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Tuesday, November 10, 2009

Spannungszustand

Ich frage ihn: Wie soll man das verbinden daß du unzufrieden bist, wie du letzthin sagtest, und daß du dich in allem zurechtfindest, wie man immer wieder sieht (und wie es sich mit der solchem Zurechtfinden immer eigentümlichen Rohheit zeigt, dachte ich). Er antwortete, wie es sich in meiner Erinnerung auflöst: «Im einzelnen bin ich zufrieden, an das Ganze reicht es nicht heran.[…]»

—Franz Kafka, 05 September 1913

Diese Notiz fand ich heute, ganz ohne irgendwelche Notiz­sortier­ungs­soft­ware, auf einem Haufen in meinem tragbaren Schreibtisch.

Wednesday, August 19, 2009

Delirium statt Tausch

„Eine andere Erklärung für unser Unglück: Die Welt ist uns gegeben. Was einem aber gegeben wurde, das muß man zurückgeben können. Früher konnte man Dank sagen oder die Gabe mit einem Opfer erwidern. Heute aber haben wir niemanden mehr, dem wir danken könnten. Und wenn wir im Tausch gegen die Welt nichts mehr geben können, dann ist diese ihrerseits unannehmbar.

Wir werden also die gegebene Welt liquidieren müssen. Wir werden sie zerstören müssen, indem wir sie durch eine künstliche, durch und durch konstruierte Welt ersetzen, für die wir niemandem Rechenschaft schulden werden. Daher diese gigantische technische Unternehmung der Eliminierung der realen Welt in all ihren Formen. Alles Natürliche wird aufgrund dieser symbolischen Regel der Gegengabe und des unmöglichen Tauschs völlig negiert werden.“


Es steht ja alles geschrieben. Zehn Jahre ist das alt, wie immer von Markus Sed­lazcek in poetisches, knappes Deutsch übertragen und von den Freunden bei Merve in liebe­voll-lieb­lose Schweizer Grotesk ge­quetscht. Jean Baudrillard hat, wie immer, völlig recht. Dagegen sind selbst die ver­schwitzt­en Öko­nom­en mit ihrer traurigen Ver­suchen, zum Aus­gleich in der Krise noch schnell etwas Anti-Geld her­bei­zu­hallu­zinieren, lächer­lich. Der Tausch ist un­möglich, weil wir zu lange das Nichts negiert haben.



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Monday, June 22, 2009

Classics of Camp (VIII): Stürme, endlich.

Und einmal dachte ich, ich hätte Dich gesehen, in einer überfüllten, schummrigen Kneipe, wie Du auf dem Licht von Stern zu Stern tanztest

[J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or d'étoile à étoile, et je danse.—ist das Rimbaud?]

weit draussen auf dem Mondstrahl. Ich weiss, wer Du bist: Ich habe das Braun in Deinen Augen gesehen, und wie es einmal zu Feuer wurde. Du bist ein Sturm.

Du bist ein Sturm. Ruhe in Deinen Augen, vielleicht, aber ich werde fort­geweht, irgend­wohin wo es sicherer zugeht und das Gefühl über­dauert. Ich will Dich lieben, aber es weht mich fort.

Ich bin ja nur ein Träumer. Aber Du bist nur der Traum; irgendjemand hätte Du sein können. Doch kurz bevor Du mich berührtest: Dieses vollendete Gefühl, wenn sich die Zeit einfach auflöst zwischen uns, auf dieser undurchsichtigen Reise. Du bist ein Sturm.


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Saturday, May 09, 2009

Geschieht es?


Jonas Obleser, 'RGB 29,24,21’, 240 × 200 px

Ist die Monochromie das erste oder das letzte Bild? Was geschieht mit der Zeit, wenn die Narration aus dem Bild verschwindet?

Das folgende ist ein Zitat aus Julia Friedrichs hervorragend geschriebener (und von Carmen Strzelecki sehr schön gesetzter) Dissertation, “Grau ohne Grund — Gerhard Richters Monochromien als Herausforderung der künstlerischen Avantgarde”, erschienen 2009 bei Strzelecki Books, Köln.

Wo noch Bewegung ist – ließe sich Lyotards Überlegung fortsetzen –, ist noch immer ein Vorher und Nachher, eine Entwicklung und kein Jetzt. Zugleich ist aber mit [Barnett] Newmans Tafeln, die zwar narrative Titel tragen, aber keine Szenen geben, die zwar Bilder sind, aber nichts darstellen, zugleich die Frage »Geschieht es?« gestellt. 143 Erhaben wären die Tafeln Newmans nach deser Deutung keineswegs deshalb, weil sie an dräuende Wolken oder Steinwüsten erinnerten, und auch nicht deshalb, weil sie den Betrachter durch ihre Monumentalität überwältigten, sondern gerade durch ihre Verweigerung der Abbildung und weil sie dennoch in der Zeit, im Jetzt, die konkrete Frage nach dem Seienden stellen. Geschieht es? Das Ereignis ist demnach nicht Moment einer Entwicklung oder einer zeitlich fortschreitenden Bewegung, sondern fällt aus der Zeit heraus.

Obwohl Lyotards Analyse einen ganz wichtigen Punkt erfasst – das Verhältnis von Zeit und Unzeit, von linearem, geschichtlichen Fortschreiten und plötzlichem Ereignis –, der gerade im Vergleich mit Gerhard Richters Konzeption, die in vieler Beziehung exakt das Gegenteil von Newmans vorstellt, noch genauer betrachtet werden muss, scheint sie doch zu abstrakt. Auch wenn Newmans »Vir heroicus sublimis« Lyotards Ausgangspunkt ist, schaut er sich das Gemälde gar nicht näher an. Die Frage »Geschieht es?« wird im Grunde von allen Kunstwerken aufgeworfen, die die Frage nach der eigenen Existenz stellen, also von der Konzeptkunst Lawrence Weiners oder On Kawaras ebenso wie vom Action Paiting oder vom abstrakten Expressionismus Jackson Pollocks oder Willem De Koonings.

143 Lyotard, F. (1984). Das Erhabene und die Avantgarde. Merkur 424:151–164



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Sunday, April 26, 2009

Spectres of the past, pt. VII

“Also diskutieren sie das Leid der Popularisierung, das Problem der Distinktion durch exklusive Orte, Werte und Codes, bis hin zu den ursächlichen kulturellen Produktionsmechanismen”
—Minusvisionen.de, 2009, on «Tristesse Royal», published 1999


‘Man kämpft oder läßt es sein, das Drama darum schwindet. Im Hotel Adlon spricht alles leise. Die Drehtüren rotieren ohne Unterlaß, »aber trotzdem ist es still, ganz still in der Halle«. Rußige Gesichter, jeder trägt einen Koffer, ein Paket, ein Bündel, wie in einem Flüchtlingslager. »Alle scheinen todmüde zu sein, alle haben das gleiche erlebt, es bedarf keiner Worte und Erklärungen. Wahrlich, hier geht eine Weltstadt gerade vor unseren Augen unter.«’



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Monday, April 13, 2009

Pessimistisches Fragment, das keines mehr sein will

“Diesem Absurd-Werden alles unseres Unternehmens und nicht irgendwelchen Besorgnissen über irgendwelche apokalyptischen Katastrophen, die uns bedrohen, ist unser Scheitern zu verdanken.”
—Vilém Flusser

Ich bin durch die Gassen mäandert, in Iterationen von Fünftausend, von Dreißigtausend, und hab nach Dir gesucht und mir. Ich habe die schüchternen Begegnungen gefunden und das tangentiale Vor­bei­sprech­en. Ich habe giftige Herzen gefunden, voller Wut über die Unbekannten anderen und voller Lösungsvorschläge, die keine sein können.

Ich habe am Ufer eines großen und tiefen Sees bizarr an­mut­end­en, weil so un­erwart­eten Trost erahnt. Ich habe sodann auf den Feuer­wegen aus Beton einem verloren geglaubten Mut nachspüren können, und ich bin schließlich in einer Wiege von Wohl und Wollen erwacht, mit dem Leben in beiden Händen. So werde ich also weiter durch die Gassen mäandern, in Iterationen von Fünftausend, von Dreißig­tausend, nur etwas weniger verloren und etwas weniger traurig denn zuvor.

“Wir sind alle Scheiterer”, ruft mir Vilém Flusser zu, “und zwar deshalb, weil wir wissen, dass wir sterben werden. Aber nicht unser eigener Tod ist der Grund unseres Scheiterns, sondern der Tod aller jener, die wir lieben, und mit denen wir in Freundschaft verbunden sind.”


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Friday, April 10, 2009

Spurensuche (IV): Heimat

“Das deutsche Wort HEIMAT verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum. Allerdings ist die geographisch-historische Eingrenzung der Bezugsräume keine feststehende, sondern situationsbedingt verschiebbar.”

Aus dem Tagebuch des Pfarrers Franz Jehle, Grafendorf:

«10.04.[1945] — Um halb zehn Uhr zum letzten Mal hl. Messe mit der Herrschaft auf dem Schloß Emmahof. Gräfin gibt mir ihr Tagebuch der letzten zwei Jahre mit, von ihren Büchern, was mich irgendwie interessiert. Graf und Gräfin meinen, ich soll mir aus Bibliothek und Schloß nehmen, was mir gefällt. Sie haben nicht viel Hoffnung, je nach Emmahof zurückkehren zu können. Ich verspreche, einige der wertvolleren und ihnen lieben Bücher zu mir zu nehmen, auch Geräte und Paramente aus der Kapelle.»


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Tuesday, March 03, 2009

The future didn’t exist anymore: 20 lines of why I love Bret Easton Ellis

I stand in awe of great writers. You know a great writer when you read him or her. This is most definitely a great one. Chilling.

“When we sat down to eat I took inventory of the people in the room, and the remnants of my good mood evaporated when I realized how very little I had in common with them—the career dads, the responsible and diligent moms—and I was soon filled with dread and loneliness. I locked in on the smug feeling of superiority that married couples gave off and that permeated the air—the shared assumptions, the sweet and contented apathy, it all lingered everywhere—despite the absence in the room of anyone single at which to aim this. I concluded with an aching finality that the could-happen possibilities were gone, and that doing whatever you wanted was over. The future didn’t exist anymore. Everything was in the past and would stay there. And I assumed—since I was the most recent addition to this group and had not yet let myself be fully initiated into this rituals and habits—that I was the loner, the outsider, the one whose solitude seemed endless. My wonderment at how I had arrived in this world still hadn’t deserted me. Everything was formal and constricted.”

Bret Easton Ellis, Lunar Park (2005, p. 132, UK hardcover, 1st edition)


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Friday, February 20, 2009

The fire in which we burn

«What will become of you and me
(This is the school in which we learn...)
Besides the photo and the memory?
(...that time is the fire in which we burn.)»

—Delmore Schwartz


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Tuesday, February 03, 2009

Am Tag nach Maria Lichtmess

—“The Bonanza was at a slight downward angle and banked to the right when it struck the ground at around 170 miles per hour (270 km/h). The plane tumbled and skidded another 570 feet (170 m) across the frozen landscape before the crumpled ball of wreckage piled against a wire fence at the edge of the property.”

—Director Kenneth Anger turned 32 on February 3, 1959

Vor langer, langer Zeit —Ich weiss es noch genau—musste ich immer unwillkürlich lächeln bei dieser Musik. Und ich wusste, wenn ich nur einmal meine Chance bekäme, dann würde ich die Leute zum Tanzen bringen, und vielleicht wären sie dann glücklich, nur eine Weile.

Aber der Februar fröstelte mich, mit jeder Zeitung die ich austrug; Schlechte Neuigkeiten auf den Haustreppen, ich konnte keinen Schritt vorwärts mehr. Ich weiss nicht mehr, ob ich geweint habe, als ich von seiner verwitweten Braut las, aber irgendwas hat mich tief berührt am Tag, als die Musik starb.

Tschüss, also, Fräulein American Pie. Ich fuhr meinen VW zum Stausee, aber der war ausgetrocknet; die guten alten Jungs tranken Whisky und Klare, sangen “We’re all gonna die, but we don’t know how, and we don’t know when” von Scout Niblett.

Hast Du das Buch der Liebe geschrieben? Und glaubst Du an den Gott da oben, wenn es doch so in der Bibel steht? Sag mal, glaubst Du an Rock’n’Roll? Kann Musik Deine sterbliche Seele retten?

Und, könntest Du mir beibringen, schön langsam und eng zu tanzen? Ich weiss, Du liebst ihn, denn ich sah Euch tanzen in der Sporthalle; Ihr zogt beide Eure Schuhe aus. Junge, Ich steh echt auf R&B. Ich war damals ein einsamer Testosteron-Teenie, mit rosiger Haut und einem VW Kombi, aber ich wusste, das Glück war vollends vorbei am Tag, als die Musik starb.

Schließlich traf ich ein Mädchen, die mir den Blues sang. Ich fragte Sie nach ein paar guten Neuigkeiten, aber sie lächelte nur und drehte sich fort. Also ging ich runter zum heiligen Laden, wo ich die Musik Jahre zuvor gehört hatte, aber der Mann im Laden sagte nur: Keine Musik heute.

In den Straßen schrien die Kinder, Liebende heulten herum, und die Dichter träumten. Aber kein Wort wurde gesprochen, die Glocken der Kirchen waren alle kaputt, oder an der Front. Und just die drei Männer, die ich am meisten bewundere, der Vater, sein Sohn und der heilige Geist, die schnappten sich den letzten Zug Richtung Küste, am Tag, als die Musik starb.

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Wednesday, January 14, 2009

Erste Sätze (I)

In this mini-series, WALL OF TIME will present sentences or short paragraphs that would make for a good book opener, all from novels or essays I have not written and I have no intention to write. Feel free to use them:

— “Durch die Pfoten eines Plastik-Eichhörnchens betraten wir die Disco, die von Guillermo Del Toro 1998 entworfen worden war.”
— “Was ist eine Disco?”

The series ERSTE SÄTZE is brought to you by WALL OF TIME Prose and Cons Dept.

Friday, December 19, 2008

Die wohltemperierte Manier: It was so cold in that house.

—to a long-lost friend, a long time ago:

«Wie die Tage verstreichen, zergehen, sich auflösen unter den Händen der Zeit. Heute ist wieder das meiste anders als noch zu Zeiten des letzten Eintrags. Ich kann es aber kaum fassen, bin wieder durch allerhand Formen geschritten. München-Beef jedenfalls ist geklärt, soweit; ein Verhaltensexperiment mit 18 Leuten ist im Kasten; Die Andrucke des letzten Artikel sind bereits vorliegend; Paul war zwei Tage zu Besuch, was rundum gelang eigentlich. Doch dazwischen, inmitten des wohligen Schauers auch, den die Wohnungssuche und die Planung der Umzugsmodalitäten mit sich bringen, ist es eiseskalt. Kalt wie eh.

Lieder der Ringleader of the Tormentors klingen an, und mit ihnen diese Eiszeit des vergangenen Frühjahrs, als ein System, eine Welt zum stehen kam. Max Sebalds Prosa klingt in allem durch mich hindurch, sie fräst förmlich Löcher in meine Fassade; ich merke an den wenigen zahnlosen Mitteln, die ich noch habe, um mich gegen seine alles durchdringende Traurigkeit zu wehren in manchen Momenten, wie dünn die Grasnabe noch ist. Irgendetwas fror ein, damals im ausgehenden Winter, und wie jede ordentliche Eiszeit dauert das Frieren an, und es dauert länger an als die zuvor existierenden Kulturen und Existenzen es durchzustehen im Stande sind—auf dass wahrlich Neues erst geboren werden muss.»


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Saturday, December 13, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit (III)

Am 7. Dezember war das ersehnte Flugwetter endlich eingetreten. Mit einem Sanka wurde ich auf den Flugplatz Pitomnik gefahren. Als man mich in eines von zwei dort am Rande aufgestellten Zelte trug, stand am Zelteingang ein Assistenzarzt, der offensichtlich von unserer Division war, denn er fragte leise: "44.I.D.?" Als ich die Hand hob, wies er die zwei Sanitäter an, mit meiner Bahre kehrt zu machen und mich zu einer etwa 100 Meter entfernt stehenden He 111 zu bringen. Die Heinkel nahm 7 oder 8 Verwundete mit. Für mehr war in ihrem Gang, in dem es aus den Bombenschächten jämmerlich zog, kein Platz. Die He 111 war ja ein Kampfflugzeug. Ich saß hinter den Sitzen des Piloten und des Ko-Piloten und konnte durch die Kanzel seilen.

Als wir den Einschließungsring überflogen, setzte russisches Flakfeuer ein. Der Pilot zog das Flugzeug sofort steil hoch. Nach wenigen Sekunden platzten die Flakgranaten schon tief unter uns. Schätzungsweise die letzten 50, 60 Kilometer legten wir im Tiefflug zurück und landeten nach 50 Minuten auf dem Flugplatz Morosowskaja. Die Eintragung im Bordbuch wird auch bei meinem Flug “Ver­bindung zu ein­geschlossenen Truppen” gelautet haben. Alle in Pitomnik gelandeten Maschinen wurden entladen, sofern es Transportflugzeuge wie die Ju’s waren. Allen, auch Kampfflugzeugen wie der He 111, wurde Sprit abgezapft und nur so viel belassen, wie sie für den Rückflug benötigten.

An diesem 7. Dezember landeten auf dem Flugplatz Pitomnik 188 Maschinen, die 282 Tonnen Nachschub brachten (Piekalkiewicz, Stalingrad). Diese Leistung wurde meines Wissens nur einmal überboten, im Schnitt aber nicht annähernd erreicht. Nach dem Kriegstagebuch des OKW 1942/11, Seite 1109, waren 199 Flugzeuge eingesetzt, von denen 7 Ju 52 und 4 He 111 ab­geschos­sen worden sind. Die Russen wollen am 7. Dezember 44 Transportmaschinen Ju 52 vernichtet haben. Wahrscheinlich untertreiben die einen, die anderen wieder übertreiben. Wieviele es wirklich waren, weiß mit letzter Sicherheit wohl niemand.

Ich war nun aus dem Verband der 44. Infanterie-Division ausgeschieden, der ich vom 2. November 1940 bis zum 7. Dezember 1942 angehört hatte. Ihr weiterer Leidensweg im Kessel von Stalingrad ist auf der Karte Seite 170 eingezeichnet.

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Friday, October 31, 2008

Moderne: Umnutzung

«Between 1940 and 1945 more than thirteen hundred human beings were killed within the confines of a building in Dresden’s comfortable southern suburbs (known as the Südvorstadt). The building, the Justizgebäude, housed the central courts and central remand prison for the whole of Saxony. At the time it was built, in 1907, it was considered and advanced, model institution—with the offices of the clerks and prosecutors, the courtrooms, even the cells where the accused were held awaiting trial, seen as spacious, light and airy. The facilities, even down to a prison library and the visiting room, which separated prisoners from visitors by a wide table rather than a set of bars, were absolutely modern.

Despite its potentially solemn, even grim purpose, the Justice Building, which vaguely resembled the tastefully fortified residence of a middling-ranked princely family, was reckoned by a contemporary critic to be ‘not whole foreign to a sense of benevolent humanity’.»


—Taylor, F. (2005), Dresden, Bloomsbury Paperbacks, p. 182



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Thursday, October 23, 2008

German smoke screens

FATE |fāt|
noun
1 the development of events beyond a person's control, regarded as determined by a supernatural power : fate decided his course for him | his injury is a cruel twist of fate.
• the course of someone's life, or the outcome of a particular situation for someone or something, seen as beyond their control : he suffered the same fate as his companion.

DESTINY |ˈdestinē|
noun ( pl. -nies)
the events that will necessarily happen to a particular person or thing in the future : she was unable to control her own destiny.
• the hidden power believed to control what will happen in the future; fate : he believes in destiny.
ORIGIN Middle English : from Old French destinee, from Latin destinata, feminine past participle of destinare ‘make firm, establish.’


At night, tired, in front of a bookshelf in the library, a short discussion with Wall of Time’s sabbatical researcher Dr. David Woodard on a feasible translation for the word «Schicksalszeit». A very Jüngerian subject, of course. Somewhat handwavingly, I argued that neither «destiny time» nor (not at all!) «time of destiny» would capture the German connotations of the word at all.

The more I think of it, the clearer it occurs to me that «Schicksalszeit» is a veritable smoke bomb: As if there would be any other time than the one that is identical to your destiny, your fate. The destiny as in destination and the passing of time are one thing alike, as Dr. Woodard with the more rationale, less aetheric, no-nonsense angle of the English language had grasped immediately.

To me, now, it sounds almost banal to claim such thing as a Schicksalszeit, although Jünger might have felt very superior when introducing the term. Jünger really knew how to drop these irresolvable «Vexierbilder»:

«Der Wechsel von meßbarer und Schicksalszeit verwirrt den Betroffenen. Beide sind schwer unter einen Hut zu bringen, wie im Großen Astronomie und Astrologie, auch Naturwissenschaft und Theologie. Und doch ist das seit jeher möglich gewesen und wird immer wieder möglich sein.»

[The alteration of measurable time and time of fate confuses the involved one. They are difficult to pair, like in the big scale astronomy and astrology, also science and theology. But still it has forever been possible and will always again be possible; translation not by W.o.T.]

It is this side of Jünger which I despise: Jünger getting a bit lost in too big a scenario, not having the clarity of thought, more a feverish sound; like us here at the Wall of Time sometimes, admittedly. It is the sound somebody like Gottfried Benn, for example, did not particularly like, and, in attempting to translate German thought to English lingo, I begin to see why.



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Saturday, September 27, 2008

The impossibility of Now (pt. III): A few lines by Wallace Stevens

A Clear Day and No Memories

No soldiers in the scenery,
No thoughts of people now dead,
As they were fifty years ago,
Young and living in the air,
Young and walking in the sunshine,
Bending the blue dresses to touch something,
Today the mind is no part of the weather.

Today the air is clear of everything.
It has no knowledge except of nothingness
And it flows over us with no meanings,
As if none of us had ever been here before
And are not now: in this shallow spectacle
This invisible activity, this sense.


Wallace Stevens, *1879 †1955 — When writing part I and part II of what was about to become this trilogy, this poem literally fell into my lap and formed the natural and final third part; a kind of Contrapunctus to what I tried to convey in poor words. I want to share it here.



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Tuesday, September 09, 2008

Flüstern sollten wir die ganze Zeit

Kennen Sie das, wenn Sie Texte übersetzen müssen, sehr schlecht, im Rahmen Ihres eigenen bescheidenen Vermögens, einfach weil Sie lauschen wollen, wie dieses Lied, das Sie betört, seit Tagen, in Ihrer Sprache klingen würde? — The Magnetic Fields, 100,000 Fireflies


«Ich hab eine Mandoline
Die spiel ich die ganze Nacht
Ich möcht mich darüber umbringen
Ich habe auch eine Dobro
Gefertigt in irgend einem Gebirgszug
Wie ein verliebter Gebirgszug klingt es
Aber wenn ich an meiner elektrischen
Gitarre den Regler aufdrehe
Fürchte ich mich vor der Dunkelheit ohne Dich nah bei mir

Ich ging hinaus in den Wald und fing
einhunderttausend Glühwürmchen
Wie sie so durchs Zimmer querschlagen
Erinnern Sie mich an Deine leuchtenden Augen
Andere Augen hätten mich vielleicht nicht so traurig gemacht
Aber dies ist die schlimmste Nacht die ich je hatte
weil ich mich fürchte vor der Nacht ohne Dich nah bei mir

Du wirst nicht froh werden mit mir
Aber gib mir noch eine Chance
Du wirst eh nicht froh werden
Warum leben wir immer noch hier
in dieser abscheulichen Stadt
Alle unsere Freunde sind in New York
Warum kreischen wir immerzu
wenn wir sanfte Dinge meinen?
Flüstern sollten wir die ganze Zeit»


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Monday, September 01, 2008

Was bleibt: Bunter Staub

Datumsmystik, eine Spezialität an der Wall of Time: 01. September 2008 (–69) 01. September 1939 (+5) führt uns zu

«Saint-Dié, 1. September 1944
Abends Lektüre des Buches von Filon über die Kaiserin Eugenie. Dazu hallten Gewehrschüsse vom nahen Kempberg, der schon Maquis geworden ist. Ich richtete das Häuschen, in dem ich mit dem Feldwebel Schröter wohne, zur Verteidigung ein, so wie man sich eines alten, halbvergessenen Handwerks entsinnt.
Im Traum durchschritt ich eine herrliche Stadt, die allen mir bekannten an Eleganz weit überlegen war, weil altchinesische Formen sich mit den europäischen vereinigten. Ich sah die Gräberstraße, den Markt, die Hochhäuser aus rotem Granit.
Wie häufig bei solchen Wanderungen sammelte ich auch einige Käfer in die Ätherflasche ein. Als ich sie leerte, um die Beute zu betrachten, fielen mir zwei oder drei Tiere auf, die ergriffen zu haben ich mich nicht erinnerte, darunter eine karneolrote Anoxia, die fast durchsichtig war. Erwachend entsann ich mich jedoch, daß ich sie vor einigen Nächten während eines anderen Traumes in die Flasche geworfen hatte, und erstaunte darüber als über einen auf merkwürdig konkrete Weise in diese Welt hereinragenden Zug.
Übermorgen werde ich nach Hannover fahren; der Stab des Militärbefehlshabers löst sich auf.»

(Ernst Jünger, Kirchhorster Blätter)


Was bleibt, ist BUNTER STAUB: Buchvorstellung des neuen Deconstructing Jünger-Bandes, hrsg. von Alexander Pschera, mit David Woodard u.a. am 28. September 2008 auf Schloß Neuhardenberg

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Tuesday, August 19, 2008

You will be happy here

Telefonat mit dem Freund in Berlin, der seit langem, viel aufrichtiger als ich, gravitätisch um den großen Dichter und Ver-rückten Hölderlin kreist, und ihm posthum hoffentlich schon bald einen wahrlich passenden Lebensraum erschaffen wird. Dabei immer die Frage, für mich: Gab es den einen Moment, gab es den, mit den Worten des Freundes, Bruch in Hölderlins Weg? Meisterlich hat dieses vielleicht entscheidende Stück des Hölderlinschen Werdens einmal W.G. Sebald in Worten gefangen:

«Und also muss [Hölderlin] wieder hinaus.Wie viele Fußreisen hat er nicht schon gemacht in seinem kaum dreißigjährigen Leben, im Rhöngebirge, im Harz, auf den Knochenberg, nach Halle und Leipzig, und jetzt, nach dem Frankfurter Fiasko, wieder nach Nürtingen und Stuttgart zurück? Bald darauf neuer Aufbruch nach Hauptwil, in die Schweiz, von Freunden begleitet durch den winterlichen Schönbuch bis Tübingen, allein dann die raue Alb hinauf und hinab auf der anderen Seite, auf der einsamen Hochstraße nach Sigmaringen. Zwölf Stunden bis von dort an den See. Stille Fahrt, über das Wasser. Im darauf folgenden Jahr, nach einer kurzen Zeit bei den Seinen, wieder unterwegs über Colmar, Isenheim, Belfort, Besançon und Lyon, west- und südwestwärts, mitten im Januar durch die Niederungen der oberen Loire, über die tief verschneiten, gefürchteten Höhen der Auvergne, durch Sturm und Wildnis, bis er zuletzt anlangt in Bordeaux. Sie werden hier glücklich sein, sagt ihm bei seiner Ankunft der Konsul Meyer, doch sechs Monate später ist er, erschöpft, verstört, mit flackerndem Auge und wie ein Bettler gekleidet wieder in Stuttgart retour. Nimm freundlich den Fremdling mir auf. Was war es, das ihm widerfuhr? Fehlte ihm seine Liebe, konnte er die gesellschaftliche Zurücksetzung nicht verwinden, oder hat er am Ende in seinem Unglück zu vieles vorausgesehen? Wusste er, dass sich das Vaterland abkehren würde von seiner friedfertigen, schönen Vision, dass man seinesgleichen bald überwachen und einsperren würde und es keinen Ort für ihn gab außer dem Turm. A quoi bon la littérature?»

[«So [Hölderlin] must leave again. He has gone on so many walking tours in his life of barely thirty years, in the Rhone mountains, the Harz, to the Knochenberg, to Halle and Leipzig, and now, after the Frankfurt fiasco, back to Nürtingen and Stuttgart. Soon afterward, he sets off again to Hauptwil, in Switzerland, accompanied by friends through the wintry Schönbuch to Tübingen, then alone up the rugged mountain and down the other side, on the lonely road to Sigmaringen. It is twelve hours’ walk from there to the lake. A quiet journey across the water. The next year, after a brief stay with his family, he is on the road again, through Colmar, Isenheim, Belfort, Besançon, and Lyons, going west and southwest, passing through the lowlands of the upper Loire in mid-January, crossing the dreaded heights of the Auvergne, deep as they are in snow, going through storms and wilderness until he finally reaches Bordeaux. You will be happy here, Consul Meyer tells him on his arrival, but six months later, exhausted, distressed, eyes flickering, and dressed like a beggar, he is back in Stuttgart. Receive me kindly, stranger that I am. What, exactly, happened to him? Was it that he missed his love, could he not overcome his social disadvantage, had he after all seen too far ahead in his misfortune? Did he know that the fatherland would turn away from his vision of peace and beauty, that soon those like him would be watched and locked up, and there would be no place for him but the tower? À quoi bon la littérature?»]

Exzerpt aus W.G. Sebald, Rede anlässlich der Eröffnung des Literaturhauses Stuttgart, November 2001; translated by Anthea Bell)