müssen weiter Paulaner-Bier in einer billigst verkleideten Flughafengastronomie trinken, bis die Kreditkarte endlich sich selbst verbrennt.

So, in diesem Nicht-Geschehen, haben wir endlich Zeit nachzudenken; Zeit, uns an den Steinen zu messen; und endlich können wieder die Geschichten beginnen. Hier beginnt Geschichte, aufs alte Neue. Schicksalszeit hat der Alte aus Wilflingen das genannt, und ich dachte, es läge am Rotwein oder so, denn ich hatte ja keine Ahnung, wovon er sprach.






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Friday, October 23, 2009

Das System braucht uns nicht.

Heute ein leider für solche Notizbücher etwas zu langer Text. Sie können Ihn gerne auch hier etwas schöner sich öffnen und ausdrucken.
Ein Hinweis noch in eigener Sache:
WALL OF TIME, welche zur Zeit eher seltener denn häufiger erscheint, wird in Zukunft eher häufiger denn seltener seine noch so ephemeren Artikel in leserlicher und bibliophiler Form als portable document format darbieten—wenn schon große deutsche Tageszeitungen keine Zeit oder Lust mehr für simpelste typographische Details wie Ligaturen haben. Jetzt aber:
—J.O.


Flughafen Chicago. Eine wiederkehrende Figur, ein Thema: Das Verschwinden der Menschen. Verschwinden, das klingt nach Theater fast, nach kontrolliertem, organisiertem Abgang, als Ausdruck eines Gestaltungs– oder Schöpferwillens. Aber es ist ja ganz anders, komplizierter. Die Figur, die mich eigentlich bewegt und wiederkehrend heimsucht, ist jene vom obsolet werdenden Menschen.

Der obsolete Mensch. Das knüpft sehr schnell an verschiedene, unterschiedlich unangenehme Motive an. Das fern liegende, an das ich hier nicht erinnern will, wäre jenes vom unnützen Menschen und vom unnützen Leben; ein ekelhaftes Nazi-Thema. Woran ich viel eher denke—hier, am Flughafen, in den USA, genauso wie sehr oft zuhause—, ist das Motiv der 1970er Jahre, der zu Ende gehenden Industriegesellschaft: Jener stets leicht irrationale Refrain vom Roboter, der den Menschen ersetzt. Von Papi, der keine Arbeit mehr hat, denn die macht jetzt ein Automat. Nun, der Punkt ist ja: Genauso ist es.

Ich muss ausholen. Zahlreiche USA-Reisen haben mir klargemacht, wie anders, und zwar ambivalent anders, das Verhältnis der US-amerikanischen Gesellschaft zur Arbeit ist. Es scheint hier für viel mehr Menschen Arbeit zu geben als zuhause im Europa der 1990er und 2000er Jahre. Die Menschen, oft gar nicht legal im Land, also eigentlich gar nicht da, sie arbeiten überall, sie leisten Dienst. Dienstleistung, das war doch das nächste große Ding, die Dienstleistungsgesellschaft, die haben wir im Gesell­schafts­kunde­leist­ungs­kurs besungen, sie stand vor der Tür. Es war also ja gar nicht schlimm, dass Papis Arbeit ein Automat machte, denn Papa könnte ja stattdessen Dienst leisten. Und hier, in den USA, hier schien es genauso zu sein. Zahllose Menschen aus Puerto Rico, Haiti, den Philippinen wuseln stets umher. Sie machen Dinge, die man in Europa immer ohne nachzudenken entweder selbst oder gar nicht tut: Einkaufende begrüßen, Einkaufstüten füllen; Gläser abräumen oder fast unbemerkt zwischen den echten, aufgestiegenen Kellnern Wassergläser auffüllen, den Krug dabei stets seltsam gedreht in der einen Hand haltend; in Wartehäuschen sitzen, aufpassen, und vor allem warten. Oder—neuer und ewiger Spitzenreiter der völlig sinnlosen, aber von Menschen eingenommen Jobs—mit einem auf einen Besenstiel aufgespießten Tennisball zwischen den Konferenzbesuchern umher-(gibt es dafür denn gar kein deutsches Verbum:)ushern und die schwarzen Schlieren der Schuhe vom Boden rubbeln.

Diese Menschen haben natürlich (beginne ich bereits wie August Bebel zu klingen? Die Sozialdemokratie ist ja tot, dann macht das vielleicht nichts.) überhaupt keine Krankenversicherung oder ähnliches; einmal schlecht Gläser geschenkt und den Job macht ab morgen der Vetter, und sie verdienen, wie alle im Dienstleistungssektor, viel weniger als man sich vielleicht denken würde; und so sind die vielen ausgeteilten Handgelder, die einzelnen Dollarnoten für die Gepäckjungen, alle in ihren späten Dreißigerjahren, ein fest einkalkulierter und vermutlich sehr nötiger Teil des Haushalts.

Aber sie haben Arbeit, sie werden gebraucht, sie nehmen Teil. Dieses “Aber” ist die Ambivalenz. Es geht im Kern, Sie ahnen es seit dem Beginn meiner Suada, natürlich darum, für wen wir eigentlich Arbeit haben, und wen wir brauchen, und für was. So richtig klar wird einem dieses Problem aber nicht zuhause, wo man die etwa vier Millionen Erwerbslosen mal munter binnen ein paar Jahren wegschrödern will, ein andermal einfach totschweigt oder in Hartz gießt. Klirrend klar, als ein emotionales Problem sich darstellend, und zwar als ein Zittern oder Zucken und Fragen im empfindenden Wesen, was das denn eigentlich alles bedeuteten wird: Klar wird einem das hier in den USA, wenn hier auf einmal die Arbeit ausgeht. Hier, wo man—weiland man komplexere, dadurch entstehende Probleme ignoriert—zumindest die Simulation von Arbeit (und die Simulation würdiger Einkommen) am längsten aufrechterhalten hat (siehe dazu auch meine poetische Figur zum Begriff des “Automatic Teller”); hier, das heisst: auch hier!, halten nun die Automaten Einzug.

Am Flughafen checkt man selbst ein. Die Rechnung ist ja einfach und tausendfach gemacht worden: Maschinen sind billiger, es reicht völlig, wenn auf einer Seite des Tresens ein Mensch (der Kunde) steht. Im Supermarkt checkt man selbst aus. Der eine, der da mal etwas betrügt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Die meisten sind ehrlich und lassen sich wie die Kühe, die schon lange selbst zum Melken anstehen, die Beträge abbuchen. Die Eleganz solcher Modelle besticht mich, Betriebswirtschaft mit ihrem „Think Big“, dem Zulassen kleiner Unschärfen und ihrem Blick auf die großen Summen und langfristigen Gewinne rührt mich ästhetisch an. Doch, der einzige Grund, wieso ich dies alles aufschreibe, lautet: Wieso tun alle so, als würden wir gebraucht? Wozu wird der Mensch noch gebraucht?

Sie hören recht, ich sage nicht: Wozu wird Pablo, der illegale Anstreicher noch gebraucht, sondern wozu der Mensch?

Schnitt: Ein verschwitzter Rainer Werner Fassbinder gibt etwa 1972, pre-Ölkrise, pre-(gefühlt)-everything, ein Interview anlässlich der Ausstrahlung seiner Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“. Ich weiß alles gar nicht mehr genau und habe das alles ja nur einmal in jenen Leistungskurszeiten in den 1990er Jahren auf Video gesehen, aber er sagt: “Wie müssen einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn nicht mehr alle gebraucht werden, um den Wohlstand zu erwirtschaften. Wie könnte ein erfülltes Leben ohne Arbeit überhaupt aussehen?” Das sagt er alles wirklich, und ich denke, damals wie heute: wir denken ja alle gar nicht darüber nach. Wir werkeln alle, wirtschaften, mal ohne Ertrag, mal wie oft nur mit simulierten Erträgen, aber wir wollen alle arbeiten, denn nur so, so lehrt man uns, bekommen wir Geld und nur so vollzieht sich die Wandlung, die uns selbst zu etwas von Wert werden lässt.

Das Buch kann doch bald selbst ent­scheiden, dass es in meinem Buch­regal unge­lesen stehen will, und dann kann es der Kredit­karte Bescheid sagen und die mensch­lich­en Finger­tapser im System werden weniger.

Das System braucht uns nicht mehr lange, das wird mir klar, wie ich am Flughafen Chicago die Maschinen sehe, an denen reichlich hilflose, eigentlich schon: überflüssige Passagiere ihren Check-In-Versuchen nachgehen. Denn, um auf das obige Bild zurückzukommen, wieso überhaupt noch Menschen auf auch nur einer Seite des Tresens, den das System darstellt? Wieso gaukelt uns die Airline einen persönlichen Gewinn vor, wenn wir nur etwas im Grunde sinnlos Gewordenes auch noch selbst tun?

Wenn der Kühlschrank bald schon selbst nachschaut, was noch vorhanden ist und was gebraucht wird, um es dann bei einer anderen Maschine zu bestellen, dann—ich bitte Sie aufrichtig: Verzeihen Sie mir die 1970er-SPD-Haftigkeit meiner Worte; ich erschrecke selbst, dass alles so wahr ist!—dann jedenfalls kann er doch auch selbst wegwerfen, was verdorben ist, und überhaupt können das doch auch die Maschinen untereinander ausmachen. Das Buch kann doch bald selbst entscheiden, dass es in meinem Buchregal ungelesen stehen will, und nicht in Ihrem, und dann kann es der Kreditkarte mit dem simulierten Kreditrahmen Bescheid sagen, dass sie es bitte bestellen soll, und dann schickt es der Paketautomat auf den Weg, und die menschlichen Schlieren und Fingertapser im System werden weniger, von den Lohnnebenkosten ganz abgesehen; und Maschinen machen auch weniger nur von Menschenhand zu entfernende Schmutzspuren auf den Fussboden.

Das alles muss gar nicht schlimm sein. Keine Dystopie, die ich hier aufzeigen will, kein Warnen, kein rhetorisches Umsteuern. Nein, gar nicht, wohin auch. Nur: Sehen will ich es, und vielleicht sehen Sie es auch, und lassen den kleinen Schmerz oder, adäquater, die Irritation und den Schrecken zu, dass es so ist.

Re-enter the Matrix: Dies alles kann sich entspinnen, und bleibt zurück wie ein böser Traum, während der Kollege schnell und zugegebenermaßen völlig problemlos an dieser Maschine dort eincheckt. Das eigentliche Erschreckende ist, dass ich selbst nicht weiss, wozu ich hier bin.



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Friday, September 25, 2009

Matrix is close to singular or badly scaled

Ein neues Gerät in der Wand, und jemand hat die Wand sogar gestrichen. Die ältere Dame wendet sich einer jüngeren zu, sucht mit ihren Blicken die Aufmerksamkeit, ja, fast den Zusammenhalt. Dann sagt sie: “Schrecklich ist das hier, früher war es besser mit den Angestellten noch. Heute traut man sich kaum herein, und muss immerzu Angst haben.” Die Angesprochene nickt zustimmend, leise lächelnd.

So geht vielleicht diese kleine Begegnung in der – früher hätte man gesagt: – Schalterhalle in der kleinen ehemaligen Bankfiliale im Erdgeschoss eines Frühachtziger-Plattenbaus.

Die Menschen verschwinden, und es fällt mir gar nicht mehr auf. Die ältere Dame hat es bemerkt. Ein kleiner Riss in der Matrix, eine Fast-Singularität, matrix is badly scaled, und man merkt auf: Da ist ja gar keiner mehr. Wir sind allein, zwischen den Maschinen.

“Im Englischen”, sage ich, als ich die Geschichte höre, “Im Englischen heisst es ja Automatic Teller Machine, man sagt nur noch ATM natürlich; aber der Bankangestellte, der Teller hat sich selbst noch in diese Bezeichnung, die ihn fürderhin ersetzen sollte, eingeschrieben. Und dann ist er gegangen. Das Wort trägt noch seine Spur, und er selbst hat längst von Außen abgeschlossen.”

“Im Britischen heisst es gar Hole in the Wall. Die Engländer haben etwas erkannt”, entgegnet sie. Ja, etwas ist ausgelaufen, durch das Loch. Wir bleiben innen, eine entleerte Hülle, die wir versuchen zu bewohnen noch, jeder Einzelne; eine unnütze Bucht. Bahia Inutil.

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Wednesday, August 19, 2009

Delirium statt Tausch

„Eine andere Erklärung für unser Unglück: Die Welt ist uns gegeben. Was einem aber gegeben wurde, das muß man zurückgeben können. Früher konnte man Dank sagen oder die Gabe mit einem Opfer erwidern. Heute aber haben wir niemanden mehr, dem wir danken könnten. Und wenn wir im Tausch gegen die Welt nichts mehr geben können, dann ist diese ihrerseits unannehmbar.

Wir werden also die gegebene Welt liquidieren müssen. Wir werden sie zerstören müssen, indem wir sie durch eine künstliche, durch und durch konstruierte Welt ersetzen, für die wir niemandem Rechenschaft schulden werden. Daher diese gigantische technische Unternehmung der Eliminierung der realen Welt in all ihren Formen. Alles Natürliche wird aufgrund dieser symbolischen Regel der Gegengabe und des unmöglichen Tauschs völlig negiert werden.“


Es steht ja alles geschrieben. Zehn Jahre ist das alt, wie immer von Markus Sed­lazcek in poetisches, knappes Deutsch übertragen und von den Freunden bei Merve in liebe­voll-lieb­lose Schweizer Grotesk ge­quetscht. Jean Baudrillard hat, wie immer, völlig recht. Dagegen sind selbst die ver­schwitzt­en Öko­nom­en mit ihrer traurigen Ver­suchen, zum Aus­gleich in der Krise noch schnell etwas Anti-Geld her­bei­zu­hallu­zinieren, lächer­lich. Der Tausch ist un­möglich, weil wir zu lange das Nichts negiert haben.



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Wednesday, August 05, 2009

Lektionen des Verschwindens

I found a book on how to be invisible. Einige Übungen:

1. In eine Stadt fahren, die man nicht kennt, und dort Photo­gra­phi­en machen von Plätzen und Straß­en. Menschen, die ak­zidentiell mit­be­lich­tet werden, darf man keines­falls kennen.

2. Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause die toten Vögel zählen. Kleine Vögel zählen mehr, denn sie sind unserer mit­fühl­enden Natur gemäß an­rühr­ender.

3. Über eine Poetik des Verschwindens nachdenken; kürzere Texte, Sätze, Gedanken.

4. Mit Kindern, und zwar nur noch mit Kindern, über Jean Baudrillard sprechen.

5. Weniger Internet. Alle sogenannten social networks meiden.

6. Die Freizeitangebote nicht wahrnehmen.

7. Leiser sprechen, telefonieren.

8. Weniger telefonieren.

9. Gasförmig leben.

10. Lieben.



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Thursday, May 21, 2009

Hebephrenie oder die Rückkopplungen einer noch jungen Technologie

Selbstreferenz. Eine Kamera, die ihr eigenes Abbild filmt, wenn Sie wissen, wovon ich rede. Manche Schizophrenie-Forscher würden vielleicht von fehlgeleiteten Efferenzkopien sprechen. — Alles eine große Theorie, vor allem aber ein großer Spaß.

Um selbigen voranzutreiben und um die Suchmaschinen der totalen Bibliothek mal mit etwas Rauschen neben all dem Hochqualitätssignal zu füllen, ist es unabdingbar, hier einmal recht wahllos die Suchbegriffe (mit allen Schreibfehlern! Auf dass sie noch mehr sogenannte Google-Hits produzieren mögen) aufzulisten, mittels derer Menschen aus Nah und Fern zu uns hier an die WALL OF TIME gefunden haben in den letzten Tagen.

Erklärte Favoriten der Redaktion sind natürlich “Autofahren bei hebephrener Schizophrenie” und “free-world-of-voyeur-deutschland”. Aber Lesen Sie selbst. Suchmaschinen-Roboter bitte hier entlang:

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Wednesday, March 18, 2009

Wo die Kamerafahrten ein Ende gefunden haben

Ich wohne ja weit weg. Ich weiss nicht, ob das kleine Schicksal nun mich gezwungen oder die Zwänge mein Schicksal gebogen haben, aber ich sitze auf dem Bahnhof des mit den anmutigen und frohen Lettern Adrian Frutigers verzierten Pariser Flughafens. Wieso hier, fragen Sie. Wieso hier, frage ich mich selbst.

Das kam so: Ich beschreibe eine elliptische Fahrt, wie die Kamera des Michael Ballhaus, die um die Mutter Küster auf ihrer Fahrt zum Himmel kreiste. Meine Kreise werden sich konzentrisch verengen in den nächsten Tagen. In der Asepsis, die der deutsche Osten darstellt, war ich heute Morgen zunächst in eine etwas verwohnte Embraer-Maschine der Air France gestiegen. Zwei der jungen Männer meiner Reisegemeinschaft verdächtigte ich—wofür ich mich zwar entschuldigen, aber es nicht ungeschehen machen kann—umgehend des Bösen in ihrem Schilde; dies wohl eine unheilige Kondensation aus ganz normalem Post-9/11-Wahnsinn und dem völlig arglosen Blick des so unheilvollen Tim, leicht aufwärts zu mir blickend, abwartend, auf dem aktuellen Wochenmagazin SPIEGEL, das ich entgegen meines Wollens hatte kaufen müssen.

Wieso eigentlich elliptisch, wieso Kamera, wieso Fahrt? Nach dem gewissermaßen zunächst auswärts, scheinbar fort vom Ziel strebenden Reisen und Arbeiten über Paris, Lyon und Grenoble der Linksschwenk hinein; eindrehend, um durch die Mutter der Beschaulichkeit, der Schweiz, hindurch, auf Wegen aus Eisen, nach Deutschland, durch die Hintertür, und vollends hinauf nach Stuttgart zu gelangen und das eigentliche Ziel in den Blick zu nehmen: jene schwäbische Heimat, deren unaussprechlichen Namen bisher doch nur so wenige zu buchstabieren wussten, und dessen Zweckarchitektur sowie seine bleichen, verzerrten Gesichter in den letzten sieben Tagen so rat– und rastlos zerfragt und zerfilmt worden waren.

Vielleicht werde ich zunächst in der größeren, weniger leicht zu erschütternden Metropole verharren, bevor am nächsten Tag die Fahrt hinein in die kleine Stadt mit der großen Trauer möglich sein wird. Dann wieder die Heimat mit den eigenen Augen schauen, und von mir aus auch mit dem von (Frankreich!) Saint-Exupéry besungenen Organ. Aber auf alle Fälle nicht mehr durch die Bildwurst– und Fleischmaschine der Übertragungswagen, an deren Auswurf wir wider besseres Wissen und Gewissen gehangen waren in den ersten Stunden und Tagen. Es war nicht weit gewesen zu Baudrillard und einem in sich richtigen, emotional aber unerträglichen Baudrillardschen Schluss, Winnenden did not take place.

Ich verbot mir, solch Französisch-Postmodernes, einst Schickes zu Ende zu denken im Angesicht des Unsprechlichen. Um aber über diese medialen Rückkopplungen, die unbestreitbar die feinen Sinneszellen in allen Organen zerstören können, hinwegzugelangen, muss selbst hinfahren, wer verstehen will. Verstehen heisst in diesem Falle nicht, aus dem “Warum?” ein rohes “Deshalb” zu meisseln. Verstehen erfordert zuerst, die Ohnmacht anzuerkennen. Er sei der Gott der Traurigkeit, hat der nicht minder unheilvolle Dylan Klebold nämlich geschrieben, in einer Sprache die ebenso krank wie schön war.

Hinein also, dorthin, wo mittlerweile die Kamerafahrten ein Ende gefunden haben und wo die Bushaltestelle wieder den Schulbussen und Schulkindern gehört. Die Traurigkeit werden die Korrespondenten und auch wir Zuschauer wohl dort gelassen haben, denn ihr Widerhall will nicht verstummen in mir. Aufschub, also nur, im satten Violett des TGV. Auf ins Reich der Traurigkeit.


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Friday, August 08, 2008

Why the Olympics will not take place

Weit entfernt, in einem Land, von dem ich nicht wissen kann, ob es wirklich existiert, so wirklich wie die Wiese vor meinem Balkon—dort haben sie heute ein Fest der Völker eröffnet, ist das ein Wort von Riefenstahl?, da muss man ja immer aufpassen.

Dort, weit entfernt also, heisst es, gebe es ein Vogelnest, so nennen es alle ganz repetitiv, und ein schlauer bärtiger Künstler, der auch gerne mit deutschen und amerikanischen Zeitungen spricht, erzählt von seinem Nest und von dem Land, in dem es steht, und wie er mit den lustigen zwei Schweizern es sich ausgedacht hat.

Und ich fände es nun prima, wenn mein Onkel Baudrillard anrufen würde, und wir würden uns in seinem wunderschönen Deutsch, das mich immer an Tommi Ungerer erinnert, über das unterhalten, was wir da “live” auf unseren Fernsehgeräten sehen. In Amerika, das gibt es, dort war ich schon, dort jedenfalls werden sie die Bilder sogar mit großem stundenlangen Zeitversatz zeigen, und während ein deutscher Reporter dies etwas hämisch und irgendwie anti-amerikanisch bemerkt, “live” aus Peking, gibt es einen halbsekündigen infernalischen Wiederhall, ein sogenanntes Feedback, und ich sage zu Baudrillard, ob er auch dieses Hallen gerade gehört habe, da hätten sie wohl gerade ein neues Patch in die Matrix eingespielt, und wir lachen.

Dann schlafe ich ein bisschen, ich nicke so weg, über einem Buch über Franz Gsellmanns Weltmaschine, und alles macht auf einmal Sinn, als Onkel Baudrillard noch einmal anruft. Ob ich ich die ganzen sogenannten “mündigen Athleten” gesehen habe, die seit 05 Uhr 45 zurückschossen. Tatsächlich, nicht mehr Winken und Sich ablichten lassen; nein, mit Digitalkameras bewehrt, aufs Display ihrer Geräte schauend, während sie in Horden durch das Vogelnest schreiten, filmen und photographieren sie selbst das Stadion, die Klaqueure, die Staatschefs, die Kameras, uns an den Geräten in der wirklichen Welt.

Mir ist leicht zumute, und ich laufe aus dem Haus.


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Monday, April 28, 2008

Der Traum vom Fliegen, ein fliegender Traum

Es ist vermutlich eine Schande, erst dieser Tage von der großartigen Fluglinie Ingold Airlines zu erfahren. Da aber ein guter Traum auch nach 26 Jahren wahr werden kann, hier nichts weiter als eine Verbeugung vor großem richtigem Leben im Falschen: Die Fluglinie Ingold Airlines des Inhabers und Kunstprofessors Res Ingold.

Aus einem kürzlich erschienen Interview mit Seniorchef Ingold:

SZ—Was ist bei Ingold Airlines anders als bei anderen Fluglinien?
Ingold—Fast alles. Wir bilden im Prinzip eine ideale Fluggesellschaft ab. In der heutigen Gesellschaft ist alles billig und schnell. Der Idealpassagier einer konventionellen Fluggesellschaft passt ins Konzept der Airline und zahlt gut Geld, dann ist das in Ordnung. Das kommt dann den wirtschaftlichen Entwicklungen entgegen, aber es geht zu Lasten der individuellen Genussfähigkeit. Ingold Airlines war nie eine Billigfluggesellschaft und wollte es auch nie werden. Bei uns stehen die Träume und die Wünsche der Passagiere im Zentrum. Wie suchen die ideale Servicekombination für jeden individuellen Fall. Ingold Airlines möchte die Idee verbreiten, dass man seine kurz bemessene Lebenszeit möglichst optimal nutzen sollte. Will ich mich mit tausend anderen wie in einer Sardinendose zusammengepfercht an einen Strand liegen? Oder bin ich es mir wert, ganz andere höchst individuelle Ziele zu finden und die Zeit optimal zu genießen?


Ich bin gespannt, wann Ingold Airlines Opfer der ersten Flugzeugentführung (gibt es so etwas noch?) oder des ersten Absturzes wird. Ich jedenfalls werde zu meiner nächsten Flugreise mit Ingold Airlines vermutlich von einer der zahlreichen Haltestellen von Martin Kippenbergers weltweitem U-Bahn-Netz aufbrechen.


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Thursday, April 03, 2008

My daily dose of Baudrillard


Genau jetzt: Es scheint, als bräuchte ich meine tägliche Dosis Baudrillard. Er ist ja als Philosoph missverstanden worden, also: als Philosoph verstanden worden. Dabei ist er doch ein Poet gewesen.

Da schlage ich ein wunderschönes kleines, kleinstmögliches Büchlein auf, mit dem ja bereits sagenhaften Titel “Warum ist nicht alles schon verschwunden?”, en passant eigentlich eine gelungene Demonstration, dass Selbst-Ironie doch noch möglich ist,

und dann steht da auf der ersten Seite—die wie das ganze Buch in einem ganz engen Satzspiegel daherkommt, muss es ja, es ist so klein, gewinnt aber dadurch diese gedichthafte Zeilenlänge von höchstens 45 Zeichen—da steht also:

WENN ich von der Zeit spreche, dann deshalb,
weil sie noch nicht ist

Wenn ich von einem Ort spreche, dann
deshalb, weil er verschwunden ist

Wenn ich von einem Menschen spreche,
dann deshalb, weil er schon tot ist

Wenn ich von der Zeit spreche, dann des-
halb, weil sie schon nicht mehr ist

— Kann man Zeit treffender um-schreiben? Sie zu be-schreiben scheitert, das sehen wir hier an der Zeitmauer ja täglich.

Aber dann dichtet da ein alter Franzose, unser Freund Markus Sedlaczek übersetzt es für uns in wohlgeformtes Deutsch, der alte Mann mäandert durch die Worte, pflügt mit seinem Tempus-Traktor durch die Logik; aller Baudrillard scheint auch in diesen (posthum erschienenen) vier Zeilen enthalten, alles was sie an ihm hassen, und alles (dasselbe) was man an ihm lieben muss.

Und er hat plötzlich in den vier Zeilen, die seinen letzten Text einleiten, das Paradoxon der Zeit oder unserer Erlebens von ihr, das Flüchtige, das für die Melancholischeren unter uns immer auch vom Verschwinden und vom Sterben handelt, eingefangen, eingerahmt. Die Zeit, die noch nicht ist, und jene, die schon vorbei ist, halten und stützen hier die verschwundenen Orte und die toten Menschen.

Wer so zu schreiben weiss, hat die Zeit und den Raum und den Tod überlistet.



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Sunday, March 16, 2008

Alles macht weiter

In den einleitenden Worten zu seiner umfassenden Analyse des Konzepts des Posthistoire weist Lutz Niethammer vorsichtig darauf hin, dass es sich bei den Propheten des Posthistoire in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihrer Diagnose womöglich—schlicht, eigentlich—um die Verwechslung des (so nicht erkannten und benannten) Endes oder Scheiterns eines persönlichen, geschichtlichen oder zeitgeistlichen Projekts mit dem (stattdessen proklamierten) Endes aller Geschichte, aller Entwicklung gehandelt haben könnte.

Diese Verwechslung ist Ihnen unterlaufen, mag sich in ihr Denken eingeschlichen haben; und mitnichten ist Niethammer hier die gerne von Literaturwissenschaftlern gezückte sogenannte biographische Methode vorzuwerfen, das griffe zu kurz, auch wenn er—vermutlich nicht zu unrecht—den Umständen persönlicher und ideologischer Um–, Neu– und Desorientierung bei Gehlen, Jünger, Heiddegger, Kojève oder auch Benjamin nachspürt (Ähnliches sagt übrigens Andreas Höfele im hervorragenden Fachblatt Shakespeare Quarterly (1992, 41(1):80–86) über Baudrillard, dessen Posthistoire- und Hyperrealitäts-Diagnose mit einer enttäuschten post-1968 Position in Beziehung zu setzen sei).

Das diagnostizierte Ende der Geschichte, mithin die Problemstellung des Posthistoire sei demnach keine Enttäuschung über das Ende einer Entwicklung, sondern über ein erlebtes Ende von Bedeutung (engl. meaning).

Warum schreibt einer das alles? Weil er über die selbst bereits zwanzig Jahre alten, fast lakonischen Worte Niethammers, ins noch konzisere und schmucklosere Englisch übersetzt, erkennt, dass—wenn all dem, wie zu befürchten steht, ein wahrer Funke innewohnt—seine individuelle, ureigenste Faszination mit dem Ende der Geschichte und dem Einmünden in die Bedeutungslosigkeit, dem obsoleten Kreisen, auch das eigene Leben und die eigene Existenz gemeint sein kann.

Weil es keine Ursachen mehr gibt, weil man über die Ursachen nicht mehr sprechen kann, muss man eben Effekte ohne Unterbrechung herstellen, um Baudrillard (nur unwesentlich) zu paraphrasieren. Weil nichts mehr Sinn hat, muß alles reibungslos funktionieren (im Wortlaut).

Alles macht weiter, auch wenn Bedeutung nicht zu finden ist. Das ist die Zeitmauer, gegen die man eben auch rennen kann.



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Thursday, March 06, 2008

Jean Baudrillard did not take place.

Today a year ago, JEAN BAUDRILLARD left his Earthly vehicle. If he ever inhabited it, that is. Sleep well, Dr. Baudrillard, and come up with a few witty ideas for the next time round. It will never end, probably:

“Die Hysterie der Geschehnisse ist selbst ein Erzeugnis des Endes der Geschichte. Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören. Weil es keine Ursachen mehr gibt, muß man Effekte ohne Unterbrechung herstellen. Weil nichts mehr Sinn hat, muß alles reibungslos funktionieren.”

Wednesday, February 13, 2008

Stars of the Post-Histoire (V)


“This is the fate of extreme phenomena which unfold beyond their own end (literally, ex-treme, ex-terminis, beyond the end). They are no longer about growth (croissance), but outgrowth (excroissance). No longer movement, but exponential power (montee en puissance). No longer change, but a passage through the limit.


Thus, we encounter a paradoxical logic according to which an idea ends with its own excess, its own realization. History, for example, ends with information and the creation of the instantaneous event. The increased speed of modernity, of technical development, and of all formerly linear structures creates a turbulent shift and a circular reversion of things which explains that, today, nothing is irreversible. The retrospective curving of historical space, which in a sense resembles the recurrence of physical and cosmological space, is perhaps the big discovery of the end of the millennium. It corresponds to the figure of a curved line which goes back through each of its previous stages. Retrograding to past events at all costs is an old fantasy.


Science fiction has repeatedly used the theme. For example, diving back into the past to change the course of events was the idea of the movie 12 Monkeys: To freeze the past to see what would have happened without it; to suspend time and see what would take place next; to recreate the world even before the emergence of the human race to see what it would be like without us or, even beyond humankind, to get a feel for what things could look like once we are all long gone; finally, to reinvent an origin, but only as a simulation, with definite limits. The more the future escapes us, the more the quest for a return to origins, for a return to the primal scene (as an individual being or as a human collective) becomes our obsession. As a consequence, we try to collect evidence: the evidence of time past, of human evolution.


We need to find material traces of all that was on earth before us today, not so much to relive it or rekindle past eras, but to prove that time has existed (before it finally disappeared), that space has existed too (before speed erased it). In short, we need to gather the evidence of all transcendental data, like space or time, which we thought inherently belonged to the human race. Interestingly, it is the human race itself which today successfully manages to create a perfect instantaneousness, often called real time. Irresistibly increasing its power, the human race manages to abolish the human perception of both time and space. The loss of transcendental data, that is to say, the incapacity to organize the world according to our sense perceptions and human functions, is without measure (incalculable).”


Jean Baudrillard (1998), A l’Ombre du Millenaire ou le Suspens de l’An 2000, translated by Francois Debrix [read: Debris, must be a lame-joke fake name; bold emphasis by j.o.]