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Wednesday, August 05, 2009

Lektionen des Verschwindens

I found a book on how to be invisible. Einige Übungen:

1. In eine Stadt fahren, die man nicht kennt, und dort Photo­gra­phi­en machen von Plätzen und Straß­en. Menschen, die ak­zidentiell mit­be­lich­tet werden, darf man keines­falls kennen.

2. Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause die toten Vögel zählen. Kleine Vögel zählen mehr, denn sie sind unserer mit­fühl­enden Natur gemäß an­rühr­ender.

3. Über eine Poetik des Verschwindens nachdenken; kürzere Texte, Sätze, Gedanken.

4. Mit Kindern, und zwar nur noch mit Kindern, über Jean Baudrillard sprechen.

5. Weniger Internet. Alle sogenannten social networks meiden.

6. Die Freizeitangebote nicht wahrnehmen.

7. Leiser sprechen, telefonieren.

8. Weniger telefonieren.

9. Gasförmig leben.

10. Lieben.



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Saturday, May 23, 2009

Eine weitere Kampfschrift gegen das Bild

Wo gehen Sie hin um zu träumen? — Die Bilder sind mir fad geworden. Ich weiss nicht, woher das Wort fad stammt, aber seine vielleicht nur phonetische Ähnlichkeit zum englischen to fade trifft es gut. Die Bilder laufen nicht mehr nur, sie bilden zunehmend ein Kontinuum mit unserer Existenz aus, und unter ihrer zäh werdenden, in tausend Jahren nicht verwesenden Lackfarbe verblassen die eigenen Träume. Diese an sich langweilige kulturpessimistische Figur ist so alt wie die Photographie oder älter; sie haben vor mir wortreicher und geistesschärfer andere analysiert, und Verlage wie Merve oder Suhrkamp bestreiten mit Variationen derselben einen beträchtlichen Teil ihres Katalogs.

Aber am eigenen Ätherleib spürt man dieses unfreiwillige Kontinuum doch am besten. Die Bilder kommen einen holen, wenn man sich nicht in Acht nimmt vor Ihnen. Sie schliessen ganz von selbst die Grenze zwischen mir hier und Ihnen dort, zwischen Erfahrungsrealität und Bildrealität. Es wird gern übersehen, dass der Mensch ein Augenwesen ist, und mein Augensinn macht mich so anfällig für die Wirkstoffe des Bildes.

Viel leichter kann ich einfach nicht glauben oder einfach gar nicht hören, was man mir erzählt. Aber die neuralen Bilder, die ich aus Ab­bild­ern aufnehme—von Photo­graphi­en etwa, oder noch wirk­mächtiger von Filmen und Filmspielen—trennen sich ungleich schwerer ab von jenen neuralen Bildern, die ich selbst er-lebt habe. Warum auch; es ist dasselbe, und es ist in besonderem Maße dasselbe für die uralten Schaltkreise, die mit nur zweimal Umsteigen in die Sehrinde führen und auf dem Weg dorthin bereits in die vorbewussten Vorratskeller des fühlenden Hirns hinabdiffundiert sind.

Das Hören oder Lesen eines noch so trivialen und sicher in vielerlei Hinsicht fahrlässigen Textes wie Angel of Death der Krawallbrüder von Slayer, so die These, bringt insgesamt deutlich weniger Schaden und Verkommenheit in die Welt als der sepiafarbene Auschwitz-Kitsch von Stephen Spielberg. Und, so der Komplementärteil der These, traumatisiert worden (d.h., in seiner eigenen Phantasie vieler Freiheitsgrade gewaltsam beraubt worden) ist von einem noch so detail– und blutreich, meinethalben: pervers (falls Ihnen diese Vokabel weiterhilft; mir nicht) erdachten Roman, Text, Satz sicher niemand. Verstört: ja; seiner Vor­stellungen, seiner Ausmalungen, und damit seiner Souveränität beraubt: Nein.

Mit dem Vorsatz noch träumen zu wollen in die Bilder zu gehen heisst also zunehmend: Nicht mehr zu träumen. Wenn die Bilder zum Träumen also nicht mehr taugen, weil sie von einer Realität sich nicht mehr ab­setzen, dann verliert auch das Kino seinen Options­schein auf meine Träume.

Ob es nun die nächste Evolutionsstufe sein wird, lieber gar nicht mehr zu sehen, sei dahin­gestellt. Vorerst aber heisst die Antwort: Zurück zum Wort, paradoxer­weise. Die alte Schulhof– und Smalltalk-Frage Buch oder Film muss in dieser Allge­mein­heit und zunehmend radikaler mit Buch beantwortet werden, und die an sich jüngere Kulturtechnik des geschriebenen Worts ist es erstaunlicherweise, die uns hilft, den fast verlorenen Freiraum des selbstbestimmten Traums zu bewahren.

Abb.: Keine vorhanden.


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Thursday, May 21, 2009

Hebephrenie oder die Rückkopplungen einer noch jungen Technologie

Selbstreferenz. Eine Kamera, die ihr eigenes Abbild filmt, wenn Sie wissen, wovon ich rede. Manche Schizophrenie-Forscher würden vielleicht von fehlgeleiteten Efferenzkopien sprechen. — Alles eine große Theorie, vor allem aber ein großer Spaß.

Um selbigen voranzutreiben und um die Suchmaschinen der totalen Bibliothek mal mit etwas Rauschen neben all dem Hochqualitätssignal zu füllen, ist es unabdingbar, hier einmal recht wahllos die Suchbegriffe (mit allen Schreibfehlern! Auf dass sie noch mehr sogenannte Google-Hits produzieren mögen) aufzulisten, mittels derer Menschen aus Nah und Fern zu uns hier an die WALL OF TIME gefunden haben in den letzten Tagen.

Erklärte Favoriten der Redaktion sind natürlich “Autofahren bei hebephrener Schizophrenie” und “free-world-of-voyeur-deutschland”. Aber Lesen Sie selbst. Suchmaschinen-Roboter bitte hier entlang:

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Saturday, May 09, 2009

Geschieht es?


Jonas Obleser, 'RGB 29,24,21’, 240 × 200 px

Ist die Monochromie das erste oder das letzte Bild? Was geschieht mit der Zeit, wenn die Narration aus dem Bild verschwindet?

Das folgende ist ein Zitat aus Julia Friedrichs hervorragend geschriebener (und von Carmen Strzelecki sehr schön gesetzter) Dissertation, “Grau ohne Grund — Gerhard Richters Monochromien als Herausforderung der künstlerischen Avantgarde”, erschienen 2009 bei Strzelecki Books, Köln.

Wo noch Bewegung ist – ließe sich Lyotards Überlegung fortsetzen –, ist noch immer ein Vorher und Nachher, eine Entwicklung und kein Jetzt. Zugleich ist aber mit [Barnett] Newmans Tafeln, die zwar narrative Titel tragen, aber keine Szenen geben, die zwar Bilder sind, aber nichts darstellen, zugleich die Frage »Geschieht es?« gestellt. 143 Erhaben wären die Tafeln Newmans nach deser Deutung keineswegs deshalb, weil sie an dräuende Wolken oder Steinwüsten erinnerten, und auch nicht deshalb, weil sie den Betrachter durch ihre Monumentalität überwältigten, sondern gerade durch ihre Verweigerung der Abbildung und weil sie dennoch in der Zeit, im Jetzt, die konkrete Frage nach dem Seienden stellen. Geschieht es? Das Ereignis ist demnach nicht Moment einer Entwicklung oder einer zeitlich fortschreitenden Bewegung, sondern fällt aus der Zeit heraus.

Obwohl Lyotards Analyse einen ganz wichtigen Punkt erfasst – das Verhältnis von Zeit und Unzeit, von linearem, geschichtlichen Fortschreiten und plötzlichem Ereignis –, der gerade im Vergleich mit Gerhard Richters Konzeption, die in vieler Beziehung exakt das Gegenteil von Newmans vorstellt, noch genauer betrachtet werden muss, scheint sie doch zu abstrakt. Auch wenn Newmans »Vir heroicus sublimis« Lyotards Ausgangspunkt ist, schaut er sich das Gemälde gar nicht näher an. Die Frage »Geschieht es?« wird im Grunde von allen Kunstwerken aufgeworfen, die die Frage nach der eigenen Existenz stellen, also von der Konzeptkunst Lawrence Weiners oder On Kawaras ebenso wie vom Action Paiting oder vom abstrakten Expressionismus Jackson Pollocks oder Willem De Koonings.

143 Lyotard, F. (1984). Das Erhabene und die Avantgarde. Merkur 424:151–164



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Thursday, April 30, 2009

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Ver­gangen­heit (III)

“Ich werde mich erinnern, wie alles sich so rasend drehte, in weniger als einer Woche, damals im April, mit wehendem, brennendem Herzen hinein ins Neue, in das Glück mit den Menschen”
—unbekannt

Konstanz – Berlin. Rückreise, Heimreise, auch. Bei Offenburg. Blick in die sonnengeflutete Kinzig-Ebene. Wie immer hier militant gutes Wetter, zu gut; der Frost in Konstanz heute morgen, der über allem lag, passte besser.

Stopp in Frankfurt am Main; McDonald’s Schnell­restaurant; Junkie huscht vorbei, dort—muss ja sein im Frank­furter Haupt­bahnhof; sodann Schmunzeln bei der Er­inner­ung an die neulich gelernte schöne Rede­wendung, oder Geste eher, vom “Frank­furter Applaus”; dann noch der Buch­laden, und die Wolken zogen sich wieder zu. Aus der einsetzenden sau­dum­men und selbst­gerechten Traurig– und Müdigkeit heraus Ab­feuern eines SMS-Haiku an G., in der irr­witzigen Idee, dass durch die Poesie hindurch sie doch die Einzige fast sein könnte, die mich hier, in diesem Modus, verstehen und annehmen kann. Sie konnte nicht, allem Anschein ihrer Antwort nach.

Das passt alles hervorragend zu den erhellenden Gedanken, die ich in Till Hubers Thesis zu 1979 und Hugo von Hofmannsthal las heute, vor Frankfurt noch: das Scheitern der ästhetischen Perspektive; die Unfähigkeit zu einer irgendwie gearteten, anderen Form des Umgangs mit der Welt; und so die Isolation. “Auf seiner Reise empfindet er Ekel vor der Faktizi­tät der Welt und so folgt auf den Versuch der Kontakt­aufnahme nur wieder eine Distanz­ierung” (p. 88), und “eine Kontakt­aufnahme zu seinen Mit­menschen kann keine unmittel­bare Kontakt­aufnahme sein, denn als Ästhet ist er gewohnt, Gefühle durch einen ästhetischen Code zu sub­limieren” (p. 82).

Rückreise, Heimreise auch, als wäre nichts passiert—dabei haben sich Riesen im Schlaf gewälzt, wurden Städte verpflanzt und Friedhöfe umgebettet.


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Monday, March 23, 2009

Gespenster

”None of the things you make up will be as hair-raising as the things people tell you”
—W.G. Sebald, to his students

Vor langer, langer Zeit wandelte ich mit Bruder und Freundin über einen kleinen Krämermarkt inmitten Berlins, und folgender dreisätziger Dialog trug sich zu.

(Freundin) “Schau mal, eine Barbie.” — (Ich) “Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon.” — (Bruder) “Ein schlechter Scherz.”

Damals war Klaus Barbie wegen seiner späten Verurteilung ein Name und ein Gesicht des täglichen Lebens gewesen, und ausser darüber, wer in unserer Familie die wirklich guten Sprachscherze macht, sagt diese Geschichte wenig aus, und sie wäre nicht wert berichtet zu werden. Wäre mir da nicht, so unvermittelt, inmitten einer sehr prosaischen Dienstreise, dieser Tage das Gespenst Klaus Barbie begegnet; und das kam so.

Die gastgebende französische Kollegin führt mich auf einen großen Exerzierhof, mit Trikolore, in saftigen Sonnenschein getaucht, wie ich sie nur aus Inspektor Clouseau-Filmen kenne, und von denen ich dachte, Blake Edwards hätte sie erfunden. Wir sind unterwegs in ihr Büro, in dem den Hof umgebenden Gebäude. Wir halten aber inne, und sie erklärt mir, eher eine Fremden­führerin imitierend als eine sein wollend, dass sich hier im Hause auch das Museum der Résistance befinde, und die Institute für Human– und Sozial­wissen­schaft­en. Hellhörig werdend folge ich ihr ins Haus und in den Aufzug.

Dort lese ich, dass alle Seminarräume im Haus un­gewöhn­lich­er­wei­se nach Personen benannt sind. Auf mein Nachfragen hin bestätigt sich, das alle diese Namen Personen gehörten, die sich den deutschen Besatzer auf die eine oder andere Art widersetzten und dafür in eben diesem Gebäude, in den Kellerräumen, ihr Leben ließen oder eine Fahrkarte nach Ravensbrück oder Sobibor oder zu ähnlich unheils­schwang­eren Orten zugewiesen bekamen.

Ich verstehe, plötzlich: Ich bin in Lyon. Dies war der Bauch des Leviathan, dies ist das Haus Klaus Barbies. Hier hatte er munter versucht, den französischen Widerstand auszurotten, um in der damals beliebten Diktion zu bleiben. Wir gehen in den Gewölbekeller hinab, später; ich lese neben jeder der sehr frisch gestrichenen grossen Türen die fremden französischen Namen und verstehe sonst nur noch die vertrauten deutschen und polnischen Dörfer, die zu so unheilvollem Ruhm gelangten. Dissoziativ und filmartig wird alles; wie in einem Photoshop-Effekt zieht mein Hirn die Farbe, den Teppich und die Hinweisschilder ab; was bleibt ist ein Kellergang mit vielen verließartigen Türen und—als Metonymie gleichsam—mit allem, worauf man als Enkel des Westfeldzugs eben so stolz sein kann.

Die Kollegin zeigt mir dann endlich ihre schöne neue Versuchskammer hier unten, mit riesigem Bluescreen für Video-Aufzeichnungen, mit einem noch ganz nach Verpackung duftenden Mikrophon und teurer Schalldämpfung. Alles ist bereitet, damit in diesem Keller mit harmlosen EEG-Experimenten an gesunden Studenten etwas Sinnvolles herausgefunden werden kann.

Als wir später auf der Autobahn von fast allen ent­gegen­kom­men­den Autos vor den Polizeikontrollen gewarnt werden mit Lichthupen, und als dann noch später am Bahnsteig alle gemeinsam—mit satten 68 Euro strafbewehrt und guter Dinge—gegen das Rauchverbot anrauchen, dünkt mir, wieso Lyon ein Museum für die Résistance hat und zuhause man sich kaum an Georg Elser erinnern kann.

Tuesday, March 03, 2009

The future didn’t exist anymore: 20 lines of why I love Bret Easton Ellis

I stand in awe of great writers. You know a great writer when you read him or her. This is most definitely a great one. Chilling.

“When we sat down to eat I took inventory of the people in the room, and the remnants of my good mood evaporated when I realized how very little I had in common with them—the career dads, the responsible and diligent moms—and I was soon filled with dread and loneliness. I locked in on the smug feeling of superiority that married couples gave off and that permeated the air—the shared assumptions, the sweet and contented apathy, it all lingered everywhere—despite the absence in the room of anyone single at which to aim this. I concluded with an aching finality that the could-happen possibilities were gone, and that doing whatever you wanted was over. The future didn’t exist anymore. Everything was in the past and would stay there. And I assumed—since I was the most recent addition to this group and had not yet let myself be fully initiated into this rituals and habits—that I was the loner, the outsider, the one whose solitude seemed endless. My wonderment at how I had arrived in this world still hadn’t deserted me. Everything was formal and constricted.”

Bret Easton Ellis, Lunar Park (2005, p. 132, UK hardcover, 1st edition)


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Sunday, February 15, 2009

Das Vergnügen, die Empörung singen.

“Weisst Du, vor hundert Jahren, vor: hundert!, hat Marinetti sein futuristisches Manifest hinausgeschleudert. Das habe ich neulich gelesen.” — “Marinetti war doch ein Faschist.” — “Das ist doch nur kennzeichnend, dass er später dann eben daran geglaubt hat; Er dachte, Mussolini überlässt den Künstlern die Macht; war das Benn, der ja auch kurz darauf reingefallen ist in seiner Eitelkeit, der das als Artokratie bezeichnet hat? Nun ja.” — “Und, macht es Dich traurig, dass es schon hundert Jahre alt ist, das Manifest?” — “Ich glaube, Du machst Dich lustig. Aber: Ja, es macht mich traurig. Wo ist unsere Wut? Wo ist dieser Schaum vor dem Mund hin, der die schönsten Blasen trug? Wo ist diese Wut hin? Der Aufbruch.” — “Zweitausend Euro bekommt ein Wissenschaftler heute, wie soll man da wütend sein?” — “Ja, vielleicht ist das das Problem. Aber ich glaube, es ist eher ein Symptom. Kein Druck mehr.” —

“Noch ist es doch nicht zu spät. Ich will mich auch nicht lustig machen, ich spüre ja auch diese Trägheit, diese Dumpfheit. Wir könnten doch neu aufbrechen.” — “2009, das Jahr in dem wir alles hinter uns liessen…Ich weiss nicht. Weisst Du noch, 2004, also: neulich erst. Da waren wir beide noch so voller Bilder, und voller magischer Träume, und voller Pläne. Und jetzt, in diesem neuen Jahr, hundert neue Jahre seit Marinettis durchbrochenen Lampen, elektrischen Herzen, dem Lärm der Straße, sitzen und warten wir matt und dumpf und hirntot; so tot am Leben wie es heute nichtmal mehr die umsorgten und bespaßten Zoobären sind.” — “Kannst Du schnell dranbleiben, ich habe einen Anruf des Vermieters gerade.” — “Ja – ein anderes Mal dann. Wir haben heute auch Karten fürs Theater. Ich verabscheue das Theater. Ich will das alles nicht.” — “Sei nicht so – traurig. Freitag dann?” — “Am Freitag sind es dann genau hundert Jahre.” — “Elektrische Herzen!” — “Siehst Du, Du machst Dich doch lustig.”


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Wednesday, January 21, 2009

Das Böse des Banalen: Der achte Versuch

Alles, was ich vor bald einem Jahr über das Ende der Syntax schrieb, über das Versagen unserer Sprache, oder besser gesagt über unseren freiwilligen Verzicht auf sprachliche Kohäsion und Komplexitäten: All das, so ist mir klar geworden, findet sich in der mittlerweile völlig etablierten Formulierung «Liebes-Aus». Sie penetriert den öffentlichen Raum des Boulevards und der Video-Texte, und endlich unser Bewusstsein, das ja nur Sprache ist.

Es ist so schrecklich; man will zurück zu den Keilschreibern, man will ein Nacktmull sein, man will wortlos durch die Nacht des gefrorenen Bodens graben, immer tiefer, immer trauriger, wenn man so etwas zu gleichen Teilen verachtenswert Albernes, Falsches, sehenden Auges Herätisches, Blut– und Hirnleeres und wirklich ästhetisch Entsetzliches lesen muss. “Liebes-Aus».

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Monday, August 11, 2008

Der alte Mann und die Wellen

Ein Bild drängt sich auf. Das Bild des sehr alt gewordenen Rechtsgelehrten Carl Schmitt. Schmitt, der immer gerne aus diesen leicht falschen Gründen verehrt wird. Schmitt, wie sein Gehirn langsam aber unumkehrlich sich der Nacht zuwendet. Und wie er sein ihn selbst und seinen Ruf wohl noch lange überlebendes total-politisches Bonmot von der Souveräntät und vom Ausnahmezustand, selbst in einer Welt lebend, die er nicht mehr verstanden haben mag, radikal erweiterte. Vielleicht ahnte er nicht einmal, wie nah seine Altersparanoia ihn an die Wahrheit, unsere heutige Wahrheit, geführt hatte. Nun, dieser Carl Schmitt wird zitiert mit den Worten:

“Nach dem ersten Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‘Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet’. Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‘Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.’”[1]

Die Wellen des Raumes also. Der Schall, die Radiowellen, das langsame Pulsieren des Globus, jener großen subsonischen Basstrommel; meinethalben auch das Donnern der Somme-Schlacht, das die englische Familie in Hampstead Heath nicht überhören konnte, und heute, über allem, das leider unhörbare Surren der Wireless LAN-Kommunikation.

All dies Wellen des Raumes. Als Greis also soll Schmitt so einmal gesprochen haben, und er nahm um Jahrzehnte die jetzt virulente, angstvolle und unheilschwangere Stimmung der querulatorischen Gymnasiallehrer und Alternativmediziner, der Globalisierungsgegner und Total-Aussteiger vorweg.

Aber auch ganz bei Trost kann man sich an Schmitts Diktum und an seiner Wahrheit erfreuen, und wenn wir unsere Späße über die großen Ingenieursleistungen der totalen Einwicklung machen, so bleibt es doch wahr: Längst ist es nicht mehr das Land, auf dem ich stehe, sondern es sind ebendiese Wellen des Raumes, jene die ich verstehen und dekodieren kann, im Radio, im Fernsehen, am Mobiltelefon, genauso wie jene, mit denen mein Gehirn scheinbar nichts anzufangen weiss, auf denen mich mein Schicksal ereilt. Please keep all electronic devices switched off during our flight.


[1] Zitiert nach Christian Linder (2005), Freund oder Feind, Lettre International, 68: 95. Zeitlebens habe Schmitt Angst vor Wellen und Strahlen gehabt. Radio oder Fernsehen ließ er Berichten zufolge in seiner Wohnung nicht zu, damit nicht “Ungebetenes wie Wellen oder Strahlungen” in seinen Raum eindringen konnte. Schon in der Nazizeit habe, wenn jemand eine Rede des Führers habe hören wollen, ein Radio ausgeliehen werden müssen. Cf. Linder, p. 84

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Monday, July 28, 2008

Temporäre Autonome Zonen (II): Unzutreffendes bitte streichen

—für Peter Bichsel, mal wieder

«Ich begann mit den Bildbänden. Ich weiss noch, ich kramte hastig als Lineal ein Stück Pappe heraus, nahm den Bleistift, und klemmte die Zunge zwischen die Lippen. Ein dicker, schwerer Kaffeetischband über die Rolle der Photographie in Sebalds Werk erschien passend und programmatisch: Ich schlug den Band auf, und begann auf der Titelseite mit dem Anlegen des Pappstreifens, las noch einmal kurz, bewunderte aber mehr die fette Antiqua; ganz ähnlich einem Kleinbauern vielleicht, der dem Lamm noch einmal über das Fell fährt bevor er das Bolzenschussgerät ansetzt.

Ich strich alles durch.
Der erste Strich war der schönste, befriedigendste, im Nachhinein betrachet.

Die Titelseite war, wie in allen Bänden, schnell erledigt, ich genoss das Geräusch des spitzen Bleis; auf dem beschichteten Kunstband-Papier klang es besonders hell, von gesunder Aggressivität. Für den restlichen Text hatte ich beschlossen, nicht mehr so genau hinzuschauen, nur auf den Seitenspiegel, den Satz zu achten; aber dem eigentlichen Ziel ging ich gewissenhaft nach: Ich strich einfach alles aus, alles Erzählte, Behauptete, Geschriebene.

Viele Wochen sind nun verstrichen (ein Wortspiel, verzeihen Sie), und ich habe darüber die bessere, neue Art entdeckt, die Zeit zu messen: Einmal auf die Toilette dauert so lange wie das Ausstreichen von Seite 118 bis 122 in Thomas Bernhards Verstörung, vom Klingeln des Briefträgers bis zum Anruf meiner geschiedenen Frau am Abend vergehen Less than Zero und etwa das Glossar der Elements of typographical style; die Mutanten im Fahrradgeschäft schätzten ganz richtig, die Reparatur würde höchstens zehn Bände der Suhrkamp-Monographien-Reihe lange dauern (das Nachwort der Minusvisionen schaffte ich nicht mehr ganz).

Ich bin schnell geworden, doch bleibe ich sorgfältig und negiere fleissig das Wort. Das geschriebene Wort ist vorbei, nur noch das gestrichene zählt; es zählt, im Wortsinne. Man kann alles damit zählen, und was Ihnen nun wie eine Erzieh­ungs­maßnahme oder ein Wahn höherer Ordnung vor­kom­men muss, ist einfach eine ganz hervorragende Art, die Zeit auszuradieren.

Ich plane, nächstes Jahr, wenn die Blätter treiben, mit meiner bescheidenen Bibliothek fertig zu werden. Paco, der Nachbar, der manchmal in meinen bereits durchgestrichenen Bänden blättert und nach dem rechten sieht, schlug vor, ich solle doch einen Praktikanten anstellen; aber ich muss es selbst tun, es ist ja auch eine große Versuchsanordnung, eine Reinigung; Die Idee verfängt, langsam. Ich stehe in Verhandlungen mit großen Verlegern, so soll ich zum Beispiel gegen einen bescheidenen Obulus im Kalendjahr 2011 das gesamte FAZ-Archiv durchstreichen, und irgendwann will ich nach Amerika, dort soll es noch viel größere Bibliotheken geben, mit einem Bleistift, und meiner Pappe, und alles werde ich ausstreichen, redigieren, negieren, bis nichts mehr bleibt.»


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Tuesday, July 01, 2008

Ordnung gegen den Tod: Desperately seeking Susan

Heute gingen wir durch staubige heiße Straßenzüge einer müden Stadt; wir waren gerade entsetzt den postmodernen Spasmen seiner neueren Architektur entflohen, und reisten durch städtische Zeiten und Räume rückwärts, bis wir am Friedhof von Montparnasse ankamen.

Wir traten durch das Tor und fragten mit dem Französisch von Sechsjährigen nach dem Grab von Susan Sontag. Und als wir dieses schlicht-schwarze Lehrstück in Understatement endlich gefunden hatten, welches ihr Grab darstellt—der schwarze schwere Stein ist riesig und war vermutlich sehr, sehr teuer; wenn das Licht sich darin reflektiert, dann vollkommen, bis es das Schwarz der Materie annihiliert; und durch die Linse einer Kamera sieht der glatt polierte Stein oben auf einmal ganz weiss aus, wie die prätentiös unprätentiöse Strähne Grau, die Sontag gerne ins schwarzgefärbte Haar hinein zur Schau stellte—

Als wir also da so standen, entspann sich ein Gespräch über das jüdische Ritual, einen Stein auf das besuchte Grabmal zu legen.

Ich kreiste um das Phänomen, dass diese Steinchen ja nicht mitbebracht werden, wie es mit Geschenken oder Grabbeigaben sonst der Fall ist. Meine jüdische Begleitung sprach davon, wie diese Steine eben zugleich dem Konzept von Ewigkeit dank ihrer Beschaffenheit nahekommen, gleichzeitig aber sehr un-fancy und nicht wirklich Schmuckwerk sind, was ebenfalls sehr wichtig sei.

Mir hingegen will es scheinen, dass dieses Aufnehmen eines Steins aus seiner chaotischen Heimat am Wegesrand oder aus der unmittelbaren Umgebung des Grabs und sein ledigliches Re-arrangiert-werden ein starkes und schönes Symbol ist, mit dem sich der Mensch der Entropie in den Weg stellt. Das Vergehen des geliebten Menschen kann er nicht verhindern; aber er kann mit dem Aufheben des Steins, dem Ordnen, dem Strukturieren einer Szenerie, dem ewigen naturgesetzlichen Streben nach totaler Vermischung ein leises aber bestimmtes Nein entgegenwerfen.

Das Chaos, das auch Susan Sontags schlaues Hirn und ehemals anmutiges Wesen pulverisiert hat, wird obsiegen, und auch unser Geist, und die Moleküle die ihn ermöglichen, werden sich wieder zerstreuen eines Tages.

Heute aber, und for the time being, sprachen auch wir, an Susan Sontags Grab und ihr zu Ehren, unser kleines situationistisches und sehr lebensbejahendes Nein.


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Monday, June 30, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit (II)

Über Schottland, 10.11.2005

“Es kann schon sehr betrüben und bedrücken, wie sehr alles und immer nach Gewinnmaximierung strebt. Ich glaube, dass ich im Innersten meines Herzens einfach keinen Frieden damit schließen kann, dass so die Welt funktionieren soll. Auf einmal sollen wir hier hinten in der Holzklasse für unser Bier (für jedes Bier, wohlgemerkt) 5 USD, 4 EUR oder 3 GBP bezahlen. Wäre es der Airline wirklich um unsere Gesundheit bestellt, dann würde man die Freunde in der Business und First Class ja auch zur Kasse bitten. All überall wird man abgerippt, wie es so schön unter den Nachwuchs-Rippern heißt, und leben lässt sich damit eben nur, wenn die eigene Stimmung einem erlaubt, dieses Faktum für eine Weile zu verdrängen.

Diese ja altbekannte, in ihrer Moralfreiheit doch aber immer wieder so enttäuschende und schockierende Technik zermürbt mich, insbesondere durch ihre Allgegenwart.

Auch sagte die Mitbewohnerin des anderen Tages, sie arbeite ja (im Vergleich zu mir als Wissenschaftler), um ‘das Geld anderer Leute’ zu verdienen. Auch das also ein Beleg—zusammen mir der Mattheit in der Stimme, mit der sie dies sagte—für das Ungesunde, das Verwerfliche, und (ja:) das dem Untergang Geweihte der Kaufleute und ihrer Praktiken. Sie werden verrotten mit ihrem Geld, bitte.

Adnote: Wie ich dies lese, erkenne ich in meiner Verzweiflung über die Wege der Welt erstmals klar die Todessehnsucht, den Todestrieb fast, der anti-westlichen Terroristen, der Globalisierungsgegner, und auch eines nach Reinigung rufenden jungen Ernst Jüngers wieder.

Und doch, sofort, ist da die Gewissheit, dass jeder Krieg, jede Umwälzung, möge man ihm oder ihr noch so viel reinigende Kraft zuschreiben wollen und für den Moment in dieser Phantasie alles individuelle Leid vergessen oder gar in Kauf nehmen, nur durch genau diese verhassten Krämerseelen finanziert, durchgezogen werden könnte, und dass die Kaufleute in ihrer Gewinnsucht als erstes aus dem Staub des Stahlgewitters auferstehen würden, um von vorn zu beginnen.

Änderung nur anders.”


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Thursday, June 12, 2008

Time traveler wisdom (X): A writer’s perspective

Bewußtsein sei die erste Ableitung des Seins, habe ich einmal in so einem luziden bis halbwahnsinnigen Moment nach dem Blutspenden im Mai 2003 beschieden.

Vielleicht stimmt das aber sogar; sowohl diese Feststellung, als auch das daraus Folgende: Dass nämlich der Mensch mit seiner steten Gabe und Bürde, der Selbstbeobachtung und der—auch noch bewusst reflektierten—Messung der verstreichenden Zeit genau deshalb auch so nah am Abgrund zum Wahnsinn wandelt, und auch deshalb als einzige Spezies halbwegs interessante Formen der Geisteskrankheit hervorbringt.

Q: “What is Time”?

A: “Sie ging auf und ab, ein Buch zur Waffe wie stets. Ihr Kopf war müde, doch der Leib loderte aufgekratzt vor sich hin. So ging das seit langem. Wie eine Form der Schlaflosigkeit, die sich des rein Leiblichen entledigt hatte (das Gehirn, die Materie, es nahm sich seine Mützen voll Schlaf dann und wann und war im Gegenteil morgens kaum wachzubekommen). Also eine teuflischere, tiefgreifendere, die Materie transzendiert habende Form der Insomnie.

Sie würde wachbleiben müssen. Zu wachen hieß auch: Zu warten. Wer wacht, hofft noch. Verdammt zu hoffen. Das Buch mit den Worten darin war nur Täuschung; Täuschung an sich selbst. Nur weil ich lese, so gestand sie sich ein, bin ich noch lang nicht am Leben, und nur weil ich an Buchstaben mich kette, fallen die anderen, schwereren Fesseln nicht ab von mir.

Aber sie ging zum Schrank, und griff zu einem besonders dicken Werk. Sie wollte nur noch lesen, und die kleinen Inseln des Glücks und der Ruhe, des Nichts-Fürchtens finden, die sich darin versteckten. Über die vielen Buchstaben hinweg und durch die vielen fremden Gedanken hindurch wollte sie dorthin segeln. Dass ihr auch gar nichts anderes übrig blieb, und dass sie immer würde weitersegeln müssen, allein, war ihr klar geworden. Zu segeln hieß auch: zu wachen, und zu wachen heisst doch auch: zu warten, und warten heisst hoffen, und die Hoffnung ist die Stammfunktion der Heilung, murmelte sie vor sich hin.”


Sunday, June 01, 2008

Nepalese dreams

«Nepal’s deposed king looks for new home with astrologers’ advice», I read in the News. This is interesting. It is yet another intriguing headline from this small and opaque country, which seems to exhibit strong attraction upon our most opaque artists.

As we speak, Wall of Time’s fellow time traveller and miner for the hearts of gold, David Woodard, is on site to explore possibilities of a joint art project with a renowned Kathmandu prison cell inhabitant. I would not be surprised to see them team up with the now unemployed king, and possibly his astrologer too.

I still somewhat regret not to have followed the invitation of Nepal’s prime international literary output DER FREUND in 2005. One wonders what it does to the soul to be high up there in the Himalaya. — If everything else fails, a crash course with a well-acquainted and trustworthy astrologer of mine (or, opportunistically, a crash course in Maoist theory) will do, and I’ll be off to Nepal.



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Friday, May 30, 2008

Time traveler wisdom from the German Beer Garden

Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang. (Doch keiner weiß in welchem Jahr.)

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Wednesday, May 21, 2008

Wo sind all die Eisenbahnen hin?

—für die Flugpioniere Andreas Neumeister und Henry John Deutschendorf

Im Radio der Eltern: Eine Bigband, wir hören Chattanooga choo choo, und gleich danach Take the A-train. Frage: Schreibt denn heute noch jemand Lieder über Eisenbahnen? Gibt es denn heute überhaupt noch jemanden, der Lieder über Eisenbahnen schreibt?

Zwei Tage zuvor, beim Erwachen auf einmal der Text im Kopf: I hate to wake you up to say goodbye / Cause I am leaving on a jetplane. Da sofort der Gedanke: Wieso Jetplane? Wie muss eine Zeit gewesen sein, um wieviel besser, wie unberechenbar besser, wie unfassbar besser muss eine Welt gewesen sein, in der es noch lohnte den Zusatz Jet vor das Flugzeug zu hängen? Wieviel Hoffnung, wieviel Aufbruch steckt denn, auch heute noch, nun bitte in der Rede vom Düsenflugzeug?

Um wieviel besser würde man sich sofort fühlen, wenn man von den Verheissungen der Eisenbahn, des Düsenflugzeugs noch sich nähren können würde?

Abb.: The world’s first aircraft to fly purely on turbojet power, the Heinkel He178. Its first true flight was on 27 August 1939.

Man kennt dieses Gefühl, dass alles gut, besser, noch besser werden wird. Vielleicht, zum Beispiel, im Sommer 2001, fährt man gerade durch ein schattiges Wäldchen zum Jagdhaus der Familie Heinkel, um dort Platten aufzulegen am Abend für die guten und schönen Menschen, die es dieses kleine Quentchen besser haben, alles besser beherrschen, besser aussehen, auf jeden Fall. Und vielleicht ist genau das dieses Gefühl, diese stets nur kurz anhaltende Gewissheit einer goldenen Zukunft, im Kleinen, die uns im Großen Lieder über Eisenbahnen und Düsenflugzeuge schreiben lässt. What a beautiful world this will be, sagt Donald Fagen in einer ähnlichen rhethorischen Figur, als er, von 1982 aus, auf das International Geophysical Year 1959 zurück schaut.

Abb.: Jefferson Airplane, wie sie sich in Jefferson Starship umbennen.

Immer weiter, immer weiter. Aber die Träume und Verheissungen kommen nicht mehr wieder, nicht als solche; stattdessen kreisen sie um uns, schwirren in uns wie ins Feuer drängende Falter.



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Wednesday, May 07, 2008

I still remember

Gedächtnis. Überall, in der Stadt, Hinweistafeln, Gedenksteine, Plaketten. Karl Marx’ erster Band, hier gedruckt im Gebäude am Roßplatz. Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert. Mendelssohn-Bartholdy hier gelebt. Bombenhagel, Nikolaischule abgebrannt. Sinti und Roma hierher als Zwangsarbeiter verschleppt. August Bebel hier. Neue Oper, 300 Jahre schon. Johann Sebastian Bach: hier. Richard Wagner auch hier, vergessen was genau. Erinnern ohne Syntax. Gedächtnis, öffentliches. Kämpfe, im Stadtrat: Bombenhagel? Auf Augenhöhe? Aus Mitteln des Freistaats Sachsen. Frakturschrift abzulehnen. Arial merkt keiner. Gedächtnis, kollektives, schnell aufschreiben, eine Plakette, das unheimliche Jetzt zu bannen. Ein Verdacht drängt sich auf: Aufschreiben, Hinnageln, in Bronze giessen, damit wir uns nicht erinnern müssen. Leipzig ein einziges: Graceland.



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Wednesday, April 30, 2008

Das Jahrhundert der Johanna Jürfeld

—für Peter Bichsel, W.G. Sebald, und Johanna Jürfeld natürlich

Dies ist die Geschichte von Johanna Jürfeld. Johanna Jürfeld war eine außerordentliche Frau. Sie schaffte, was viele von uns nur zu gern können würden: Sie wusste zu leben. Sie besaß ein Maß der Dinge, und wusste auch, wann es genug war mit allem. Vor allem wusste sie, ab einem gewissen, uns unbekannten Zeitpunkt, dass sie ein Jahrhundert, ihr Jahrhundert, überleben wollen würde. Und so geschah es.

Johanna Jürfeld war 1899 geboren worden. Ebendamals ließ der amerikanische Kongress Wahlmaschinen zu, eine Technik, die ganz offensichtlich im Jahre 2000, als Johanna Jürfeld starb, immer noch nicht funktionierte. Es ist sehr wenig bekannt über Johanna Jürfeld, und wir wissen nicht, wie sie den sogenannten Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte, ob sie um Franz Ferdinand trauerte, wie vielleicht nur Kinder um Fremde trauern können, in ihrer aufrichtigen Mischung aus Faszination und Schock, so wie ich—wenn dieser Zeitsprung erlaubt ist—um Indira Ghandi trauerte, mir ist als sei es der 2. November 1984 gewesen, als ich vom Kindergeburtstag nach Hause kam. Oder sah die bereits 15jährige nicht eher in der Zeitung das berühmte Bild des nur wenige Jahre älteren, eingeschüchtert dreinblickenden Attentäters Gavrilo Princip, und klopfte ihr Herz nicht für Bruchteile von Sekunden für den kühnen jungen Mann, der der Todesstrafe entging?

Wir wissen ebenso wenig, wie Johanna Jürfeld den Wechsel der Regime, das Exil des Kaisers über die Leichen der Revolutionäre im Landwehrkanal hin zum nicht unsympathischen rheinischen Singsang des Gnoms Goebbels erlebte. Auch ist nicht bekannt, wie es Johanna Jürfeld vorkommen musste, in Schwerin zu sein als der große Krieg verloren war und alle sich sehr verraten und verkauft vorkommen mussten, und ob sie es wohl für die richtige Seite Deutschlands hielt, in der sie nun einmal lebte.

Vielleicht war es ja schon damals, dass sie gedachte sich nicht mehr lumpen zu lassen von den Gezeiten, den unberechenbaren, der sogenannten Geschichte und dass sie ihre eigene Zeit leben würde. Vielleicht war es aber auch erst, als 1989 ein weiteres Regime sich als sehr vergänglich herausstellte, und Johanna Jürfeld mit 90 Jahren schon wieder in blühende Landschaften umziehen und neues Geld benutzen sollte, dass sie beschloss, ihr Jahrhundert zu überleben.

So lebte sie, ging einfach weiter jeden Tag hinunter zur Strasse, schwatze mit den netten jungen Leuten nebenan, machte ein Kreuz nach dem anderen in ihren Kalender, und wartete. Wartete, dass es 1999 würde. Und so kam es, und auch das Jahr 1999 ging vorbei, und Frau Jürfeld hatte ihr Ziel erreicht. Der Bürgermeister wollte sich nicht so recht freuen mit der Hundertjährigen, es gebe ja auch außerdem zwei ältere Frauen in Schwerin, und das solle doch die Gemeinde tun, doch mit der Gemeinde hatte Frau Jürfeld nichts zu schaffen, und so feierte sie eben bescheiden allein, kein Helmut Kohl oder Mitterand kamen mit dem Hubschrauber wie bei Ernst Jünger damals, aber Frau Jürfeld hatte ja auch nicht Tausende von Buchseiten vollgedacht in ihren Hundert Jahren, sie hatte einfach gelebt und gewartet.

Und als ihr Jahrhundert mit den fünf Regimes und mit den siebzig Jahren im selben Haus, und den vierzig davon allein, vollbracht und ein Jahrtausend en passant auch noch besiegt war, da legte sich Johanna Jürfeld einfach hin und ließ es gut sein.



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Wednesday, April 23, 2008

Lonesome George

—In Memoriam Ludwig Obleser, † 23.04.1992

Heute ein Zitat, eine Meditation, eine Affirmation; ein lautes Ja, das eigentlich ein schweres Nein ist, nämlich, einfach:

Nicht zu Ende denken.
Nicht Mitmachen.
Die Freizeitangebote
nicht wahrnehmen.

Aber auch: Nicht sterben, noch nicht. Wir hören einen langsam, zögerlich Sprechenden, der fast selbst zu erschaudern scheint vor der Tragweite seiner Idee:

“Es gibt da auf dieser Insel eine Schildkröte, und die heisst Lonesome George. Lonesome George, das ist wirklich wahr, ist das letzte Tier seiner Art, und wenn Lonesome George stirbt, ist diese Art ausgestorben. Und nun haben Biologen herausgefunden, dass 300, 200, 300 Kilometer entfernt auf einem anderen Archipel zwei Schildkrötenweibchen leben, die dieser Art ähnlich oder verwandt sind, und jetzt haben sie die natürlich nach Galapagos geholt zu Lonesome George, und warten nun seit gut 20 Jahren darauf, dass sich Lonesome George fortpflanzt, aber der will natürlich nicht—was vielleicht auch verständlich ist, denn das Tier ist ja 157 Jahre alt—und diese Biologen aus der ganzen Welt holen diesem Tier jeden Morgen einen runter, das stimmt tatsächlich, und der will aber eben nicht.

Und ich stand vor diesem Tier, und das war ein erstmal ganz berührender Augenblick, ich komm gleich drauf warum ich das erzähle, und man schaut dieses Tier an, das hat einen Kopf, so gross wie ein menschlicher Kopf, und der Panzer so gross wie, naja, so ein Ofen oder Kühlschrank, ein grosser Kühlschrank, und ich hab diesem Tier in die Augen geschaut und gedacht: Der will natürlich der Letzte seiner Art sein, der will sich gar nicht fortpflanzen.

Und: Lonesome George hat etwas begriffen. Dieses Tier hat es begriffen, dieses Tier will nämlich nicht: Schwimmen gehen, dieses Tier will nicht, wie nennt man das: Die Freizeitangebote wahrnehmen, dies Tier will nicht in irgendeiner gemähten Parkanlage spazierengehen. Dieses Tier hat etwas verstanden. Dieses Tier will nämlich nicht mitmachen.

Jetzt könnte man sagen, dass ein Tier nicht denkt, aber wenn man vor diesem Tier steht und weiss: Dieses Tier isst im Schnitt 5 Kilo Salat am Tag und bewegt sich ungefähr 5 Meter fort, und das seit 157 Jahren—man kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Tier 157 Jahre im Schnitt am Tag 5 Meter geht und 5 Kilo Salat isst und nichts denkt.

Und das ist vielleicht das Irre, vielleicht ist es ja auch so, dass Lonesome George, diese Schildkröte, seit 157 Jahren, nicht nichts denkt, sondern einen Gedanken anfängt zu denken und aber nicht zu Ende kommt. Also wie so eine Welle, die sich aufbaut, aber niemals bricht; dass die so Wasser nachsaugt [atmet ein], wie so ein Kreislauf, der aber nicht zum Ende kommt.

Und als ich diesen Gedanken hatte, haben sich meine gesamten Worte auf diese Idee dieses Kreises gelegt, also, wie diese Welle, also ich bin durch die Gegend gelaufen, und alle meine ganzen Worte, oder: die Gedanken haben sich auf diese Welle, diese niemals brechende Welle gelegt wie so ein kreisförmiger Strudel war das in meinem Kopf, und ich hab, also, es war, ich bin fast verrückt geworden, und——ich hab mich gefragt, ob——vielleicht könnte Lonesome George auch sowas wie ein Vorbild sein für uns. Dass dies Tier——

Weil man sich immer hinstellt, oder weil auch in der Politik die Leute sich immer hinstellen und sagen: So, wir wissen wie es geht, wir haben den Gedanken zuende gedacht, wir werde jetzt das und das tun, aber dass es vielleicht viel schöner wäre, zuzugeben, dass man einen Gedanken gar nicht zuende denken kann, und vielleicht auch nicht soll; dass das vielleicht besser ist, und vielleicht könnte Lonesome George, also diese Schildkröte, auch so etwas wie ein Wappentier werden für die Stadt jetzt hier oder vielleicht für ganz Deutschland. Das habe ich mir so überlegt.”


Huldigendes, nichtauthorisiertes Transkript aus Kamerun, S. (2006) Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt; Hörspiel. Köln: Westdeutscher Rundfunk.


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