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Tuesday, August 25, 2009

The impenetrable beauty of Time (IV)

“Nachdem […] sich ihre Taschenuhren im Winter und allgemein unter Kampfbedingungen als sehr unpraktisch erwiesen, setzte sich die Armbanduhr beim Militär und schließlich auch in der zivilen Gesellschaft schnell durch und war bei Kriegsende zum allgemeinen Standard geworden.”


In the psychological literature on timing, by far the most influential model has been the internal clock model (Creelman 1962; Treisman 1963).

Internal clocks are hypothetical mechanisms in which a neural pacemaker generates pulses; the number of pulses relating to a physical time interval is recorded by a counter. Internal clock models are generally centralized: one clock is used for all timing tasks. Centralized and distributed mechanisms can be subdivided into models in which the same neurons are timing all intervals or models in which different neurons time different intervals.

For example, we can use the same watch to time both 100 or a 500 msec intervals. However, one could imagine a system in which the initial event triggered an array of watches, each one devoted to a fixed interval: 100, 200, …, 500 msec. In this review, the former model will be referred to as a clock model and the latter as a labeled line or an interval-based model (Ivry 1996).”



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Monday, July 20, 2009

The impenetrable beauty of Time (III)


«FIGURE 6.2. A: 3 typical types of rate-intensity functions for the auditory nerve fibers in acoustic hearing. Note the narrowest dynamic range in the saturating-type fiber and the widest dynamic range in the straight-type fiber. B: compressive input-output function of the basilar membrane (BM). C: Transformed "rate-intensity" functions in which the x-axis is the basilar membrane displacement. Note the uni-formly narrow dynamic range in all 3 nerve fibers, suggesting that the acoustically observed different types of rate-intensity functions are mainly due to cochlear compression.»


Compression is at the heart of hearing. It broadly refers to the com­pres­sion of the vast dynamic range in loudness of the sounds we are able to listen to into a much more narrow dyn­amic range of neural activity that en­codes these sounds. In geeneral, any compressive function more or less linearly trans­lates a wide range of values on any kind of input into a smaller range of these values in the output.

My percep­tion of time is just behav­ing the same: A long stretch of phys­ical time can feel very brief, when my temporal input­/­out­put function is compressive—mostly when I feel extremely good—, or it can become expansive when short stretches of phys­ical time are mapped onto a larger range of perceived time; known to most of us only as boredom. Compres­sive functions are beautiful creatures.

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Monday, June 22, 2009

Classics of Camp (VIII): Stürme, endlich.

Und einmal dachte ich, ich hätte Dich gesehen, in einer überfüllten, schummrigen Kneipe, wie Du auf dem Licht von Stern zu Stern tanztest

[J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or d'étoile à étoile, et je danse.—ist das Rimbaud?]

weit draussen auf dem Mondstrahl. Ich weiss, wer Du bist: Ich habe das Braun in Deinen Augen gesehen, und wie es einmal zu Feuer wurde. Du bist ein Sturm.

Du bist ein Sturm. Ruhe in Deinen Augen, vielleicht, aber ich werde fort­geweht, irgend­wohin wo es sicherer zugeht und das Gefühl über­dauert. Ich will Dich lieben, aber es weht mich fort.

Ich bin ja nur ein Träumer. Aber Du bist nur der Traum; irgendjemand hätte Du sein können. Doch kurz bevor Du mich berührtest: Dieses vollendete Gefühl, wenn sich die Zeit einfach auflöst zwischen uns, auf dieser undurchsichtigen Reise. Du bist ein Sturm.


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Friday, February 20, 2009

The fire in which we burn

«What will become of you and me
(This is the school in which we learn...)
Besides the photo and the memory?
(...that time is the fire in which we burn.)»

—Delmore Schwartz


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Friday, January 23, 2009

Und alles wäre gut.

– und automatisch hat man Ernst Blochs besorgte Worte im Ohr, warum gerade junge Menschen eine Zeit sentimentalisch vermissen, die sie gar nicht erlebt haben. (Tobias Rüther)

“Wie manchmal, in einem Moment, und nur für diesen Moment, alles gut ist. Das vergisst man viel zu schnell. Dass manchmal, nur manchmal und sehr kurz, wirklich alles gut und richtig ist.

Über diese Momente lebt man immer so hinweg, um sich wieder den Erfordernissen der Wirklichkeit oder auch dem Selbstmitleid und der kulturpessimistischen Rage hinzugeben. Im Anfluten solcher Momente beschleunigt sich das Denken zu einem kleinen, aber rasenden Fluss, wie als wüsste das Hirn schon, dass es jetzt durch dieses Nadelöhr, diese enge Stirn durch müsste, um dann gleich dahinter—oder gleich danach— zum völligen Erliegen zu kommen, sehr kurzzeitig.

Dieser Stillstand des Denkens, die völlige Abwesenheit des Sorgens, Mangelns und Wollens ist sehr schön. Sie ereilte den Schreiber dieser Zeilen heute morgen, nach kurzer Rast nach umso längerer, rasender Abfahrt entlang der hübsch bepflanzten Weinberge. Einfaches in der Küche stehen, baren Fusses, achtlos gekleidet, ein Märchen über Bowie und Berlin und die vergangene Zeit gerade aus der Hand gelegt, den Siebträger der Kaffeemaschine soeben am herausdrehen.

Noch bevor der Siebträger auf dem Tisch zu liegen kam, war schon alles vorbei, das Denken suchte sich wieder seinen Platz und ich die Kaffeebohnen, und die Worte, mit denen ich dies schreibe, zeigten sich. Aber—wie doch manchmal, in einem Moment, und nur für diesen Moment, alles gut ist!”

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Saturday, November 29, 2008

Singularity

I hope that nobody will come and visit the Wall of Time, as I type this, in the last minutes of November 29, 2008. I hope so, because statistics indicate that today would then have been the first day (since Wall of Time came to new life in February earlier this year) on which nobody has visited. Now, this is not a bad thing. This is rather a very good thing, finally, something interesting is happening in the overwhelming amounts of senseless statistics a simple and irrelevant literary web-based notebook like this produces, every day. Normally, that is. Today, a big Zero lights up inmidst the steady flow of 28, 37, 106, or 49 visitors we usually witness each and every day, 24/7.

Please, come in, have a look around; but thanks honestly for giving the internet a real sense of space and limits today. A singularity in time and space, a zero with a smile. Speak soon, dear visitors, here at the Wall of Time.

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Tuesday, November 18, 2008

Vorwärtsrechnung

—Washington, D.C., a day in yesterday’s future

Ich sitze an der Zeitmauer. Ich komme hierher, wenn sich die kleinen Dinge des Alltags wieder zu einem großen Rätsel aufgetürmt haben. Dann, so heute, sitze ich hier und lasse die Beine baumeln über dem noch Unaussprechlichen.

Ich sitze an der Zeitmauer, mit einer Straßenkarte des schwäbischen Waldes aus den späten 1960er Jahren in der Hand. Ich sehe meine Eltern mit einem sogenannten Käfer umherfahren, ich bin ein Punkt ohne Ausdehnung im noch zu spinnenden Gespinst zweier Menschen.

Ich sitze an der Zeitmauer, und mich schwindelt, wie meist an Abgründen. Mich schwindelt vor der Höhe, und vor der Strecke. Mich schwindelt bei der Idee, dort ins Unaussprechliche, Unplanbare vorzufühlen, hinauszuspüren. Morgen schon wird die Mauer sich selbst einige Meter nach vorn in eben jenes Unaussprechliche hinein umzemetiert haben, und wieder werden die Beine baumeln und wird die Seele spannen.

Ich sitze an der Zeitmauer, jeden Tag fast, und schaue hinaus, und ich danke Ihnen, dass Sie manchmal zurückschauen, von dort draussen. Was sehen Sie, wenn Sie mir zuschauen, wie ich da sitze, anbrande an die Grenzen meinerselbst?


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Friday, October 31, 2008

Moderne: Umnutzung

«Between 1940 and 1945 more than thirteen hundred human beings were killed within the confines of a building in Dresden’s comfortable southern suburbs (known as the Südvorstadt). The building, the Justizgebäude, housed the central courts and central remand prison for the whole of Saxony. At the time it was built, in 1907, it was considered and advanced, model institution—with the offices of the clerks and prosecutors, the courtrooms, even the cells where the accused were held awaiting trial, seen as spacious, light and airy. The facilities, even down to a prison library and the visiting room, which separated prisoners from visitors by a wide table rather than a set of bars, were absolutely modern.

Despite its potentially solemn, even grim purpose, the Justice Building, which vaguely resembled the tastefully fortified residence of a middling-ranked princely family, was reckoned by a contemporary critic to be ‘not whole foreign to a sense of benevolent humanity’.»


—Taylor, F. (2005), Dresden, Bloomsbury Paperbacks, p. 182



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Thursday, October 23, 2008

German smoke screens

FATE |fāt|
noun
1 the development of events beyond a person's control, regarded as determined by a supernatural power : fate decided his course for him | his injury is a cruel twist of fate.
• the course of someone's life, or the outcome of a particular situation for someone or something, seen as beyond their control : he suffered the same fate as his companion.

DESTINY |ˈdestinē|
noun ( pl. -nies)
the events that will necessarily happen to a particular person or thing in the future : she was unable to control her own destiny.
• the hidden power believed to control what will happen in the future; fate : he believes in destiny.
ORIGIN Middle English : from Old French destinee, from Latin destinata, feminine past participle of destinare ‘make firm, establish.’


At night, tired, in front of a bookshelf in the library, a short discussion with Wall of Time’s sabbatical researcher Dr. David Woodard on a feasible translation for the word «Schicksalszeit». A very Jüngerian subject, of course. Somewhat handwavingly, I argued that neither «destiny time» nor (not at all!) «time of destiny» would capture the German connotations of the word at all.

The more I think of it, the clearer it occurs to me that «Schicksalszeit» is a veritable smoke bomb: As if there would be any other time than the one that is identical to your destiny, your fate. The destiny as in destination and the passing of time are one thing alike, as Dr. Woodard with the more rationale, less aetheric, no-nonsense angle of the English language had grasped immediately.

To me, now, it sounds almost banal to claim such thing as a Schicksalszeit, although Jünger might have felt very superior when introducing the term. Jünger really knew how to drop these irresolvable «Vexierbilder»:

«Der Wechsel von meßbarer und Schicksalszeit verwirrt den Betroffenen. Beide sind schwer unter einen Hut zu bringen, wie im Großen Astronomie und Astrologie, auch Naturwissenschaft und Theologie. Und doch ist das seit jeher möglich gewesen und wird immer wieder möglich sein.»

[The alteration of measurable time and time of fate confuses the involved one. They are difficult to pair, like in the big scale astronomy and astrology, also science and theology. But still it has forever been possible and will always again be possible; translation not by W.o.T.]

It is this side of Jünger which I despise: Jünger getting a bit lost in too big a scenario, not having the clarity of thought, more a feverish sound; like us here at the Wall of Time sometimes, admittedly. It is the sound somebody like Gottfried Benn, for example, did not particularly like, and, in attempting to translate German thought to English lingo, I begin to see why.



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Friday, October 17, 2008

Autobahn 38

Heute ist ein guter Tag. Denn heute sind es erst genau zwei Wochen, dass wir entlang der Auto­bahn 38 unterwegs waren und uns gefragt haben, was es eigentlich heisst, Tourist zu sein. 7000 Jahre, oder 21 Stunden, oder 600 ge­wund­ene Kilometer lang.

Und bereits heute stellen vebfilm.net, um­blaet­ter­er.de, und wall­of­time.net zusam­men eine erste Ausgeburt dieser Ex­pedi­tion vor:

Der kurze Film “Auto­bahn 38” ist ein 23 Minuten langer Genre-Amok­lauf durch die deutsche Geschichte, von Ost nach West, auf Nietzsches und Luthers und von der Wenses Spuren, immer auf der Jagd nach Bratwürsten oder Rosen oder Einar Schleefs Grab, auf English und Deutsch (erhellend polyglott untertitelt), mit bairisch-spanisch-schwäbisch-russischen Einsprengseln.

Im affektiert unaffektiert (Helvetica, Berlin-Mitte, wenn Sie wissen, was ich meine) gestalteten Produktionsblatt des Films schreiben wir, auf Englisch natürlich:

Why do people visit places where other people were born, lived, fought, or died? What does it mean to be a tourist? […] [C]ombining elements of documentary, mockumentary, travel clip, freestyle, different sub­cult­ures, YouTube chic, and a load of explicit or obscure allusions to German and Western culture [, it] follows a tangential structure. Most of the things are just mentioned or shown briefly, it is more like an index to actual contents. Among others, Gustav II Adolf, Nietzsche, Goethe, Cortázar, Pushkin, and infamous German field marshal von Hindenburg are referenced. There is also room for phan­tas­magoric approaches, like an excessive dialogue about the origin of ABC’s hit series “Lost”.

Die Väter des Filmes Stefan Kluge und Frank Fischer sind strenge Adepten des Creative Commons Li­zenz­ier­ungs­ver­fahr­ens; ich verstehe davon nichts, aber ich glaube, es bedeutet, Sie alle, geneigte Leser und Betrachter, können sich den Film gerne zur Brust nehmen und einen, früher nannte man das:, Remix erstellen. Oder ähnliches. Es kostet jedenfalls alles nichts.

Autobahn 38. Schauen Sie jetzt!

(Zum Aufbewahren in schöner Qualität, 342 MB, bitte hier speichern.)

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Wednesday, October 15, 2008

Synchronicities

“1917—World War I: At Vincennes outside of Paris, Dutch dancer Mata Hari is executed by firing squad for spying for Germany.”

An einem 15. Oktober denke ich: Gut möglich, dass sich meine hier desöfteren bereits erwähnte Großmutter Elfriede Kallenberg und die legendäre holländische Spionin Mata Hari diese Welt und ihre Luft zum Atmen noch einige Minuten teilten. Besessen wie ich bin von den Staffelläufen, die das Leben darstellt, lässt mich dieser Gedanke erschauern. Irgendwann im Laufe des 15. Oktobers, heute vor 91 Jahren, wurde Margaretha Geertruida “Grietje” Zelle das Leben genommen, und Elfriede Margarete “Friedl” Fellinger selbiges gegeben.

Die eine stellte man etwa hier (48°50′42″N, 2°26′05″E) auf, fesselte sie nicht, auch die Augen verband man ihr nicht, sie schien es nicht zu wünschen, und schoss auf sie. Es ist seltsam bis ermüdend unergiebig, dass sich die Augenzeugenberichte solcher Erschießungen im Ende doch stets so gleichen.

“She lay prone, motionless, with her face turned towards the sky. A non-commissioned officer, who accompanied a lieutenant, drew his revolver from the big, black holster strapped about his waist. Bending over, he placed the muzzle of the revolver almost—but not quite—against the left temple of the spy. He pulled the trigger, and the bullet tore into the brain of the woman. Mata Hari was surely dead.”

–schreibt ein Herr Henry Wales für den International News Service nur vier Tage später, aber man kann sich nicht des Vergleichs mit Gottfried Benn erwehren, der in seiner einzigen journalistischen Arbeit viele Jahre später einmal über die bereits 1915 stattgefundene Exekution der Edith Cavell recht ähnliches zu erzählen wusste. Wer schreibt von wem ab, oder ist es einfach stets der gleiche Plot mit geringfügigen Abweichungen, stets die gleiche Mär vom nicht zuckenden Auge und der Würde, die so oder leicht anders ja auch Jünger im Wäldchen einen Krieg später gespürt haben will.

All dies jedenfalls ereignete sich, während nur wenige hundert Kilometer entfernt, etwa auf 49°15′0″N, 6°51′0″E, meine spätere Großmutter zur Welt gelangte; und vielleicht gingen sie ja doch noch einige Atemzüge zusammen, die dem Tod geweihte Tänzerin und das dem Leben geweihte Mädchen, dessen weiterer Weg auch zu meinem Werden beitrug. Über Ausmaß von Würde und zuckenden Augen bei der Erstgebärenden dort im Saarland ist nichts überliefert.


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Tuesday, October 07, 2008

Consult the genius of the place in all

Die Straße ist Raum, und Zeit. Fast trivial, wenn man es so geschrieben sieht. Hinter die Trivialität dieses Satzes habe ich vergangenes Wochenende am sogenannten Tag der Deutschen Einheit mit meinem polyglotten Nachbarn Paco und den Freunden von VEB Film Leipzig schauen dürfen—denn manche Straßen sind sehr viel Zeit auf sehr wenig Raum:

Was weiss ich denn über deutsche Geschichte, ich, als Betreiber dieses Teesalons über Geschichte und Zeit und Erinnerung, den die Wall of Time darstellt? Kann man diese Geschichte vielleicht er-fahren (dieses ebenfalls triviale Wortspiel drängt sich auf), am Stück, ohne Schlaf? Kann das ephemere, formlose, das Hirn überrollende Deutsche Etwas, wie es zu Beispiel mit einem Sonnenobservatorium vor 7000 Jahren beginnt, mit Thomas Münzer über Napoleon und viele vergessene Poeten Fahrt aufnimmt, auch von Nietzsche nicht zu stoppen ist, Hindenburg unter sich begräbt, in Betonplatten sein praktisches Heil sucht, und sich schließlich in Form einer neuen, blühende Landschaften verheissenden Schnellstraße von Leipzig nach Göttingen in den Südharz kratzt —

Kann so ein Stück Deutschland vielleicht es wert sein, befahren zu werden? Könnte es nicht eine gute Idee sein, dort einmal entlang zu spüren, mäandernd, einem Flusse gleich, der die Kreiszahl Pi ap­pro­xi­miert (Stølum, 1996), auf und ab von der Autobahn und wieder hinauf, immer auf den Spuren von irgendetwas, das man genau jetzt für relevant hält?

Lasst mich Euch erzählen wie es gewesen ist. Bald, hier, von mir, und anderen, anderswo. Stay tuned on route A 38.


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Monday, September 22, 2008

The impossibility of Now (pt. I)

“Tried living in the real world, instead of a shell /
but before I began / I was bored / before I even began”
—The Smiths –
q.e.d. – as early as 1987

Breathe in, breathe out. Believe me, I try my very best to live a life in the present.

For example, I breathe, in and out, and even try faux-buddhist tricks like attending the air flow into one nostril and exhaling through the other. Yet, Now is a difficult and somewhat harrowing concept for me. As the future also carries only a limited appeal, all there remains is the past; or, so it seems:

1. A random day in London, where I used to live.
2. I buy a book on Dresden, 1945. I am not interested in the present city of Dresden.
3. I buy another book; on Stalingrad.
4. I buy a pair of trainers that are inspired by a 1970s Tennis hero.
5. I buy a book with short poems by W.G. Sebald, a dead writer, very obsessed himself with life and events preceding his own.
5b. I stop myself from also buying a sociologist account on Baader-Meinhof and the Weathermen, and how the 1960s student revolts went out of hand.
6. I buy a book by poet Wallace Stevens, not knowing him as of yet, but feeling a deep sense of doing the right thing as I learn that he died over 50 years ago.
7. I exchange text messages with a girl I used to know.

During all of this, I hallucinate a bittersweet smell in the air, having “better” written all over it, as I derail from my lame attempts to live in the present. I am not here. Here is somewhere else. Breathe in, breathe out.


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Wednesday, September 17, 2008

Konstrukte

Jeden Morgen gehe ich an einer riesigen Baustelle vorbei. Sie müssen wissen, dass es nicht schwer ist, in dieser Stadt auf riesige Baustellen zu stoßen, denn allen Unkenrufen über das nahende Ende des deutschen Ostens zum Trotz wird hier Geld im großen Stil begraben. Vielleicht werden Kulturforschende in einigen hunderten Jahren dies als großen Tanz auf dem verglühenden Vulkan begreifen, “damals als die Menschen ihr wertlos gewordenes Geld ins Erdreich steckten”. Bis jetzt aber ist es mir als Passant und Flaneur vor allem ein weiteres großartiges Zeugnis, wie viel man mit seiner Zeit anfangen kann. Könnte.

Während ein durchschnittlicher Wissenschaftler zum Beispiel versucht, sich ein ausgedachtes Experiment durchführbar zu machen, in dem er Testmessungen plant, Versuchsmaterial entwirft und aufnimmt und editiert, bevor er vermeintliche Erkenntnisse aus seinem schweren Gerät zaubern kann, und ganz generell sich durch seine Arbeit müht—in dieser Zeit, oder eher sogar etwas schneller, ziehen ein paar Männer mit nicht minder schwerem Gerät hurtig, aber nicht hastig einen Boden für ein Parkhaus ein. Wenn Sie das nächste Mal aufmerksam hinschauen, ist das Parkhaus auch praktisch schon bezugsfertig—während Ihre nächste Publikation von einem eifrigen Kollegen irgendwo über dem großen Teich vielleicht gerade ein weiteres Mal für nicht ausreichend befunden wird, und Sie sich innerlich Bill Murray mit seinem Radiowecker sehr, sehr nah fühlen.

Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen.



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Monday, September 15, 2008

Classics of Camp (VII): Gespräche mit Nina

“Träumst Du auch so oft vom Krieg? Warum träumen Menschen wie Du und ich vom Krieg? Den kennen wir doch gar nicht.” — “Ja eben, das ist es ja. Was weiß ich von Krieg. Das sind ja alles so Klischees. Bilder, aber gar nicht meine eigenen. Deshalb bin ich ja heute so durcheinander. Aber angenehm durcheinander. Vielleicht bin ich auch nur so ganz wohlig zufrieden, dass es nur ein Traum war. – Ich glaube ja, dass die Träume, also, solche Träume das Leben erst erträglich machen: Ich wache wieder daraus auf, und bin froh, wieder hier zu sein. Dabei schläft man abends ein und will nur weg.”

“Aber was war denn so schlimm an dem Krieg in Deinem Kopf?” — “Na, hör mal. Es war – Krieg!” — “Vom Krieg hab ich auch schon so oft geträumt; das fing ja schon an als ich so vier oder fünf war. Ich stand hinter unserem Haus, also jetzt nicht im Traum, sondern am hellen Tag, und mein Nachbarsspielfreund sagte, morgen ist Krieg.“ — “Oho.” — “Genau, das habe ich damals, so mit knapp fünf, auch gedacht. Oho. Allerdings stimmt das nicht; ein Oho ist ja schon eine Art – Kulturleistung. Wenn ich also mit etwas innerem Abstand oho rufen kann – ich mein, ich hörte doch jetzt am Telefon auch gerade Deine hochgezogene Auenbraue – also dann muss ich mir nicht mehr vor Angst in die Hosen scheißen. Aber mit vier oder fünf brennt sich das ein, so ein ‘Morgen gibt’s Krieg’.” — “Um welchen Krieg ging es denn? Kam der auch am nächsten Tag?” — “Das frage ich mich auch zunehmend, je länger das her ist. Vielleicht ging es um die Iran-Krise, 1979 oder 1980.”

“Man müsste viel mehr aus diesen Kindheitserinnerungen machen.” — “Ja, kann sein. Aber ich will nicht so ein Kindergeschichten-Onkel sein. Weisst Du, wie ich vorhin so in der erkaltenden Badewanne lag, hatte ich nämlich endlich eine Idee. Also es waren eigentlich zwei Ideen. Alles völlig abwegig, wie immer. Welche willst Du zuerst hören?” — “Hm, die – noch abwegigere.” — “Sehr gut; also zum einen ist mir das Wort Sehn­such­schein­werfer eingefallen.” — “Sehn­such­schein­werfer? Ohne t. Sehr gut. Obwohl –” — “Wie obwohl? Ist doch toll. In einem Artikel über Rainald Goetz und Botho Strauß, und diese ganze deutsche Suche nach dem Glück, dem Glück des Vergangenen, und so, kam ich drauf. Ich glaube, ich hatte mich verlesen. Aber dann kam mir das auf einmal großartig vor, ich schmeckte dem Wort so ein Weilchen nach, so ein Neologismus eigentlich, und hab dann ganz schnell die Zeitschrift neben die Wanne geworfen, weißt Du: Was war das denn gerade?, dachte ich. Sehnen, suchen, Scheinen, Werfen. Also hier ja: Geworfensein. Ist das Heidegger?“ — “Was weiss ich von Heidegger.” — “Eben, ich auch nichts. Ich dachte: Ich bin ja selbst also ein Sehnsuchscheinwerfer.” — “Warst Du da auch noch übernächtigt?” — “Ja sicher, bin ich ja immernoch. Und zwar dermaßen, dass ich vom Goetzschen Geworfensein sofort zu meiner zweiten Idee durchstartete. Einer Idee für eine Erzählung.” — “Erzähl mal.”

“Ich glaube, es ist so: Ein alternder, nein: ein alter homosexueller Regisseur sitzt in seinem Haus, das mal eine Villa war und lässt sein Leben Revue passieren.” — “Ah. Und weiter?” — “Weiter weiß ich jetzt noch nicht. Aber ich glaube, dass in dieser Form viele Dinge möglich sind.” — “Aber Du musst doch wissen, wovon Du erzählen willst. Verstehe die Idee jetzt nicht.” — “Also. Wir sind doch noch jung.” — “Sind wir jung mit Mitte dreißig?” — “Nun, jünger als der alte schwule Regisseur am, sagen wir, Comer See.” — “Ja, das verstehe ich.” — “Und so in der Rückschau auf ein Leben, ein vielleicht gescheitertes Leben, lässt sich doch mehr erzählen, darstellen, als wenn man alles so von vorn nach hinten entwickeln muss.” — “Das klingt alles schon ziemlich dagewesen. Außerdem klingt es ein bisschen nach Visconti.” — “Ich hab ja noch nie auch nur einen Film von dem angeschaut.” — “Das musst Du jetzt ja sagen.” — “Stimmt.”


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Wednesday, September 03, 2008

On Tony Williams

For years, I’ve been a drummer. Possibly, you remain a drummer for a lifetime. Possibly, no matter how poor your drumming abilities are, how shaky your time-keeping (sic), how haphazardly your four extremities hit the small invisible, inaudible quantitised measures that infinitely split up a bar, not ending at 16th or 32nd notes—if you ever have approached time that way, your life time and your perception of it follow this pattern.

This holds true for all musicians, probably, and it may simply be an extension of everybody’s time perception; which, coming full circle, might indicate that we all are musicians, banging the big drums of time. Gosh, is that Cindy Lauper? No, it’s the drum beating out of time in her song, which also is a nice metaphor if you take it literally.

As I type, an only 18-year old Tony Williams, long dead now, in 1964, hits a hissing, nervous, openly-tuned drum set, overdrives the cymbals, partly by sheer speed and partly by the ferociousness with which he crushes them. This is so-called Jazz, and the Time is no longer kept. It is not kept by the drummer, and neither by any other band member, Hancock, Carter. It has evaporated, somewhere in the space that Williams together with his co-geniuses has created.

As a listener, you float along, and it takes your willingness to accept that here, on this record, in this moment, time has become an arrow, a stream, floating, roaring downhill, or forward, if you like. The space on that stage on Febuary 12, 1964, is transformed by Miles Davis and his colleagues into pure tension, tensors that shoot from one point to another, thus (if you think about it) only creating, emitting Time, and evaporating our concepts of it in the same instant.

This is done in a breathtaking, almost arrogant perfection and sovereignty. As a skilled listener, you can attempt to hook up with the 2s and 4s of the beat, get into the groove, but like in a museum, you ultimately remain outside of it, you have to watch these masters as they playfully stretch, and sheer, and convolute Time. Williams, nevertheless, appears to be the centre of gravity, the source of a big bang that just started the big space–time clock ticking.

Tony Williams, in a sense, has taken away my measures and words to describe the sensations he is able to elicit in me. It gives me great comfort to know that Williams, while still in his Earthly vehicle and behind an Earthly drum set, had overcome the quanitisied measures and limits of Time; he is truly banging out of time.


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Tuesday, August 26, 2008

Sonnenuhr, Schattenuhr

In dem deutschen, erstaunlicherweise immer noch bisweilen sehr lesbaren Tagesperiodikum Frankfurter Allgemeine Zeitung beginnt mit der heutigen Ausgabe eine Kleinserie, die uns erlaubt, die Zeit wieder einmal neu und anders zu vermessen: Und zwar in Abschnitten des neuen, hier bereits angekündigten Romans Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht (Adjektive vor Krachts Namen gehen seltsamerweise nicht mehr; im Englischen wäre vielleicht ein our very own angebracht).

Lesen Sie, was Tobias Rüther dazu meint und spüren Sie doch ab morgen selbst, wie die Zeit verstreicht und es Herbst wird in den kommenden Wochen, in dem sie mit Krachts täglichem Fortsetzungsroman und seinem Protagonisten durch einen scheinbar nicht enden wollenden Krieg in eine sich nicht erklären wollende Welt reiten. Und wenn Sie einmal einen Tag verpassen: Was macht es schon, nehmen Sie es wie ein rauschgestörtes Telefonat, wie einen Zuruf aus der Ferne, oder von der anderen Seite—der Zeit?


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Thursday, July 31, 2008

Dorian, Phrygian, Mixolydian (I)

I do not know anything about this man. This bothers me. All I do know that he is a famous writer, and that this is a self-portrait taken no later than 1891 or 1892. It is a spectacularly good self-portrait, of course. Do you feel Time trickling out of it as I do? Can you also feel how you are aging while watching this (self–)portrait of a long dead man, almost Doriangrayish effects kicking in? If this web-basd notebook would have a cover I would prefer to close it now.




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Monday, July 28, 2008

Temporäre Autonome Zonen (II): Unzutreffendes bitte streichen

—für Peter Bichsel, mal wieder

«Ich begann mit den Bildbänden. Ich weiss noch, ich kramte hastig als Lineal ein Stück Pappe heraus, nahm den Bleistift, und klemmte die Zunge zwischen die Lippen. Ein dicker, schwerer Kaffeetischband über die Rolle der Photographie in Sebalds Werk erschien passend und programmatisch: Ich schlug den Band auf, und begann auf der Titelseite mit dem Anlegen des Pappstreifens, las noch einmal kurz, bewunderte aber mehr die fette Antiqua; ganz ähnlich einem Kleinbauern vielleicht, der dem Lamm noch einmal über das Fell fährt bevor er das Bolzenschussgerät ansetzt.

Ich strich alles durch.
Der erste Strich war der schönste, befriedigendste, im Nachhinein betrachet.

Die Titelseite war, wie in allen Bänden, schnell erledigt, ich genoss das Geräusch des spitzen Bleis; auf dem beschichteten Kunstband-Papier klang es besonders hell, von gesunder Aggressivität. Für den restlichen Text hatte ich beschlossen, nicht mehr so genau hinzuschauen, nur auf den Seitenspiegel, den Satz zu achten; aber dem eigentlichen Ziel ging ich gewissenhaft nach: Ich strich einfach alles aus, alles Erzählte, Behauptete, Geschriebene.

Viele Wochen sind nun verstrichen (ein Wortspiel, verzeihen Sie), und ich habe darüber die bessere, neue Art entdeckt, die Zeit zu messen: Einmal auf die Toilette dauert so lange wie das Ausstreichen von Seite 118 bis 122 in Thomas Bernhards Verstörung, vom Klingeln des Briefträgers bis zum Anruf meiner geschiedenen Frau am Abend vergehen Less than Zero und etwa das Glossar der Elements of typographical style; die Mutanten im Fahrradgeschäft schätzten ganz richtig, die Reparatur würde höchstens zehn Bände der Suhrkamp-Monographien-Reihe lange dauern (das Nachwort der Minusvisionen schaffte ich nicht mehr ganz).

Ich bin schnell geworden, doch bleibe ich sorgfältig und negiere fleissig das Wort. Das geschriebene Wort ist vorbei, nur noch das gestrichene zählt; es zählt, im Wortsinne. Man kann alles damit zählen, und was Ihnen nun wie eine Erzieh­ungs­maßnahme oder ein Wahn höherer Ordnung vor­kom­men muss, ist einfach eine ganz hervorragende Art, die Zeit auszuradieren.

Ich plane, nächstes Jahr, wenn die Blätter treiben, mit meiner bescheidenen Bibliothek fertig zu werden. Paco, der Nachbar, der manchmal in meinen bereits durchgestrichenen Bänden blättert und nach dem rechten sieht, schlug vor, ich solle doch einen Praktikanten anstellen; aber ich muss es selbst tun, es ist ja auch eine große Versuchsanordnung, eine Reinigung; Die Idee verfängt, langsam. Ich stehe in Verhandlungen mit großen Verlegern, so soll ich zum Beispiel gegen einen bescheidenen Obulus im Kalendjahr 2011 das gesamte FAZ-Archiv durchstreichen, und irgendwann will ich nach Amerika, dort soll es noch viel größere Bibliotheken geben, mit einem Bleistift, und meiner Pappe, und alles werde ich ausstreichen, redigieren, negieren, bis nichts mehr bleibt.»


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Thursday, July 03, 2008

Mein Freund, der Baum

Es gibt ja sehr verschiedene Möglichkeiten, seine Lebenszeit zu verbringen. Ganz unterschiedlich nutzen wir die uns verbleibende Zeit, und setzen unsere Schwerpunkte (sagt man so?). Das radikalste Beispiel hierfür—in diesem Falle ganz richtig radikal, weil wurzelnd und die Unterschiede im Wurzelwerk betreffend—steht in meiner Eltern schönem Garten.

Ein Ahornbaum, dem seit 1975 wenig anderes eingefallen ist, als: zu wachsen. Wie unbeirrbar und unabgelenkt und humorlos er vor sich hin schießt seit dem; wie ein imperialer aber natürlich nur wohl­meinender Staat. Wie ein aus unerschöpflichen Kraftreserven sich bedienender Riese, wie sie in meinen Fieberträumen wachsen.

Im Jahre 1976, im Sommer—der eine konnte kaum stehen, der andere war gerade gepflanzt worden—war es bereits einmal zum photographisch in die Zeit genagelten Kräftemessen gekommen zwischen dem Baum und mir. Scherzhaft riet man dem sichtlich verwirrten Kind damals, es solle den Baum festhalten. Fast mühelos passte die Kleinkinderhand um den Stamm. Zweiunddreißig Jahre später zeigt sich, wie lächerlich unnötig dieser Baum meine Hilfe hatte.

Was habe ich getan, wie ist die Zeit verstrichen; wie vergeudet sich der Mensch, und fährt umher, und lernt, und faltet sein Gehirn gleichsam nach innen, weil die Schädelkalotte seine Kiste aus Knochen und Fleisch begrenzt. Wie anders der Baum, der sich nicht beirren lässt. Was muss er lesen, studieren, bangen, lieben, sich irren, in allem! Er wächst, stattdessen. Immer weiter. Definieren Sie: Wunder.






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