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Wednesday, November 11, 2009

Brasilien

“Yes, I always used to wonder if she wore falsies.”
—Sam Lowry, in Terry Gilliam’s “Brazil”


Ich fühle mich ja wirklich manchmal etwas schlecht, wenn ich ein Leben als Täuschung aufführe. Wenn ich von Städten schreibe, die es zwar gibt, die aber in Wirklichkeit ganz anders aussehen. Wenn ich Personen treffe, die nicht mehr leben und wenn, dann schon gar nicht dort auftauchen würden, wo die Spürnasen von WALL OF TIME sie wieder gesehen haben wollen. Aber es gibt eben kein richtiges Leben im Gefälschten, und so bleibt mir nichts übrig, als Ihnen diese kleinen Spielchen aufzuführen. Und es ist ja am Ende des Tages auch alles wahr, was ich zu berichten weiß. Aber ich gestehe zu, dass es alles sehr ermüdend ist mit dieser Postmoderne.

Und dann lese ich von Brasilien. Nicht jenem Brasilien, dem Oskar Niermeyer, als die Moderne noch ohne Vorsilbe auskam, einen gigantischen Traum in Stein goß. Sondern jenem Brasilien in Lauffen am Neckar. Ich lüge nicht.

Ich wollte doch nur etwas mehr wissen über den Friedrich Hölderlin einmal mehr, der am Fluß Neckar sein Leben gelebt hat, in Lauffen und Nürtingen und Tübingen. Und ich höre: Da ist nichts mehr zu sehen; alles der alliierten luftgestützten Stadtplanung zum Opfer gefallen.

Bei Lauffen, so stellt sich heraus, macht dieser Neckar, den der Holder gern besang, einen seiner Mäander – hatte ich bereits einmal erwähnt, dass Flüße, wenn man nur Mut zum Großen Ganzen hat, immer ihre Bögen der Kreiszahl π annähern? Steht irgendwo in Science, 1995 – und just diese Biegung ähnelt aus der Höhe besehen recht eindringlich jener wirtschaftlich und politisch viel signifikanteren Biegung weiter stromaufwärts, in Cannstatt bei Stuttgart. Während des Krieges war die Kenntnis solch flußlicher Selbstvervielfältigung den Nazis ein ganz besonderes Schauspiel wert. Unter dem nom de guerre „Brasilien“ wurde Lauffen zu Stuttgart. Können Sie noch folgen?

Der Stuttgarter Hauptbahnhof, jene von Paul Bonatz geschaffene spätimperiale Quadratperle, wurde flugs aus sehr viel Holz, versehen mit echt gefaketen Flugabwehrkanonen, im Niemandsland an der Lauffener Neckarkrümmung, 40, 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, aufs Aufwändigste herbeipotemkinisiert. Ein schwäbischer, arbeitsloser Informatiker schreibt dazu in der Informatikerpostille Wikipedia, unter dem schönen Stichwort „Brasilien (Scheinanlage)“: „An Stangen befestigte Lampen erweckten den Eindruck von beleuchteten Gleisanlagen. Künstliche Lichtblitze sollten fahrende Straßenbahnen vortäuschen, Strohmatten umliegende Straßenzüge.“

So kommt es, dass sich noch heute im schönen Bad Cannstatt in der Nähe des Hauptbahnhofs alte Bürgerhäuser erhalten haben, in deren ausrangierten Bäckereien ich als Kind spielen und etwas unbestimmt Erhabenes, Altes, mich bei weitem Überragendes wahrnehmen durfte. (Dafür haben sich die Stuttgarter fairerweise auch bei den fast vierzig Mal einem der falschen Flußbiegung zugeeigneten Feuer zum Ziel gewordenen Lauffenern bedankt.) Aber so kommt es eben auch, dass man in Lauffen am Neckar vergeblich ein Hölderlin-Erbe herbeisimulieren muss heute, denn Echtes, was immer das sein mag, ist längst fort, verbrannt, einmal, als Lauffen ein Brasilien war, das Stuttgart sein sollte.


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Tuesday, September 01, 2009

What goes around, comes around.


Dabei war ja eigentlich alles ganz einfach. Wieluń, 01. September 1939.

Tuesday, August 25, 2009

The impenetrable beauty of Time (IV)

“Nachdem […] sich ihre Taschenuhren im Winter und allgemein unter Kampfbedingungen als sehr unpraktisch erwiesen, setzte sich die Armbanduhr beim Militär und schließlich auch in der zivilen Gesellschaft schnell durch und war bei Kriegsende zum allgemeinen Standard geworden.”


In the psychological literature on timing, by far the most influential model has been the internal clock model (Creelman 1962; Treisman 1963).

Internal clocks are hypothetical mechanisms in which a neural pacemaker generates pulses; the number of pulses relating to a physical time interval is recorded by a counter. Internal clock models are generally centralized: one clock is used for all timing tasks. Centralized and distributed mechanisms can be subdivided into models in which the same neurons are timing all intervals or models in which different neurons time different intervals.

For example, we can use the same watch to time both 100 or a 500 msec intervals. However, one could imagine a system in which the initial event triggered an array of watches, each one devoted to a fixed interval: 100, 200, …, 500 msec. In this review, the former model will be referred to as a clock model and the latter as a labeled line or an interval-based model (Ivry 1996).”



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, May 05, 2009

Es ist ein kurzer Weg in langer Zeit

Einsamer nie als im August: — Das ist ja von Gottfried Benn, dem Zauderer. Ich sollte mich hüten, ihn gleich auch noch zum einsamen Zauderer zu machen; er kann sich nicht wehren und ist ja schon sehr lange tot. Auch hätte er das Sich Wehren gänzlich abgelehnt möglicherweise, wie viele große Künstler, die genau wissen, dass das eitle Stellungbeziehen, und sei es dagegen, die wertvolle und in ihrem Wortsinne so wahre Indifferenz verrät. Benn jedenfalls schrieb dieses Gedicht im August 1940. So sind es die Worte selbst und der Zeit-Punkt ihres Entstehens, die in mir nachhallen.

Sommer 1940; wie der Text nahelegt, gar der August desselben. Da bangte meine Großmutter hoch– und höchstschwanger, die Nieder­kunft erwartend, dem entgegen, was da kommen möge. Mein Großvater stand sicher schon im Feld, auch wenn mir erste Bilder von einem Studienrat vor dem Ortsschild Belgrads erst aus dem Jahre 1941 vorliegen. Neunzehnhundertvierzig, der Sommer; da waren doch die Franzosen ein für allemal geschlagen, da war man sich mit Stalin doch einig. Nur die Bomber kamen weiterhin, trotzdem und immer heftiger. Und immer weniger waren die Menschen, und ganz sicher unter ihnen meine Großmutter, 23 Jahre jung, in der Lage, das Sportliche in den Angriffen zu sehen.

Meine Großmutter war ein ängstlicher Mensch. Angst ist ein Motor, ein einsamer noch dazu. Die Menschen dringen nicht mehr durch zu mir, wenn ich ängstlich bin. Der Bomber aber drang durch, damals längst noch nicht in den Südwesten, aber die Gerüchte und Geschichten eilten ihm voraus und ebneten ihm den Weg. Sicher auch den Weg an den Neckar, und in die Ohren meiner Großmutter, und von dort in ihr Gehirn, das damals noch tadellos und blitzgescheit funktionierte, 59 lange Jahre bevor ein sich langsam, aber todsicher verschliessendes Stück Blutleitung dies ändern, ihr erst die Worte, dann die Angst, dann die Einsamkeit, und zu guter letzt das Leben nehmen sollte.

Was passiert, wenn eine vielleicht einsame, sicher aber besorgte junge Schwangere in den Zirkus der Angst gerät? Wenn das Cortisol sich ausschüttet über ihr eigenes, und vor allem über das kleine in ihrem Bauch gedeihende Gehirn? Zu leicht vergesse ich, dass ein Gehirn stets in einem Bauch reift, ein schönes und wahres Bild. — Plötzlich also schreibe ich, von Benn kommend, dem Schöpfer des zaudernden Hirnvermessers Rönne, über die (sehr wörtlich zu nehmenden Hormon– und Botenstoff-)Schauer der Angst, wo ich doch nur an den August 1940 denken wollte und die nahenden Flugzeuge am Himmel.

“Früher habe ich gerne WALL OF TIME gelesen, bevor ein Wahnsinniger denen diese Luftkriegsliteratur zugeschippt hat”, mögen Sie jetzt entgegen. Ich verdenke es Ihnen keineswegs und stehe ebenso ratlos wie Sie vor der obsessiven Kraft des Tods von oben, vor meiner steten Rückkehr zu längst vergangenen Verbrechen, Schrecken, Absurditäten und Unerklärlichkeiten.

Jedoch, sie hallen nach, und vom Cortisol-Level einer jungen Frau bei Heilbronn an einem Abend im August 1940, während Benn auf der Terrasse der Stadthalle Hannover sich immer tiefer in sich selbst verkriecht und während Benjamin, immer weniger der Verzweiflung entgegensetzend, an den spanischen Grenze seine letzten Tage zählt, ist es ein unfasslich kurzer Weg zu mir, dem Sohn der Tochter. Es ist ein kurzer Weg in langer Zeit, und weil wir so langsam, wie diese Fortschritte sich vollziehen, gar nicht schauen können, verstehen wir nicht, wie alles zusammenhängt.

Es bleibt mir nur, auszuloten wie ein armseliger Hirnforscher mit seiner trüben reduktionistischen Grubenlampe, wie die verschütt liegenden Erze eines total umgekrempelten, pervertierten Daseins, vor fast zwei Generationen einmal, bis heute in mich hineinwirken, in meine kleinen Sorgen, meine Einsamkeit, und meine Sommer.


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Sunday, April 26, 2009

Spectres of the past, pt. VII

“Also diskutieren sie das Leid der Popularisierung, das Problem der Distinktion durch exklusive Orte, Werte und Codes, bis hin zu den ursächlichen kulturellen Produktionsmechanismen”
—Minusvisionen.de, 2009, on «Tristesse Royal», published 1999


‘Man kämpft oder läßt es sein, das Drama darum schwindet. Im Hotel Adlon spricht alles leise. Die Drehtüren rotieren ohne Unterlaß, »aber trotzdem ist es still, ganz still in der Halle«. Rußige Gesichter, jeder trägt einen Koffer, ein Paket, ein Bündel, wie in einem Flüchtlingslager. »Alle scheinen todmüde zu sein, alle haben das gleiche erlebt, es bedarf keiner Worte und Erklärungen. Wahrlich, hier geht eine Weltstadt gerade vor unseren Augen unter.«’



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Friday, April 10, 2009

Spurensuche (IV): Heimat

“Das deutsche Wort HEIMAT verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum. Allerdings ist die geographisch-historische Eingrenzung der Bezugsräume keine feststehende, sondern situationsbedingt verschiebbar.”

Aus dem Tagebuch des Pfarrers Franz Jehle, Grafendorf:

«10.04.[1945] — Um halb zehn Uhr zum letzten Mal hl. Messe mit der Herrschaft auf dem Schloß Emmahof. Gräfin gibt mir ihr Tagebuch der letzten zwei Jahre mit, von ihren Büchern, was mich irgendwie interessiert. Graf und Gräfin meinen, ich soll mir aus Bibliothek und Schloß nehmen, was mir gefällt. Sie haben nicht viel Hoffnung, je nach Emmahof zurückkehren zu können. Ich verspreche, einige der wertvolleren und ihnen lieben Bücher zu mir zu nehmen, auch Geräte und Paramente aus der Kapelle.»


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Tuesday, February 17, 2009

Lord, give me grace, and dancing feet, and the power to impress.

Irgendetwas muss doch auch richtig gelaufen sein.
Irgendetwas muss doch gelungen sein, wenn
nur zwei Tage nach dem (dieses Jahr
auch wieder besonders unerquicklichen) Jahrestag
des Dresdner Feuerregens eine ausgerechnet englische
Band mit einem ausgerechnet auch noch
nigerianisch-stämmigen Sänger ausgerechnet
den Alten Schlachthof, ganz nach Kurt
Vonneguts Slaughterhouse-Five—nehmen denn
die Allegorien gar kein Ende—, in eben jenem
Dresden bespielt und über tausend Menschen,

vielleicht etwa so viele wie damals vergeblich
Zuflucht im Hauptbahnhof suchten, sich und einander
im Schallsturm wiegen; froh sind; die Arme unwillkürlich
nach oben reissen müssen und schreien vor
flüchtigem Glück ob der Energie, die da von den
drei (eher gemütlich-rotgesichtigen Oktoberfestbesuchern
als einer Lancaster-Besatzung ähnelnden)
Ton– und Lichtmännern übertragen und verstärkt wird;
und wenn dann auch noch der frohe junge
Engländer die Dresdner ganz ohne Hintergedanken

auffordert, zum ausgerechnet “Ares” betitelten
letzten Stück doch bitte das Dach des Hauses
abheben zu lassen (statt es von oben mit dem mühsam
aus Norfolk herbeigeflogenen Sprenggut einstürzen
zu lassen
, denkt die Vernetzungs– und Historienmaschine
in meinem Kopf sofort mit) und alle, aber wirklich alle für
drei Minuten dann auch nichts anderes mehr im
Schilde führen, dann muss doch
etwas richtig gelaufen sein.

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Monday, December 22, 2008

Winterreise, Part II

2.
19.12., im Schwarzwald:

Ich fahre hinein in eine empfundene Tiefe. Wie in ein Tal, das sich verengt, und unweigerlich auf einen Stollen zuführen wird. Der Stollen, das ist Konstanz. Hier, hinter St. Georgen türmt sich bereits der Schnee neben den Geleisen, von dem in Leipzig noch keine Ahnung und in Frankfurt nur ein Regen war.

Wenn es dunkel wird noch dazu, vor den Fenstern, dann verstärkt sich das Gefühl, in einer Kapsel zu rasen, und das Rauschhafte des Zugfahrens nimmt überhand: Zusammen mit der unerreichten Monotonie seines Geräuschs erlaubte es mir, die letzten drei Stunden ebenso rauschhaft dem absurden Theater des Bomber Command zu folgen. Über den Krieg zu lesen, den Luftkrieg insbesondere, ist eine einmalige, bei Sebald natürlich abgeschaute Gedächtnisfigur: Durch ein heiles Land fahren, die Landschaft und die Städte mehr streifend und spürend als sie tatsächlich betrachtend, und sich dabei den Dissonanzen des doppelten Echos aussetzen, das zum einen die Druckwellen der Bombardierungen und die Feuerbrünste der Landschaft einbeschrieben haben und das zum anderen aus den Worten der Schriftsteller und Historiker deutscher wie englischer Zunge strahlt und im Kopf zu Schall und Erregung und Schmerz sich zurückwandelt.

In Konstanz, so ging – als ich dort lebte – stets die Mär, sollen sie einer Zerstörung von oben entgangen sein, weil sie ihre Nähe zur Schweiz ausnutzten und kühn einfach nicht verdunkelten, ganz wie die Schweizer Vettern es taten, und so von oben wie ein Stück der neutralen Schweiz erschienen sind. Das glaube ich nicht. Ich glaube, Konstanz hat Glück gehabt (but see Seuffer, 2003). Es stand vielleicht nie auf einer der sicher nur für Wissenschaftlerherzen wie das meine bewundernswert erscheinenden, akribisch erstellten und iterativ optimierten Listen aus den Faktoren Möglichkeit, Notwendigkeit, Brennbarkeit. Ich fahre nach Konstanz, durch den Schnee, und alles brennt lichterloh.


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Saturday, December 13, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit (III)

Am 7. Dezember war das ersehnte Flugwetter endlich eingetreten. Mit einem Sanka wurde ich auf den Flugplatz Pitomnik gefahren. Als man mich in eines von zwei dort am Rande aufgestellten Zelte trug, stand am Zelteingang ein Assistenzarzt, der offensichtlich von unserer Division war, denn er fragte leise: "44.I.D.?" Als ich die Hand hob, wies er die zwei Sanitäter an, mit meiner Bahre kehrt zu machen und mich zu einer etwa 100 Meter entfernt stehenden He 111 zu bringen. Die Heinkel nahm 7 oder 8 Verwundete mit. Für mehr war in ihrem Gang, in dem es aus den Bombenschächten jämmerlich zog, kein Platz. Die He 111 war ja ein Kampfflugzeug. Ich saß hinter den Sitzen des Piloten und des Ko-Piloten und konnte durch die Kanzel seilen.

Als wir den Einschließungsring überflogen, setzte russisches Flakfeuer ein. Der Pilot zog das Flugzeug sofort steil hoch. Nach wenigen Sekunden platzten die Flakgranaten schon tief unter uns. Schätzungsweise die letzten 50, 60 Kilometer legten wir im Tiefflug zurück und landeten nach 50 Minuten auf dem Flugplatz Morosowskaja. Die Eintragung im Bordbuch wird auch bei meinem Flug “Ver­bindung zu ein­geschlossenen Truppen” gelautet haben. Alle in Pitomnik gelandeten Maschinen wurden entladen, sofern es Transportflugzeuge wie die Ju’s waren. Allen, auch Kampfflugzeugen wie der He 111, wurde Sprit abgezapft und nur so viel belassen, wie sie für den Rückflug benötigten.

An diesem 7. Dezember landeten auf dem Flugplatz Pitomnik 188 Maschinen, die 282 Tonnen Nachschub brachten (Piekalkiewicz, Stalingrad). Diese Leistung wurde meines Wissens nur einmal überboten, im Schnitt aber nicht annähernd erreicht. Nach dem Kriegstagebuch des OKW 1942/11, Seite 1109, waren 199 Flugzeuge eingesetzt, von denen 7 Ju 52 und 4 He 111 ab­geschos­sen worden sind. Die Russen wollen am 7. Dezember 44 Transportmaschinen Ju 52 vernichtet haben. Wahrscheinlich untertreiben die einen, die anderen wieder übertreiben. Wieviele es wirklich waren, weiß mit letzter Sicherheit wohl niemand.

Ich war nun aus dem Verband der 44. Infanterie-Division ausgeschieden, der ich vom 2. November 1940 bis zum 7. Dezember 1942 angehört hatte. Ihr weiterer Leidensweg im Kessel von Stalingrad ist auf der Karte Seite 170 eingezeichnet.

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Tuesday, November 04, 2008

Heute sind wir alle Amerikaner: Ingo Niermanns JOIN THE U.S. ARMY

Am vergangenen Freitag eröffnete der Autor und Künstler Ingo Niermann in der Berliner Galerie ZERN seine Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY, passend zu den heute bevorstehenden Umstürzen im Heimatland dieser großen Militärmacht.

Ich war auch anwesend, geplagt von widerstrebenden Eindrücken – doch am Schluss gewann das Leuchten in meinen Augen, nach der wiederholten gedanklichen Rückkehr zur Kindheit in den frühen 1980er Jahren, als während des NATO-Doppelbeschlusses es meinen Eltern leider nicht geboten schien, ihrem Kind ein ordentliches Gewehr auszusägen, und deshalb nur Holz-Tomahawks (die Äxte, nicht die Raketen) zur Verfügung standen.

WALL OF TIME konnte in den unmittelbaren Turbulenzen nach der Vernissage mit dem deutschen Künstler Ingo Niermann ein kurzes Gespräch führen.

Lieber Ingo Niermann, als wir bei WALL OF TIME von Ihrer Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY hörten, zögerten wir keine Sekunde, Ihrem Ruf Folge zu leisten. Und die Eröffnung geriet ja auch zum veritablen Spektakel, von den gestrengen Recruiting Officers der Galerie ZERN über die wunderschönen M-16 Holzgewehre – wer hat diese eigentlich ausgesägt?

…Ein mir nicht bekannter, kundiger Schreiner…

– bis zu Ihrem Drill Instructor Thoralf. Ein sehr guter Name, im Übrigen. Wieso eine Ausstellung, Ihre erste Einzel-Ausstellung, zur US-Armee? Hat diese nicht ein sehr schlechtes Image?

Keine andere Armee ist auch nur halb so mächtig.

Im Begleittext zur Ausstellung wird Bezug genommen auf den Cargo-Kult der auf den Neuen Hebriden Verbreitung erfuhr, eine – bitte korrigieren Sie mich – Form der kultischen Verehrung von US-Cargo-Gütern, die die Verheerungen des Pazifikkriegs an diese Inseln spülten. Ist es tatsächlich so, dass dort bis heute der US-Armee wie einer Gottheit gehuldigt wird? Sie waren 2004 einmal dort, stimmt das?

Cargo-Kulte gibt es auf vielen Südsee-Inseln. Die Güter wurden während des Zweiten Weltkriegs von gegen Japan kämpfenden GIs auf die Inseln gebracht. Auf der Insel Tanna im Inselstaat Vanuatu (ehemals Neue Hebriden) wird der eschatologischen Gottheit John Frum einmal jährlich mit einer eigenen US-Armee gedacht. Christian Kracht und ich hatten im Februar 2004 die Ehre, diesem Fest beizuwohnen, und erfuhren, dass auf der Insel, im Krater des Mount Yasur, auch der Geist von Amerika Zuflucht gefunden hat. Der Geist von Amerika – so auch der Titel eines gemeinsam mit Christian Kracht verfassten Aufsatzes, abgedruckt in Krachts “New Wave” (Köln, 2006) und dem von Chus Martínez herausgegebenen Katalog “Pensée Sauvage” (Frankfurt/M., 2007).

Mir fiel auf, dass sehr viele Un­ge­dien­te und Frau­en Ihrem Ruf Folge leistet­en und sofort und be­reit­wil­lig der U.S. ARMY be­itrat­en. Hatten Sie das geahnt, waren Sie sich dieses Zuspruchs gar sicher im Vorfeld? Und warum wollen nun auf einmal alle der US-Armee angehören? Was ist das Geheimnis?

Die schöne Flagge, die schönen Gewehre und die Macht.

Ein integraler Bestandteil der Ausstellung schien mir neben den Holzgewehren und dem Rekrutierungsprozess selbst die Feilbietung und Aufnahme von frei verfügbarem, hochprozentigem Alkohol zu sein. Ich selbst fürchtete kurzzeitig, mittels des Alkohols vielleicht “shanghait” zu werden und mich am nächsten Morgen auf einem Flugzeugträger der dann leider echten U.S. ARMY wiederzufinden. Dies passierte nicht, aber: Weshalb der Alkohol, der in der echten U.S. ARMY wie in jeder Armee sicher streng verboten und doch Teil der Kultur ist?

Alkohol ist eine klassische Rekrutierungsdroge, die sich – wie ich von an dem Abend anwesenden US-Amerikanern erfuhr – auch heute noch die US-Armee während des Spring Breaks zunutze macht.

Commander Niermann, aufmerksame Besucher Ihrer Ausstellung konnten Zeuge werden, wie Sie wiederholt davon sprachen, dies sei erst der Anfang gewesen, und es gehe “immer weiter”. Wohin bitte geht es immer weiter mit der Niermannschen U.S. ARMY?

Geplant sind weitere Rekrutierungen sowieso Ausbildungscamps mit den bereits Rekrutierten.

Oh. Das betrifft auch mich. — Heute wird gewählt, Sie feiern in Ihrer Ausstellung auch eine große Wahlparty unter dem Motto “My Country, right or wrong”. Sehen Sie direkte Implikationen für die U.S. ARMY durch den Ausgang der Wahl?

Nein.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Thursday, October 02, 2008

Vielleicht ein Ausweg, ein Entkommen: Das neue Buch von Christian Kracht

In einer aktuellen Portraitphotographie sieht man den Dichter Christian Kracht innehalten, und eine Fliege sitzt dort, wo andere Lichtgestalten einst ihren Schönheitsfleck hatten. Die Fliege sonnt sich, oder sucht den Schatten unter Krachts Nase; und hätte Tom Ising nicht so einen mesmerisierenden Umschlag entworfen, der mit einer alten (nicht einmal fiktiven) Afrika-Karte den Ton setzt, und wären Autorenfotos auf dem Cover nicht spätestens seit den verlustreichen Schlachten am Adlon 1999 wegen akutem Mißverstand verboten, so könnte auch dieses Bild eine hervorragende Vignette sein für diesen neuen, vielleicht letzten Roman von Christian Kracht.

Denn, überhaupt, die Tiere: Vorangestellt hat Kracht diesem Lied in Buchform ein Zitat von D.H. Lawrence, in welchem der Anmut einer Wiese mit nichts als einem Hasen darauf gehuldigt wird; durch den Buchtrailer von Frauke Finsterwalder flattert ein Schmetterling und scheint einer gravitätischen Bahn nach Afrika zu folgen. Und am Ende, soviel sei verraten, tragen Hyänen eine Art von Sieg davon.

Im übrigen den einzigen Sieg, den es noch zu erringen gibt, den eines freien Lebens über den Hirntod: In Krachts Sonnenschein, wie in allen seinen Erzähltexten, ist die Zeit aufgehoben, Post-Histoire in Reinkultur: “Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören”, also liefern sich die eifrigen und diffus guten Schweizer noch Scharmützel mit den Deutschen, aber der große Krieg wird nicht gewonnen werden, er dauert gefühlt schon ewig und wird es immer tun. Aber hier, plötzlich und unvermutet anders als in “Faserland” und in der faux period novel “1979”, spürt man am Ende vielleicht doch einen Ausweg, ein Entkommen aus der Endlosschleife des abhanden gekommenen Sinns.

Es sind ausserdem oder vor allem in diesem Buch, wie stets bei Kracht: die klaren Sätze, von allem Ballast befreit; die einprägsamen Bilder, die man gemeint hat gesehen zu haben, ohne sich genau erinnern zu können; die lustigen und listigen doppelten Böden, die der Autor für unser wiederholtes und vertieftes Lesevergnügen eingezogen hat; die Träume, also: die so oft beschworene und doch so selten einfach niedergeschriebene Phantasie.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, nachdem ich diesen Traum nachgeträumt hatte gewissermaßen, und nachdem ich diesem Humanisten in Uniform nach Hause, nach Afrika gefolgt war, der uns voraus fliegt wie der Schmetterling, war für ein paar Minuten alles gut. Mehr kann man nicht verlangen. Kaufen Sie dieses Buch, und geben sie es nicht mehr her.


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Wednesday, September 24, 2008

The impossibility of Now (pt. II): Spectres from the past

Auf dem Rückflug gestern machte mein Herz eine kleine Extrasystole, als ich bemerkte, dass ich neben dem Germanisten und Schriftsteller Max Sebald saß. Der große Mann auf dem Fenstersitz war mir am Gate gar nicht aufgefallen. Er schien ein routinierter Reisender zu sein, der nicht viel Aufhebens machte. Vor sich auf den langen Oberschenkeln lagen schon zwei Examensarbeiten; Ringbindung.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, endlich in dem neuerworbenen Wälzer über die Zerstörung Dresdens weiterzulesen, der mich schon am Gate gefesselt und das Wasser in die Augen gedrückt hatte. Aber ich konnte nicht neben Sebald sitzen, und in einem Buch über den Luftkrieg lesen, das wäre einfach too much.

Das glaubt mir wieder keiner, denke ich. Hier sitze ich, in Gedanken ganz 1945, in Suffolk, Bomber country, und dann in Dresden; bei der riesigen Bomberflotte, wie sie ihren Tanz am Himmel beginnt, sich über dem Kanal sammelt; bin ein Teil des Blech-Konfetti, das zuerst in den deutschen Radarschirm regnen sollte; all das denke ich, während ich mit einem Haufen freundlicher Engländer auf ihrem Weg zum Oktoberfest in einer Zivilmaschine sitze und wir bereit sind abzuheben, den Weg der Lancasters über Belgien hinweg nachzuzeichnen; und dann sitzt da Sebald persönlich neben mir. Er sieht etwas älter, aber auch drahtiger aus als auf den letzten Photos von 2001.

Ich ringe bis über den Kanal mit mir, ob ich ihn ansprechen soll. Es wäre sehr albern. Ich achte stattdessen auf seine Hand, die an den Rand der Arbeit mit einem Bleistift hin und wieder etwas notiert, strichelt, eher. Als die Getränke anrollen, schnarrt es in dem mir bestens bekannten Bairisch-Englisch unter dem Schnurrbart hervor, “an orange juice, please”. Ich sehe von meiner Bierbestellung ab.

Jetzt rast mir der Kopf. Wie bereichernd wäre es, mit Sebald selbst zu sprechen, jetzt, wo er einfach so mit mir aus seiner Wahlheimat England nach Deutschland reist. [Heute morgen habe ich her­aus­ge­fun­den, dass er wohl als Keynote speaker auf einem Symposium von Aleida Assmann zu kollektivem Gedächtnis in Konstanz eingeladen ist. Wieso bin ich nicht dort?] So gerne würde ich ihn fragen, wie er das gemeint hat mit der Heimkehr nach Deutschland, ich glaube, er schrieb einmal, ‘On a bad day, returning to Germany brings back all kinds of spectres from the past’. Ist dies heute ein schlechter Tag, für mich? Für ihn? Niemand anders in diesem Flugzeug denkt jetzt vermutlich an Dresden, wir fliegen ja erst einmal nach München, sowieso, und an die Bomben und den Brand denkt erst recht keiner. Bei meinem bedeutenden, stillen Reisegefährten hingegen bin ich mir fast sicher, dass er daran denkt. Aber vielleicht sehe ich etwas in ihm, das er nicht sein will.

“Herr Sebald, es ist verrückt, ausgerechnet diese Strecke mit ihnen fliegen zu dürfen. Sie sind doch Herr Sebald?” — oder besser auf Englisch. “Do you know, by any chance, the works of Christian Kracht? They somehow, oddly, keep reminding me of some of yours, although he writes vastly different, from a technical point of view.” — “Sie haben auch einmal in Klagenfurt gelesen, nicht? Und einmal in meiner Heimat, in Stuttgart. Das war ein wunderbarer Text.” Ach, es wäre alles zu peinlich. Ich schweige.

Der stille Mann schaut mich nur einmal an, beim Aufstehen, wie er sich aus der engen Sitzreihe windet, nach einer friedlichen Landung in einer deutschen Stadt. Er schaut, mit einem freundlichen Zug unter dem Schnurrbart, und ich hoffe, dass er weiss, dass ich weiss. Eine Stunde haben wir wieder verloren, für irgendwas, wie ein Pfand, das wir einzuzahlen haben, kurz vor fünf ist es, und ich muss mich wirklich beeilen, um die Maschine nach Leipzig nicht zu verpassen. Die Maschine, so sagt man ja gar nicht mehr, denke ich. Ich sehe ihn zum letzten Mal bei der Passkontrolle, als er, am Schalter nebenan, einen deutschen Reisepass, den grünen noch, hinüberreicht.


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Monday, September 15, 2008

Classics of Camp (VII): Gespräche mit Nina

“Träumst Du auch so oft vom Krieg? Warum träumen Menschen wie Du und ich vom Krieg? Den kennen wir doch gar nicht.” — “Ja eben, das ist es ja. Was weiß ich von Krieg. Das sind ja alles so Klischees. Bilder, aber gar nicht meine eigenen. Deshalb bin ich ja heute so durcheinander. Aber angenehm durcheinander. Vielleicht bin ich auch nur so ganz wohlig zufrieden, dass es nur ein Traum war. – Ich glaube ja, dass die Träume, also, solche Träume das Leben erst erträglich machen: Ich wache wieder daraus auf, und bin froh, wieder hier zu sein. Dabei schläft man abends ein und will nur weg.”

“Aber was war denn so schlimm an dem Krieg in Deinem Kopf?” — “Na, hör mal. Es war – Krieg!” — “Vom Krieg hab ich auch schon so oft geträumt; das fing ja schon an als ich so vier oder fünf war. Ich stand hinter unserem Haus, also jetzt nicht im Traum, sondern am hellen Tag, und mein Nachbarsspielfreund sagte, morgen ist Krieg.“ — “Oho.” — “Genau, das habe ich damals, so mit knapp fünf, auch gedacht. Oho. Allerdings stimmt das nicht; ein Oho ist ja schon eine Art – Kulturleistung. Wenn ich also mit etwas innerem Abstand oho rufen kann – ich mein, ich hörte doch jetzt am Telefon auch gerade Deine hochgezogene Auenbraue – also dann muss ich mir nicht mehr vor Angst in die Hosen scheißen. Aber mit vier oder fünf brennt sich das ein, so ein ‘Morgen gibt’s Krieg’.” — “Um welchen Krieg ging es denn? Kam der auch am nächsten Tag?” — “Das frage ich mich auch zunehmend, je länger das her ist. Vielleicht ging es um die Iran-Krise, 1979 oder 1980.”

“Man müsste viel mehr aus diesen Kindheitserinnerungen machen.” — “Ja, kann sein. Aber ich will nicht so ein Kindergeschichten-Onkel sein. Weisst Du, wie ich vorhin so in der erkaltenden Badewanne lag, hatte ich nämlich endlich eine Idee. Also es waren eigentlich zwei Ideen. Alles völlig abwegig, wie immer. Welche willst Du zuerst hören?” — “Hm, die – noch abwegigere.” — “Sehr gut; also zum einen ist mir das Wort Sehn­such­schein­werfer eingefallen.” — “Sehn­such­schein­werfer? Ohne t. Sehr gut. Obwohl –” — “Wie obwohl? Ist doch toll. In einem Artikel über Rainald Goetz und Botho Strauß, und diese ganze deutsche Suche nach dem Glück, dem Glück des Vergangenen, und so, kam ich drauf. Ich glaube, ich hatte mich verlesen. Aber dann kam mir das auf einmal großartig vor, ich schmeckte dem Wort so ein Weilchen nach, so ein Neologismus eigentlich, und hab dann ganz schnell die Zeitschrift neben die Wanne geworfen, weißt Du: Was war das denn gerade?, dachte ich. Sehnen, suchen, Scheinen, Werfen. Also hier ja: Geworfensein. Ist das Heidegger?“ — “Was weiss ich von Heidegger.” — “Eben, ich auch nichts. Ich dachte: Ich bin ja selbst also ein Sehnsuchscheinwerfer.” — “Warst Du da auch noch übernächtigt?” — “Ja sicher, bin ich ja immernoch. Und zwar dermaßen, dass ich vom Goetzschen Geworfensein sofort zu meiner zweiten Idee durchstartete. Einer Idee für eine Erzählung.” — “Erzähl mal.”

“Ich glaube, es ist so: Ein alternder, nein: ein alter homosexueller Regisseur sitzt in seinem Haus, das mal eine Villa war und lässt sein Leben Revue passieren.” — “Ah. Und weiter?” — “Weiter weiß ich jetzt noch nicht. Aber ich glaube, dass in dieser Form viele Dinge möglich sind.” — “Aber Du musst doch wissen, wovon Du erzählen willst. Verstehe die Idee jetzt nicht.” — “Also. Wir sind doch noch jung.” — “Sind wir jung mit Mitte dreißig?” — “Nun, jünger als der alte schwule Regisseur am, sagen wir, Comer See.” — “Ja, das verstehe ich.” — “Und so in der Rückschau auf ein Leben, ein vielleicht gescheitertes Leben, lässt sich doch mehr erzählen, darstellen, als wenn man alles so von vorn nach hinten entwickeln muss.” — “Das klingt alles schon ziemlich dagewesen. Außerdem klingt es ein bisschen nach Visconti.” — “Ich hab ja noch nie auch nur einen Film von dem angeschaut.” — “Das musst Du jetzt ja sagen.” — “Stimmt.”


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Monday, September 01, 2008

Was bleibt: Bunter Staub

Datumsmystik, eine Spezialität an der Wall of Time: 01. September 2008 (–69) 01. September 1939 (+5) führt uns zu

«Saint-Dié, 1. September 1944
Abends Lektüre des Buches von Filon über die Kaiserin Eugenie. Dazu hallten Gewehrschüsse vom nahen Kempberg, der schon Maquis geworden ist. Ich richtete das Häuschen, in dem ich mit dem Feldwebel Schröter wohne, zur Verteidigung ein, so wie man sich eines alten, halbvergessenen Handwerks entsinnt.
Im Traum durchschritt ich eine herrliche Stadt, die allen mir bekannten an Eleganz weit überlegen war, weil altchinesische Formen sich mit den europäischen vereinigten. Ich sah die Gräberstraße, den Markt, die Hochhäuser aus rotem Granit.
Wie häufig bei solchen Wanderungen sammelte ich auch einige Käfer in die Ätherflasche ein. Als ich sie leerte, um die Beute zu betrachten, fielen mir zwei oder drei Tiere auf, die ergriffen zu haben ich mich nicht erinnerte, darunter eine karneolrote Anoxia, die fast durchsichtig war. Erwachend entsann ich mich jedoch, daß ich sie vor einigen Nächten während eines anderen Traumes in die Flasche geworfen hatte, und erstaunte darüber als über einen auf merkwürdig konkrete Weise in diese Welt hereinragenden Zug.
Übermorgen werde ich nach Hannover fahren; der Stab des Militärbefehlshabers löst sich auf.»

(Ernst Jünger, Kirchhorster Blätter)


Was bleibt, ist BUNTER STAUB: Buchvorstellung des neuen Deconstructing Jünger-Bandes, hrsg. von Alexander Pschera, mit David Woodard u.a. am 28. September 2008 auf Schloß Neuhardenberg

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Tuesday, August 26, 2008

Sonnenuhr, Schattenuhr

In dem deutschen, erstaunlicherweise immer noch bisweilen sehr lesbaren Tagesperiodikum Frankfurter Allgemeine Zeitung beginnt mit der heutigen Ausgabe eine Kleinserie, die uns erlaubt, die Zeit wieder einmal neu und anders zu vermessen: Und zwar in Abschnitten des neuen, hier bereits angekündigten Romans Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht (Adjektive vor Krachts Namen gehen seltsamerweise nicht mehr; im Englischen wäre vielleicht ein our very own angebracht).

Lesen Sie, was Tobias Rüther dazu meint und spüren Sie doch ab morgen selbst, wie die Zeit verstreicht und es Herbst wird in den kommenden Wochen, in dem sie mit Krachts täglichem Fortsetzungsroman und seinem Protagonisten durch einen scheinbar nicht enden wollenden Krieg in eine sich nicht erklären wollende Welt reiten. Und wenn Sie einmal einen Tag verpassen: Was macht es schon, nehmen Sie es wie ein rauschgestörtes Telefonat, wie einen Zuruf aus der Ferne, oder von der anderen Seite—der Zeit?


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Friday, July 25, 2008

Drachenhaut

Für einen Moment erstaunt mich am meisten das Fächern des Sandes über die seltsam unpassend klinkerverkleideten Wangen der Quai-Ruine. Ein warmer Wind streicht mir über die Stirn, und unter mir zittert das Fundament eines schlafenden Riesen.

Fünfzehn Meter tief in den Boden der Prorer Wiek geschmiegt, durchgängig dreigestöckig über die gesamte Strecke seines fast fünf Kilometer langen Leibes, liegt es da. Wie die verdörrte, vielleicht sogar versteinerte Haut einer aus­gestorbenen Echse. Das Drachentier ist fort, verbannt, keiner der noch lebenden Inselbewohner will es gesehen haben. Nicht der freundliche Fischfritteur mit den Tabakresten im Schnautzbart, und auch nicht der ennervierende Fremdenführer mit seinen—ist das irgendwie so ironisch gemeint?—Camouflage- und Militaria-Versatzstücken aus dem Billigstversandhandel und seiner Volksarmee-Vergangenheit und seinem «Die dort oben»-Sermon.

Vom Drachen selbst hat er auch nichts zu berichten, nur vom genialischen Baumeister mit dem etwas zu nahe­liegenden Namen Klotz. Von den 72 Millionen Reichsmark, die sie beerdigt haben, mit Schaufeln nur und ganz wenigen Maschinen, in Windeseile, bevor es daran ging im Osten mit dem wirk­lichen Beerdigen zu beginnen.

Wenn man dort steht, auf diesem Fundament, und in den herrlichen Kiefernwald hineinschaut, oder auf die See hinaus, wenn man den Aufbruch und die Anmut zulässt, die unwillkürlich aufsteigen, dann hat der Drache bewiesen, wieso er so erfolgreich sein Lied singen konnte in jenen Jahren, und am liebsten will man sofort mithelfen, alles gut werden zu lassen.

Ich kann, wenn ich meiner Faszination für Ordnungssysteme aller Art auch nur einen Hauch von Raum lasse, nicht gedanklich verharren in dieser Ruine; ich muss zurück in der Zeit, um viele Jahre, die sich wie Zeitalter ausnehmen, angesichts der irreversiblen Ungeheurlichkeiten die ihren Lauf nahmen, als dem Drachen hier die Kraft verging und sich alle, die an seinem Drachenkostüm mitwebten, sich ihrer eigentlichen Boshaftigkeit wieder zuwandten. An diesem Punkt der Geschichte will man chronochirurgisch eingreifen: Die Mendelssohnschen Rundungen dort oben vollenden, und die Platten aus Muschelkalk endlich anbringen, und die grässliche Festhalle ganz aus dem Plan streichen, und ich will das Wellenbad in Betrieb nehmen, und die Besucher zum Strand laufen sehen mit den Kindern, alle für sich, in verrückten unberechenbaren Bahnen, jedes für sich in seinem Rhythmus, nur geeint in der Freude, hier zu sein, am schönsten Strand dieser Welt.

In solch alberne, ahistorische und meinethalben rührselige Gedankenspiele drifte ich unwillkürlich, bis die Nervensäge in Tarnfarben zum wortreichen Rückmarsch bittet.

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Monday, July 07, 2008

7/7

“Trauma is frozen time.” (Horst Obleser)

trauma |ˈtroumə; ˈtrô-|
noun ( pl. -mas or -mata |-mətə|)
ORIGIN late 17th cent.: from Greek, literally ‘wound.’


Wednesday, April 30, 2008

Das Jahrhundert der Johanna Jürfeld

—für Peter Bichsel, W.G. Sebald, und Johanna Jürfeld natürlich

Dies ist die Geschichte von Johanna Jürfeld. Johanna Jürfeld war eine außerordentliche Frau. Sie schaffte, was viele von uns nur zu gern können würden: Sie wusste zu leben. Sie besaß ein Maß der Dinge, und wusste auch, wann es genug war mit allem. Vor allem wusste sie, ab einem gewissen, uns unbekannten Zeitpunkt, dass sie ein Jahrhundert, ihr Jahrhundert, überleben wollen würde. Und so geschah es.

Johanna Jürfeld war 1899 geboren worden. Ebendamals ließ der amerikanische Kongress Wahlmaschinen zu, eine Technik, die ganz offensichtlich im Jahre 2000, als Johanna Jürfeld starb, immer noch nicht funktionierte. Es ist sehr wenig bekannt über Johanna Jürfeld, und wir wissen nicht, wie sie den sogenannten Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte, ob sie um Franz Ferdinand trauerte, wie vielleicht nur Kinder um Fremde trauern können, in ihrer aufrichtigen Mischung aus Faszination und Schock, so wie ich—wenn dieser Zeitsprung erlaubt ist—um Indira Ghandi trauerte, mir ist als sei es der 2. November 1984 gewesen, als ich vom Kindergeburtstag nach Hause kam. Oder sah die bereits 15jährige nicht eher in der Zeitung das berühmte Bild des nur wenige Jahre älteren, eingeschüchtert dreinblickenden Attentäters Gavrilo Princip, und klopfte ihr Herz nicht für Bruchteile von Sekunden für den kühnen jungen Mann, der der Todesstrafe entging?

Wir wissen ebenso wenig, wie Johanna Jürfeld den Wechsel der Regime, das Exil des Kaisers über die Leichen der Revolutionäre im Landwehrkanal hin zum nicht unsympathischen rheinischen Singsang des Gnoms Goebbels erlebte. Auch ist nicht bekannt, wie es Johanna Jürfeld vorkommen musste, in Schwerin zu sein als der große Krieg verloren war und alle sich sehr verraten und verkauft vorkommen mussten, und ob sie es wohl für die richtige Seite Deutschlands hielt, in der sie nun einmal lebte.

Vielleicht war es ja schon damals, dass sie gedachte sich nicht mehr lumpen zu lassen von den Gezeiten, den unberechenbaren, der sogenannten Geschichte und dass sie ihre eigene Zeit leben würde. Vielleicht war es aber auch erst, als 1989 ein weiteres Regime sich als sehr vergänglich herausstellte, und Johanna Jürfeld mit 90 Jahren schon wieder in blühende Landschaften umziehen und neues Geld benutzen sollte, dass sie beschloss, ihr Jahrhundert zu überleben.

So lebte sie, ging einfach weiter jeden Tag hinunter zur Strasse, schwatze mit den netten jungen Leuten nebenan, machte ein Kreuz nach dem anderen in ihren Kalender, und wartete. Wartete, dass es 1999 würde. Und so kam es, und auch das Jahr 1999 ging vorbei, und Frau Jürfeld hatte ihr Ziel erreicht. Der Bürgermeister wollte sich nicht so recht freuen mit der Hundertjährigen, es gebe ja auch außerdem zwei ältere Frauen in Schwerin, und das solle doch die Gemeinde tun, doch mit der Gemeinde hatte Frau Jürfeld nichts zu schaffen, und so feierte sie eben bescheiden allein, kein Helmut Kohl oder Mitterand kamen mit dem Hubschrauber wie bei Ernst Jünger damals, aber Frau Jürfeld hatte ja auch nicht Tausende von Buchseiten vollgedacht in ihren Hundert Jahren, sie hatte einfach gelebt und gewartet.

Und als ihr Jahrhundert mit den fünf Regimes und mit den siebzig Jahren im selben Haus, und den vierzig davon allein, vollbracht und ein Jahrtausend en passant auch noch besiegt war, da legte sich Johanna Jürfeld einfach hin und ließ es gut sein.



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Thursday, March 13, 2008

As if time could be held responsible for how little I understand.

IR•REC•ON•CIL•A•BLE |iˌrekənˈsīləbəl; iˈrekənˌsī-|
adjective
—(of ideas, facts, or statements) representing findings or points of view that are so different from each other that they cannot be made compatible.

Sixty-eight years ago to the day, the Russian-Finno Winter war came to an end. By the end of the next year, 1941, the man who would ultimately become my loving grandfather (my father was already born, being raised by my grandmother in a village 60 km north of Vienna) was photographed somewhere in the Ukraine, after making his way through a most likely icy river, probably on December 9, 1941.

“I see my grandfather, worn out, exhausted, weary, and tense at the same time. Looking at his arms laying there heavy and restless and tired on his booted legs, I am not able to move my own limbs at all any longer.

This is 1941, the man on this picture is 23 years old, and I—simply—can not imagine how he must have felt: I just cannot tell.

This huge and irreconcilable and intolerable separation between me and the young man on this picture, much younger than I am now, tells me more about war and about my grandfather than I ever wanted to know.”


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Wednesday, February 20, 2008

Classics of Camp (II): Big Crunch im Gefrierschrank


Heute erreicht uns ein Text aus einer vergangenen Zeit; als es noch so schien, als würde alles gut werden, es mag 1996 oder 2006 gewesen sein. Einiges wirkt ganz schrecklich vorbei, doch auch dieser Zeitmeteorit soll sein Ziel noch finden; noch manches an ihm hallt nach, und nutzt die vergangene Zeit als Resonanzraum:

Lethen:Verhaltenslehren
“Auf Reisen. Zürich: Essen vom Bahnsteig immer noch bedenkenlos möglich. Ein Phänomen, diese Stadt. Dieses Land. Kein Wunder, dass der BBC4-Physiker hierher fuhr, um Zeit und ihre Deformationen, auch: ihren Stillstand, zu illustrieren.

Bei Lethen gelesen, wieder eingetaucht in das Eiswasserfass, das er da in den Verhaltenslehren der Kälte so eindrücklich aufgießt, darstellt. Manche Stellen müsste man sofort auf Handzettel kopieren und an alle verteilen. Besonders das Handbrevier für Hochstapler und Brechts Geschichte vom Ingenieur Krämer, der in der neusachlichen Wohnung randaliert (‘Grabenschwein in der Bauhaussiedlung’).

All das verschmilzt mit einem lauten ‘Au ja!’ bei der Illustration des Big Crunchs in besagter BBC4-Zeit-Dokumentation (das Universum zieht sich zusammen, alles ist vorbei, auf einmal). Dann der Gedanke: Warum immer der Tod, der Umsturz, die Inversion, die Annihilation, die manche herbeisehnen; über die wir mit wohligem Schauer nachzudenken im Stande sind? Dann plötzlich: Müssen Söhne erst zu Vätern werden, bis das vergeht?”


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