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Sunday, September 18, 2016

Und die Vergangenheit, sie war immer interessanter als die Gegenwart.


Was das Wort „The Departed“ im von der deutschen Essayistin Ingeborg Harms einmal eigener Auskunft nach nicht weniger als achtmal betrachteten und sodann furios in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung besprochenen, gleichnamigen Film von Martin Scorcese eigentlich bedeutet, habe ich erst viele Jahre später verstanden—„Die Toten“.
Und genauso heisst auch dieses neueste Buch des Ephemeralisten Christian Kracht. Kracht selbst erklärte erst jüngst dem lustigen, seine Herkunft aus der obskuren Gemeinde Berglen auch in Los Angeles nicht verleugnenden Dennis Scheck, die klassische Dramaturgie des japanischen Nō-Theaters habe ihm, Kracht, die Form gespendet, die sich in dieser Erzählung, den „Toten“, als ein langer, um nicht zu sagen langsamer, von Adjektiven ausgebremster erster Akt darstellt, in dem wir die beiden Protagonisten elliptisch umrunden; die eine wesentlich rasantere und lustigere, im Präsens gehaltene Schnitzeljagd folgen lässt; und die das Buch ausklingen lässt in einer eilig erzählten Serie von, nun, Nachhallen.
Diese sonischen Begrifflichkeiten sind nun wiederum kein müder Scherz im Rahmen der Referenz an ein Buch, das nebenbei auch dem sterbenden Stummfilm huldigt, sondern wollen nur meinen, dass es wie immer der Krachtsche Sound ist, der das Buch auf seinen schönsten Seiten so besonders macht und der den schönen Trick mit sich bringt, in der Leserin Erinnerungen an Nie Erlebtes zu formen—ganz so, wie ich selbst von „The Departed“ zwar jene Trailer-Sekunden mit „Gimme Shelter“, besagte Besprechung in der FAS, und den wunderbaren Titel mit so vielem verbinde, nur nicht mit dem Film selbst, den es vielleicht gar nicht gibt, oder meinethalben nie gegeben haben müsste.—Kaufen Sie dieses Buch, und geben Sie es nie wieder her.

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Saturday, May 23, 2009

Eine weitere Kampfschrift gegen das Bild

Wo gehen Sie hin um zu träumen? — Die Bilder sind mir fad geworden. Ich weiss nicht, woher das Wort fad stammt, aber seine vielleicht nur phonetische Ähnlichkeit zum englischen to fade trifft es gut. Die Bilder laufen nicht mehr nur, sie bilden zunehmend ein Kontinuum mit unserer Existenz aus, und unter ihrer zäh werdenden, in tausend Jahren nicht verwesenden Lackfarbe verblassen die eigenen Träume. Diese an sich langweilige kulturpessimistische Figur ist so alt wie die Photographie oder älter; sie haben vor mir wortreicher und geistesschärfer andere analysiert, und Verlage wie Merve oder Suhrkamp bestreiten mit Variationen derselben einen beträchtlichen Teil ihres Katalogs.

Aber am eigenen Ätherleib spürt man dieses unfreiwillige Kontinuum doch am besten. Die Bilder kommen einen holen, wenn man sich nicht in Acht nimmt vor Ihnen. Sie schliessen ganz von selbst die Grenze zwischen mir hier und Ihnen dort, zwischen Erfahrungsrealität und Bildrealität. Es wird gern übersehen, dass der Mensch ein Augenwesen ist, und mein Augensinn macht mich so anfällig für die Wirkstoffe des Bildes.

Viel leichter kann ich einfach nicht glauben oder einfach gar nicht hören, was man mir erzählt. Aber die neuralen Bilder, die ich aus Ab­bild­ern aufnehme—von Photo­graphi­en etwa, oder noch wirk­mächtiger von Filmen und Filmspielen—trennen sich ungleich schwerer ab von jenen neuralen Bildern, die ich selbst er-lebt habe. Warum auch; es ist dasselbe, und es ist in besonderem Maße dasselbe für die uralten Schaltkreise, die mit nur zweimal Umsteigen in die Sehrinde führen und auf dem Weg dorthin bereits in die vorbewussten Vorratskeller des fühlenden Hirns hinabdiffundiert sind.

Das Hören oder Lesen eines noch so trivialen und sicher in vielerlei Hinsicht fahrlässigen Textes wie Angel of Death der Krawallbrüder von Slayer, so die These, bringt insgesamt deutlich weniger Schaden und Verkommenheit in die Welt als der sepiafarbene Auschwitz-Kitsch von Stephen Spielberg. Und, so der Komplementärteil der These, traumatisiert worden (d.h., in seiner eigenen Phantasie vieler Freiheitsgrade gewaltsam beraubt worden) ist von einem noch so detail– und blutreich, meinethalben: pervers (falls Ihnen diese Vokabel weiterhilft; mir nicht) erdachten Roman, Text, Satz sicher niemand. Verstört: ja; seiner Vor­stellungen, seiner Ausmalungen, und damit seiner Souveränität beraubt: Nein.

Mit dem Vorsatz noch träumen zu wollen in die Bilder zu gehen heisst also zunehmend: Nicht mehr zu träumen. Wenn die Bilder zum Träumen also nicht mehr taugen, weil sie von einer Realität sich nicht mehr ab­setzen, dann verliert auch das Kino seinen Options­schein auf meine Träume.

Ob es nun die nächste Evolutionsstufe sein wird, lieber gar nicht mehr zu sehen, sei dahin­gestellt. Vorerst aber heisst die Antwort: Zurück zum Wort, paradoxer­weise. Die alte Schulhof– und Smalltalk-Frage Buch oder Film muss in dieser Allge­mein­heit und zunehmend radikaler mit Buch beantwortet werden, und die an sich jüngere Kulturtechnik des geschriebenen Worts ist es erstaunlicherweise, die uns hilft, den fast verlorenen Freiraum des selbstbestimmten Traums zu bewahren.

Abb.: Keine vorhanden.


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Monday, May 18, 2009

Time traveler’s wisdom: A.P. Seelmann full-length interview



—von Jonas Obleser für walloftime.net

Kennen Sie das? Sie leben so vor sich hin und lassen die Zeit durch den Kamin und denken: Wie wäre es, wenn ich einfach noch mehr wissen würde? Noch mehr lesen vielleicht, oder mich neben meinem Brotberuf einmal ernsthaft mit dem Hof Rudolfs des Zweiten befassen – könnte dies das Leben ändern? Und überhaupt, ist es nicht das Credo unserer in Unsicherheit und mangelndem Selbstwert verhafteten Gesellschaft, dass Bildung den Schlüssel zu quasi allem anderen darstellt?

Höchste Zeit für Wall of Time, diese und andere Fragen mit dem quantitativen Sozialforscher, Kunstgeschichtler und passionerten Witzesammler A.P. Seelmann, auch gelesen als Autor des Feuilletons Der Umblätterer, zu klären.

Herr Seelmann, fragen Sie mich bitte im Gegenzug nicht sofort, warum; aber es erscheint mir seit langem sonnenklar, dass ich mit genau Ihnen über Bildung sprechen möchte. Spielen Sie mit?

Da spiele ich gern mit, schon allein deshalb, weil es mich brennend interessiert warum Sie genau mit mir über Bildung sprechen wollen. Aber zuerst würde ich gern wissen wollen, an welche Art von Bildung Sie denken?

Ich glaube, ich meine Bildung fast in diesem erstmal völlig abstossenden Dietrich Schwanitz-Sinne. Sie wissen schon: Was man gelesen haben muss, für Menschen, die eh überhaupt nicht lesen. Nun, halten Sie sich denn für gebildet?

Interessanter Einstieg, gerade weil Sie Bildung hier mit Büchern, also Gelesenem, verbinden. Arno Schmidt stellte ja mal dieses Rechenmodell über die Anzahl von Büchern auf, welche man in einem Leben lesen kann. Das sind nur ein paar Tausend Bände, viel mehr ist beim besten Willen nicht drin.

… wie der chronisch unterbeschäftigte Sänger Art Garfunkel beweisst, der seit 1968 akribisch jedes gelesene Buch notiert und diese Liste auch öffentlich hält; selbst er liegt bei entsprechend nur 1400 Büchern.

Für ein normales Leseleben, welches ja in der Masse sehr deutlich unter dieser Titelanzahl liegt, sollte man also eigentlich sehr genau auswählen was man liest. In Ecce Homo schreibt Nietzsche ebenfalls am Rande über die Anzahl von Büchern, welche man benötigt und lesen sollte und kommt zu einer deutlich geringeren Anzahl, einige hundert Titel. Sein Hauptargument ist allerdings, dass man sich nicht zu viele fremde Gedanken in den Kopf pflanzen sollte, um seine eigenen nicht zu verwässern. So ähnlich sah das auch Stefan George, nur noch restriktiver, er hielt wohl theoretisch 50 wohlüberlegte Bände für ein Leben ausreichend. Müsste man demnach nicht diese Art von Buchbildung messen können? Also einen Wert, der sich aus der Anzahl und Qualität des Gelesenen errechnen lässt. Dazu würde man natürlich eine Bewertung von Titeln benötigen, also jemanden, der auf einer Skala den Wert eines Buches festlegt. Diese Skala sollte dann sicher von minus bis plus gehen, denn dann würde man vielleicht nach der Lektüre von Dan Browns Da Vinci Code sogar seinen Buchbildungswert verringern. Sie werden entschuldigen, dass ich hier etwas abgeschweift bin, aber wäre es nicht wunderbar wenn ich auf Ihre Frage einfach mit einer Zahl antworten könnte?

Doch, das wäre wunderbar, und spiegelt genau mein Ansinnen wider, Herr Seelmann: Mit Ihnen über Bildung, Lesen, und letztlich Wissen sprechen zu wollen, speist sich nämlich aus Ihrem Doppelleben als Tätiger in der quantitativen Sozialforschung – korrigieren Sie mich, aber im Brotberuf finden Sie zum Beispiel heraus, warum Menschen welche Druckerpatronen schätzen, oder warum sie wohl die eine der anderen, im Grunde völlig identischen Digitalkamera vorziehen – und als staff writer mit den augenscheinlichen Spezialgebieten HP Lovecraft, Thrash Metal und Kunstgeschichte bei den Meta-Feuilletonisten von Umblaetterer.de. Nun, wie auch immer Ihre Formel zum Errechnen Ihrer oder meiner Bildung lauten wird, der Ihrige Kennwert würde auf der Normskala besorgniserregend hoch liegen, so glaube ich. Und da fragt man sich: Wie entscheiden Sie, was Sie lesen? Was Sie schauen? Was Sie hören? Wie entsteht, in diesem anscheinend uferlosen See des kulturgeschichtlichen Expertentums, eine Auswahl? Und, haben Sie für unsere hochmotivierten Leser einige zeit-ökonomische Hinweise?

Vielen Dank für die Blumen, ich fühle mich geehrt, wohl wissend, dass Sie das nicht nötig haben. Ich kann Sie aber beruhigen oder vielleicht auch enttäuschen, ich habe jedenfalls keinen Masterplan beim Lesen, Schauen und Hören und ich hungere auch keinem bürgerlichen Bildungsideal hinterher. Ich bin nur übermäßig neugierig und schlage schnell meine Zähne irgendwo ein und bin dann geradezu exzessiv, jedenfalls solange bis ich einigermaßen meinen „Blutdurst“ gestillt habe. Ich kenne mich auch ehrlicherweise mit nichts so richtig befriedigend aus, ich bin Generalist und verfüge über ein, wohl relativ breites, Halbwissen. Das kommt wohl daher, dass ich tatsächlich sehr viel lese und zwar immer und überall, auch beim Zähneputzen.

Beim Zähneputzen! Ist das nicht sehr un-zen! Ich erinnere mich an den toten Janwillem van de Wetering, dem im Zen-Schlager „Der leere Spiegel“ von seinem Meister exakt solches untersagt wurde. Erzählen Sie sofort!

Ja, das Zähneputzen sollte man ja mindestens drei Minuten tun und je nach Schriftsatz kann man in dieser Zeit ungefähr ein bis zwei Buchseiten konsumieren. Ich brauche aber für die Dentalpflege etwas mehr Zeit, weil ich vor dem Bürsten noch die Zahnzwischenräume reinige, mittlerweile nicht mehr mit Zahnseide, dazu braucht man ja zwei Hände und kann kein Buch halten, sondern mit diesen kleinen borstigen Reinigungsstäbchen, und schaffe also in dieser Zeit einen längeren Artikel oder einige Buchseiten. Ich habe auch immer etwas zu lesen einstecken, wenn ich unterwegs bin, meistens ein Buch. Bücher haben ja auch einen ästhetischen Wert und ich kaufe gern schöne Ausgaben, aber ich brauche auch immer kleinformatige Paperbacks, die ich gut in der Tasche tragen kann, denn ich verspüre eine ungeheure Unruhe, wenn ich zehn Minuten U-Bahn fahre oder irgendwo warten muss und ich habe kein Lesematerial bei mir.

Die Unruhe, um nicht zu sagen: die Langeweile als Bildungsantrieb — ein altes Motiv. Erst das Fressen, dann aber bald das Lesen, bitte.

Vielleicht! Eine ähnliche Unruhe verspüre ich übrigens auch, wenn ich irgendetwas nicht weiß, von dem ich der Meinung bin, dass ich es wissen sollte, das kann im Gespräch sein, im Buchladen oder im Museum und es ist die pure Begeisterung für alles Mögliche, die mich dann treibt entsprechende Lücken zu schließen. Neulich erzählte mir ein Bekannter von Arthur Cravan – Dada-Künstler, Boxer und Lebemann –, von dem ich noch nie etwas gehört hatte und was er da von Cravan erzählte klang so spannend, dass ich mich sofort in einem Zustand der kognitiven Dissonanz befand, welche ich nur durch Lektüre auflösen konnte. Cravan verschwand irgendwann um 1920 spurlos und nach einer von vielen Theorien soll er vielleicht sogar mit B. Traven identisch sein, über den man ja nicht viel weiß, und „Das Totenschiff“, welches verblüffend einer Episode aus Cravans Leben ähnelt, erschien nur wenige Jahre nach Cravans Verschwinden. Solche Geschichten um Randfiguren aus der Vergangenheit reizen mich viel mehr als Gegenwartshits die in aller Munde sind.

Und so gelangen sie immer tiefer in die Kunstgeschichte hinein, zum Beispiel, wie in einen Stollen, und nehmen dort auch im Zweifelsfall den etwas schlechter ausgeleuchteten Pfad?

In der Kunstgeschichte geht es mir ähnlich, ja. Der misanthropische Eigenbrötler Jacopo da Pontormo, welcher sich nach Vasari in seinem Haus ein Turmzimmer schuf, welches nur über eine Leiter zugänglich war, welche er oft einzog, um nicht gestört zu werden, ist für mich reizvoller als der „göttliche“ Genius Michelangelo, obwohl mich natürlich die Schönheit seiner Kunst ebenso bewegt, wie jeden Menschen, der nicht aus Holz ist. Oder nehmen wir die hochmanieristische Kunst am Hofe Rudolfs II, welche kunsthistorisch maximal in der zweiten Liga rangiert, aber ich finde diese Überkünstelung ungeheuer reizvoll, vielleicht vor allem deshalb, weil das Umfeld in dem sie entstand so spannend ist. Allein der exzentrische Imperator, der die Regierungsgeschäfte nahezu vollkommen vernachlässigte, während er das Staatssäckel für seine kulturelle Extravaganz leerte und neben Künstlern (die wirklich großen der Epoche bekam er allerdings nicht nach Prag) auch Alchimisten, Astrologen und allerlei Scharlatane anzog, welche in und um die Prager Burg kampierten.

Ich habe davon ja noch gar nie gehört. Denken Sie an jemanden bestimmten?

Ich denke hier an Joseph Heintz, Hans Rottenhammer und Hans von Aachen, der aber eigentlich aus Köln stammt, und den wichtigsten sogenannten Dürer-Nachahmer Hans Hoffmann. Als prominentes Beispiel kennt man hier natürlich Giuseppe Arcim­boldo, wegen seiner Gemüse­portraits, den sogenan­nten Com­posite Heads. Arcimboldo war aber auch ein begnadeter Zeichner. Das ist nicht verwunderlich, denn er stammt aus Mailand und war mit Bernadino Luini befreundet, einem Leonardo-Schüler. Aber weil wir gerade so viel über Bücher sprechen, Arcimboldos Portraits aus Gemüse sind ja hinreichend bekannt, aber es gibt auch eines, welches bezeichnenderweise „Der Bibliothekar“ genannt wird. Es ist ein Composite Head aus Büchern. Sein schönstes Portrait ist es aber nicht gerade.

Ja, es sieht wirklich entsetzlich aus.

Hierher passt allerdings auch ganz wunderbar der Episodenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“ von Leo Perutz, welcher im Prag dieser Zeit spielt und neben vielen anderen Handlungssträngen auch Rudolf porträtiert. Diese wilde Kette von Assoziationen gibt vielleicht einen kleinen Eindruck wie ich auswähle, nämlich gar nicht, oder eher unterbewusst, ich treibe so dahin und der Rest ergibt sich; eine Art Schneeballsystem. Aber ob man viel oder wenig liest, Leo Perutz, welchen ich für mich auch erst auf Empfehlung eines Freundes entdeckte, kann ich nur wärmstens empfehlen, den muss man lesen, am besten komplett.

Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner „Stern­stunden der Mensch­heit“ dazu ver­öffent­licht. Einen eben­solch­en Effekt wie Slayer auf die Metal-Musik hatte ­Cara­vaggio auf die Maler­ei, sage ich jetzt mal in aller Ver­mes­sen­heit.

Da war es wieder, das im Zweifelsfalle Unersättliche. Macht Wissen einsam?

Ich würde jedenfalls davon ausgehen, dass mit dem Anstieg der Wissenskurve die Anzahl der Leute abnimmt die ebensoviel wissen und sich dadurch, wenn man so will, die Anzahl „Ebenbürtiger“ reduziert und damit tendenziell eine Vereinsamung stattfinden könnte.

Ihre Arbeit, sofern Sie geneigt und befugt sind, darüber kurz zu sprechen, schließt ja – wir erwähnten es bereits – den Austausch mit Laien als Experten ein. Sie versuchen, für ihre Klienten (Hersteller diverser Konsumgüter) etwas über die Herangehensweise, Entscheidungswege, also letztlich auch: das Wissen der Konsumenten zu erfahren. Meinen Sie, so ein Experten-Roundtable wäre auch für im eher Schöngeistigen beheimatete Produzenten wie den offensichtlich nach seinem Weg suchenden Suhrkamp-Verlag hilfreich?

In unserem Institut beschäftigen wir uns weniger mit Konsumgütern, da wir überwiegend im so genannten B2B-Bereich arbeiten und unsere „Feldarbeiter“ dann zumeist mit tatsächlichen Experten zu tun haben, zumindest sollte das im Idealfall so sein. Das unterscheidet sich allerdings grundsätzlich nur wenig von reiner Konsumentenforschung. Wissen ist aber nur ein geringer Teil der hier erforscht wird, überwiegend geht es um die Messung von Verhalten (Was? Wann? Wie viel?) und Einstellungen (Warum?). Aber schlussendlich geht es um schnöden Mammon, denn unsere Kunden wollen basierend auf unseren Ergebnissen Strategien entwickeln, mit denen sie mehr von ihren Produkten an den Mann bringen können. Und damit unterscheiden sie sich natürlich nicht so sehr von einem Verlagshaus wie z.B. Suhrkamp. So gesehen wäre der Einsatz von Methoden der empirischen Sozialforschung, in welcher Form auch immer, sehr nützlich bei der Suche nach dem oder einem Weg. Aber meinen Sie denn nicht, dass der Suhrkamp Verlag sowieso in irgendeiner Form Marktanalyse betreibt?

Ich weiss nicht. Ich will es mir nicht recht wünschen wollen. Herr Seelmann, zum Abschluss müssen wir uns unbedingt noch über die von uns beiden hochgeschätzte Musikgruppe Slayer austauschen. Ich erinnere mich lebhaft, wie Sie mir erzählten, einen Kneipendisput über den genauen Namen der Slayer-Plattenfirma einmal mittels dieses englischen Textnachrichten-Anbieters gelöst zu haben, der auf beliebige, enzyklopädische Fragen gegen viel Geld pro Minute die Antwort prompt zusendet. Und ich erinnere mich, dass wir beide sodann Ihren Disputanten anrufen mussten, um uns zu erinnern, wie dieser Dienst-Anbieter noch einmal genau hiesse. Ein schönes Beispiel, wie eins zum anderen führt in der Fraktalität des Unwissens. Slayer! Welche Rolle nimmt das Werk dieser eher finster aufspielenden Gruppe in dem von Ihnen bis hierher aufgespannten Kosmos aus sehr solidem Halbwissen und Kunstbeflissenheit ein?

Ja, mir wollte jemand nicht glauben, dass die Schallplatte „Reign in Blood“ auf Def Jam Recordings herausgekommen ist, das Plattenlabel welches Rick Rubin gegründet hatte und das sich eher auf Hip-Hop spezialisierte. Aber die letzten vier Johnny Cash Alben kamen ja auch auf American Recordings heraus, einem Ableger oder Nachfolger oder so von Def Jam, so genau weiß ich das auch nicht, bitte bei Wikipedia nachlesen. Die „Reign in Blood“ ist jedenfalls eines der wenigen Alben, das man immer und immer wieder von vorn bis hinten hören kann, also „Piece by Piece“ wenn man so will, hehe. Alles ist wie aus einem Guss, zeitlos schön und hat eingeschlagen wie eine Bombe, als es herauskam. Ich hörte das erste Stück des Albums in der Sendung „Heavy Metal Special“ auf NDR 2 und sie spielten nicht den Einstiegshit „Angel of Death“ – …

„Infamous! Butcher! Immense Decay!“

… Genau! – sondern das erste Stück der B-Seite, „Criminally Insane“. Vielleicht hatten die einfach die Platte falsch herum aufgelegt; mich riss das Stück, vielleicht das seichteste des Albums, trotzdem vom sprichwörtlichen Hocker.

Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner Sternstunden der Menschheit dazu veröffentlicht. Einen ebensolchen Effekt wie Slayer auf die Metal-Musik hatte Caravaggio auf die Malerei, sage ich jetzt mal in aller Vermessenheit. Und wie bei Caravaggio, der eine ganze Schar von Nachahmern fand, brauchte es ein paar Jahre bis wirklich jemand an sein Werk anschließen und es fortsetzen konnte. Das waren dann nicht die so genannten Caravaggisti, die seinen Stil nachahmten, sondern die Maler die darauf aufbauend nach einer Weile etwas Neues schaffen konnten, Velazquez, Rembrandt, Georges de la Tour. Bei Slayer waren das vielleicht Sepultura mit dem fünf Jahre nach der „Reign in Blood“ erschienenen Album „Arise“.

Herr Seelmann, das ist doch zum Thema Bildung eine ganz hervorragende Kaufempfehlung zum Ende dieses interessanten Gesprächs. Herzlichen Dank.


References

Barcinski, A., Gomes, S. (1999). Sepultura: Toda a História. São Paulo: Ed. 34

Brown, D. (2003). The Da Vinci Code. London: Bantham Books

Cravan,A. (1991). Boxer und Poet: Oder Die Seele im 20. Jahrhundert. Hamburg: Edition Nautilus

Da Costa Kaufmann, T. (1988). The School of Prague: Painting at the Court of Rudolf II. Chicago: University Of Chicago Press

King, K., Hannemann, J., Araya, T., Lombardo, D. (1987). Slayer: Reign In Blood. New York: Def Jam / Geffen / Warner Bros. Records

Kulturstiftung Ruhr Essen (1988). Prag um 1600 – Kunst und Kultur am Hofe Rudolf II. Freren: Luca.

Nietzsche, F. (2005). Ecce homo. Wie man wird, was man ist. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

Paumgarten, N. (2008). [Art Garfunkel] The King of Reading. New Yorker Magazine January 28 Issue.

Perutz, L. (2002). Nachts unter der steinernen Brücke. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

Reuter, S. (2000). Arno Schmidt und die Bücher – betrachtet aus der Per­spek­tive einer gestrich­enen Text­stelle der Fouqué-Bio­graphie. http://ste­phan­reuth­ner.de/­smibio7.htm

Richardson, M., Geary, R. (2005). Cravan: Mystery Man of the Twentieth Century. Milwaukie, Oregon: Dark Horse Comics

Schwanitz, D. (2002). Bildung. Alles was man wissen muss. München: Goldmann.

Schonauer, F. (2000). Stefan George. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch

Schürmann-Emanuely, A. (2000). Arthur Cravan – Die Niedertracht der Tafelrunde. Risse im Context (Magazin zur Alpenbegradigung) XXI: 5.

Traven, B. (1926). Das Totenschiff. Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg

Vasari, G. (2004). Das Leben des Pontormo. Berlin: Klaus Wagenbach.

Van de Wetering, J. (1972). De lege spiegel. Ervaringen in een Japans Zenklooster. Rotterdam: Synthese Uitgeverij

Zweig, S. (1926). Sternstunden der Menschheit. Leipzig: Insel


A.P. Seelmann ist regelmäßig zu lesen auf Umblaetterer.de unter dem Kampfnamen Dique. Wir sprachen mit A.P. Seelmann im April und Mai 2009 in Leipzig und Hamburg.


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Saturday, May 09, 2009

Geschieht es?


Jonas Obleser, 'RGB 29,24,21’, 240 × 200 px

Ist die Monochromie das erste oder das letzte Bild? Was geschieht mit der Zeit, wenn die Narration aus dem Bild verschwindet?

Das folgende ist ein Zitat aus Julia Friedrichs hervorragend geschriebener (und von Carmen Strzelecki sehr schön gesetzter) Dissertation, “Grau ohne Grund — Gerhard Richters Monochromien als Herausforderung der künstlerischen Avantgarde”, erschienen 2009 bei Strzelecki Books, Köln.

Wo noch Bewegung ist – ließe sich Lyotards Überlegung fortsetzen –, ist noch immer ein Vorher und Nachher, eine Entwicklung und kein Jetzt. Zugleich ist aber mit [Barnett] Newmans Tafeln, die zwar narrative Titel tragen, aber keine Szenen geben, die zwar Bilder sind, aber nichts darstellen, zugleich die Frage »Geschieht es?« gestellt. 143 Erhaben wären die Tafeln Newmans nach deser Deutung keineswegs deshalb, weil sie an dräuende Wolken oder Steinwüsten erinnerten, und auch nicht deshalb, weil sie den Betrachter durch ihre Monumentalität überwältigten, sondern gerade durch ihre Verweigerung der Abbildung und weil sie dennoch in der Zeit, im Jetzt, die konkrete Frage nach dem Seienden stellen. Geschieht es? Das Ereignis ist demnach nicht Moment einer Entwicklung oder einer zeitlich fortschreitenden Bewegung, sondern fällt aus der Zeit heraus.

Obwohl Lyotards Analyse einen ganz wichtigen Punkt erfasst – das Verhältnis von Zeit und Unzeit, von linearem, geschichtlichen Fortschreiten und plötzlichem Ereignis –, der gerade im Vergleich mit Gerhard Richters Konzeption, die in vieler Beziehung exakt das Gegenteil von Newmans vorstellt, noch genauer betrachtet werden muss, scheint sie doch zu abstrakt. Auch wenn Newmans »Vir heroicus sublimis« Lyotards Ausgangspunkt ist, schaut er sich das Gemälde gar nicht näher an. Die Frage »Geschieht es?« wird im Grunde von allen Kunstwerken aufgeworfen, die die Frage nach der eigenen Existenz stellen, also von der Konzeptkunst Lawrence Weiners oder On Kawaras ebenso wie vom Action Paiting oder vom abstrakten Expressionismus Jackson Pollocks oder Willem De Koonings.

143 Lyotard, F. (1984). Das Erhabene und die Avantgarde. Merkur 424:151–164



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Friday, April 10, 2009

Spurensuche (IV): Heimat

“Das deutsche Wort HEIMAT verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum. Allerdings ist die geographisch-historische Eingrenzung der Bezugsräume keine feststehende, sondern situationsbedingt verschiebbar.”

Aus dem Tagebuch des Pfarrers Franz Jehle, Grafendorf:

«10.04.[1945] — Um halb zehn Uhr zum letzten Mal hl. Messe mit der Herrschaft auf dem Schloß Emmahof. Gräfin gibt mir ihr Tagebuch der letzten zwei Jahre mit, von ihren Büchern, was mich irgendwie interessiert. Graf und Gräfin meinen, ich soll mir aus Bibliothek und Schloß nehmen, was mir gefällt. Sie haben nicht viel Hoffnung, je nach Emmahof zurückkehren zu können. Ich verspreche, einige der wertvolleren und ihnen lieben Bücher zu mir zu nehmen, auch Geräte und Paramente aus der Kapelle.»


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Wednesday, March 25, 2009

Dhanyabaad, masanga aaphnai sooee chha.

“Single words or short phrases in foreign languages not used as direct quotations should be in italics. Direct, acknowledged, or more substantial quotations should be in roman type (in small print or within single quotation marks). For the setting of quotations, see Chapter 9”
MHRA style guide, 2008

Als ich kürzlich eine wacklige und verwohnte Embraer-Maschine für einen langweiligen Regionalflug besteigen musste und mich hastig mit den Notausgängen vertraut machen wollte, fand ich statt einer Notfallkarte verwundert ein bereits im Verfall begriffenes Exemplar des Buches “Gebrauchanweisung für Nepal” von Christian Kracht & Eckhart Nickel vor und begann sofort zu lesen. Eine Fügung musste es dort für mich hinterlegt haben, denn noch ehe wir unser Ziel erreicht hatten, wusste ich alles über das zaubergleiche Land Nepal, dort hinter Indien und vor China gelegen.

Wie Sie ahnen, reise ich an sich nicht gern; um so dankbarer bin ich, wenn die Glimmer Twins des Reise­abenteu­ers, Christ­ian Kracht und Eck­hart Nickel, wieder irgendwo hin­fahren, dort­bleib­en und per Sing­draht und Telex ihre Er­kund­ungen an hiesige Verlage übermitteln. Erwarten Sie von dem Buch aber keine dieser philo­so­phie­ge­schicht­lichen Ein­ord­nung­en und Aperçus für die selbst­denkende Travel­lerin, die sich nicht mehr vom Lonely Planet gängeln lassen möchte, wie die Titelreihe “Gebrauchs­anweisung für…” wohl ironisch in­sinuieren will.

Nein, nein; hier wurde diese Betitelung endlich einmal ernst genommen. Kracht & Nickel (2009; Rätsel am Rande: Beklagt sich Dr. Nickel eigentlich nie, immer als senior author zu fungieren? Wären für seine geisteswissenschaftliche Karriere nicht mehr Erstautorschaften angeraten?) unterrichten uns in der Kunst, in Kath­man­du stand­es­gemäße Re­dakt­ionsfeiern auszurichten, und sie lehren uns das behände Sich-Einfügen in die lokalen Dienstleistungsstrukturen anhand der “Band Box” Wäscherei; sie sprechen in einem no-nonsense Kreuzverhör mit dem nepalesischen Prime Minister Elect und richten so en passant das Despoteninterview neu ein; und schließlich dechiffrieren sie—von Nepal aus! Dies nur ein rhetorischer Trick, um uns das sonst gern Übersehene klarer vors innere Auge treten zu lassen—für uns die Welt der Marken und Werber und pitchen für die Neugestaltung der nepalesischen Fluglinie Agni Air.

In der sicheren Entschlossenheit, nach Ankunft sofort am Transfer desk einen Flug nach Kathmandu zu buchen, schlage ich noch vor der Landung höchst zufrieden diese kleine, längst herbeigesehnte Ferien für Immer-Apokryphe zu, die in jede noch so verunreinigte Hosentasche passt, und denke mir selig ein neues Design für diese üble Embraer-Maschine aus. Bitte kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her.


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Monday, December 01, 2008

Hier ist immer woanders.

Kennen Sie das? Sie reissen einen braunen Umschlag auf; gelblich ist er eher—eine Farbe, wie sie längst ausgestorben sein müsste, wenn es kein Leben im Geheimnis gäbe.

Und wenn Sie den Umschlag aufreissen, dann schaut sie das Ergebnis einer längst vergessenen DVD-Bestellung an. Diese wiederum, jetzt erinnern Sie sich, war das Ergebnis langen Suchens, intensiv empfundener Sehnsucht gewesen.

Ich übertreibe schrecklich, aber so ist es, wenn man in Worten sagen muss, was nur Bilder können. Ich jage seit langen Jahren, wie hier oft genug zu lesen war bereits, dem Mann nach, der einst auf sein Segelboot stieg und verschwand. Nicht ohne uns große, weil reine, kleine Kunst zu hinterlassen. Kunst, bei der man nicht mit Idioten dikutieren muss, was denn daran Kunst sei. Dies wiederum nicht, weil es solche matten Geister nicht gäbe, die angesichts des Schaffens dieses Mannes dies einwerfen würden; sondern weil man ganz gleichmütig und leise und melancholisch, und: froh wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Bas Jan Ader. Endlich, endlich auch in allen DVD-Geräten all überall. Erwerben Sie bitte diesen Film und geben Sie ihn nicht mehr fort.


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Wednesday, October 29, 2008

Strahlt ein toter Wind noch? Jünger, abgetippt.

—“So schreibe ich jeden Tag, auch wenn ich selbst nichts schreiben mag.”

Man kann sich den Schriften eines Vielschreibers, eines täglich Schreibenden, auf unterschiedliche Arten nähern. Lesen ist meist ein Teil davon, seltener das Abschreiben. Ein Mensch mit dem hervorragend geeigneten Pseudonym Mistral («The Mistral in France is a fresh or cold, often violent, and usually dry wind, blowing throughout the year but is most frequent in winter and spring») hat nun beschlossen, sich dem sperrigen Vielschreiber Ernst Jünger und dessen (von vielen als Hauptwerk verstandenen) “Strahlungen”, den Tagebüchern von 1939 bis 1948, zu nähern.

Was tut Mistral? In einem anderen Tagebuch, nicht jenem Jüngers, sondern jenem des Schriftstellers Pippin Wigglesworth-Weider, lese ich:

“Dann tippe ich sie ab. Zwei bis drei Einträge pro Tag. Es ist Tipp- und Schauarbeit. Hin und zurück mit den Augen, weil die Hände noch nicht ganz selbständig auf die Tasten wirken. Das Ziel der Übung, der genaue Blick auf die Worte und das Gehör für ihr Gewicht im Satz, bewusst und unbewusst das Gute zu verinnerlichen. Zu jedem abgetippten Eintrag füge ich ein Bild hinzu, die Auswahl des passenden Motivs ist der Zucker für den Esel. Dann lade ich die Arbeit auf den Weblog: Strahlungen 2010.”

Mistral oder Pippin oder eine Figur, die sie beide bilden, irgendwo zwischen ihren eigenen Vorlieben, Text­begegnungen mit Jünger und einer berührenden Formstrenge, tippen für uns (vielleicht bis 2010, was ich nicht recht glaube, und was auch egal ist) also die “Strahl­ungen” ab, und verleihen Einträgen wie vom 18. April 1939, in Kirchhorst, neues Leben. Man hätte einscannen, horten, selektieren, kopieren, einfügen, apfel v, können. Und vielleicht macht es ein schlauer Mistral auch genau so, und spielt mit uns—dahingestellt.

Was uns geschenkt wird, ist ein web-basiertes Tagebuch, das nichts anderes will, als die fast 70 Jahre alten Gedanken und Sprachspiele eines anderen wieder zum Atmen zu bringen. Keine albernen Youtube-Links, aber auch kein Party-Nacherzählen, oder prätentiöse Befindlichkeit, wie hier manchesmal. Nur die Strahlungen.


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Sunday, October 26, 2008

Leipzig, at last

Nach Monaten reich an Wirrungen ist es einigen Leipziger Kultur­schaf­fen­den vergangenen Samstag doch noch gelungen, den Autor Christian Kracht in den Osten zu locken. Doch statt durch große Buchhandlungen oder die einschlägigen literarischen Zirkel dieser Stadt erfuhr ich erst am späten Nachmittag durch das Murdochsche Periodikum Myspace.com von einer ad hoc Lesung des enigmatischen Schriftstellers—vielleicht war es ihm selbst unheimlich geworden nach all dem Lob im Mainstream, also wieder Untergrund: “Galerie Bothe & Rillert 20.00 h”. Ich musste natürlich hin, und suchte eine ganze Weile nach dieser Hinterzimmer-Galerie, die vermutlich nur für diesen Abend nach den Großmüttern des effeminierten Galeristen so benannt wurde. Wir standen ab halb neun unschlüssig in einer unrenovierten Wohnung aus der Gründerzeit und schauten verstört unter den fünfundzwanzig, dreißig Besuchern umher: Hipster, Studentinnen und einige verstreute Corps-Geister mit Barbourjacke und Koppelschloß, die Faserland wohl etwas falsch verstanden haben.

Kracht, leise und leicht den kleinen Galerieraum durchmessend, erschien punkt neun in Begleitung seiner Gattin Frauke Finsterwalder, einer Art weiblicher Wiedergängerin seinerselbst. Ihm schien das Ambiente auch etwas unheimlich zu sein, aber er nickte freundlich in die kleine Runde, die nun raunend die Monobloc-Stühle besetzte. Es begann stockend; ein erwartet unlustiger Wissenschaftler im “Bingo Handjob”-T-Shirt versuchte, im mittlerweile legendär zu nennenden Volker-Weidermann-Stil in das Krachtsche Schaffen einzuführen, was dem Abend gleich zu Beginn eine Wendung ins Absurde gab. Ich eilte unter leichtem Unwohlsein um ein warmes Bier, um erst zurückzukommen, als Kracht selbst endlich das Wort hatte.

Er las ohne Mikrophon, und so recht wollte keine Stimmung aufkommen; ich fand nicht hinein in seine Worte, war es 1917 oder 2017, man weiss es nicht. Vielleicht lag es auch an der Clique von Endzwanzigern, stadtbekannt durch etliche Elektronikveranstaltungen; sie kicherten bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit recht laut los, ganz offensichtlich bemüht, sich den hippen Abend nicht durch die an sich eher sperrige Handlung des neuen Kracht-Romans zunichte machen zu lassen. Kracht las circa fünfzig, ziemlich lange Minuten, nur unterbrochen von seinen Korrekturen an der offenbar suboptimal sitzenden Tim und Struppi-Lesebrille, und einigen listigen Blicken ins Publikum bei den hippen Zuhörern wohl besonders gelungen erscheinenden Stellen.

Er endete etwas abrupt, vielleicht wollte er seinen Lesern keine rechte Klimax gönnen, signierte dafür aber hinterher noch einigen Lesern geduldig seine Werke. Wir versuchten, den Dichter noch zu einer Expedition ins hyperreale (read: nicht-existente) Leipziger Nachtleben zu überreden, aber nach einer kurzen Plauderei über den Vornamen von Slavoj Zizeks Ehefrau sowie die Rolle eines gewissen Martin Luthers im unheimlichen Madagascar-Plan verabschiedete sich Kracht; früh schon ginge sein Zug nach Göttingen.


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Thursday, October 02, 2008

Vielleicht ein Ausweg, ein Entkommen: Das neue Buch von Christian Kracht

In einer aktuellen Portraitphotographie sieht man den Dichter Christian Kracht innehalten, und eine Fliege sitzt dort, wo andere Lichtgestalten einst ihren Schönheitsfleck hatten. Die Fliege sonnt sich, oder sucht den Schatten unter Krachts Nase; und hätte Tom Ising nicht so einen mesmerisierenden Umschlag entworfen, der mit einer alten (nicht einmal fiktiven) Afrika-Karte den Ton setzt, und wären Autorenfotos auf dem Cover nicht spätestens seit den verlustreichen Schlachten am Adlon 1999 wegen akutem Mißverstand verboten, so könnte auch dieses Bild eine hervorragende Vignette sein für diesen neuen, vielleicht letzten Roman von Christian Kracht.

Denn, überhaupt, die Tiere: Vorangestellt hat Kracht diesem Lied in Buchform ein Zitat von D.H. Lawrence, in welchem der Anmut einer Wiese mit nichts als einem Hasen darauf gehuldigt wird; durch den Buchtrailer von Frauke Finsterwalder flattert ein Schmetterling und scheint einer gravitätischen Bahn nach Afrika zu folgen. Und am Ende, soviel sei verraten, tragen Hyänen eine Art von Sieg davon.

Im übrigen den einzigen Sieg, den es noch zu erringen gibt, den eines freien Lebens über den Hirntod: In Krachts Sonnenschein, wie in allen seinen Erzähltexten, ist die Zeit aufgehoben, Post-Histoire in Reinkultur: “Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören”, also liefern sich die eifrigen und diffus guten Schweizer noch Scharmützel mit den Deutschen, aber der große Krieg wird nicht gewonnen werden, er dauert gefühlt schon ewig und wird es immer tun. Aber hier, plötzlich und unvermutet anders als in “Faserland” und in der faux period novel “1979”, spürt man am Ende vielleicht doch einen Ausweg, ein Entkommen aus der Endlosschleife des abhanden gekommenen Sinns.

Es sind ausserdem oder vor allem in diesem Buch, wie stets bei Kracht: die klaren Sätze, von allem Ballast befreit; die einprägsamen Bilder, die man gemeint hat gesehen zu haben, ohne sich genau erinnern zu können; die lustigen und listigen doppelten Böden, die der Autor für unser wiederholtes und vertieftes Lesevergnügen eingezogen hat; die Träume, also: die so oft beschworene und doch so selten einfach niedergeschriebene Phantasie.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, nachdem ich diesen Traum nachgeträumt hatte gewissermaßen, und nachdem ich diesem Humanisten in Uniform nach Hause, nach Afrika gefolgt war, der uns voraus fliegt wie der Schmetterling, war für ein paar Minuten alles gut. Mehr kann man nicht verlangen. Kaufen Sie dieses Buch, und geben sie es nicht mehr her.


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Thursday, September 04, 2008

Als das Kind noch Kind war: Ein Koloss des Camp


Eine Feier des Irrealen. Wenn man das, was wir irreal nennen, durchdekliniert, und versucht zu verstehen, was alles erfüllt sein muss, damit Menschen in Übereinkunft etwas als irreal anerkennen, dann landet man sehr schnell bei MICHAEL JACKSON.

Die sehr begabte Margo Jefferson hat einen wunderbaren Essay (dt. Versuch) geschrieben mit dem ebenso naheliegenden wie bezaubernden Titel Über Michael Jackson. Jefferson beherrscht alle Taschen­spielertricks der Essayistin, die sie sich entweder charmant bei Susan Sontag abgeschaut hat, oder mithilfe dieser sie Sontag ein kleines Denkmal zimmern möchte; jedenfalls greift sie weit ins 19. Jahrhundert zurück, ins Vaudeville und in die Panoptika jener Zeit, sie kreist um den nicht benennbaren Kern des Michael Jackson, und ihr Text hat so viel Zauber, Mitgefühl und Substanz, dass er die Übersetzung ins Deutsche mühelos überlebt.

Jefferson ist sich mit jedem Wort bewusst, wie viel über Michael Jackson, schon geschrieben worden ist; so viel, dass ich hier weder Berufsbezeichnungen, Adjektive noch sonstwelche Attribute seinem Namen beigeben kann. Und doch gelingt es Jefferson, den Zauber, das unendlich Fremde, das gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt so unfasslich far-out ist, also—excusé-moi:—das Hyperreale des Michael Jackson, dieser Art «Koloss des Camp» (Jefferson—die sich merkwürdigerweise ihre Initialen mit Michael Jackson teilt; vielleicht ist das Buch doch von ihm selbst—über Freddie Mercury) zum Leben zu erwecken für uns.

Lesen Sie dieses Buch, und geben Sie es nicht mehr her.


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Monday, September 01, 2008

Was bleibt: Bunter Staub

Datumsmystik, eine Spezialität an der Wall of Time: 01. September 2008 (–69) 01. September 1939 (+5) führt uns zu

«Saint-Dié, 1. September 1944
Abends Lektüre des Buches von Filon über die Kaiserin Eugenie. Dazu hallten Gewehrschüsse vom nahen Kempberg, der schon Maquis geworden ist. Ich richtete das Häuschen, in dem ich mit dem Feldwebel Schröter wohne, zur Verteidigung ein, so wie man sich eines alten, halbvergessenen Handwerks entsinnt.
Im Traum durchschritt ich eine herrliche Stadt, die allen mir bekannten an Eleganz weit überlegen war, weil altchinesische Formen sich mit den europäischen vereinigten. Ich sah die Gräberstraße, den Markt, die Hochhäuser aus rotem Granit.
Wie häufig bei solchen Wanderungen sammelte ich auch einige Käfer in die Ätherflasche ein. Als ich sie leerte, um die Beute zu betrachten, fielen mir zwei oder drei Tiere auf, die ergriffen zu haben ich mich nicht erinnerte, darunter eine karneolrote Anoxia, die fast durchsichtig war. Erwachend entsann ich mich jedoch, daß ich sie vor einigen Nächten während eines anderen Traumes in die Flasche geworfen hatte, und erstaunte darüber als über einen auf merkwürdig konkrete Weise in diese Welt hereinragenden Zug.
Übermorgen werde ich nach Hannover fahren; der Stab des Militärbefehlshabers löst sich auf.»

(Ernst Jünger, Kirchhorster Blätter)


Was bleibt, ist BUNTER STAUB: Buchvorstellung des neuen Deconstructing Jünger-Bandes, hrsg. von Alexander Pschera, mit David Woodard u.a. am 28. September 2008 auf Schloß Neuhardenberg

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Tuesday, August 26, 2008

Sonnenuhr, Schattenuhr

In dem deutschen, erstaunlicherweise immer noch bisweilen sehr lesbaren Tagesperiodikum Frankfurter Allgemeine Zeitung beginnt mit der heutigen Ausgabe eine Kleinserie, die uns erlaubt, die Zeit wieder einmal neu und anders zu vermessen: Und zwar in Abschnitten des neuen, hier bereits angekündigten Romans Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht (Adjektive vor Krachts Namen gehen seltsamerweise nicht mehr; im Englischen wäre vielleicht ein our very own angebracht).

Lesen Sie, was Tobias Rüther dazu meint und spüren Sie doch ab morgen selbst, wie die Zeit verstreicht und es Herbst wird in den kommenden Wochen, in dem sie mit Krachts täglichem Fortsetzungsroman und seinem Protagonisten durch einen scheinbar nicht enden wollenden Krieg in eine sich nicht erklären wollende Welt reiten. Und wenn Sie einmal einen Tag verpassen: Was macht es schon, nehmen Sie es wie ein rauschgestörtes Telefonat, wie einen Zuruf aus der Ferne, oder von der anderen Seite—der Zeit?


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Monday, July 28, 2008

Temporäre Autonome Zonen (II): Unzutreffendes bitte streichen

—für Peter Bichsel, mal wieder

«Ich begann mit den Bildbänden. Ich weiss noch, ich kramte hastig als Lineal ein Stück Pappe heraus, nahm den Bleistift, und klemmte die Zunge zwischen die Lippen. Ein dicker, schwerer Kaffeetischband über die Rolle der Photographie in Sebalds Werk erschien passend und programmatisch: Ich schlug den Band auf, und begann auf der Titelseite mit dem Anlegen des Pappstreifens, las noch einmal kurz, bewunderte aber mehr die fette Antiqua; ganz ähnlich einem Kleinbauern vielleicht, der dem Lamm noch einmal über das Fell fährt bevor er das Bolzenschussgerät ansetzt.

Ich strich alles durch.
Der erste Strich war der schönste, befriedigendste, im Nachhinein betrachet.

Die Titelseite war, wie in allen Bänden, schnell erledigt, ich genoss das Geräusch des spitzen Bleis; auf dem beschichteten Kunstband-Papier klang es besonders hell, von gesunder Aggressivität. Für den restlichen Text hatte ich beschlossen, nicht mehr so genau hinzuschauen, nur auf den Seitenspiegel, den Satz zu achten; aber dem eigentlichen Ziel ging ich gewissenhaft nach: Ich strich einfach alles aus, alles Erzählte, Behauptete, Geschriebene.

Viele Wochen sind nun verstrichen (ein Wortspiel, verzeihen Sie), und ich habe darüber die bessere, neue Art entdeckt, die Zeit zu messen: Einmal auf die Toilette dauert so lange wie das Ausstreichen von Seite 118 bis 122 in Thomas Bernhards Verstörung, vom Klingeln des Briefträgers bis zum Anruf meiner geschiedenen Frau am Abend vergehen Less than Zero und etwa das Glossar der Elements of typographical style; die Mutanten im Fahrradgeschäft schätzten ganz richtig, die Reparatur würde höchstens zehn Bände der Suhrkamp-Monographien-Reihe lange dauern (das Nachwort der Minusvisionen schaffte ich nicht mehr ganz).

Ich bin schnell geworden, doch bleibe ich sorgfältig und negiere fleissig das Wort. Das geschriebene Wort ist vorbei, nur noch das gestrichene zählt; es zählt, im Wortsinne. Man kann alles damit zählen, und was Ihnen nun wie eine Erzieh­ungs­maßnahme oder ein Wahn höherer Ordnung vor­kom­men muss, ist einfach eine ganz hervorragende Art, die Zeit auszuradieren.

Ich plane, nächstes Jahr, wenn die Blätter treiben, mit meiner bescheidenen Bibliothek fertig zu werden. Paco, der Nachbar, der manchmal in meinen bereits durchgestrichenen Bänden blättert und nach dem rechten sieht, schlug vor, ich solle doch einen Praktikanten anstellen; aber ich muss es selbst tun, es ist ja auch eine große Versuchsanordnung, eine Reinigung; Die Idee verfängt, langsam. Ich stehe in Verhandlungen mit großen Verlegern, so soll ich zum Beispiel gegen einen bescheidenen Obulus im Kalendjahr 2011 das gesamte FAZ-Archiv durchstreichen, und irgendwann will ich nach Amerika, dort soll es noch viel größere Bibliotheken geben, mit einem Bleistift, und meiner Pappe, und alles werde ich ausstreichen, redigieren, negieren, bis nichts mehr bleibt.»


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Wednesday, July 23, 2008

We tell ourselves stories in order to live: 20 lines of why I love Joan Didion

«During this period I spent what were for me the usual proportions of time in Los Angeles and New York and Sacramento. I spent what seemed to many people I know an eccentric amount of time in Honolulu, the particular aspect of which lent me the illusion that I could any minute order from room service a revisionist theory of my own history, garnished with a vanda orchid. I watched Robert Kennedy’s funeral on a verandah at the Royal Hawaiian Hotel in Honolulu, and also the first reports from My Lai. I reread all of George Orwell on the Royal Hawaiian Beach, and also I read, in the papers that came one day late from the mainland, the story of Betty Lansdown Fouquet, a 26-year-old woman who put her five-year-old daughter out to die on the center divider of Interstate 5 some miles south of the last Bakersfield exit. The child, whose fingers had to be pried loose from the Cyclone fence when she was rescued twelve hours later by the California Highway Patrol, reported that she had run after the car “for a long time.” Certain of these images did not fit into any narrative I knew.»





Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, June 24, 2008

Kaufbefehl


In Iron fists. Branding 20th-century totalitarian states, Steven Heller approaches the 20th century totalitarian attempts of Germany, the USSR, China and others with the scholarly eye of the typograph, designer and expert for corporate identity.

Quite rightly and timely so, as one might ask (with not too much headway made, 50 years after Hannah Arendt): How—if not via their surface and looks and self-concept of corporate design, folk myth and branding—are we supposed to finally understand these opaque regimes?

“Ein wahrnehmendes Denken dieser Art—also […] ein aisthetisches Denken, das sowohl Ästhetik wie Anästhetik umfasst—scheint mir gegenwärtig aus nicht etwa, wie manche argwöhnen, modischen Gründen, sondern wegen seiner Begreifenskapazität und Wirklichkeitskompetenz an der Zeit zu sein. Es ist—so meine These—heute das eigentlich realistische, will sagen: das der gegenwärtigen Wirklichkeit (der schier nichts mehr gewachsen ist) noch am ehesten, nämlich wenigstens stellenweise gewachsene Denken. Die einst für dubios gehalteten ästhetischen Perspektiven erweisen sich zunehmend als die wirklichkeitsnäheren und erschließungskräftigeren.” (Wolfgang Welsch)

Monday, June 09, 2008

Zeit (ein jegliches hat seine)

Welche ist Ihre Lieblingszeit?

Michael Onfrays wunderbarer Weinbau-Meditation über die Formen der Zeit, einer Theorie des Sauternes, ist eine entweder von ihm oder vom Übersetzer Markus Sedlaczek verantwortete «Kartographie der im Text erwähnten Zeiten (in der Reihenfolge ihres Erscheinens)» hintangestellt.

Aber lesen und wählen Sie selbst, es sind sehr schöne Zeiten dabei.

genealogische Zeit
unvordenkliche Zeit
geologische Zeit
fixierte Zeit
Raumzeit
ursprüngliche Zeit
archaische Zeit
zyklische Zeit
wahrnehmbare Zeit
seminale Zeit
vegetabilische Zeit
tragische Zeit
zirkuläre Zeit
natürliche Zeit
kulturelle Zeit
einzigartige Zeit
pantheistische Zeit
aleatorische Zeit
meteorologische Zeit
klimatologische Zeit
ontologische Zeit
negierende Zeit
dekonstruierende Zeit
affirmierende Zeit
begründende Zeit
augustinische Zeit
verwandelte Zeit
verlangsamte Zeit
modifizierte Zeit
skulptural geformte Zeit
entropische Zeit
agrarische Zeit
chronometrische Zeit
langsame Zeit
eilige Zeit
irenische Zeit
magische Zeit
fade Zeit
technologische Zeit
Zeit der Georgica
feudale Zeit
alchimistische Zeit
chemische Zeit
hedonistische Zeit
dionysische Zeit
spermatische Zeit
elementare Zeit
menschliche Zeit
bearbeitete Zeit
verherrlichte Zeit
transzendierte Zeit
sublimierte Zeit
lokale Zeit
globale Zeit
punktuelle Zeit
komprimierte Zeit
zur Quintessenz verfeinerte Zeit
vielfältige Zeit


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Wednesday, May 28, 2008

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Schon zu oft habe ich das Ende der Syntax beklagt. Und, gerade wenn ich denke, alles versinkt im gleichzeitigen, ungeordneten Regnum der Schlagwörter, kommt einer, den wir vermisst haben, und schreibt wieder ein Buch. Und zum ersten Mal, antizyklisch zum Zeitgespenst fast, nimmt er nicht ein rätselhaftes Wort (“Faserland”, “Mesopotamia”, “Metan”) zum Titel. Auch belässt er es nicht bei Jahreszahlen (“1979”) oder politischen Forderungen (“Ferien für immer”)—

Nein, Christian Kracht wird bald zurück sein, an unserer Seite, mit einem neuen Roman, und er trägt einen vollständigen deutschen Satz zum Titel, einen sanften, beruhigenden Satz. “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten”.

Viel mehr lässt sich noch nicht sagen, und bei diesem Sendboten der mehrfach verschachtelten Ironie kann es einem gern passieren, dass man das Konnotations-Karusell durch den Ausgang für Post-Post–Ironiker verlässt, obwohl man durch den Eingang für Authentizitätsgläubige und Bedeutungsschwangere hereinkam.

For the time being lässt sich zumindest folgern, dass Kracht seinen Titel mit den höchsten Distinktionsweihen entweder sehr gut aus sehr alten prä-digitalen Librärien geklaut hat (siehe unsere Abbildung), oder einfach eine seiner vielen guten Ideen hatte.

Bestellen Sie jetzt.



Fig. 1: As of May 28 2008, the beautiful sentence ”Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ did not yield any results in a leading search engine. Click on the image and see how this may have changed in the meantime.



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Sunday, May 11, 2008

Verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen

Pfingsten 2008, auf der Zeitmauer, zum Sprung bereit:

“IX.

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb‘ ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.
—Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (Reflektion IX). Der Text entstand im Frühjahr 1940. Die Zukunft endete für Benjamin, der das Bild 1921 gekauft hatte und es in Berlin und Paris stets vor Augen hatte, am 26. September 1940 an der französisch-spanischen Grenze, Port Bou, in den Pyrenäen.




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