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Monday, June 22, 2009

Of flags and freedom

—Tehran, GMT +330

No worries: Your beloved literary and fine arts enterprise WALL OF TIME. will not branch out and strive for world domi­nation—but if any opportunity arises to add a few grains of subversion here or a light touch of terribly old-fashioned, out-of-date yet lean hyper­text mark­up language code there, we do what we can.

Very recently, DIE GROSSE FLAGGE, previously announced here, have relaunched their website and we humbly tried to make them look good, hip, old-fashioned, idealistic and nonchalant at the same time.

Note especially how the proto-fascist social network of FACEBOOK is hemmed in and watched over by DIE GROSSE FLAGGE’s 1997-style Frame set.




Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Monday, April 06, 2009

Leser fragen, Leser antworten (I): Volk, apropos Hegel und apropos Frankfurt

Rainer Erlinger and Reich-Ranicki my ass, dachte sich wohl der Redaktionspraktiant und schlug vor, man solle gar nicht erst versuchen, auf all die Leseranfragen selbst einzugehen, sondern lieber die bizarrsten von Ihnen an die Leser der WALL OF TIME zurückspielen und auf die so oft beschworene Intelligenz der Emergenz setzen, auf dass Schlaues zu Wort werde. Wohlan.
Den Beginn macht unser treuer Leser
Lars Meyer, MSc, Linguist, der auf eine besonders schwierige Leserfrage antwortet.

Q: Liebe WALL OF TIME, was hat es eigentlich mit dem Wort Volk auf sich? Yours truly, Eugène Ionesco (und seine Nashörner)

Lars Meyer: Eine berufsmäßig notwendige Frequenzuntersuchung in sowohl nationaler als auch internationaler deutschsprachiger Datenbank findet Volk unter den ersten einhundert Substantiven, bei einer Datenbankgröße von 6 Millionen Tokens, respektive. Schmunzelnd ich, als Grundlagenforscher und somit letzte Ethik–, Ordnungs– und Bewertungsinstanz, im Kant’schen Reich der Zwecke fein raus.

Erst einmal wat-dat-allens-gift gedünkt der niemals über seine Methode hinaus geratene Korpuslinguist, faschistoid der selbstgerechte Diskurs­wissenschaftler, egal dann wieder ich, weil ja in Korridoren agierend und—“Skeleton in the Cupboard”—Fortschrittsoptimist, die Frankfurter Allgemeine Zeitung unkenruft vom Ende, dem finanziellen, des Berufsnazitums, als wäre das ein Zeichen gesteigerter Volksmor­ali­tät, vermittelt wie der etwas ältere G.W.F. Hegel, um einhundertachtzig Grad, wohl– und doch wieder unbemerkt.

Zum einen kommt der “Weltgeist [zwar manchmal, L.M.] zu Pferde”, aber immer zyklisch und in zeitlich a priori unbestimmtem Intervall, direktional genauso unterspezifiziert. Ich bin erinnert an die Kollegen um T.W. Adorno, die noch die Kontemplation vor das realpolitische Handeln setzen, das dann zu spät folgte, nur als Antithese, aber es hatte ja auch niemand etwas von kritischer Praxis gesagt. Der Zyklus wälzt unverändert, aber ich muss die zyklische Zeitigung und Phäno­meno­lo­gie—Diskurs­phäno­meno­lo­gie—nicht nur der Medienwelt, sondern auch unserer eigenen Kritik anerkennen, und entdecken, dass wir auf der Sinusschwingung Weltgeistwelle surfen, allenfalls Nebeldichte und Sichtweite ein wenig durch unser selbstaufklärerisches Handeln steuernd. Die Entkoppelung von zyklischem Diskurs und zyklischer Lebenswirklichkeit. “Die Schriftsteller, die ein verstiegenes Bild des kämpfenden Arbeiters schufen, und verzagten, wenn sie dem wirklichen Arbeiter begegneten, mit seiner Schwäche und seiner Stärke, seiner Kleinheit und seiner Größe.”—Toller, der sich spät–früh, aber wenigstens, schämt.

Ob nun Selbstgerechtigkeit der schlauen Menschen oder Selbstgerechtigkeit der Idioten, wen eigentlich noch in Schutz nehmen, woher und wozu eigentlich diese Wurst-und-Käse-Attitüde nehmen wenn nicht stehlen, in Ermangelung besseren Wissens. Kopfhörer und Kontemplation, und niemals ohne Liebe aus dem Haus gehen.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

Monday, March 23, 2009

Gespenster

”None of the things you make up will be as hair-raising as the things people tell you”
—W.G. Sebald, to his students

Vor langer, langer Zeit wandelte ich mit Bruder und Freundin über einen kleinen Krämermarkt inmitten Berlins, und folgender dreisätziger Dialog trug sich zu.

(Freundin) “Schau mal, eine Barbie.” — (Ich) “Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon.” — (Bruder) “Ein schlechter Scherz.”

Damals war Klaus Barbie wegen seiner späten Verurteilung ein Name und ein Gesicht des täglichen Lebens gewesen, und ausser darüber, wer in unserer Familie die wirklich guten Sprachscherze macht, sagt diese Geschichte wenig aus, und sie wäre nicht wert berichtet zu werden. Wäre mir da nicht, so unvermittelt, inmitten einer sehr prosaischen Dienstreise, dieser Tage das Gespenst Klaus Barbie begegnet; und das kam so.

Die gastgebende französische Kollegin führt mich auf einen großen Exerzierhof, mit Trikolore, in saftigen Sonnenschein getaucht, wie ich sie nur aus Inspektor Clouseau-Filmen kenne, und von denen ich dachte, Blake Edwards hätte sie erfunden. Wir sind unterwegs in ihr Büro, in dem den Hof umgebenden Gebäude. Wir halten aber inne, und sie erklärt mir, eher eine Fremden­führerin imitierend als eine sein wollend, dass sich hier im Hause auch das Museum der Résistance befinde, und die Institute für Human– und Sozial­wissen­schaft­en. Hellhörig werdend folge ich ihr ins Haus und in den Aufzug.

Dort lese ich, dass alle Seminarräume im Haus un­gewöhn­lich­er­wei­se nach Personen benannt sind. Auf mein Nachfragen hin bestätigt sich, das alle diese Namen Personen gehörten, die sich den deutschen Besatzer auf die eine oder andere Art widersetzten und dafür in eben diesem Gebäude, in den Kellerräumen, ihr Leben ließen oder eine Fahrkarte nach Ravensbrück oder Sobibor oder zu ähnlich unheils­schwang­eren Orten zugewiesen bekamen.

Ich verstehe, plötzlich: Ich bin in Lyon. Dies war der Bauch des Leviathan, dies ist das Haus Klaus Barbies. Hier hatte er munter versucht, den französischen Widerstand auszurotten, um in der damals beliebten Diktion zu bleiben. Wir gehen in den Gewölbekeller hinab, später; ich lese neben jeder der sehr frisch gestrichenen grossen Türen die fremden französischen Namen und verstehe sonst nur noch die vertrauten deutschen und polnischen Dörfer, die zu so unheilvollem Ruhm gelangten. Dissoziativ und filmartig wird alles; wie in einem Photoshop-Effekt zieht mein Hirn die Farbe, den Teppich und die Hinweisschilder ab; was bleibt ist ein Kellergang mit vielen verließartigen Türen und—als Metonymie gleichsam—mit allem, worauf man als Enkel des Westfeldzugs eben so stolz sein kann.

Die Kollegin zeigt mir dann endlich ihre schöne neue Versuchskammer hier unten, mit riesigem Bluescreen für Video-Aufzeichnungen, mit einem noch ganz nach Verpackung duftenden Mikrophon und teurer Schalldämpfung. Alles ist bereitet, damit in diesem Keller mit harmlosen EEG-Experimenten an gesunden Studenten etwas Sinnvolles herausgefunden werden kann.

Als wir später auf der Autobahn von fast allen ent­gegen­kom­men­den Autos vor den Polizeikontrollen gewarnt werden mit Lichthupen, und als dann noch später am Bahnsteig alle gemeinsam—mit satten 68 Euro strafbewehrt und guter Dinge—gegen das Rauchverbot anrauchen, dünkt mir, wieso Lyon ein Museum für die Résistance hat und zuhause man sich kaum an Georg Elser erinnern kann.

Friday, October 31, 2008

Moderne: Umnutzung

«Between 1940 and 1945 more than thirteen hundred human beings were killed within the confines of a building in Dresden’s comfortable southern suburbs (known as the Südvorstadt). The building, the Justizgebäude, housed the central courts and central remand prison for the whole of Saxony. At the time it was built, in 1907, it was considered and advanced, model institution—with the offices of the clerks and prosecutors, the courtrooms, even the cells where the accused were held awaiting trial, seen as spacious, light and airy. The facilities, even down to a prison library and the visiting room, which separated prisoners from visitors by a wide table rather than a set of bars, were absolutely modern.

Despite its potentially solemn, even grim purpose, the Justice Building, which vaguely resembled the tastefully fortified residence of a middling-ranked princely family, was reckoned by a contemporary critic to be ‘not whole foreign to a sense of benevolent humanity’.»


—Taylor, F. (2005), Dresden, Bloomsbury Paperbacks, p. 182



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Friday, September 05, 2008

Schwarzweisser September

Der blinde Fleck, wieder. Die Jahre, die ich verpasst habe. Eine Re­publik, auch, die ich verpasst habe, oder die Idee einer Republik.

Eine Idee: Die Idee, die in meinen Ohren nach Otl Aichers Picto­grammen und nach der Leichtigkeit von Günter Behnisch klingt—und noch nicht nach dem vergilbten Plastik, das ich dann Anfang der 1990er Jahre vor Ort sah und das mich eher an einen alten Fahr­rad­schup­pen erinnerte.

Die Idee auch, die—of all possible choices—Joachim Fuchsberger ans Stadionmikrophon setzt, Peter Herbolzheimer die Einmarschhymnen arrang­ier­en lässt, und die nur noch unbewaffnete und am besten als Hostessen getarnte, also auch Hostessen seiende Polizisten duldet.

Meine Eltern hatten sich extra den Farbfernseher angeschafft. Dieser strahlte dann später bis eben in jene frühen 1990er Jahre auch Farbe auf meine Netzhaut. Das drastische und plötzliche Ende dieser Idee eines anderen Landes, genau heute vor 36 Jahren, lebt also als Höhlengleichnis weiter; und seine Reflektionen und sein Nachhall, der uns heute bei jeder Flughafenkontrolle, jeder Groß­veranstaltung jeden Tag im Auge, im Ohr und ein bisschen an der Seele schmerzt, sind immernoch spürbar.



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Monday, August 11, 2008

Der alte Mann und die Wellen

Ein Bild drängt sich auf. Das Bild des sehr alt gewordenen Rechtsgelehrten Carl Schmitt. Schmitt, der immer gerne aus diesen leicht falschen Gründen verehrt wird. Schmitt, wie sein Gehirn langsam aber unumkehrlich sich der Nacht zuwendet. Und wie er sein ihn selbst und seinen Ruf wohl noch lange überlebendes total-politisches Bonmot von der Souveräntät und vom Ausnahmezustand, selbst in einer Welt lebend, die er nicht mehr verstanden haben mag, radikal erweiterte. Vielleicht ahnte er nicht einmal, wie nah seine Altersparanoia ihn an die Wahrheit, unsere heutige Wahrheit, geführt hatte. Nun, dieser Carl Schmitt wird zitiert mit den Worten:

“Nach dem ersten Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‘Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet’. Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‘Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.’”[1]

Die Wellen des Raumes also. Der Schall, die Radiowellen, das langsame Pulsieren des Globus, jener großen subsonischen Basstrommel; meinethalben auch das Donnern der Somme-Schlacht, das die englische Familie in Hampstead Heath nicht überhören konnte, und heute, über allem, das leider unhörbare Surren der Wireless LAN-Kommunikation.

All dies Wellen des Raumes. Als Greis also soll Schmitt so einmal gesprochen haben, und er nahm um Jahrzehnte die jetzt virulente, angstvolle und unheilschwangere Stimmung der querulatorischen Gymnasiallehrer und Alternativmediziner, der Globalisierungsgegner und Total-Aussteiger vorweg.

Aber auch ganz bei Trost kann man sich an Schmitts Diktum und an seiner Wahrheit erfreuen, und wenn wir unsere Späße über die großen Ingenieursleistungen der totalen Einwicklung machen, so bleibt es doch wahr: Längst ist es nicht mehr das Land, auf dem ich stehe, sondern es sind ebendiese Wellen des Raumes, jene die ich verstehen und dekodieren kann, im Radio, im Fernsehen, am Mobiltelefon, genauso wie jene, mit denen mein Gehirn scheinbar nichts anzufangen weiss, auf denen mich mein Schicksal ereilt. Please keep all electronic devices switched off during our flight.


[1] Zitiert nach Christian Linder (2005), Freund oder Feind, Lettre International, 68: 95. Zeitlebens habe Schmitt Angst vor Wellen und Strahlen gehabt. Radio oder Fernsehen ließ er Berichten zufolge in seiner Wohnung nicht zu, damit nicht “Ungebetenes wie Wellen oder Strahlungen” in seinen Raum eindringen konnte. Schon in der Nazizeit habe, wenn jemand eine Rede des Führers habe hören wollen, ein Radio ausgeliehen werden müssen. Cf. Linder, p. 84

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Friday, August 08, 2008

Why the Olympics will not take place

Weit entfernt, in einem Land, von dem ich nicht wissen kann, ob es wirklich existiert, so wirklich wie die Wiese vor meinem Balkon—dort haben sie heute ein Fest der Völker eröffnet, ist das ein Wort von Riefenstahl?, da muss man ja immer aufpassen.

Dort, weit entfernt also, heisst es, gebe es ein Vogelnest, so nennen es alle ganz repetitiv, und ein schlauer bärtiger Künstler, der auch gerne mit deutschen und amerikanischen Zeitungen spricht, erzählt von seinem Nest und von dem Land, in dem es steht, und wie er mit den lustigen zwei Schweizern es sich ausgedacht hat.

Und ich fände es nun prima, wenn mein Onkel Baudrillard anrufen würde, und wir würden uns in seinem wunderschönen Deutsch, das mich immer an Tommi Ungerer erinnert, über das unterhalten, was wir da “live” auf unseren Fernsehgeräten sehen. In Amerika, das gibt es, dort war ich schon, dort jedenfalls werden sie die Bilder sogar mit großem stundenlangen Zeitversatz zeigen, und während ein deutscher Reporter dies etwas hämisch und irgendwie anti-amerikanisch bemerkt, “live” aus Peking, gibt es einen halbsekündigen infernalischen Wiederhall, ein sogenanntes Feedback, und ich sage zu Baudrillard, ob er auch dieses Hallen gerade gehört habe, da hätten sie wohl gerade ein neues Patch in die Matrix eingespielt, und wir lachen.

Dann schlafe ich ein bisschen, ich nicke so weg, über einem Buch über Franz Gsellmanns Weltmaschine, und alles macht auf einmal Sinn, als Onkel Baudrillard noch einmal anruft. Ob ich ich die ganzen sogenannten “mündigen Athleten” gesehen habe, die seit 05 Uhr 45 zurückschossen. Tatsächlich, nicht mehr Winken und Sich ablichten lassen; nein, mit Digitalkameras bewehrt, aufs Display ihrer Geräte schauend, während sie in Horden durch das Vogelnest schreiten, filmen und photographieren sie selbst das Stadion, die Klaqueure, die Staatschefs, die Kameras, uns an den Geräten in der wirklichen Welt.

Mir ist leicht zumute, und ich laufe aus dem Haus.


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Friday, July 25, 2008

Drachenhaut

Für einen Moment erstaunt mich am meisten das Fächern des Sandes über die seltsam unpassend klinkerverkleideten Wangen der Quai-Ruine. Ein warmer Wind streicht mir über die Stirn, und unter mir zittert das Fundament eines schlafenden Riesen.

Fünfzehn Meter tief in den Boden der Prorer Wiek geschmiegt, durchgängig dreigestöckig über die gesamte Strecke seines fast fünf Kilometer langen Leibes, liegt es da. Wie die verdörrte, vielleicht sogar versteinerte Haut einer aus­gestorbenen Echse. Das Drachentier ist fort, verbannt, keiner der noch lebenden Inselbewohner will es gesehen haben. Nicht der freundliche Fischfritteur mit den Tabakresten im Schnautzbart, und auch nicht der ennervierende Fremdenführer mit seinen—ist das irgendwie so ironisch gemeint?—Camouflage- und Militaria-Versatzstücken aus dem Billigstversandhandel und seiner Volksarmee-Vergangenheit und seinem «Die dort oben»-Sermon.

Vom Drachen selbst hat er auch nichts zu berichten, nur vom genialischen Baumeister mit dem etwas zu nahe­liegenden Namen Klotz. Von den 72 Millionen Reichsmark, die sie beerdigt haben, mit Schaufeln nur und ganz wenigen Maschinen, in Windeseile, bevor es daran ging im Osten mit dem wirk­lichen Beerdigen zu beginnen.

Wenn man dort steht, auf diesem Fundament, und in den herrlichen Kiefernwald hineinschaut, oder auf die See hinaus, wenn man den Aufbruch und die Anmut zulässt, die unwillkürlich aufsteigen, dann hat der Drache bewiesen, wieso er so erfolgreich sein Lied singen konnte in jenen Jahren, und am liebsten will man sofort mithelfen, alles gut werden zu lassen.

Ich kann, wenn ich meiner Faszination für Ordnungssysteme aller Art auch nur einen Hauch von Raum lasse, nicht gedanklich verharren in dieser Ruine; ich muss zurück in der Zeit, um viele Jahre, die sich wie Zeitalter ausnehmen, angesichts der irreversiblen Ungeheurlichkeiten die ihren Lauf nahmen, als dem Drachen hier die Kraft verging und sich alle, die an seinem Drachenkostüm mitwebten, sich ihrer eigentlichen Boshaftigkeit wieder zuwandten. An diesem Punkt der Geschichte will man chronochirurgisch eingreifen: Die Mendelssohnschen Rundungen dort oben vollenden, und die Platten aus Muschelkalk endlich anbringen, und die grässliche Festhalle ganz aus dem Plan streichen, und ich will das Wellenbad in Betrieb nehmen, und die Besucher zum Strand laufen sehen mit den Kindern, alle für sich, in verrückten unberechenbaren Bahnen, jedes für sich in seinem Rhythmus, nur geeint in der Freude, hier zu sein, am schönsten Strand dieser Welt.

In solch alberne, ahistorische und meinethalben rührselige Gedankenspiele drifte ich unwillkürlich, bis die Nervensäge in Tarnfarben zum wortreichen Rückmarsch bittet.

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Monday, July 21, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. IV)

Heute ein weiterer längerer Abschnitt aus meinem eher mühsamen, vielleicht auch müßigen Versuch, endlich etwas über die Emergenz des Totalen zu destillieren. Leserzuschriften, auch per Email, sehr erwünscht.

Auszug aus dem Teilabschnitt “Das totale Wissen”

[…] Unser junger Mann aber ist selbst überrascht, welche Emotionen dieser ja nur scheinbar neue und doch eigentlich gar nicht unpraktische Dreh in der zunehmenden Tendenz, lernende Algorithmen mit Internet-Benutzer-Interfaces zu verknüpfen (wie auch kommerziell sehr erfolgreich von dem ehemaligen Internetbuchhändler Amazon.com etabliert), in ihm auslöst. Er schreibt umgehend an den neuen Pandora.com-Jünger:

“Grundsätzlicher nun doch: Dich als Computerlinguisten macht das natürlich an, wenn so was funktioniert. Aber ich bin unterwegs zu anderen Sternen. Ich will nicht mehr erforscht, (falsch) verstanden, durchleuchtet werden. Es ist leider so grundsätzlich, dass ich von Websites, die aus mir lernen wollen, es mir recht machen wollen, mich einlullen wollen, echt zu viel habe. Für mich ist das ein Teil der großen totalen Maschine. In einer Linie mit den Faschisten von Google und Microsoft. ich kann es leider nicht un-emotionaler sagen, gerade heute, zwei Tage nachdem ich für einen USA-Flug gebeten wurde, Passnummer, Pass-Ausgabedatum und -Ort, Geburtsdatum sowie mein Hotel in Atlanta anzugeben—zwei Monate vor Abflug!, und einen Tag nachdem man keine Telefone, keine ipods und keine Wasserflasche mehr an Bord eines Öffentlichen Verkehrsmittels nehmen darf. Ich bin jeden Tag auf 300 CCTV-Kameras, da will ich wenigstens für mich behalten was auf meinem Mp3-Player läuft. So grundsätzlich ist meine Abwehr gegen das totale Wissen inzwischen.”

—Soweit der junge Mann. Es ist instruktiv, sich die gewollt wirkende Anachronizität seiner Worte zu vergegenwärtigen, die Flucht ins Poetische, und das Verzweifelte, das daraus spricht. Es ist der altbekannte kulturpessimistische Reflex, der sich hier heraushören lässt, und auch der Ton des Überforderten, der sich ins Grundsätzliche flüchten muss, weil die Vielzahl der einzelnen, Unbehagen auslösenden Ein-Drücke zu groß zu werden scheint.

Wo befindet sich dieser junge Mann? Es scheint, als ob an diesem modellhaft verdichteten Punkt alte, bekannte (staatlich initiierte) Mechanismen der Repression und Überwachung (die, obwohl als potentiell bedrohlich bekannt, vertraut sind und die vermeintlich eingeordnet werden können in bestehende Deutungsmuster, wie oben dargelegt) und neue, ihm noch unbekannte (nach-staatlich initiierte) Dimensionen der Durchdringung und Berückung ineinander greifen—Überwachung gelingt, auch ohne dass nur ein einzelner Handelnder sie initiiert hätte oder ein Einzelner unmittelbaren Nutzen daraus zöge.

Die drei gewählten Beispiele (nur das Dritte ist hier wiedergegeben, Anm. Wall of Time) demonstrieren desweiteren die verblüffende Effektivität der Überwachung: Ebenfalls schneiden und verdichten sich hier nämlich drei quasi vertikale Schichten unterschiedlicher Granularität und damit auch unterschiedlicher persönlicher Relevanz und Intimität: Erstens eine globale, aber abstrakt bleibende, alle betreffende Schicht (Anschlag, Restriktion, Sicherheit); Zweitens eine mittelbare, dazwischenliegende, inter-personale Schicht (die Fluggesellschaft und ich, evtl. der Staat und ich; allerdings auch Du/Ihr und ich auf Gemeinschaftsportalen wie myspace.com oder in den explizit persönlichen Mitteilungen in Internettagebüchern); sowie drittens eine sehr lokale, individuumsfokussierte Schicht (Pandora.com, Amazon.com; persönliche Gewohnheiten, Vorlieben, sog. Eigenheiten, einigermaßen nutzlos—auf ersten Blick—für Dritte). Nur am Rande sei angemerkt, dass das Musikportal Last.fm mit seinem Protokollieren und Detektieren von Musik-Hörgewohnheiten sowie dem beabsichtigten Zusammenführen von Menschen mit ‘ähnlichen’ Hörgewohnheiten hier eine interessante Zwischenstellung zwischen interpersonaler und lokaler Ebene einnimmt, genauer betrachtet zwischen lokaler Schicht und einer Textur, Verwebung aus zahlreichen interpersonalen Schichten.

Es ist diese, erst durch Algorithmik und Vernetzung möglich gewordene Qualität, die den Anschein des Entstehens (der Emergenz) von etwas gänzlichen Neuem nicht abzustreifen vermag—und die uns deshalb zu interessieren hat, wenn wir verstehen wollen, wie solche Verwebungen und Einbettungen intimer Eigenheiten des Individuums in interpersonale Netze und gegenseitige Kenntnis zurückwirken auf empfundene und tatsächliche Freiheit des Einzelnen.


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Monday, July 07, 2008

7/7

“Trauma is frozen time.” (Horst Obleser)

trauma |ˈtroumə; ˈtrô-|
noun ( pl. -mas or -mata |-mətə|)
ORIGIN late 17th cent.: from Greek, literally ‘wound.’


Tuesday, June 24, 2008

Kaufbefehl


In Iron fists. Branding 20th-century totalitarian states, Steven Heller approaches the 20th century totalitarian attempts of Germany, the USSR, China and others with the scholarly eye of the typograph, designer and expert for corporate identity.

Quite rightly and timely so, as one might ask (with not too much headway made, 50 years after Hannah Arendt): How—if not via their surface and looks and self-concept of corporate design, folk myth and branding—are we supposed to finally understand these opaque regimes?

“Ein wahrnehmendes Denken dieser Art—also […] ein aisthetisches Denken, das sowohl Ästhetik wie Anästhetik umfasst—scheint mir gegenwärtig aus nicht etwa, wie manche argwöhnen, modischen Gründen, sondern wegen seiner Begreifenskapazität und Wirklichkeitskompetenz an der Zeit zu sein. Es ist—so meine These—heute das eigentlich realistische, will sagen: das der gegenwärtigen Wirklichkeit (der schier nichts mehr gewachsen ist) noch am ehesten, nämlich wenigstens stellenweise gewachsene Denken. Die einst für dubios gehalteten ästhetischen Perspektiven erweisen sich zunehmend als die wirklichkeitsnäheren und erschließungskräftigeren.” (Wolfgang Welsch)

Friday, June 06, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. III)

Heute ein etwas längerer Abschnitt aus meinem eher mühsamen, vielleicht auch müßigen Versuch, endlich etwas über die Emergenz des Totalen zu destillieren. Kommentare per Email sehr erwünscht.


Teilabschnitt “Nichts zu verbergen: Das totale Dasein”

Vernetzung findet statt—das internet, das worldwide web: Diese Namen tragen in sich den Optimismus einer früheren Zeit, und doch bezeichnen sie ihren Gegenstand sehr treffend. Ein Netz webt sich, und jeder beliebige Punkt kann als Ausgangspunkt gewählt werden für die Betrachtung dieses Flechtwerks. Solch ein beliebiger Punkt kann, hilfreich für unsere Überlegungen, ein einzelner Mensch sein.

Dieser Mensch legt seine Fäden aus, er sammelt sich, was er braucht, als Ertrag seiner Flechtarbeit. Natürlich interagiert er dabei zwangsläufig mit Strukturen und anderen Individuen. Und, einige dieser Strukturen, die wirkmächtigsten Webmeister sozusagen, betreiben den Datenverkehr als Geschäft: Sie bieten Waren feil, welche teilweise noch sehr altmodisch per Post verschickt werden müssen, oder transferieren gegen elektronische Zahlungshandlungen Datenpakete, die der Kunde (unser einzelner Mensch) wünscht, Musikstücke, Filme, oder—noch etwas abstrakter—spezifisch für ihn erbrachte Dienstleistungen, wie z.B. Anfertigungen von Steuererklärungen oder Intelligenztests (um im Sinne einer Zuspitzung die sensitivsten Beispiele zu wählen).

Bei diesen Kommunkationsakten entstehen natürlich Spuren; Webfäden, Zeugnisse werden abgelegt, die Bewegung in diesem second life [1] ist stets (allumfassend, also geltend für alle Navigierungen zu allen Zeiten) detektier–, aufzeichen– und zuortbar.

De facto, und es langweilt fast etwas, dies hier zum Zwecke der Vollständigkeit wiederholen zu müssen, ist jede Bewegung unseres Individuums durch Dritte einsehbar, nachvollziehbar, ganz besonders einfach aber natürlich, wenn große Teile dieser Bewegungen via Knotenpunkte eines umfassenden Dienstleisters stattfinden (derzeit heißen die Protagonisten Google, Amazon, Myspace, Facebook—wie ist dies, jetzt, in unserer Zukunft und Ihrer Gegenwart, wenn Sie dies lesen?). Graduierungen des hierfür nötigen Aufwands bestehen natürlich, sind aber im Rahmen unserer (nur geringfügigen) gedankenexperimentellen Zuspitzung hier völlig irrelevant.

Es wäre hochgradig albern, das Sammeln dieser durchaus persönlichen Daten, dieser Spuren und Abbilder unserer Vorlieben und Eigenheiten, dem einzelnen Unternehmen oder der Muttergesellschaft übel nehmen zu wollen. Ein Unternehmen (man beachte auch hier bereits das immanent kopflose, und insofern emergente, Wollen einer Unternehmensstruktur) kann nichts anderes wünschen, als seinen heutigen und künftig zu erwartenden Gewinn zu mehren. Dies war schon immer so, und wird und soll immer so sein. Ein mögliches Problem hierbei mit direkter Relevanz für das Entstehen des (siehe Teilüberschrift) totalen Daseins ergibt sich aus der schieren Möglichkeit zur Erfassung der Daten des Einzelnen, die im Rahmen der unternehmerischen Logik natürlich unbedingt auch ausgeschöpft werden muss. Gleichzeitig haftet den Versuchen (national-)staatlicher Regulierung etwas Hilfloses bis Absurdes an im Angesichte der inhärenten Internationalität globaler (und ganz besonders Internetbasierter) Unternehmensstrukturen.

Meine Daten werden also erfasst, nicht weil es verfügt worden sei, sondern weil es möglich ist. Ich selbst wirke daran mit, es ist impliziter oder expliziter Gegenstand des Vertrages, der mit jedem Datenverkehr zustande kommt. Nichts ist umsonst, und die Währung in der ich bezahle, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als mein selbst mit seinen Facetten, Vorlieben, Eigenschaften, vorgetäuschten wie echten wie, ganz postmodern, echt vorgetäuschten [2].



[1] Dieser Begriff (second life) wird hier natürlich mit Absicht gewählt, um den bemitleidenswert lächerlichen und überflüssigen Anbieter der eponymen virtuellen Spielwelt, Linden Labs Inc., als solchen zu kennzeichnen. Das wirklich zweite Leben findet längst statt, auch ohne schlechte Animationen, virtuelles Geld und virtuellen Sex.

[2] Der am ehesten noch anarchisch zu nennende Murdoch-Spielplatz myspace.com hält hier mit den dort vertretenden zahlreichen toten Philosophen, Heidegger, Nietzsche, Spengler, Baudrillard und aufgelösten Bands (noch) eine Sonderstellung inne und eine besondere Einladung zum postmodernen Spiel mit den Identitäten aufrecht. So schreibt eine myspace-Identität, die den Namen und das Bild des deutschen Journalisten Ingo Niermann trägt, mit gebleckten Zähnen in der Kommentarleiste der myspace-Präsenz eines anderen deutschen Schriftstellers, an die Adresse eines verwunderten anderen Besuchers (der sich fragte, wie dieser Schriftsteller doch hier das [impliziert: banale, unwürdige] Spiel der Sozialen Online-Netzwerke mitspielen könne): “Alexander—woher wissen Sie denn überhaupt, dass das hier Christian Kracht auf Myspace ist, der ‘Leute added’?”


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Monday, June 02, 2008

Gedächtnis-Manifest, erster Paragraph

Ehrendes Andenken: Was ist das? Und, wer wird geehrt? Der Ehrende, der Geehrte, der Andenkende, der Angedachte?

Warum sollte man die Windmühlenstraße nicht in Stalin-Straße umbennen? Wäre es nicht viel ehrlicher, die Windmühlenstraße, in der—ich zähle:—keine Windmühlen stehen, in Stalin-Straße, in der mindestens zwei riesengroße—stalinistisch mindestens inspirierte, wenn nicht, der Einfachheit und Ehrlichkeit halber: stalinistische—Riesen-Großbauten stehen, umzubenennen?

Warum ist es denn ein besseres Mahnen für die Opfer des Stalinismus, derer es ungezählte gibt, keine Stalin-Straße zu haben?

Es ist doch ein ganz albernes Spiel mit dem Straßen-Umbenennen. Es ist ja eigentlich das Stalinistischste überhaupt, Straßen umzubenennen. Wenn Stalinismus als Ideologie für irgendetwas steht, dann für das Negieren von Geschichte, das Auslöschen von Geschehenem. Insofern gibt es wenig stalinistischeres, als stalinistische Bauten abzureissen, oder imposante Stalin-Straßen in weinerliche Windmühlenstraßen um– oder von mir aus auch rückzubenennen.

—J.O., Café Cantona, Stalin-Straße, 04103 Leipzig



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Friday, May 02, 2008

Alles ist erreicht.

Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen. So pathetisch stand dieser Satz in einem an Pathos insgesamt nicht armen, mich dennoch oder gerade deshalb jahrelang begleitenden Artikel des leider sich meinem Verständnis mittlerweile völlig entziehenden Ulf Poschardt, in einem Spiegel Spezial “Pop und Politik” aus dem Jahre 1994.

(Als Fussnote sei erwähnt, dass in selbem Heft, das in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz hält, der aufs Angenehmste gegen Pathos immune Christian Kracht mit einem Vorabdruck seines ersten Romans vertreten ist; von Taxifahrern, die aussehen wie Nazis, ist die Rede.)

Alles ist also in der Tat erreicht, dachte ich gestern; alles ist doch richtig und wunderbar, und es ist etwas gelungen in meinem Land, wenn ich mit einem in England lebenden Deutschen und einem in Sachsen lebenden Bayern das hervorragende Ad hoc Konzert eines singenden Kraftsportlers besuche, der eine Cover-Version des Überhits “Mongoloid” von Devo im Programm hat, mit homosexuellen, männerbündischen und Riefenstalinistischen Konnotationen völlig selbstverständlich und angenehm post-ironisch um sich wirft in dieser ostdeutschen Hinterzimmer-Galerie als wären es seine Ringergegner, und wenn wir drei im Taxi zurück dann mit unserem iranischen Taxifahrer Pashootan zusammen aufs Lauteste und ebenfalls Unironischste Iron Maiden’s Run to the Hills zelebrieren. Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen.

Thursday, March 20, 2008

Botho Strauß on Time (III)

Es ist diese gelungene, eindringliche und stets leicht traurige poetische Figur, die Botho Strauss strichelt für uns, immer aufs Neue, in wunderschönen Iterationen desselben:

“Was aber, wenn er dennoch ein empfindlicher Chronist bleiben möchte und dem Regime des totalen öffentlichen Bewusstseins, unter dem er seine Tage verbringt, weder entkommen noch gehorchen kann? Vielleicht wird er zunächst gut daran tun, sich in Form und Blick zunutze zu machen, worin ihn die Epoche erzogen hat, zum Beispiel in der Übung, die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen und erst recht scharfumrandet wahrzunehmen. Statt in gerader Fortsetzung zu erzählen, umschlossene Entwicklung anzustreben, wird er dem Diversen seine Zonen schaffen, statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen. Er wird sich also im Gegenteil der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, anstatt sich ihr verhalten entgegenzustellen.”

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Tuesday, March 18, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. II)

Ein kleiner Denker gerät ins Stocken. Zu groß und auch noch etwas zu heiss das Eisen, dass er angepackt hat und schmieden will. Ein wirklich toller Titel (inklusive ganz distanziert-seismographischer Selbsteinordnung), eine Zusammenfassung (siehe unten; engl. so passend abstract, dem Jünger’schen Duktus—halb ironisch und halb bewundernd—folgend in nummerierte Abschnitte gefasst) und insgesamt 4134 Worte Rausch, Halluzination, und noch wenig, das dem eigenen Anspruch zu kohärentem Argument genügen würde. Aber lesen Sie selbst.


Die Emergenz des Totalen — Eine Bestandsaufnahme

DIE SITUATION: 1. Vernetzung und Wechselbeziehung durch Austausch und Zugänglichkeit von Information zwischen den Menschen, allen, auch denen, die sich nicht kennen, ist nun möglich, findet statt.

DIE DIAGNOSE: 2. Diese Vernetzung korrodiert tradierte Größen des Raumes und der Zeit. 3. Damit wird Totalheit—wie von den großen bösen Erzählern des 20. Jahrhunderts lediglich erstrebt—möglich.

DER POSTULIERTE MECHANISMUS: 3. Totalheit erzeugt Starre, Starre bedeutet Unfreiheit: Totale Einbindung, Mobilmachung, Gleichschaltung und Kontrollierbarkeit haben für (fundamental als gut und erstrebenswert betrachtete) Eigenschaften wie Freiheit des Willens, geistige und physische Unversehrtheit, und Freiheit der Meinung Folgen—Folgen, die als nachteilig und böse betrachtet werden können.

4. Die neue Totale wird von niemandem angestrebt, keiner kann belangt werden, und jeder Einzelne webt daran mit. Versuche, die Bösewichte zu benennen, führen ins Absurde: “Das Internet”, “Google”, “Microsoft”. Die beiden Letztgenannten können besten Willens als derzeit größere Anteilseigner an der Börse des neuen Totalen verstanden werden.

5. Wie geschieht Böses aus der Totalheit heraus? Hier sind die Lehren aus den totalitären Versuchen des 20. Jahrhunderts durchaus instruktiv: Totalheit wirkt zurück aufs Individuum, verändert sein Erleben—damit zwingend seinen Erlebnisrahmen—damit hochwahrscheinlich auch sein Erleben und seine Interpretationen von Recht und Unrecht. Taugen individuelle, nur auf Empathie oder gar Altruismus gegründete Werturteile bereits in der prä-totalen Gesellschaft wenig, so ist anzunehmen, dass ihr schützender und schonender Einfluss proportional zur Geltung des Individuellen insgesamt schwindet.

DAS FAZIT: 6. Es ist Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts auf verstörende Weise unklar, wie die Antwort des Individuums auf diese totalen Tendenzen aussehen kann, geschweige denn: soll. Das Normative scheitert. Wo kein Schuldiger, da kein Kläger; wo kein Kläger, da kein Unrecht. Das Böse hat sich selbst inkarniert.


Bleiben Sie mir gewogen, während ich versuche, dies alles in vernünftige Worte zu gießen.

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Saturday, March 15, 2008

Einer ist hingefahren für uns

“Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum.” (Friedrich Nietzsche)

Zeitreisen ist möglich. Jetzt. In das jetzt Stattfindende, jeden Tag Stattfindende. In fünfzehn Jahren werde ich sicher meine Forschungsergebnisse eher auf Tagungen in China als in Paris oder San Fransisco vorstellen. Deshalb dringende Kauf– und Leseempfehlung: CHINA RUFT DICH von Ingo Niermann, mit Photographien von Antje Majewski.


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Friday, March 14, 2008

Ramifications (I)


14. März 1942. Heute vor sechundsechzig Jahren. Verzweigungen eines einzigen Tages, die nach vorn wie zurück entlang des Zeitstrahls weisen. Gekreuzte Biographien. Miteinander verspannt und zusammengehalten wie im Blick durch ein Fadenkreuz. Kraków, Polen.

March 14, 1942. Sixty-six years to the day. Ramifications of a single day, pointing backward as well as forward along the arrow of time. Crossing biographies. Locked tight together and held in place as if observed through a recticle. Kraków, Poland.

Wednesday, February 27, 2008

There is freedom in the moment: On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. II)

On a gloomy day in London, it all came together, and began to make sense.

“Dann, siehe Symbolwelt, wieder: der Tavistock Square. Ich sehe, zum ersten Mal, weil ich auf dieser Seite der Strasse immer nur abends, im Dunkeln laufe, die verwelkten Blumen und leeren Windlichter hinter dem schweren gusseisernen Zaun des Tavistock Square Parks: 7/7, seven seven, wie das Ereignis wohl unter Londonern heißt. Ich trete auf den Mauerabsatz, halte mich am brusthohen Zaun fest, und studiere die völlig farblos gewordenen, aber nicht vergehen wollenden Sträuße. Über drei Monate ist es her, aber diese hier sind sicher entweder wirklich die allerletzte Garde, oder sie wurden vor kurzem erst hier abgelegt.

Als ich wieder einen Schritt zurücktrete, studiere ich unweigerlich das schwarze Geländer: ob nicht doch das Ereignis im optisch statischen Teil des Platzes seine Spuren hinterlassen hat. Das Blut von der Häuserwand gegenüber hat man entfernt, das ist naheliegend. Aber es gibt und gab ja andere Probleme als Kratzer im Lack des Zauns. Und ich sehe, direkt vor mir, dass einer der alle sechs bis acht Zaunstäbe vorkommenden Zierabschlüsse, in Silber statt schwarz gehalten, unfassbar massiv, ein Zaunstab hat sicher vier Zentimeter Durchmesser, genau dort wo Silber und Schwarz sich treffen angebrochen, fast durchgebrochen, durchgerissen ist. Die Zierkappe neigt sich fast unmerklich fünf, sechs, sieben Grad von der Strasse hinweg, in Richtung des Parks.

Ein Detail, ein leicht beschädigter Zaun. Aber doch ein monströses Zeugnis. In meiner Vorstellung zumindest kann dieser Bruch nur durch im Alltag nicht auftretende Kräfte entstanden sein, kein betrunkener Autofahrer würde es schaffen, dort oben, in Kopfhöhe fast, so selektiv ein Stück des ohnehin ridikül massiven, typisch Londoner Zauns zu beschädigen. Es wird eher eine fliegende Bordwand oder eine Sitzreihe gewesen sein.

Es scheint also, dass der Terror sich dort, in den Details verewigt hat in einer Stadt, die außer in den Seelen ihrer Menschen überall so gut aufgeräumt hat wie möglich.

Das bringt mich zum ersten Gedanken fast dieses Tages: ‘You are on CCTV’, droht ein Pub hier um die Ecke Menschen, die lesen können und gerne in der Mülltonne des Pubs stöbern: Das Schild hängt, etwas zu groß geraten vielleicht, über besagten Mülltonnen. Und in der Tat, CCTV ist überall, und überall wird man darüber auch pflichtschuldig informiert. Big Brother is watching you, so hieß das bei Orwell, und wie habe ich mich als Kind davor gefürchtet. Nun bin ich, sind wir alle jeden Tag auf unzähligen bewegten Bildern. Totalitär ist es freilich nicht, sie haben nicht mal ein Melderegister hier, aber weniger total ist es deshalb ja keineswegs. Wozu ein Melderegister, wenn ich Dich sehe an jeder Ecke, in jedem Pub, und bei der Arbeit.

Hier schließt sich der Kreis, denn Totalität als Begriff ist ja nun gewiss mit dem Namen des für den Geschmack vieler oft etwas zu begeisterten Seismographen Jünger verbunden, und ebenso—oder genau deshalb—sein Wunschleben als Anarch. Und so schließe ich mit Zeilen aus dem Vorwort der sehr, sehr angenehm zu lesenden englischen Übersetzung der Gläsernen Bienen. Dort wird Jünger zitiert mit

‘A happy century does not exist; but there are moments of happiness, and there is freedom in the moment’.”


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Thursday, February 21, 2008

Reflections upon the Great Pyramid

In about two weeks’ time, on Monday 10 2008, a massive gala will be held in Berlin at the Hebbel am Ufer theatre, to celebrate and to present the project of the Great Pyramid. The Great Pyramid was first suggested by German writer and journalist Ingo Niermann in 2006 and found resonance with a group of eager people who are currently promoting and pursuing this idea of a monumental memorial site for everybody and all of us, to be built in the Eastern German pampa. Come along and visit the Gala to learn more or read about it here, here or here (in German). Below you will find a string of reflections upon the Pyramid which I assembled to celebrate this brave and, admittedly, somewhat bizarre idea.


— For Ingo and Jens, the guys with the shovels

There it is, in the East German desert. Outside a city aptly named Dessau. In a region called Sachsen-Anhalt; anhalten, also a German verb, translates best as to stop, to rest. Does time have a hole, and might this hole be found 100 km south of Berlin?

Most people who live there—in our loophole of time and space, where a gargantuan pyramid might soon be growing to a considerable height and hopefully for an unimaginably long stretch of time—outrightly hate the Great Pyramid project. Why? Out of fear? The fear of a sleeping giant. A fear nobody dares to put in words, as of yet: It is already there. The Pyramid has always been there.

The Pyramid plays an ancient, not to say archaic game with its observers’ minds: It makes us believe that we have invented the pyramid, whereas it must have been quite exactly the opposite way around. A Berlin writer and an Erfurt entrepreneur may have hallucinated the concept of a pyramid as a large-scale columbarium, a three-dimensional graveyard with worldwide appeal, also as a timely solution for Eastern Germany's obvious socioeconomic despair; rightly so. But one can hardly avoid the tempting thought that the two simply served as receiving and transmitting media, as prophets articulating the pyramid’s will. They might have been sensitive enough to hear the pyramid’s call: Come and exhume me, resurrect me. Get yourselves a few shovels and help me see the sunlight again.

You are right, this might push it a bit too far, crazy brain scientist! But the general idea has a certain appeal to me.

The pyramid is such an odd concept that even those brave few who had assembled in September 2007 in the de-localized out-of-time middle of nowhere for the first Great Pyramid festival did not really know what they were at. Everybody was very cheerful, and, yes, a certain aura of pathos and avant-garde filled the Anhaltinian air. But it remained a bit unclear what the Pyramid really should become, why we should pursue it. This is the interesting, metaphysical aspect of it: Its raison d’être appears to lie beyond political or rational pro’s and con’s. Its sensual appeal seems to transcend the (admittedly very un-hip) aesthetics of a pyramidal shape. Of course the latter fact, the pyramid as a concept and as a building and all it conveys, is so painfully unhip as if to annihilate hipness altogether. Don’t be fooled by the fifty-odd Berlin Mitte hipsters who had made it to the Dessau desert: The pyramid is not hip.

It is not hip to suggest monuments in Germany, and it never will be again. (I am very much looking forward to how my current home town Leipzig will deal with the centennial of Germany's biggest monument so far, the Völkerschlachtdenkmal.) It is also trés unhip in Germany, usually for good reason, to suggest (as I am doing here) that some project might have a reason to exist beyond ratio and worldly needs: The delusional belief to be destined and sent from above for everybody’s well-being is a genuine sign of fascist argumentation, and the slightest hint of it does not go down well with the German public; luckily enough. But for the sake of it, I allow myself to indulge in the phantasy of the emergent, self-errecting, ever-present Pyramid; the enigmatic, hilarious project that I hardly understand myself, but which is so easy to fall in love with.

The absence of anything cool to the Great Pyramid might be a problem if it would aspire to serve as a club. But it isn’t. It is something more interesting than hipness it has to offer, it is magic.

Now, the founding fathers of the Pyramid again might object here: Jonas, we do not want to push aside people investing in the project of the Great pyramid, or anything; leave us alone with the mystic folk rap. However, it remains a deeply fascinating idea that the Pyramid is there in the Anhaltinian ground; that Ingo Niermann and Jens Thiel were actually very right, more than their meticulous plan to find a site for the Pyramid allowed them to note, when they first stepped on the acres outside Streetz. Not unlike those “energetic” places animals and men seek out alike (Stonehenge, if you know what I am saying), which are constantly used for ritual and worship throughout myriads of generations, and on top of which the churches and temples of various cultures, religious practices and beliefs are built. Why shouldn’t the beginning of an enlightened, transcended, post-religious, post-historical cult to remember our deads and to contemplate our own ends find its pre-determined final destination in the Saxonian-Anhaltinian ground?


[Disclaimer: Nobody of the friends of the Great Pyramid has approved of this wild hallucination of text that you just read, and, yes, I am a scientist rather than a believer in, err, anything. Also, nobody here is planning to found a new church or something. Although, coming to think of it, I think I heard somebody call out last September after the Pyramid festival, in a slightly mad tenor: “ Now, let’s clean this place up, or what!”]