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Friday, April 16, 2010

Passagiere mit der Flugnummer 2012

Die Geschichte fängt an jenem Tag an, als die Flugzeuge am Boden blieben. Es ist ein Tag im April, als ganz unvermittelt das Geschehen zum Erliegen kommt. Fast kommt dies einer Umkehr des Auspruchs jenes französischen Dichters gleich, der da von den nie enden wollenden Geschehnissen und der deshalb längst ausgehauchten Geschichte sprach.

Heute, an jenem Tag, ist es genau anders herum. Ein Vulkan spuckt wieder, nach einer Zeitspanne, die ihm selbst wie ein Sekundenschlaf vorgekommen sein muss. Aus seinem Schlund fliegt heißes Gestein, seit Jahrmillionen zu einem äonischen Sugo verkocht. Es fliegt sehr hoch hinaus, Eruption nennt man dies nicht ohne Grund; dort oben fliegen schimmernde Steine und schwarze Asche aus Glas. Und dann?, fragen Sie jetzt vielleicht.

Nun, schöner könnte es sich Ernst Jünger, über seinem Trollinger raunend, nicht ausgedacht haben: Der Menschen hektisches Treiben, dessen Schmiermittel seit einiger Zeit (ein paar Jahrzehnte mögen es sein) diese Massentorpedos, düsengetrieben und mit Paketen zu je zwei–, dreihundert Menschen besetzt, sind, es kommt zum Erliegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gestrandete Wale stehen die Torpedos nun auf den Rollbahnen umher. Nur dort oben, auf drei­und­dreissig­tausend Fuß, wären sie, wozu sie gemacht sind: Transportraketen, von anmutender Eleganz und mit für erdengeborene Hirne unermeßlicher Geschwindigkeit, die sich dadurch wiederum dem Stillstand annähert.

Doch im Wolkennebel der Erdensteine, die selbst fliegen gelernt haben, oder vielmehr es nie verlernt hatten, stockt den Übermaschinen das Triebwerk, und die schmelzenden Steine in ihren Trieb­werks­schaufeln drehen ihnen im Wortsinne die Luft ab, wie Tante Margarethe damals jenes verhängisvolle Sahnebonbon.

Ein paar Jährchen Zivilisation, hinfortgepustet oder zumindest auf das Drastischste in Frage gestellt von heissen Steinen. Infragegestellt—dies nur am Rande—natürlich nicht von unzufried­enen In­genieurs­student­en aus islamisch geprägten Ländern und schon gar nicht von Pfarrhaushaltsabkömmlingen aus dem Schwäbischen. Auch kein Weltuntergang, oder ähnlicher Mummenschanz. Sondern eher eine kleine Selbstbefragung des Systems, eine Art Sich-lässig-am-Rückenkratzen des Mutterschiffs.

Die Forscher gelangen nicht zu ihren Tagungen; die Poster nicht zu ihren Rezipienten; die Ersatzteile nicht zum Formel-Eins-Zirkus; und die schwammig gewordenen Geschäftsreisenden müssen weiter Paulaner-Bier in einer billigst verkleideten Flughafengastronomie trinken, bis die Kreditkarte endlich sich selbst verbrennt.

So, in diesem Nicht-Geschehen, haben wir endlich Zeit nachzudenken; Zeit, uns an den Steinen zu messen; und endlich können wieder die Geschichten beginnen. Hier beginnt Geschichte, aufs alte Neue. Schicksalszeit hat der Alte aus Wilflingen das genannt, und ich dachte, es läge am Rotwein oder so, denn ich hatte ja keine Ahnung, wovon er sprach.






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Sunday, March 29, 2009

Der Blick ist kein Blick mehr

«Wir sind damals öfters mit meinem ersten Auto hinter Riedlingen die Wälder hoch gefahren. Einmal, das weiss ich noch, hatte einer eine CD mit der Johannes­passion dabei. Dieses “Herr! Herr! Herr!” in einer das Maß des Vernünftigen übersteigenden Lautstärke in der ober­schwäb­ischen Morgen­däm­mer­ung, das war zuviel. Ich glaube nicht, dass die anderen die Tränen bemerkt haben damals.

Zweck dieses Endes der Nacht war es jedenfalls, uns auf die Lauer zu legen mit dem Fernglas. Ein altes Fernglas, in muffigem Futteral, vielleicht aus jener Zeit, als das Objekt unseres Lauerns mit den anderen angry old men schriftlich quer durch die Republik, von Todtmoos nach Plettenberg nach Wilflingen und zurück, konversierte und man sich gegenseitig über die Linie hinweg oder wahlweise auch “über ‘die Linie’” die Bälle zuspielte und noch den langen Atem für den gepflegten Dissenz hatte.

“Der Blick ist kein Blick mehr, seit es Projektile gibt”, hörte ich vor kurzem erst so einen Berufs­jung­dichter lesen, und da waren diese Bilder der noch sehr kalten Frühlings­morgende am Riedlinger Waldrand damals wieder sehr präsent: Wie wir da lagen, irgendjemand nuckelte an einem letzten Bier aus einer 0.3 l Dose; wie wir warteten, dass der weiße Schopf des mittlerweile doch sehr kleinen Mannes unten am Rand der Siedlung auf seinem frühen Spaziergange auftauche; und wie ich dann immer dachte: Der hat ja einen Helm aus Haar auf, und Das ist ja gar kein Nazi, obwohl das meine Verwandten fanden. Auch, dass da ein so unwirklich alter Mann durch unser Visier wandelte, und dass wir so alt waren, wie er selbst, als er auf den Anhöhen gelegen und er andere in seinem Visier zwangsläufig weniger unbehelligt gelassen hatte, im großen Krieg.

Aber was uns wirklich bewegte, in den Frühlingstagen des Jahres 1993 mindestens drei–, vielleicht viermal uns an das Gesamtkunstwerk Ernst Jünger heranzupirschen, mit seinem Haarschopf, und seiner Zigarette, und seinem Renterblouson, und seinem erstaunlich festen Schritt für so ein altes Männchen, das frage ich mich heute auch.

Später, als er tot war, längst, habe ich begonnen, mich seinen Worten anzupirschen; habe ihn gejagt in den dicken Büchern, und habe mit ihm die farbigen Monokel in Ypern und an der Somme getragen, habe meinen Schmerz in seinem gesucht, wollte ein Torpedo unter seinem spirituellen Lenken werden kurzzeitig; auch habe ich bemerkt, wie er immer so ein kleines bisschen zu spät kam mit vielem, ein Schreib­tisch-Futur­ist war er geblieben. In Paris dann, wie wir zusammen an kleinen sonnigen Plätzen sassen und den Mädchen nachschauten und ich in seinen Worten einen Stich, einen Schmerz spürte, da war ich ihm nah. Später ist er zu den Planeten aufgebrochen und in den Wald gegangen, und da verlor ich etwas lustlos seine Spur. Beredt also, dass ich viele Jahre zuvor genau dort zuerst auf ihn gelauert hatte; ihn, das weltberühmte Einsiedler-Unikum, das uns—neben dem einen Mal, als mein Schulfreund mit dem geklauten 80er an der Todeskreuzung sich das Hirn aufwetzte—einige Male einen Hubschrauber im Dorf bescherte.

Wir sind dann nicht mehr in den Riedlinger Wald gefahren früh morgens, vermutlich weil der Zivildienst kam, und anderes zurecht wichtiger wurde als den fast schon versteinerten bad guy seine Schritte bemessen zu sehen.»

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Monday, January 19, 2009

Deconstructing Jünger

“Wenn Sie einsteigen in ein Spiel […], dann merken Sie, daß eine gewisse Be­geist­erung Sie befällt, auch wenn Sie, wie ich, eigentlich kein Ver­hält­nis [zu diesem Spiel] haben. Dasselbe ereignet sich, wenn ich in ein polit­isches System einsteige. Ich habe für Ord­nungs­systeme ein Faible.” Das sagte Ernst Jünger einmal, 1982, und dieser Satz lässt ahnen, dass er der span­nungs­reichen (De-)Konstruktion seiner eigenen Begriffswelten durch den Herausgeber Alexander Pschera und seiner nicht un-illustren Autorenschar im recht neuen Band “BUNTER STAUB sicher sehr aufgeschlossen gegenübergetreten wäre.

Das vieltausendseitige Ordnungssystem Ernst Jünger, an dem der alte bad guy mit dem später eher humanistisch-entzeitlichten Gestus eines Astrologen und Sehers jahrzehntelang gewerkt und, vielleicht ohne es zu bemerken sehr postmodern, herumredigiert hat. Dieses System erfährt nun eine Spiegelung und Brechung in einem fast vierhundertseitigen Band aus dem Hause Matthes & Seitz:

Schlüsselbegriffe aus Jüngers Werk wie “Gestalt”, “Rausch”, “Waldgang”, “Schmerz” werden von ausgewählten Kennern des Jüngerschen Werks in eigenen Texten neu eingeleuchtet, und stehen  in der Mehrzahl  als Kunsttexte eigenen Ranges nun vor uns. Ihre wirklich kunstvolle, ebenso gedanken– wie für Jüngernovizen einsichtsreiche Verbindung aber besorgt ein namenloser Essayist, von dem wir annehmen, dass es Pschera selbst ist und der hier uneitel die eigentlichen Ein– und Aussichten zusammenträgt.

Gerade also für alle, denen dieser Bücherversand schon ebenso penetrant wie erfolgreich vom »Arbeiter« bis zu den »Afrikanischen Spielen« oder den »Glass Bees« (Jünger auf Englisch, auch eine sehr schöne Spiegelung) alles anempfohlen hat, ist dieser Band ein Segen: Endlich weiterdenken, über Jünger hinausdenken, Jünger anders lesen. Dazu tragen am ertragreichsten gerade die aberwitzigsten Versuche bei, wie David Woodards situationskomischer Trip mit Jüngers Augen durch das nicht mehr Leningrad heissende Petersburg, oder Pscheras stream of consciousness, den Topos des “Flugtraum” einleitend. Die einst an einer selbstbewussten Nation feilenden vermeintlichen Stars des Bandes hingegen bleiben erstaunlich blass, zu nah an Jünger selbst vielleicht, um dem Unternehmen der Dekonstruktion Entscheidendes beifügen zu können. Aber das machen andere wett, wie Eckhart Nickel, Lorenz Jäger, Günter Figal oder Mark von Schlegell, die verschmitzt ihre Hütchenspieltricks mit Jüngers Wesen und seinen Begrifflichkeiten veranstalten.

Jeder “[Künstler], für den […] die Jagd ein faszinierendes Spiel ist, ein Vorwand für subtilste Kombinationen und Differenzierungen” (so schreibt Jünger selbst in “Subtile Jagden” 1967) wird jedenfalls eine andauernde Freude am Besitz dieses sehr schön gesetzten, schön unbunt in schwarz und weiss gehaltenen, handlichen Bandes haben. Kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her!


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Wednesday, October 29, 2008

Strahlt ein toter Wind noch? Jünger, abgetippt.

—“So schreibe ich jeden Tag, auch wenn ich selbst nichts schreiben mag.”

Man kann sich den Schriften eines Vielschreibers, eines täglich Schreibenden, auf unterschiedliche Arten nähern. Lesen ist meist ein Teil davon, seltener das Abschreiben. Ein Mensch mit dem hervorragend geeigneten Pseudonym Mistral («The Mistral in France is a fresh or cold, often violent, and usually dry wind, blowing throughout the year but is most frequent in winter and spring») hat nun beschlossen, sich dem sperrigen Vielschreiber Ernst Jünger und dessen (von vielen als Hauptwerk verstandenen) “Strahlungen”, den Tagebüchern von 1939 bis 1948, zu nähern.

Was tut Mistral? In einem anderen Tagebuch, nicht jenem Jüngers, sondern jenem des Schriftstellers Pippin Wigglesworth-Weider, lese ich:

“Dann tippe ich sie ab. Zwei bis drei Einträge pro Tag. Es ist Tipp- und Schauarbeit. Hin und zurück mit den Augen, weil die Hände noch nicht ganz selbständig auf die Tasten wirken. Das Ziel der Übung, der genaue Blick auf die Worte und das Gehör für ihr Gewicht im Satz, bewusst und unbewusst das Gute zu verinnerlichen. Zu jedem abgetippten Eintrag füge ich ein Bild hinzu, die Auswahl des passenden Motivs ist der Zucker für den Esel. Dann lade ich die Arbeit auf den Weblog: Strahlungen 2010.”

Mistral oder Pippin oder eine Figur, die sie beide bilden, irgendwo zwischen ihren eigenen Vorlieben, Text­begegnungen mit Jünger und einer berührenden Formstrenge, tippen für uns (vielleicht bis 2010, was ich nicht recht glaube, und was auch egal ist) also die “Strahl­ungen” ab, und verleihen Einträgen wie vom 18. April 1939, in Kirchhorst, neues Leben. Man hätte einscannen, horten, selektieren, kopieren, einfügen, apfel v, können. Und vielleicht macht es ein schlauer Mistral auch genau so, und spielt mit uns—dahingestellt.

Was uns geschenkt wird, ist ein web-basiertes Tagebuch, das nichts anderes will, als die fast 70 Jahre alten Gedanken und Sprachspiele eines anderen wieder zum Atmen zu bringen. Keine albernen Youtube-Links, aber auch kein Party-Nacherzählen, oder prätentiöse Befindlichkeit, wie hier manchesmal. Nur die Strahlungen.


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Thursday, October 23, 2008

German smoke screens

FATE |fāt|
noun
1 the development of events beyond a person's control, regarded as determined by a supernatural power : fate decided his course for him | his injury is a cruel twist of fate.
• the course of someone's life, or the outcome of a particular situation for someone or something, seen as beyond their control : he suffered the same fate as his companion.

DESTINY |ˈdestinē|
noun ( pl. -nies)
the events that will necessarily happen to a particular person or thing in the future : she was unable to control her own destiny.
• the hidden power believed to control what will happen in the future; fate : he believes in destiny.
ORIGIN Middle English : from Old French destinee, from Latin destinata, feminine past participle of destinare ‘make firm, establish.’


At night, tired, in front of a bookshelf in the library, a short discussion with Wall of Time’s sabbatical researcher Dr. David Woodard on a feasible translation for the word «Schicksalszeit». A very Jüngerian subject, of course. Somewhat handwavingly, I argued that neither «destiny time» nor (not at all!) «time of destiny» would capture the German connotations of the word at all.

The more I think of it, the clearer it occurs to me that «Schicksalszeit» is a veritable smoke bomb: As if there would be any other time than the one that is identical to your destiny, your fate. The destiny as in destination and the passing of time are one thing alike, as Dr. Woodard with the more rationale, less aetheric, no-nonsense angle of the English language had grasped immediately.

To me, now, it sounds almost banal to claim such thing as a Schicksalszeit, although Jünger might have felt very superior when introducing the term. Jünger really knew how to drop these irresolvable «Vexierbilder»:

«Der Wechsel von meßbarer und Schicksalszeit verwirrt den Betroffenen. Beide sind schwer unter einen Hut zu bringen, wie im Großen Astronomie und Astrologie, auch Naturwissenschaft und Theologie. Und doch ist das seit jeher möglich gewesen und wird immer wieder möglich sein.»

[The alteration of measurable time and time of fate confuses the involved one. They are difficult to pair, like in the big scale astronomy and astrology, also science and theology. But still it has forever been possible and will always again be possible; translation not by W.o.T.]

It is this side of Jünger which I despise: Jünger getting a bit lost in too big a scenario, not having the clarity of thought, more a feverish sound; like us here at the Wall of Time sometimes, admittedly. It is the sound somebody like Gottfried Benn, for example, did not particularly like, and, in attempting to translate German thought to English lingo, I begin to see why.



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Wednesday, October 15, 2008

Synchronicities

“1917—World War I: At Vincennes outside of Paris, Dutch dancer Mata Hari is executed by firing squad for spying for Germany.”

An einem 15. Oktober denke ich: Gut möglich, dass sich meine hier desöfteren bereits erwähnte Großmutter Elfriede Kallenberg und die legendäre holländische Spionin Mata Hari diese Welt und ihre Luft zum Atmen noch einige Minuten teilten. Besessen wie ich bin von den Staffelläufen, die das Leben darstellt, lässt mich dieser Gedanke erschauern. Irgendwann im Laufe des 15. Oktobers, heute vor 91 Jahren, wurde Margaretha Geertruida “Grietje” Zelle das Leben genommen, und Elfriede Margarete “Friedl” Fellinger selbiges gegeben.

Die eine stellte man etwa hier (48°50′42″N, 2°26′05″E) auf, fesselte sie nicht, auch die Augen verband man ihr nicht, sie schien es nicht zu wünschen, und schoss auf sie. Es ist seltsam bis ermüdend unergiebig, dass sich die Augenzeugenberichte solcher Erschießungen im Ende doch stets so gleichen.

“She lay prone, motionless, with her face turned towards the sky. A non-commissioned officer, who accompanied a lieutenant, drew his revolver from the big, black holster strapped about his waist. Bending over, he placed the muzzle of the revolver almost—but not quite—against the left temple of the spy. He pulled the trigger, and the bullet tore into the brain of the woman. Mata Hari was surely dead.”

–schreibt ein Herr Henry Wales für den International News Service nur vier Tage später, aber man kann sich nicht des Vergleichs mit Gottfried Benn erwehren, der in seiner einzigen journalistischen Arbeit viele Jahre später einmal über die bereits 1915 stattgefundene Exekution der Edith Cavell recht ähnliches zu erzählen wusste. Wer schreibt von wem ab, oder ist es einfach stets der gleiche Plot mit geringfügigen Abweichungen, stets die gleiche Mär vom nicht zuckenden Auge und der Würde, die so oder leicht anders ja auch Jünger im Wäldchen einen Krieg später gespürt haben will.

All dies jedenfalls ereignete sich, während nur wenige hundert Kilometer entfernt, etwa auf 49°15′0″N, 6°51′0″E, meine spätere Großmutter zur Welt gelangte; und vielleicht gingen sie ja doch noch einige Atemzüge zusammen, die dem Tod geweihte Tänzerin und das dem Leben geweihte Mädchen, dessen weiterer Weg auch zu meinem Werden beitrug. Über Ausmaß von Würde und zuckenden Augen bei der Erstgebärenden dort im Saarland ist nichts überliefert.


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Monday, September 01, 2008

Was bleibt: Bunter Staub

Datumsmystik, eine Spezialität an der Wall of Time: 01. September 2008 (–69) 01. September 1939 (+5) führt uns zu

«Saint-Dié, 1. September 1944
Abends Lektüre des Buches von Filon über die Kaiserin Eugenie. Dazu hallten Gewehrschüsse vom nahen Kempberg, der schon Maquis geworden ist. Ich richtete das Häuschen, in dem ich mit dem Feldwebel Schröter wohne, zur Verteidigung ein, so wie man sich eines alten, halbvergessenen Handwerks entsinnt.
Im Traum durchschritt ich eine herrliche Stadt, die allen mir bekannten an Eleganz weit überlegen war, weil altchinesische Formen sich mit den europäischen vereinigten. Ich sah die Gräberstraße, den Markt, die Hochhäuser aus rotem Granit.
Wie häufig bei solchen Wanderungen sammelte ich auch einige Käfer in die Ätherflasche ein. Als ich sie leerte, um die Beute zu betrachten, fielen mir zwei oder drei Tiere auf, die ergriffen zu haben ich mich nicht erinnerte, darunter eine karneolrote Anoxia, die fast durchsichtig war. Erwachend entsann ich mich jedoch, daß ich sie vor einigen Nächten während eines anderen Traumes in die Flasche geworfen hatte, und erstaunte darüber als über einen auf merkwürdig konkrete Weise in diese Welt hereinragenden Zug.
Übermorgen werde ich nach Hannover fahren; der Stab des Militärbefehlshabers löst sich auf.»

(Ernst Jünger, Kirchhorster Blätter)


Was bleibt, ist BUNTER STAUB: Buchvorstellung des neuen Deconstructing Jünger-Bandes, hrsg. von Alexander Pschera, mit David Woodard u.a. am 28. September 2008 auf Schloß Neuhardenberg

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Thursday, June 19, 2008

Ein alter Tibetteppich

I almost hate to say this, but it is again in the often way too convoluted and slightly pretentious writings of Wall of Time’s own Ernst Jünger that I found a touchingly true section on Time:

“Man muß jedoch wissen, daß die unbarmherzigen Wertungen, denen diese Zeit unterzogen wird und die wir durch so viele Einzelheiten bestätigt finden, zugleich zutreffend und unzutreffend sind. Dies liegt daran, daß die einheitliche Einteilung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wohl für die astronomische, nicht aber für die Lebens- oder Schicksalszeit anwendbar ist. Es gibt eine astronomische Zeit, aber zugleich eine Mannigfaltigkeit von Lebenszeiten, deren Rhythmus wie der Pendelschlag unzähliger Uhren nebeneinander schwingt.

So ist es auch nicht eine, nicht die Zeit, sondern eine Mehrzahl von Zeiten, die auf den Menschen Anspruch erhebt. So ist es zu erklären, daß eine Generation zugleich älter und jünger als die der Väter ist, daß sie also zwei verschiedenen Zeiten angehört. Es kommt nun sehr auf den Blick an, den man auf die Zeit zu werfen befähigt ist. Man steht auf ihr wie auf einem Teppich und sieht, daß die alten Muster bis zu den Rändern ausgesponnen sind. Oder man sieht, daß sich das Gewebe zu ganz neuen und anderen Figuren zusammensetzt. Beides trifft zu, und so kann es kommen, daß ein und dieselbe Erscheinung sowohl als Symbol des Endes wie des Anfangs erscheint. In der Sphäre des Todes wird alles zum Todessymbol, und wiederum ist der Tod die Nahrung, von der das Leben zehrt.” (Der Arbeiter, 1932)

Wednesday, May 28, 2008

Sils Miron

Vergangenes Wochenende habe ich die Zeitmauer gefunden. Sie ist, überraschend, ein Zaun. Eigentlich eine Hecke und Reste eines Zauns.

Direkt vor der Zeitmauer, so dass man sie nie richtig wahrnehme, weil man ja immer schauen muss, wo man selbst bleibt in der heutigen Zeit, aber auch so dass man nie ganz an ihnen vorbei komme, sind dort: drei Gräber.

Die Zeitmauer verläuft quer über einen kleinstädtischen Friedhof. Das ist interessant, denn es ist eine bereits länger genährte These, dass die Zeit im Kosmos der Kleinstadt anders geht—ein Sprichwort fast—und deshalb auch genauer zu studieren ist. Die Zeitmauer verläuft nach meinen Berechnungen genau mitten durch den Ort, anlässlich eines Besuchs dessen Lorenz Schröter einmal passenderweise schrieb “In der Mitte? Ach, in der Mitte ist nichts”, auf seiner Suche nach der hohlen Welt.

Die drei Gräber, die man dort angebracht und vergessen hat, tragen fünf Namen; man weiss nicht warum, genauso wenig ist bekannt, was es genau mit den hier Beerdigten auf sich hat. Aber die Inschrift auf den drei Kreuzen ist genug, um als kleiner Stolperstein hinaus ins bequeme Nachgeschichtliche uns zu erinnern.

Mich befällt die Idee, dass sich diese Toten mit ihren Gräbern mir in den Weg gelegt haben; wann immer wir vorstossen wollen ins leichte und befreite Nachgeschichtliche, und nun wirklich einmal alles hinter uns lassen wollen—diese ganze alte miserable Sache, die als das Post-Histoire so benannt wurde, keine 10 Jahre her war—immer dann müssen wir, jeder von uns, mit unserem kollektivem oder individuellen Bewusstsein, an diesen Gräbern vorbei.

Es ist zuviel um es in Worte zu packen, und Worte sind nicht dazu geeignet; Sie müssen sich vielleicht selbst einmal dorthinstellen, an die Zeitmauer, und fühlen, was in Ihnen aufsteigt, wenn Sie dort, irgendwo im Schwäbischen Nichts der Behaglichkeit und des fast tödlichen Ennui diese Inschriften auf den Stolpergräbern am Gartenzaun der Geschichte lesen.

Alors, soviel geplappert, soviel unausgesprochen. Es ist ja alles da, in den Namen und den Zahlen:

Sils Miron, † 1944
Alexej Kruschinski und Nikolaj Magerko † 1944
Alexej Mauljudow † 1943 und Pawel Katew † 1942



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Wednesday, April 30, 2008

Das Jahrhundert der Johanna Jürfeld

—für Peter Bichsel, W.G. Sebald, und Johanna Jürfeld natürlich

Dies ist die Geschichte von Johanna Jürfeld. Johanna Jürfeld war eine außerordentliche Frau. Sie schaffte, was viele von uns nur zu gern können würden: Sie wusste zu leben. Sie besaß ein Maß der Dinge, und wusste auch, wann es genug war mit allem. Vor allem wusste sie, ab einem gewissen, uns unbekannten Zeitpunkt, dass sie ein Jahrhundert, ihr Jahrhundert, überleben wollen würde. Und so geschah es.

Johanna Jürfeld war 1899 geboren worden. Ebendamals ließ der amerikanische Kongress Wahlmaschinen zu, eine Technik, die ganz offensichtlich im Jahre 2000, als Johanna Jürfeld starb, immer noch nicht funktionierte. Es ist sehr wenig bekannt über Johanna Jürfeld, und wir wissen nicht, wie sie den sogenannten Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte, ob sie um Franz Ferdinand trauerte, wie vielleicht nur Kinder um Fremde trauern können, in ihrer aufrichtigen Mischung aus Faszination und Schock, so wie ich—wenn dieser Zeitsprung erlaubt ist—um Indira Ghandi trauerte, mir ist als sei es der 2. November 1984 gewesen, als ich vom Kindergeburtstag nach Hause kam. Oder sah die bereits 15jährige nicht eher in der Zeitung das berühmte Bild des nur wenige Jahre älteren, eingeschüchtert dreinblickenden Attentäters Gavrilo Princip, und klopfte ihr Herz nicht für Bruchteile von Sekunden für den kühnen jungen Mann, der der Todesstrafe entging?

Wir wissen ebenso wenig, wie Johanna Jürfeld den Wechsel der Regime, das Exil des Kaisers über die Leichen der Revolutionäre im Landwehrkanal hin zum nicht unsympathischen rheinischen Singsang des Gnoms Goebbels erlebte. Auch ist nicht bekannt, wie es Johanna Jürfeld vorkommen musste, in Schwerin zu sein als der große Krieg verloren war und alle sich sehr verraten und verkauft vorkommen mussten, und ob sie es wohl für die richtige Seite Deutschlands hielt, in der sie nun einmal lebte.

Vielleicht war es ja schon damals, dass sie gedachte sich nicht mehr lumpen zu lassen von den Gezeiten, den unberechenbaren, der sogenannten Geschichte und dass sie ihre eigene Zeit leben würde. Vielleicht war es aber auch erst, als 1989 ein weiteres Regime sich als sehr vergänglich herausstellte, und Johanna Jürfeld mit 90 Jahren schon wieder in blühende Landschaften umziehen und neues Geld benutzen sollte, dass sie beschloss, ihr Jahrhundert zu überleben.

So lebte sie, ging einfach weiter jeden Tag hinunter zur Strasse, schwatze mit den netten jungen Leuten nebenan, machte ein Kreuz nach dem anderen in ihren Kalender, und wartete. Wartete, dass es 1999 würde. Und so kam es, und auch das Jahr 1999 ging vorbei, und Frau Jürfeld hatte ihr Ziel erreicht. Der Bürgermeister wollte sich nicht so recht freuen mit der Hundertjährigen, es gebe ja auch außerdem zwei ältere Frauen in Schwerin, und das solle doch die Gemeinde tun, doch mit der Gemeinde hatte Frau Jürfeld nichts zu schaffen, und so feierte sie eben bescheiden allein, kein Helmut Kohl oder Mitterand kamen mit dem Hubschrauber wie bei Ernst Jünger damals, aber Frau Jürfeld hatte ja auch nicht Tausende von Buchseiten vollgedacht in ihren Hundert Jahren, sie hatte einfach gelebt und gewartet.

Und als ihr Jahrhundert mit den fünf Regimes und mit den siebzig Jahren im selben Haus, und den vierzig davon allein, vollbracht und ein Jahrtausend en passant auch noch besiegt war, da legte sich Johanna Jürfeld einfach hin und ließ es gut sein.



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Monday, April 21, 2008

Classics of Camp (IV): 1. Oswald-Spengler-Symposium 1966

«Es war ganz furchtbar. Die beiden hatten seit längerem nichts mehr gesagt, sprachen weder miteinander noch mit mir. So saß ich da, und fragte mich wie es weitergehen könnte mit dieser Reise.

Hier saß ich mit zwei alten Männern, der eine fast ein Greis und der andere zehn Jahre jünger. Jünger. Also, ich meine, Jünger war auch der jüngere. Es klingt jetzt alles sehr kompliziert. Benn hieß der eine, er war gerade achtzig geworden. Ein schwerer, auch kranker Mann. Er schaute immer so aus seinen halbgeschlossenen Lidern hervor, als würde er jede Sekunde einschlafen. Das Gegenteil war aber wahr, er roch und spürte alles um ihn herum, und es war schwer, eine Zigarette aus dem Jackett zu holen, ohne dass er nicht sofort auch nach einer fragte, noch bevor man sie sich angezündet hatte.

Wir waren hierher gefahren, weil er kürzlich zu etwas Geld gekommen war, die Kulturschaffenden hatten sich noch einmal, erneut, im Vorfeld des achtzigsten Geburtstags seiner angenommen. Einige Verleger, ängstlich nichts zu verpassen, hatten sich also mit Vorschussangeboten für eine Art dritten Teil zur “Doppelleben”-Autobiographie überboten. (“Trippelleben, mit drei l, oder Triptychon; Day Tripper, vielleicht” witzelte der notorisch zu läppischen Späßen aufgelegte Jünger.) Ich glaube heute, Benn hat nicht eine Sekunde daran gedacht, jemals auch nur eine Zeile dafür zu schreiben, also auch nur eine Sekunde seiner verbleibenden Lebenszeit für solch eine Lappalie zu verplempern. Aber von dem Geld fuhren wir alle erst einmal in den Urlaub. Der gebrechliche Benn selbst hatte für das milde Klima des Mittelmeers im Frühherbst plädiert; und weder ich noch die anderen hatten dem Wunsch des Alten nicht nur nichts entgegenzusetzen, im Gegenteil deckte es sich mit meinem Wunsch nach gänzlich anderer, aber noch europäischer Luft.

Ich ließ also die beiden Alten dort sitzen, erstmal, die wirkten ja nicht wirklich unglücklich, nur etwas unsynchronisiert. Vielleicht war es einmal mehr so gewesen, dass Benn Jüngers Litanei nur noch durch Vortäuschen eines Wachkomas zu stoppen gewusst hatte und jetzt nicht wusste, wie er aus dieser Nummer wieder heraus käme. Also schwiegen sie. Eher für Dritte unangenehm.

Ich ging den schmalen Weg zurück zum Haus. Ich musste aufpassen, die schmalen Stufen genau zu nehmen und dabei nicht zu nah an die Disteln links und rechts des Weges zu kommen, weil es sehr stach am Bein. Da fragte ich mich auch, wieso die alten Herren sich nie beschwerten auf diesem etwas mühsamen Weg zwischen dem Haus und der Veranda mit Blick über die Hügel der Küste und das Meer. Heulsusen waren sie beide keine.

Wir waren seit fast zwei Wochen hier, zehn Tage vielleicht, und es gab keinen Grund in Panik zu verfallen. Das Stierlein, wie Jünger seine Frau allen Ernstes nannte, war uns bis jetzt die beste Unterhaltung gewesen, die es geben konnte, wenn die beiden Alten gerade einmal nicht miteinander sprachen, so wie jetzt, oder beide nicht zu Späßen aufgelegt waren. Nun war Frau Jünger aber bereits abgereist, ich hatte sie des Morgens zum Bahnhof gebracht. Ich glaube, ihr Mann spürte genau, dass es mit dem Benn zu Ende ging, also wollte er noch bleiben und dabei sein, vielleicht ließe sich etwas schreiben, falls man bei Benn am Totenbett zu sitzen käme.

Und nun saßen da unten zwei zuhause so halbherzig verfemte alte Männer, der eine duldete den anderen, der andere verehrte den einen, und mir war nicht so wohl zumute. Ich weiß auch gar nicht, wenn ich so darüber nachdenke, wieso ich dort dazwischen geriet damals. Die Atmosphäre konnte sich verdüstern nun ohne das leichte, alles tragende Element, wie es Frau Jünger so formidabel dargestellt hatte. Egal; es war wie meist, wenn Freunde kommen und gehen, es ist unklar wie es weitergeht, aber die Veränderung mag auch ganz gut tun. Für morgen war bereits ein neuer Gast angekündigt, und ich zumindest war gespannt, wie sich die feine Stimmung unserer kleinen Bildungs- und Erholungsreise noch entwickeln würde.»



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Friday, April 18, 2008

Und meine Seele legte eng ihre Flügel an

Jet Lag. Verschiebung. Lag ein Fachausdruck, für Autokorrelations-Berechnungen. Gerade diese ist es, die Übereinstimmung mit sich selbst, in leichtem Zeitversatz (Lag 0, 1, –2), die einem durcheinandergerät durch das unvernünftig zu nennende Reisen im Geschoß. Ernst Jünger, der selbst Anfang der dreißiger Jahre den Menschen in seiner minotaurischen Verschmelzung mit dem Fluggerät zum Torpedo besang, fragte sich 50 Jahre später völlig zu recht: Welches Horoskop hat ein Menschenkind, das dort oben, darin, bei 560 mph und auf 33,000 fT dahinschiessend geboren wird?




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Tuesday, March 18, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. II)

Ein kleiner Denker gerät ins Stocken. Zu groß und auch noch etwas zu heiss das Eisen, dass er angepackt hat und schmieden will. Ein wirklich toller Titel (inklusive ganz distanziert-seismographischer Selbsteinordnung), eine Zusammenfassung (siehe unten; engl. so passend abstract, dem Jünger’schen Duktus—halb ironisch und halb bewundernd—folgend in nummerierte Abschnitte gefasst) und insgesamt 4134 Worte Rausch, Halluzination, und noch wenig, das dem eigenen Anspruch zu kohärentem Argument genügen würde. Aber lesen Sie selbst.


Die Emergenz des Totalen — Eine Bestandsaufnahme

DIE SITUATION: 1. Vernetzung und Wechselbeziehung durch Austausch und Zugänglichkeit von Information zwischen den Menschen, allen, auch denen, die sich nicht kennen, ist nun möglich, findet statt.

DIE DIAGNOSE: 2. Diese Vernetzung korrodiert tradierte Größen des Raumes und der Zeit. 3. Damit wird Totalheit—wie von den großen bösen Erzählern des 20. Jahrhunderts lediglich erstrebt—möglich.

DER POSTULIERTE MECHANISMUS: 3. Totalheit erzeugt Starre, Starre bedeutet Unfreiheit: Totale Einbindung, Mobilmachung, Gleichschaltung und Kontrollierbarkeit haben für (fundamental als gut und erstrebenswert betrachtete) Eigenschaften wie Freiheit des Willens, geistige und physische Unversehrtheit, und Freiheit der Meinung Folgen—Folgen, die als nachteilig und böse betrachtet werden können.

4. Die neue Totale wird von niemandem angestrebt, keiner kann belangt werden, und jeder Einzelne webt daran mit. Versuche, die Bösewichte zu benennen, führen ins Absurde: “Das Internet”, “Google”, “Microsoft”. Die beiden Letztgenannten können besten Willens als derzeit größere Anteilseigner an der Börse des neuen Totalen verstanden werden.

5. Wie geschieht Böses aus der Totalheit heraus? Hier sind die Lehren aus den totalitären Versuchen des 20. Jahrhunderts durchaus instruktiv: Totalheit wirkt zurück aufs Individuum, verändert sein Erleben—damit zwingend seinen Erlebnisrahmen—damit hochwahrscheinlich auch sein Erleben und seine Interpretationen von Recht und Unrecht. Taugen individuelle, nur auf Empathie oder gar Altruismus gegründete Werturteile bereits in der prä-totalen Gesellschaft wenig, so ist anzunehmen, dass ihr schützender und schonender Einfluss proportional zur Geltung des Individuellen insgesamt schwindet.

DAS FAZIT: 6. Es ist Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts auf verstörende Weise unklar, wie die Antwort des Individuums auf diese totalen Tendenzen aussehen kann, geschweige denn: soll. Das Normative scheitert. Wo kein Schuldiger, da kein Kläger; wo kein Kläger, da kein Unrecht. Das Böse hat sich selbst inkarniert.


Bleiben Sie mir gewogen, während ich versuche, dies alles in vernünftige Worte zu gießen.

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Sunday, March 16, 2008

Alles macht weiter

In den einleitenden Worten zu seiner umfassenden Analyse des Konzepts des Posthistoire weist Lutz Niethammer vorsichtig darauf hin, dass es sich bei den Propheten des Posthistoire in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihrer Diagnose womöglich—schlicht, eigentlich—um die Verwechslung des (so nicht erkannten und benannten) Endes oder Scheiterns eines persönlichen, geschichtlichen oder zeitgeistlichen Projekts mit dem (stattdessen proklamierten) Endes aller Geschichte, aller Entwicklung gehandelt haben könnte.

Diese Verwechslung ist Ihnen unterlaufen, mag sich in ihr Denken eingeschlichen haben; und mitnichten ist Niethammer hier die gerne von Literaturwissenschaftlern gezückte sogenannte biographische Methode vorzuwerfen, das griffe zu kurz, auch wenn er—vermutlich nicht zu unrecht—den Umständen persönlicher und ideologischer Um–, Neu– und Desorientierung bei Gehlen, Jünger, Heiddegger, Kojève oder auch Benjamin nachspürt (Ähnliches sagt übrigens Andreas Höfele im hervorragenden Fachblatt Shakespeare Quarterly (1992, 41(1):80–86) über Baudrillard, dessen Posthistoire- und Hyperrealitäts-Diagnose mit einer enttäuschten post-1968 Position in Beziehung zu setzen sei).

Das diagnostizierte Ende der Geschichte, mithin die Problemstellung des Posthistoire sei demnach keine Enttäuschung über das Ende einer Entwicklung, sondern über ein erlebtes Ende von Bedeutung (engl. meaning).

Warum schreibt einer das alles? Weil er über die selbst bereits zwanzig Jahre alten, fast lakonischen Worte Niethammers, ins noch konzisere und schmucklosere Englisch übersetzt, erkennt, dass—wenn all dem, wie zu befürchten steht, ein wahrer Funke innewohnt—seine individuelle, ureigenste Faszination mit dem Ende der Geschichte und dem Einmünden in die Bedeutungslosigkeit, dem obsoleten Kreisen, auch das eigene Leben und die eigene Existenz gemeint sein kann.

Weil es keine Ursachen mehr gibt, weil man über die Ursachen nicht mehr sprechen kann, muss man eben Effekte ohne Unterbrechung herstellen, um Baudrillard (nur unwesentlich) zu paraphrasieren. Weil nichts mehr Sinn hat, muß alles reibungslos funktionieren (im Wortlaut).

Alles macht weiter, auch wenn Bedeutung nicht zu finden ist. Das ist die Zeitmauer, gegen die man eben auch rennen kann.



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Monday, March 03, 2008

Time traveler’s wisdom: David Woodard full-length interview

Please download the full-feature 4-page illustrated interview here or read on below.

There are various reasons why DAVID WOODARD is the perfect interviewee for the wall of time. First, he is a composer, he writes music, which is sound, which consists only of and exists only in: time. His interests are diverse, though, and include the somewhat failed utopias and their ramifications like Nueva Germania in Paraguay or North Korea, as well as the hypnotic lamp­shade-cum-artwork-cum-altar Dreamachine of William S. Burroughs fame, or − most recently − ambitious projects like The Great Pyramid.

This alone would make for a never-ending conversation, but on top of that, his name is tightly linked to a somewhat new genre of musical pieces, the prequiem, commissioned by individuals to be played right before their time to die has come. Woodard became somewhat notorious for composing and performing a prequiem for Timothy McVeigh. Death, of course, is another one of the manifold instantiations of time, that is, the passing of time.

Thirdly, Woodard recently has written a yet-to-be-published piece on one of our notorious bad guys, ERNST JÜNGER − a man who himself was deeply fascinated with time, who collected hourglasses, who saw Halley’s comet twice, and who wrote one of the most ambitious 20th century essays on (planetary) time scales, „An der Zeitmauer [At the wall of time]“, in 1959, which lends its name to the present publication. Jünger himself became a monument of time in that he outlived his century, crossed the magical line of turning 100, and died ten years ago, in 1998.

Our conversation took place in Febuary 2008 during a visit at Dr. Woodard‘s current refuge, Schloß Wiesenburg (Mark).


Dr. Woodard, thanks for your precious time, we feel very honored to have you as the opening interviewee in our new series at the WALL OF TIME. Now, maybe Ernst Jünger is a good topic to start off. I was surprised and pleased to learn that you will contribute to a new anthology on Jünger. Could you give us a brief idea what to expect from your essay? What is your take on him, and what is it that renders Jünger a worthwhile subject for your thoughts and works (e.g., “Ernst Jünger in Leningrad”)?

Thank you, Dr. Obleser, you are very kind. It is a pleasure for me to be the Wall of Time’s first guest.
Well, first of all you have to understand that Ernst Jünger is better known to Americans than Germans like to imagine. In Germany, his seemingly contradictory paths have yielded a charged fog. Neutered German academics look askance at the apparent militaristic sympathies found in Storm of Steel, for instance, whilst unabashedly marveling at Jünger’s later ability to simultaneously be revered by and undermine the Nazis’ international recruitment program in France. Jünger himself possessed a rare and inscrutable quality for a German, and that was his sense of aboveness, or actual aboveness, enabling him to command his person as if it were a radio-controlled airplane, from a distant tower—not like a Predator, rather like a butterfly, whose brain has been neatly carved out and replaced by a UHF-transceiver.

When you examine photographs of Jünger, you see only the machine. They will not help you. He always combed and sprayed his hair nicely and scrubbed his face with more or less natural exfoliants and that sort of thing, had thin reedy lips which contributed favorably to his birdlike profile, sometimes romanticized and indeed eroticized war, sometimes took LSD in a forest near his home under the guidance of his friend Dr. Hofmann. These popular notions are as iridescent ice-dust clouds, twisting and turning, perfunctory and aleatory, and I daresay irrelevant, characterizing the veneer or atmosphere of Jünger’s centenary existence. Beyond the stratosphere, heliotropic Jünger occupied an invisible spinning tower. It is with this in mind that “Ernst Jünger in Leningrad” was written, during a visit last year to the psychoanalyst Dr. Victor Mazin, in the childhood home of Lou Salomé.



Hermes kam mir bekannt vor. Er lächelte, und Viktor wandte sich mir zu: „David, das ist Hermes. Er ist mein bester Freund“ — „Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen, Hermes. Wir trafen uns kurz in Moskau im März letzten Jahres“, wagte ich einzuwerfen.
Hermes bestätigte meine Vermutung. Sein Anblick wurde von seinen neuen Schuhen geprägt—schwarze Leinwand-Slipper mit einem Fach für den großen Zeh und einem anderen für den Rest. Die Schuhe sahen wie Hufe aus, einem Attribut Satans. Im kommenden Monat sollte in Freuds Traummuseum eine Konferenz zum Thema Infernalität im Zeitalter des illuminierten Computermonitors stattfinden.
„Das sind Schuhe von japanischen Bauarbeitern“, sagte Hermes. — „Interessant…Was passiert, wenn ein riesiger Betonblock auf Ihre Füße fällt?“ — „Er würde auf deren Füße fallen, nicht auf meine“. — „Ja, sicher“. Gesegnete Paranoia. „In diesem Fall würde es sich nur um fallenden Bambus handeln“.
Hermes war es, der uns vom Flughafen hätte abholen sollen, sagte man mir. Viktor glaubt wie ich nicht ans Autofahren. Ich fragte mich, mit was für einem Auto Hermes wohl unterwegs gewesen war.

„Ein Paranoider ist
jemand, der Bescheid weiß.“
— W.S. Burroughs, Gespräch

Ein bebrillter Freud, gemalt in Schwarz und Weiß, der über der Tür hängt, dient als ein ahnungsvolles Willkommen für den zweiten Raum, in dem die Dinge plötzlich wieder zeit- und raumlos werden—wie in einem Traum, oder damals, als man tot war. Im Mittelpunkt des Raumes arbeitet, auf einem 1 × 1 × 1.5 Meter hohem Sockel, die Dreamachine. Dazu hört man eine 10minütige Komposition namens „Sssexy“, aufgenommen vom elektronischen Ensemble Plecid; sie besteht aus Sounds, die an sich klangfarblich ständig verändernde Radiostörgeräusche erinnern, und die man hier etwas lauter hört als im ersten Raum. Die Atmosphäre ist nachdenklich und erinnert eher an ein Kuriositätenkabinett als an ein Museum.

(Brief excerpt from David Woodard, „Jünger in Leningrad“, in: Alexander Pschera (Hg.) Bunter Staub. Jünger im Gegenlicht. Matthes & Seitz Berlin, 2008)




I do loathe what-if questions. Anyway, would you have liked to write a prequiem for Jünger? As far as I understand, he wasn’t very drawn toward music. How could it have sounded, and what would have been the instrumentation?

It was his feminine side that resented music. I might have written and conducted a prequiem for Ernst Jünger, had he known more or less precisely when he would make the Eternal Leap and given sufficient notice. I believe I would have scored such a work for bassoons, contrabassoons, bass clarinets, and a swarm of celli and contrabasses that would have entered the equation at the moment of death. I would have kindly advised Dr. Hofmann to be present, and the setting would have been a round wooden raft floating in the lake beside Wilflingen, the castle where Jünger lived during his autumn years, which stretched into autumn decades. Or, the circular raft could more fittingly have been floating in the serene lake here at Schloss Wiesenburg, in former East Germany.
As his death occurred on February 17, 1998, Jünger, Hofmann, the chamber ensemble, Jünger’s physician and I would have been protected from the cold by a glass bubble fabricated specifically for the occasion, hermetically sealed along the raft’s circumference and heated within by a central pyre consisting of Old Growth redwood logs harvested from the Black Forest.
Auxiliary attendees other than Hofmann would have been limited to a series of pleasant animals—cats, squirrels, birds, lemurs, possibly others depending on timing and availability, and finally a smallish group of flying squirrels tethered by an elastic cord affixed to their collar at one end and to a collar worn by Jünger at the other.
At the moment of death, signaled by Jünger’s physician discreetly gazing heavenward, a cloud of butterflies would have burst from portals alongside the stage—the imposing and many-colored Cairns Birdwing of Australia, the iridescent Blue Morpho of South America, the Painted Lady with its empathogenic eyes, the common yet reliable Monarch, every species of butterfly known to man would have been represented, their celebratory flight within the glass hemisphere commencing just as the chamber ensemble segued into the final movement, their gentle fluttering an elegant choreography of otherworldly microtonal celli and contrabasses serenading Jünger’s newly remnant Earthly vehicle in tutti.
After the prequiem, the glass hemisphere would have been carefully detached from the raft, turned upside down like an hourglass, and, tethered to an anchor, permitted to float near the middle of the lake for a period of three weeks. Inside, Jünger’s remains, basted in maple syrup, would have been devoured by many wild southwestbound birds, pious wasps and courageously right-thinking bees.

Fittingly, on Death. Maybe you object to my simplistic equating of sound to time to death. Nevertheless, I think it might function as a bracket around most of what you are interested in (as far as I can tell, from your creative output). Especially the prequiem concept sounds like a very interesting little trick on time, anticipating one’s own death, and having a usually post-death event B (a requiem) performed before event A (the death itself) has actually taken place. Did the idea of the prequiem emerge in order to approach, to scrutinize, and maybe even to “measure” death by getting your art (composing music) as closely as possible to the event of death itself?

It has been pointed out, waggishly, that something fundamental in my work resonates with the philosophical precepts of Dr. Condoleezza Rice. She and I have, over the course of a decade, demonstrated sensitivities toward the Locrian, or anticipatory, gesture. In Dr. Rice’s case, this has assumed the form of the preemptive strike, a military strategy wherein a B action obviates the possibility of an A action, even where there may have been no intention for an A action.
In my case, it has taken the form of a funerary music called a prequiem—a B action occurring before, during, and after an A action: the melodic arch of a prequiem meets its subject along the Nile’s Eastern bank, lifts him up and then safely deposits him along the Western bank, serenading the remains for a short time thereafter. The subject’s life and death are thus A and A, and the river flowing between them is B. The prequiem is intended to ease and comfort its subject’s passage across the Great Divide and assure his transit to Heaven, and is only kindred in spirit to Dr. Rice’s preemptive strike from the perspective of the undertaker or, perhaps, the feebleminded.
B and A are components of Sonata form, the ABA compositional structure defining Classical music, as intuitively defined by Mozart. In light of Dr. Rice’s distinguished avocation as a classically trained pianist, it is more interesting to consider the possible influence that Classical music has had on her work as a philosopher and strategist. B always precedes A.
“A Cornerstone Cringle”, a brass fanfare commissioned by Friends of the Great Pyramid to help celebrate the Great Pyramid project’s symbolic cornerstone laying ceremony last year at its possible Dessau-area site, bears a conceptual kinship to prequiems. Therefore, project ideologues Ingo Niermann and Jens Thiel later asked if I would be willing to render the piece at related prequiem services and/or internment ceremonies once the proposed structure, potentially the world’s largest columbarium, crosses its feasibility hurdles and becomes established. I am taking the idea under advisement. It is a composition that I like very much—and, incidentally, that I shall be conducting at the Great Pyramid Gala on March 10, at Berlin’s small but lovely HAU theatre.

WALL OF TIME will most certainly be there. Now two questions, which we would like to include in all or most interviews to come on time and the phenomena around it. Please feel free to answer quite shortly or to draw, or to remain silent, of course. First, the big issue: What is time?

Time is heavier than a heartbeat. It may have been invented as a scare tactic by a shaman in a tiny prehistoric Paraguayan village many thousands of years ago, and the price he had to pay for his fleeting glory was the nerves of all future humankind. It makes one wonder what price all future humankind will pay for the present shamanic benefits offered by David Bowie, David Sylvian or Momus, for example.

What role does time play for your primary work (i.e., composing, in your composed pieces, and writing, in your written pieces)?

Composing and writing are equally time-based. Time is the element of language that another person will always relate to best. Events occur in our life over time, in sequence. They occur in books and movies over time, in sequence.
Sometimes things happen all at once, in parallel, though in such cases the parallel aspect is nonetheless experienced in time, as in the congress of a fugue: consolidated time, with increased tension. In this way the internet is quite fugal, perhaps dangerously so, threatening the preconditions for a hero‘s narrative to unfold, conditions that have prompted our understanding of what is good in the world. Time is at least as important in writing as it is in music. Students writing a dissertation with the object of obtaining a degree often neglect this obvious fact, a dreadful source of annoyance to most professors.
When you write something for another reader (i.e., other than notes to self), you are counting on the reader to follow your words and thoughts and hopefully understand what it is that you see so clearly in your mind that you must author a text. The reader will not understand unless you have taken into account what will be the likely trajectory of his thought and emotion whilst passing time reading the text. Therefore, aside from being able to see clearly what is to be written, the writer must also be a composer, a conductor, a musician, a hypothetical listenership, a musicologist.

Words are a form of music: their effect has absolutely nothing to do with their apparent meaning. Hölderlin recognized this, to a certain extent. I sometimes wonder if it isn’t reasonable to assume that words were invented by the praeter-human feminine spirit, which felt otherwise defeated by the male Apollonian spirit of music. They are a deceitful version of music, though equally dependent on melody and rhythm, hence time, to be effective. Ultimately any piece of writing expresses human conditions that exist beyond the circles of time: yearning, protection, alienation, love. It is best to avoid language and default instead to the realm of facial expressions, subtle gestures, gentle emotive sounds, music. The more you use language, the more you are obliged to continue to use language, just like telling a lie, and this steals precious time.

A last, important question. Dr. Woodard, you went to Paraguay many times and support the people in Nueva Germania. In a way, the sheer existence of this village gives us an impression of having fallen out of time and history: A project that had begun more than hundred years ago, an incredible amount of time must have passed since Bernhard Förster and his wife boarded a ship 120 years ago. Nueva Germania seemed forgotten and off the record for a long time, yet it has been there all the time, and it all feels oddly out of sync with our own notion of a modern society. However, it exists, the people are living there, and you occasionally take a plane and go there, almost like traveling between time zones. Are they living in the same century as we do (and, please, do not take this as a disregardful or Eurocentric comment)? Do you yourself feel as if living in 2008 Berlin?

This is an interesting observation for you to make, Jonas, and a harrowing question to follow. In a way, Nueva Germania has become a metaphor representing the possibility of different forms of time passage on Earth. It is a family-planning sodality founded in the mid-1880s by Elisabeth Nietzsche and her anti-Semitic agitator husband Dr. Bernhard Förster, in the middle of the Paraguayan jungle, inspired by Wagner’s 1880 essay “Religion and Art,” which appeared in the Bayreuther Blätter. Wagner whimsically pleads for the exodus of a group of brave Germans to found a New Germany in South America, where German culture could flourish unhampered by what he perceived to be antagonistic mercantile influences in the Motherland. There are lovely sub-themes in the essay that one might not associate with Wagner, such as the karmic wisdom of vegetarianism, and the spiritual stability that Lutheranism might offer in the New World.
It is a miracle that Elisabeth and Bernhard managed to establish any kind of colony in the very dangerous interior of South America, given their lack of experience in subtropics—with potentially deadly sand flies, very deadly jarara (5-minute) snakes, virtually non-irrig-able soil, and other serious hardships in store. It is my view that the reason Nueva Germania still resonates with us today, if faintly, is that it was a project Elisabeth and Bernhard poured their souls into. They pursued the Utopian family-planning dream with sincerity and focus— the more deeply they penetrated the dream, the more solemnly their honor was at stake. It broke Bernhard Förster. When Christian Kracht and I visited the room at Hotel del Lago where Dr. Förster committed suicide, it was heartening to find that a kind of inadvertent reverence still hung in the air. It is a top floor room, the veranda of which is larger than any of the others, and the windows of which gaze upon a most fantastic view overlooking a seemingly endless expanse of trees to the West. Despite these advantages, the room has for many decades remained unoccupied, serving as a janitorial supply room. The combination clerk/cook on duty explained that the 19th Century suicide is well-known, at least in Asunción and evirons. The room is viewed with trepidation.
The process of developing a eugenics colony to please the Master was the blossoming of Elizabeth’s and Bernhard’s united souls. The people who live there now—i.e., those who genetically descend from the colony’s first wave of pilgrims—understand more clearly why they are there than any of the scholars or journalists whose research I’ve examined.

Wagner does not resonate or seem relevant or make sense in Paraguay. What the colonists understand is that someone in their ancestry had strong feelings about the goodness of being who they were, to the point of shirking conven-tion and forcing the hand of Fate, and that this is why their family lines teleported to Paraguay. They do not recognize that they speak in a 19th Century Saxon dialect.
Nueva Germania almost ceased to exist in the early 1950s, and two years ago I visited and partook of imported sardines and beer with the aged man whose vote kept it alive. Klaus Neumann held a chair on the Municipal Council back then and had the deciding vote on whether or not the community’s name should be changed to Sanchez. Recognizing Nueva Germania’s historical significance, without tears, and also his own father’s renown as Elisabeth Nietzsche’s pilgrim who invented what would become the standard growing and curing procedures for Yerba Mate, Mr. Neumann effectively saved Nueva Germania. Had the name been changed to Sanchez, I believe the teetering enclave would have suffered unmanageable cognitive dissonance. Inside their misplaced brains, they would have short-circuited and faded to black. Passing the century point in 1987 has been psychologically beneficial to Nueva Germania, restoring a sense of identity and security to its bluebloods.

Thank you, Dr. Woodard. It was an insightful and inspiring Journey.





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Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch
einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Sunday, March 02, 2008

Auf Reisen — Are you with me Dr. Woo?

I went searching for the song / You used to sing to me /
Katy lies / You could see it in her eyes /
But imagine my surprise / When I saw you /
Are you with me Doctor Wu?
(Steely Dan, 1975)

Vergangenen Samstag verließ ein Regionalzug Leipzig, mit einem übernächtigten, unpassend touristisch gekleideten Mann an Bord.

Die Fahrt führte zügig ins Herz der ostdeutschen Finsternis hinein. Klingende Namen eines vergangenen Schreckens, die kraft ebenjenes Klangs die Imagination befeuerten: Bitterfeld, Wolfen, Dessau. Wer Dessau nur aus sterilen, sonnendurchfluteten Galerieräumlichkeiten in London oder Berlin kennt, von den in Helvetica gedruckten Legendentexten zu Austellungsstücken von Josef Albers oder Laszlo Moholy-Nagy, hat etwas Fundamentales über Dessau falsch verstanden: Keiner baut ein Haus in Dessau, kein Mensch. Auch in den 1920er Jahren muss es ein kühner Akt gewesen sein, die Avantgarde ausgerechnet unter dem dräuenden Himmel im Nichts zwischen Berlin und Leipzig hochziehen zu wollen.

Die Fahrt durch diese Siedlungen tut dem Geiste durchaus etwas an, und nur zu gerne hätte man jetzt den nie geschriebenen Reisebericht der wandernden Erinnerungs– und Vernetzungsmaschine W.G. Sebald und seine—am besten in diesem ruhigen, etwas Versicherndes ausstrahlenden, 27 Zeilen pro Seite nie überschreitenden Satzspiegel gedruckten—Quisquilien über Rosslau / Elbe studiert.

Irgend ein derartiges Schutzschild aber sollte man besser zur Hand haben, wenn man hindurch will und hinein, tiefer hinein, ins Mark. Wiesenburg (Mark), Bahnhof. Doktor Woodard hatte versichert da zu sein, 11 Uhr 49.

Es ist wieder einer dieser geschrieben immer zu gewollt klingenden Zufälle, dass, als ich obigen Satz mit “11 Uhr 49” geformt und zuende getippt hatte, es bereits 11 Uhr 55 war und mein Telefon mich aus den Gedanken riss.

“Hi, it’s David”—"Oh David, hi, I think we’re running late"—"Er, Jonas, I think your train passed. You did not leave the train, this is an easy thing to happen here."

Doktor Woodard sollte recht behalten mit seiner Einschätzung, und so war es also erst einige Biegungen des Raum-Zeit-Kontinuums später, dass ich ihm die Hand schütteln konnte. Es gab ihn wirklich.

Wir spazierten drauflos, zaghaft Ansichten und Vorstellungen zu Zeitreisen, J.S. Bach, Haight Ashbury, The Magnificent Brotherhood sowie das gravitätische Kreisen der US-Amerikaner um den uralten Turm Zentraleuropa austauschend.

Auch wenn nicht genau klar war nach 20 Minuten solchen Spazierens, ob man das Jahr 1896, 1689 oder 1968 schrieb, kam schließlich das Schloss des Doktor Woodard in unseren Blick. Ein sanft der Parklandschaft einbeschriebener Teich bot sich uns dar und lud zu Spekulationen über so nie stattgefundene Aussprachen zwischen dem somnabulen Gottfried Benn und dem vogelgesichtigen Ernst Jünger ein. Ein freundliches Gespräch entspann sich also, und ein eindrucksreicher Tag vollzog seinen Lauf, und das Ergebnis lesen geneigte, dem Englischen mächtige oder ihm zumindest zugewandte Besucher morgen hier.



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Friday, February 29, 2008

Announcement of the first interview to come: David Woodard

for immediate release

Fellow time travelers, liebe Zeitmaurer,

I am exceedingly pleased to announce the release of our first full-length interview here at the WALL OF TIME, kick-starting the series entitled time traveler’s widsom:

An insightful and free-floating conversation with composer DR. DAVID J. WOODARD, of prequiem and dream machine fame.

Come with us on a trip covering, amongst other themes, the art of the fugue, Condoleeza Rice, 19th century Saxonian dialects, The Great Pyramid, a few suggestions for students preparing a thesis, and—in extenso—this notebook's eponymous time-travelling chief Ernst Jünger.

Also, très old school, we plan to make glossy pdf reprints available for print out and offline enjoyment.

Watch this space for the FULL-LENGTH INTERVIEW with DAVID WOODARD next Monday, March 03 2008.

Wednesday, February 27, 2008

There is freedom in the moment: On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. II)

On a gloomy day in London, it all came together, and began to make sense.

“Dann, siehe Symbolwelt, wieder: der Tavistock Square. Ich sehe, zum ersten Mal, weil ich auf dieser Seite der Strasse immer nur abends, im Dunkeln laufe, die verwelkten Blumen und leeren Windlichter hinter dem schweren gusseisernen Zaun des Tavistock Square Parks: 7/7, seven seven, wie das Ereignis wohl unter Londonern heißt. Ich trete auf den Mauerabsatz, halte mich am brusthohen Zaun fest, und studiere die völlig farblos gewordenen, aber nicht vergehen wollenden Sträuße. Über drei Monate ist es her, aber diese hier sind sicher entweder wirklich die allerletzte Garde, oder sie wurden vor kurzem erst hier abgelegt.

Als ich wieder einen Schritt zurücktrete, studiere ich unweigerlich das schwarze Geländer: ob nicht doch das Ereignis im optisch statischen Teil des Platzes seine Spuren hinterlassen hat. Das Blut von der Häuserwand gegenüber hat man entfernt, das ist naheliegend. Aber es gibt und gab ja andere Probleme als Kratzer im Lack des Zauns. Und ich sehe, direkt vor mir, dass einer der alle sechs bis acht Zaunstäbe vorkommenden Zierabschlüsse, in Silber statt schwarz gehalten, unfassbar massiv, ein Zaunstab hat sicher vier Zentimeter Durchmesser, genau dort wo Silber und Schwarz sich treffen angebrochen, fast durchgebrochen, durchgerissen ist. Die Zierkappe neigt sich fast unmerklich fünf, sechs, sieben Grad von der Strasse hinweg, in Richtung des Parks.

Ein Detail, ein leicht beschädigter Zaun. Aber doch ein monströses Zeugnis. In meiner Vorstellung zumindest kann dieser Bruch nur durch im Alltag nicht auftretende Kräfte entstanden sein, kein betrunkener Autofahrer würde es schaffen, dort oben, in Kopfhöhe fast, so selektiv ein Stück des ohnehin ridikül massiven, typisch Londoner Zauns zu beschädigen. Es wird eher eine fliegende Bordwand oder eine Sitzreihe gewesen sein.

Es scheint also, dass der Terror sich dort, in den Details verewigt hat in einer Stadt, die außer in den Seelen ihrer Menschen überall so gut aufgeräumt hat wie möglich.

Das bringt mich zum ersten Gedanken fast dieses Tages: ‘You are on CCTV’, droht ein Pub hier um die Ecke Menschen, die lesen können und gerne in der Mülltonne des Pubs stöbern: Das Schild hängt, etwas zu groß geraten vielleicht, über besagten Mülltonnen. Und in der Tat, CCTV ist überall, und überall wird man darüber auch pflichtschuldig informiert. Big Brother is watching you, so hieß das bei Orwell, und wie habe ich mich als Kind davor gefürchtet. Nun bin ich, sind wir alle jeden Tag auf unzähligen bewegten Bildern. Totalitär ist es freilich nicht, sie haben nicht mal ein Melderegister hier, aber weniger total ist es deshalb ja keineswegs. Wozu ein Melderegister, wenn ich Dich sehe an jeder Ecke, in jedem Pub, und bei der Arbeit.

Hier schließt sich der Kreis, denn Totalität als Begriff ist ja nun gewiss mit dem Namen des für den Geschmack vieler oft etwas zu begeisterten Seismographen Jünger verbunden, und ebenso—oder genau deshalb—sein Wunschleben als Anarch. Und so schließe ich mit Zeilen aus dem Vorwort der sehr, sehr angenehm zu lesenden englischen Übersetzung der Gläsernen Bienen. Dort wird Jünger zitiert mit

‘A happy century does not exist; but there are moments of happiness, and there is freedom in the moment’.”


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Tuesday, October 24, 2006

Auf der Mauer selbst, zum Sprung bereit

Dorthin zurueck, wo alles begann, mit der Idee der Mauer aus Zeit. Wir hoeren Ernst Juenger, der in einem grossen Haufen aus Wort 1959 einige unfassbar luzide Sentenzen vergrub:

„Das ist das Schauspiel am Abgrund, hoch auf der geschichteten Mauer, die »Geschichte« heißt: daß der Mensch sich nicht nur zum Sprung gezwungen sieht, sondern daß er ihn sogar wagen will. Damit verändern sich sowohl Determination wie Evolution.

Der Mensch fühlt, daß ihm als Menschen die Vernichtung droht. Oft zeichnete der Mythos dieses Schicksal vor. […] Wir sahen, daß von Willensfreiheit nur auf einer schmalen Kuppe gesprochen werden kann. Doch gerade hier wird entschieden, was unentbehrlich ist bei der Verwandlung, wertvoller als Leben, und nicht geopfert werden darf. Solange in dieser Hinsicht Zweifel herrschen, aber auch solange sie noch nicht geherrscht haben, sind wir noch innerhalb der nihilistischen Passage, diesseits der Linie.

Der Mensch kann nicht darüber entscheiden, was an archaischer und mythischer Substanz, wohl aber darüber, was an geschichtlich-humanem Erbe mitgenommen wird. Hier spricht Bewußtsein mit, und damit Verantwortung. Das kann auch Reinigung bedeuten, indem es zugleich möglich erscheint, daß historisch-politische Elemente der Selektion zum Opfer fallen und als überwunden zurückbleiben, vielleicht sogar der Staat. Darin vollzieht sich mehr und Schmerzhafteres als im bloßen Wechsel moralischer Anschauungen, wie ihn die Panik erzeugt. Sie ist kein Zoll für den Eintritt in die transhistorische Welt.“

Ernst Jünger, An der Zeitmauer (1960), Abschnitt 166

Thursday, December 15, 2005

Must be talking to an angel.

Die Zeit in Form der alten
Gefährten kommt und sucht
mich heim, im Sinne von:
besucht mich.

Es ist auch höchste Zeit,
dass halbwegs Vertrautes mich
umgibt, greift doch die Alienisierung
bereits wieder um sich, als das
tiefe und höchst egoistische
Gefühl, ohnehin nicht verstanden
zu werden.

Was ist es, dass wir aus der Zeit fallen?
denkt der eine, und der eine andere
antwortet ihm schmerzhafter, klarer,
hellsichtiger: was ist es, das uns mit der
Zeit aus unserer eigenen Unschuld
herausfallen lässt?

Du siehst: Die Feuerwelt zieht
schon wieder an meinen
Socken, da nutzen auch die
unschuldig weißen Turnschuhe
rein gar nichts.

Am Mittagstisch, unter Menschen,
schmerzt die eigene Einsamkeit,
verloren in einer Kunstwelt,
wie sie auch dieser Text nur
unterstreichen wird. Nicht
dass ich Pferde möge: Aber ist
es wie bei jenem wortgewandten Solitär
damals, der auf verstörende Art und Weise
sich den toten Pferden im Kaukasus 1942
ganz offensichtlich näher fühlte als
den Mitkämpfern? I got soul,
but I am no soldier.

Was ist es also, das die tiefe reine
Freude stattdessen nur noch
beim Lesen der nicht minder
eskapistischen Gedanken
des Freundes in der Ferne
aufkommen lässt? Heimweh?

come and take me home.
It is all so useless these days.