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Wednesday, November 04, 2009

Drei Worte

“Muss ich auch sterben?”
—Rudolf

Das weisse Band.

Nun gut, Das weisse Band von Michael Haneke. Ich gehe kaum noch ins Kino, es ist so irrelevant geworden, für mich ganz persönlich. Doch hier war ein Besuch unabwendbar—das war früh klargeworden in den letzten Wochen und Monaten.

Haneke ist ein großer Moralist, das bringt stets mit sich die Gefahr, völlig danebenzugreifen, in allem, und ganz besonders im Ästhetischen. Vielleicht ist Haneke aber auch ein großer Ästhet; einer, der verstanden hat, dass Ästhetizismus mit der Abwesenheit von Moral nichts zu tun hat. Dieser Film hat—so er denn eine Moral transportieren will, wie man Haneke ja immer sofort unterstellt—die Moral ins Ästhetische , und von dort direkt ins Viszerale übersetzt. Es ist ein grausamer und amoralischer Film, über die—per definitionem amoralische—Grausamkeit, die zwischen und in den Menschen wohnt, für alle Zeit und alle Lebenstage.



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Tuesday, September 08, 2009

When Love breaks down

1. Gestern abend saß der englische Popsänger Robbie Williams auf seinem Bett und weinte ein wenig. Seine neue Single, so nennt man das immer noch, gefiel ihm eigentlich sehr gut. Der alte Trevor Horn hatte sich seiner angenommen, und eigentlich hätte alles so gut werden können. Doch als Robbie nach Hause kam von einem anstrengen Popsängertag, da hatte er in der Post das neue, eigentlich schon sehr alte Album einer längst vergessenen geglaubten Band namens Prefab Sprout gefunden. Er war erschüttert. Erst weinte Robbie ein wenig, weil er gerne weinte zu guter Popmusik. Doch dann fror es ihn: Wieso Paddy McAloon, dieser alte bärtige Mann mit vergehendem Gehör und brechendem Auge? Er war wirklich so alt, wie Robbie sich stets fühlte. Und dieser Paddy McAloon zog also einfach aus seinem legendären Giftschrank ein paar alte Tapes aus den frühen 1990er Jahren und sandte sie an seine Plattenfirma, auf dass diese endlich Ruhe gäbe.

Robbie weinte. Hätte er doch nur einen, einen einzigen dieser Refrains. Eine einzige dieser luftigen Melodielinien, auf seiner eigenen neuen Platte! Sie hatten Robbie überredet in Lederjacke zurückzukehren, mit einem dicken Lächeln und ebensodicken Wollpullovern unter der Belstaff Trackmaster, und den STEVE MC QUEEN zu machen. Und was tat Paddy McAloon, was taten Prefab Sprout; jene, die bereits 1985 – da war Robbie etwa 11 gewesen – ein Album gleichen berühmten Namens veröffentlicht hatten? Robbie weinte noch ein bisschen. Nur einen dieser Songs!

2. Gestern abend ging der englische Produzent Stuart Price durch ein kleine Straße in Hackney. Niemand erkannte ihn, obgleich dieser Stuart Price nicht ganz zu unrecht als derzeitiger Deluxe-Schamane der Popmusik gefeiert wurde: In seinen alechmistischen Händen ward alles zu Gold geronnen in den letzten Jahren, eine müde trainierte Madonna ebenso wie tanzende Fahrzeuge für Citroën, der stark bekiffte George Michael oder die etwas sehr selbstverliebt levitierenden Killers. Doch das war zuviel. Price betrat den kleinen Afroshop und polterte sofort ins Hinterzimmer. Der chinesische Weihsager Dr. Wu hatte ihm, dem damals noch sehr adoleszenten Price, vor einigen Jahren für sagenhafte 74 englische Pfund das Mojo von Paddy McAloon verkauft:

Alun over; no fresh songs; will be deaf soon; now you master.

Seitdem hatte Price sich unbesiegbar gefühlt und hatte seine immer wohl brillianten, aber doch verräterisch saftlosen Keyboard-Teppiche für ein vielfaches dieser kleinen Invesitition an die genannten Titanen verhökern können. Von Paddy McAloon und Prefab Sprout hatte niemand mehr gesprochen, für viele Jahre, und Price wähnte sich sicher. Doch der chinesische Medizinmann hatte ihn wohl übers Ohr gehauen.

3. Bitte, kaufen Sie alle Platten von Prefab Sprout und geben Sie sie nicht mehr her.



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Sunday, May 24, 2009

Ich tanze mit Elfen: Das Andromeda Mega Express Orchestra

„You want to suffer? Go to a rockshow.“ Das ist vom (Rock–)Musiker Jarvis Cocker. Und er hat natürlich recht: Es gibt ja wenig schlimmeres als Konzerte. Die Menschen um einen riechen streng, das Bier wird warm, auf Platte klang alles viel besser, weil der Gitarrist zu faul oder zu unmusikalisch ist, die schönen Harmonie-Gesänge der Studioversion mitzusingen, et cetera pp. Und aus diesen Gründen sollte man auch auf das sogenannte Live-Aufführen von Musik natürlich völlig verzichten, von Hörer–, Veranstalter– wie von Künstlerseite, wirklich große Seelen wie die Beatles und Brian Wilson haben es ja alles vorgemacht.

Gäbe es da nicht ein Orchester. Das Andromeda Mega Express Orchestra. Die heissen wirklich so, und es sind 20 Musikerinnen und Musiker. Sie tragen Röcke, spielen Fagotte und Bratschen, Flöten und Bassklarinetten, und legen wie Ringo Handtücher auf die Standtom, oder sie kommen aus Osteuropa oder Surinam oder von Plan Nine from outer space, man weiss es nicht, und der Schweiz, und tragen putzige Namen wie Andi oder Johannes. Sie benutzen kaum bis keinen Strom, denn der ist schmutzig und rauscht, und, ganz wichtig, weil Ende aller Diskussion und Beginn aller großen Kunst: Sie sind allesamt studierte Musikerinnen und Musiker und beherrschen also schlicht einmal ihre Instrumente und sind zeitlich und räumlich in der Partitur orientiert.

Denn dann kann der Zauber beginnen.

Nachdem Daniel Glatzel, der schlanke Mann an den Klarinetten, sein Orchester und das Publikum im kleinen, stickigen ehemaligen Schnaps­verkost­ungs­etablisse­ment “Horns Erben” zum Abschalten der Mobiltelefone aufgefordert hat, verlassen wir unsere Parking position, taxien die Rollbahn entlang zu einem Surren aus hunderttausend fast sinusförmigen, sich überlagernden Glissandi, die den Bratschen und Violinen und Celli und Flöten und dem (gerne auch mit dem Geigenbogen gespielten) Vibraphon entsteigen, um schliesslich in vollem Schub in ein Reich des nicht geahnten sonischen Glücks aufzubrechen.

Ich stehe in diesem Strom, inmitten der selben stickigen Luft, ein nach Eisenstahl schmeckendes Mineralwasser in der Hand, aber das Andromeda Mega Express Orchestra hat mich längst in seinen Traumpalast entführt, wo Spike Jones und Spike Jonze mit Richard Strauss und Stanley Kubrick um die Wette Rollschuh mit der Weltall-Harfe fahren, wo man lässig Mark Mothersbaugh und Wes Anderson beobachten kann, wie sie eine Fussballmannschaft Elfen und Klabauter zum Mitsingen animieren, und John Zorn und La Monte Young rufen einander verschmitzt Primzahlen zu, und wo das Rattern eines alten Projektors von einem fanatisch und frettchenhaft feilenden Rhythmus-Duo um Andi Waelti und Andy Haberl perfekt simuliert wird.

Situationismus und Perfektion im Detail finden hier ungeahnt zueinander. Gezielte, kontrollierte Massenimprovisation, für die die leider nur als genialisch zu bezeichnenden Kompositionen mit modularen Konzepten Raum schaffen. Die Riesen-Band schert aus in kleinere Formationen; deren Sektionsleiter zählen mit großen Gesten, die das Klopfen auf den Kopf und das sequentielle Einfalten der Finger wie beim Zeitfahren umfassen, auf eine beliebige Achtel im Riesen-Maelstrom eines bösen Grooves (engl. ~ Rundlauf) ihre dann von allen abgefeuerten Skalen ein. Es ist zum Heulen, vor Glück.

Die Späße haben ihren Platz, und tanzen mag man auch, so ganz verhalten, wie ein Hund, der im Traum ja auch nur die Tatzen wippt. Weiße Einhörner mit Nutella-verschmierten Mündern schauen vorbei (das Stück heisst wirklich so), und als Zugabe wird die Komposition eines „brasilianischen Albino-Zwergs“ (es handelt sich um Hermeto Pascoal) neu für dieses Sound-Raum– und Zeitschiff eingerichtet. All diese das Absurde nicht mehr nur streifenden Bilder und Momente leben sorgsam eingebettet innerhalb des Monsters, das das Andromeda Mega Express Orchestra darstellt. Es ist Kunst, die über sich selbst weit hinausweist; es ist Musik, die viel größer ist als ihre Musiker selbst — wie dies ja im Übrigen bei aller wirklich großer Musik der Fall ist; Slayer, die Beatles, Jobim, wenn sie wissen, was ich meine.

Ach so, für die berühmten Geistesverwandten aus Weilheim, The Notwist, haben diese Musikerinnen und Musiker ihre Dienste auch getan. Aber, bitte, kaufen Sie sofort die neue Schallplatte, die von den Musikern selbst als sehr gut und getreu eingeschätzt wird, und stellen Sie sicher, dass sie sobald als möglich das Andromeda Mega Express Orchestra selbst und wahr– und leibhaftig erleben.


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Wednesday, March 25, 2009

Dhanyabaad, masanga aaphnai sooee chha.

“Single words or short phrases in foreign languages not used as direct quotations should be in italics. Direct, acknowledged, or more substantial quotations should be in roman type (in small print or within single quotation marks). For the setting of quotations, see Chapter 9”
MHRA style guide, 2008

Als ich kürzlich eine wacklige und verwohnte Embraer-Maschine für einen langweiligen Regionalflug besteigen musste und mich hastig mit den Notausgängen vertraut machen wollte, fand ich statt einer Notfallkarte verwundert ein bereits im Verfall begriffenes Exemplar des Buches “Gebrauchanweisung für Nepal” von Christian Kracht & Eckhart Nickel vor und begann sofort zu lesen. Eine Fügung musste es dort für mich hinterlegt haben, denn noch ehe wir unser Ziel erreicht hatten, wusste ich alles über das zaubergleiche Land Nepal, dort hinter Indien und vor China gelegen.

Wie Sie ahnen, reise ich an sich nicht gern; um so dankbarer bin ich, wenn die Glimmer Twins des Reise­abenteu­ers, Christ­ian Kracht und Eck­hart Nickel, wieder irgendwo hin­fahren, dort­bleib­en und per Sing­draht und Telex ihre Er­kund­ungen an hiesige Verlage übermitteln. Erwarten Sie von dem Buch aber keine dieser philo­so­phie­ge­schicht­lichen Ein­ord­nung­en und Aperçus für die selbst­denkende Travel­lerin, die sich nicht mehr vom Lonely Planet gängeln lassen möchte, wie die Titelreihe “Gebrauchs­anweisung für…” wohl ironisch in­sinuieren will.

Nein, nein; hier wurde diese Betitelung endlich einmal ernst genommen. Kracht & Nickel (2009; Rätsel am Rande: Beklagt sich Dr. Nickel eigentlich nie, immer als senior author zu fungieren? Wären für seine geisteswissenschaftliche Karriere nicht mehr Erstautorschaften angeraten?) unterrichten uns in der Kunst, in Kath­man­du stand­es­gemäße Re­dakt­ionsfeiern auszurichten, und sie lehren uns das behände Sich-Einfügen in die lokalen Dienstleistungsstrukturen anhand der “Band Box” Wäscherei; sie sprechen in einem no-nonsense Kreuzverhör mit dem nepalesischen Prime Minister Elect und richten so en passant das Despoteninterview neu ein; und schließlich dechiffrieren sie—von Nepal aus! Dies nur ein rhetorischer Trick, um uns das sonst gern Übersehene klarer vors innere Auge treten zu lassen—für uns die Welt der Marken und Werber und pitchen für die Neugestaltung der nepalesischen Fluglinie Agni Air.

In der sicheren Entschlossenheit, nach Ankunft sofort am Transfer desk einen Flug nach Kathmandu zu buchen, schlage ich noch vor der Landung höchst zufrieden diese kleine, längst herbeigesehnte Ferien für Immer-Apokryphe zu, die in jede noch so verunreinigte Hosentasche passt, und denke mir selig ein neues Design für diese üble Embraer-Maschine aus. Bitte kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her.


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Tuesday, February 17, 2009

Lord, give me grace, and dancing feet, and the power to impress.

Irgendetwas muss doch auch richtig gelaufen sein.
Irgendetwas muss doch gelungen sein, wenn
nur zwei Tage nach dem (dieses Jahr
auch wieder besonders unerquicklichen) Jahrestag
des Dresdner Feuerregens eine ausgerechnet englische
Band mit einem ausgerechnet auch noch
nigerianisch-stämmigen Sänger ausgerechnet
den Alten Schlachthof, ganz nach Kurt
Vonneguts Slaughterhouse-Five—nehmen denn
die Allegorien gar kein Ende—, in eben jenem
Dresden bespielt und über tausend Menschen,

vielleicht etwa so viele wie damals vergeblich
Zuflucht im Hauptbahnhof suchten, sich und einander
im Schallsturm wiegen; froh sind; die Arme unwillkürlich
nach oben reissen müssen und schreien vor
flüchtigem Glück ob der Energie, die da von den
drei (eher gemütlich-rotgesichtigen Oktoberfestbesuchern
als einer Lancaster-Besatzung ähnelnden)
Ton– und Lichtmännern übertragen und verstärkt wird;
und wenn dann auch noch der frohe junge
Engländer die Dresdner ganz ohne Hintergedanken

auffordert, zum ausgerechnet “Ares” betitelten
letzten Stück doch bitte das Dach des Hauses
abheben zu lassen (statt es von oben mit dem mühsam
aus Norfolk herbeigeflogenen Sprenggut einstürzen
zu lassen
, denkt die Vernetzungs– und Historienmaschine
in meinem Kopf sofort mit) und alle, aber wirklich alle für
drei Minuten dann auch nichts anderes mehr im
Schilde führen, dann muss doch
etwas richtig gelaufen sein.

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Monday, January 19, 2009

Deconstructing Jünger

“Wenn Sie einsteigen in ein Spiel […], dann merken Sie, daß eine gewisse Be­geist­erung Sie befällt, auch wenn Sie, wie ich, eigentlich kein Ver­hält­nis [zu diesem Spiel] haben. Dasselbe ereignet sich, wenn ich in ein polit­isches System einsteige. Ich habe für Ord­nungs­systeme ein Faible.” Das sagte Ernst Jünger einmal, 1982, und dieser Satz lässt ahnen, dass er der span­nungs­reichen (De-)Konstruktion seiner eigenen Begriffswelten durch den Herausgeber Alexander Pschera und seiner nicht un-illustren Autorenschar im recht neuen Band “BUNTER STAUB sicher sehr aufgeschlossen gegenübergetreten wäre.

Das vieltausendseitige Ordnungssystem Ernst Jünger, an dem der alte bad guy mit dem später eher humanistisch-entzeitlichten Gestus eines Astrologen und Sehers jahrzehntelang gewerkt und, vielleicht ohne es zu bemerken sehr postmodern, herumredigiert hat. Dieses System erfährt nun eine Spiegelung und Brechung in einem fast vierhundertseitigen Band aus dem Hause Matthes & Seitz:

Schlüsselbegriffe aus Jüngers Werk wie “Gestalt”, “Rausch”, “Waldgang”, “Schmerz” werden von ausgewählten Kennern des Jüngerschen Werks in eigenen Texten neu eingeleuchtet, und stehen  in der Mehrzahl  als Kunsttexte eigenen Ranges nun vor uns. Ihre wirklich kunstvolle, ebenso gedanken– wie für Jüngernovizen einsichtsreiche Verbindung aber besorgt ein namenloser Essayist, von dem wir annehmen, dass es Pschera selbst ist und der hier uneitel die eigentlichen Ein– und Aussichten zusammenträgt.

Gerade also für alle, denen dieser Bücherversand schon ebenso penetrant wie erfolgreich vom »Arbeiter« bis zu den »Afrikanischen Spielen« oder den »Glass Bees« (Jünger auf Englisch, auch eine sehr schöne Spiegelung) alles anempfohlen hat, ist dieser Band ein Segen: Endlich weiterdenken, über Jünger hinausdenken, Jünger anders lesen. Dazu tragen am ertragreichsten gerade die aberwitzigsten Versuche bei, wie David Woodards situationskomischer Trip mit Jüngers Augen durch das nicht mehr Leningrad heissende Petersburg, oder Pscheras stream of consciousness, den Topos des “Flugtraum” einleitend. Die einst an einer selbstbewussten Nation feilenden vermeintlichen Stars des Bandes hingegen bleiben erstaunlich blass, zu nah an Jünger selbst vielleicht, um dem Unternehmen der Dekonstruktion Entscheidendes beifügen zu können. Aber das machen andere wett, wie Eckhart Nickel, Lorenz Jäger, Günter Figal oder Mark von Schlegell, die verschmitzt ihre Hütchenspieltricks mit Jüngers Wesen und seinen Begrifflichkeiten veranstalten.

Jeder “[Künstler], für den […] die Jagd ein faszinierendes Spiel ist, ein Vorwand für subtilste Kombinationen und Differenzierungen” (so schreibt Jünger selbst in “Subtile Jagden” 1967) wird jedenfalls eine andauernde Freude am Besitz dieses sehr schön gesetzten, schön unbunt in schwarz und weiss gehaltenen, handlichen Bandes haben. Kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her!


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Monday, December 01, 2008

Hier ist immer woanders.

Kennen Sie das? Sie reissen einen braunen Umschlag auf; gelblich ist er eher—eine Farbe, wie sie längst ausgestorben sein müsste, wenn es kein Leben im Geheimnis gäbe.

Und wenn Sie den Umschlag aufreissen, dann schaut sie das Ergebnis einer längst vergessenen DVD-Bestellung an. Diese wiederum, jetzt erinnern Sie sich, war das Ergebnis langen Suchens, intensiv empfundener Sehnsucht gewesen.

Ich übertreibe schrecklich, aber so ist es, wenn man in Worten sagen muss, was nur Bilder können. Ich jage seit langen Jahren, wie hier oft genug zu lesen war bereits, dem Mann nach, der einst auf sein Segelboot stieg und verschwand. Nicht ohne uns große, weil reine, kleine Kunst zu hinterlassen. Kunst, bei der man nicht mit Idioten dikutieren muss, was denn daran Kunst sei. Dies wiederum nicht, weil es solche matten Geister nicht gäbe, die angesichts des Schaffens dieses Mannes dies einwerfen würden; sondern weil man ganz gleichmütig und leise und melancholisch, und: froh wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Bas Jan Ader. Endlich, endlich auch in allen DVD-Geräten all überall. Erwerben Sie bitte diesen Film und geben Sie ihn nicht mehr fort.


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Wednesday, October 29, 2008

Strahlt ein toter Wind noch? Jünger, abgetippt.

—“So schreibe ich jeden Tag, auch wenn ich selbst nichts schreiben mag.”

Man kann sich den Schriften eines Vielschreibers, eines täglich Schreibenden, auf unterschiedliche Arten nähern. Lesen ist meist ein Teil davon, seltener das Abschreiben. Ein Mensch mit dem hervorragend geeigneten Pseudonym Mistral («The Mistral in France is a fresh or cold, often violent, and usually dry wind, blowing throughout the year but is most frequent in winter and spring») hat nun beschlossen, sich dem sperrigen Vielschreiber Ernst Jünger und dessen (von vielen als Hauptwerk verstandenen) “Strahlungen”, den Tagebüchern von 1939 bis 1948, zu nähern.

Was tut Mistral? In einem anderen Tagebuch, nicht jenem Jüngers, sondern jenem des Schriftstellers Pippin Wigglesworth-Weider, lese ich:

“Dann tippe ich sie ab. Zwei bis drei Einträge pro Tag. Es ist Tipp- und Schauarbeit. Hin und zurück mit den Augen, weil die Hände noch nicht ganz selbständig auf die Tasten wirken. Das Ziel der Übung, der genaue Blick auf die Worte und das Gehör für ihr Gewicht im Satz, bewusst und unbewusst das Gute zu verinnerlichen. Zu jedem abgetippten Eintrag füge ich ein Bild hinzu, die Auswahl des passenden Motivs ist der Zucker für den Esel. Dann lade ich die Arbeit auf den Weblog: Strahlungen 2010.”

Mistral oder Pippin oder eine Figur, die sie beide bilden, irgendwo zwischen ihren eigenen Vorlieben, Text­begegnungen mit Jünger und einer berührenden Formstrenge, tippen für uns (vielleicht bis 2010, was ich nicht recht glaube, und was auch egal ist) also die “Strahl­ungen” ab, und verleihen Einträgen wie vom 18. April 1939, in Kirchhorst, neues Leben. Man hätte einscannen, horten, selektieren, kopieren, einfügen, apfel v, können. Und vielleicht macht es ein schlauer Mistral auch genau so, und spielt mit uns—dahingestellt.

Was uns geschenkt wird, ist ein web-basiertes Tagebuch, das nichts anderes will, als die fast 70 Jahre alten Gedanken und Sprachspiele eines anderen wieder zum Atmen zu bringen. Keine albernen Youtube-Links, aber auch kein Party-Nacherzählen, oder prätentiöse Befindlichkeit, wie hier manchesmal. Nur die Strahlungen.


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Sunday, October 26, 2008

Leipzig, at last

Nach Monaten reich an Wirrungen ist es einigen Leipziger Kultur­schaf­fen­den vergangenen Samstag doch noch gelungen, den Autor Christian Kracht in den Osten zu locken. Doch statt durch große Buchhandlungen oder die einschlägigen literarischen Zirkel dieser Stadt erfuhr ich erst am späten Nachmittag durch das Murdochsche Periodikum Myspace.com von einer ad hoc Lesung des enigmatischen Schriftstellers—vielleicht war es ihm selbst unheimlich geworden nach all dem Lob im Mainstream, also wieder Untergrund: “Galerie Bothe & Rillert 20.00 h”. Ich musste natürlich hin, und suchte eine ganze Weile nach dieser Hinterzimmer-Galerie, die vermutlich nur für diesen Abend nach den Großmüttern des effeminierten Galeristen so benannt wurde. Wir standen ab halb neun unschlüssig in einer unrenovierten Wohnung aus der Gründerzeit und schauten verstört unter den fünfundzwanzig, dreißig Besuchern umher: Hipster, Studentinnen und einige verstreute Corps-Geister mit Barbourjacke und Koppelschloß, die Faserland wohl etwas falsch verstanden haben.

Kracht, leise und leicht den kleinen Galerieraum durchmessend, erschien punkt neun in Begleitung seiner Gattin Frauke Finsterwalder, einer Art weiblicher Wiedergängerin seinerselbst. Ihm schien das Ambiente auch etwas unheimlich zu sein, aber er nickte freundlich in die kleine Runde, die nun raunend die Monobloc-Stühle besetzte. Es begann stockend; ein erwartet unlustiger Wissenschaftler im “Bingo Handjob”-T-Shirt versuchte, im mittlerweile legendär zu nennenden Volker-Weidermann-Stil in das Krachtsche Schaffen einzuführen, was dem Abend gleich zu Beginn eine Wendung ins Absurde gab. Ich eilte unter leichtem Unwohlsein um ein warmes Bier, um erst zurückzukommen, als Kracht selbst endlich das Wort hatte.

Er las ohne Mikrophon, und so recht wollte keine Stimmung aufkommen; ich fand nicht hinein in seine Worte, war es 1917 oder 2017, man weiss es nicht. Vielleicht lag es auch an der Clique von Endzwanzigern, stadtbekannt durch etliche Elektronikveranstaltungen; sie kicherten bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit recht laut los, ganz offensichtlich bemüht, sich den hippen Abend nicht durch die an sich eher sperrige Handlung des neuen Kracht-Romans zunichte machen zu lassen. Kracht las circa fünfzig, ziemlich lange Minuten, nur unterbrochen von seinen Korrekturen an der offenbar suboptimal sitzenden Tim und Struppi-Lesebrille, und einigen listigen Blicken ins Publikum bei den hippen Zuhörern wohl besonders gelungen erscheinenden Stellen.

Er endete etwas abrupt, vielleicht wollte er seinen Lesern keine rechte Klimax gönnen, signierte dafür aber hinterher noch einigen Lesern geduldig seine Werke. Wir versuchten, den Dichter noch zu einer Expedition ins hyperreale (read: nicht-existente) Leipziger Nachtleben zu überreden, aber nach einer kurzen Plauderei über den Vornamen von Slavoj Zizeks Ehefrau sowie die Rolle eines gewissen Martin Luthers im unheimlichen Madagascar-Plan verabschiedete sich Kracht; früh schon ginge sein Zug nach Göttingen.


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Friday, October 24, 2008

Ein Nutzsignal im visuellen Rauschen: Herburg & Weiland

Mrs Eaves war eine gute Haushälterin. Auch wenn es etwas aus der Mode gekommen ist, Menschen zu bezahlen, damit sie nach dem Rechten sehen und damit alles hübsch ist, wenn einmal Besuch kommt, so war Mrs Eaves doch genau solch ein guter Geist, im Hause des Schriftgießers Baskerville, in einer anderen Zeit [1].

Vielleicht hat sich Mrs Eaves auch manchmal eingemischt in Herrn Baskervilles Geschäfte mit guten Vorschlägen, sicher aber hat sie dafür gesorgt, dass sich Herr Baskerville keine Gedanken über die Tischdecke und das Gebäck machen musste, und seine zahlreichen Gäste sollen immer sehr zufrieden gewesen sein.

Die gestaltende Agentur Herburg & Weiland in München stelle ich mir immer wie eine stille, fürsorgliche und fast weise Haushälterin vor, die heimlich in ihrer Stube eine direkte Leitung zu den Universen des guten Geschmacks und der Stilsicherheit unterhält, jedoch niemals so prätentiös wäre, dies irgendjemanden spüren zu lassen [2]. Alles, was ihr Haus verlässt, sieht auf fast unheimliche Art und Weise gut und richtig aus.


REFERENCES

[1] Mrs Eaves, typeface designed by Zuzana Licko in 1996, licenced by Emigre type foundry.
[2] Herburg & Weiland, Munich, Germany


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Thursday, October 02, 2008

Vielleicht ein Ausweg, ein Entkommen: Das neue Buch von Christian Kracht

In einer aktuellen Portraitphotographie sieht man den Dichter Christian Kracht innehalten, und eine Fliege sitzt dort, wo andere Lichtgestalten einst ihren Schönheitsfleck hatten. Die Fliege sonnt sich, oder sucht den Schatten unter Krachts Nase; und hätte Tom Ising nicht so einen mesmerisierenden Umschlag entworfen, der mit einer alten (nicht einmal fiktiven) Afrika-Karte den Ton setzt, und wären Autorenfotos auf dem Cover nicht spätestens seit den verlustreichen Schlachten am Adlon 1999 wegen akutem Mißverstand verboten, so könnte auch dieses Bild eine hervorragende Vignette sein für diesen neuen, vielleicht letzten Roman von Christian Kracht.

Denn, überhaupt, die Tiere: Vorangestellt hat Kracht diesem Lied in Buchform ein Zitat von D.H. Lawrence, in welchem der Anmut einer Wiese mit nichts als einem Hasen darauf gehuldigt wird; durch den Buchtrailer von Frauke Finsterwalder flattert ein Schmetterling und scheint einer gravitätischen Bahn nach Afrika zu folgen. Und am Ende, soviel sei verraten, tragen Hyänen eine Art von Sieg davon.

Im übrigen den einzigen Sieg, den es noch zu erringen gibt, den eines freien Lebens über den Hirntod: In Krachts Sonnenschein, wie in allen seinen Erzähltexten, ist die Zeit aufgehoben, Post-Histoire in Reinkultur: “Weil es keine Geschichte mehr gibt, dürfen die Ereignisse nie aufhören”, also liefern sich die eifrigen und diffus guten Schweizer noch Scharmützel mit den Deutschen, aber der große Krieg wird nicht gewonnen werden, er dauert gefühlt schon ewig und wird es immer tun. Aber hier, plötzlich und unvermutet anders als in “Faserland” und in der faux period novel “1979”, spürt man am Ende vielleicht doch einen Ausweg, ein Entkommen aus der Endlosschleife des abhanden gekommenen Sinns.

Es sind ausserdem oder vor allem in diesem Buch, wie stets bei Kracht: die klaren Sätze, von allem Ballast befreit; die einprägsamen Bilder, die man gemeint hat gesehen zu haben, ohne sich genau erinnern zu können; die lustigen und listigen doppelten Böden, die der Autor für unser wiederholtes und vertieftes Lesevergnügen eingezogen hat; die Träume, also: die so oft beschworene und doch so selten einfach niedergeschriebene Phantasie.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, nachdem ich diesen Traum nachgeträumt hatte gewissermaßen, und nachdem ich diesem Humanisten in Uniform nach Hause, nach Afrika gefolgt war, der uns voraus fliegt wie der Schmetterling, war für ein paar Minuten alles gut. Mehr kann man nicht verlangen. Kaufen Sie dieses Buch, und geben sie es nicht mehr her.


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Thursday, September 04, 2008

Als das Kind noch Kind war: Ein Koloss des Camp


Eine Feier des Irrealen. Wenn man das, was wir irreal nennen, durchdekliniert, und versucht zu verstehen, was alles erfüllt sein muss, damit Menschen in Übereinkunft etwas als irreal anerkennen, dann landet man sehr schnell bei MICHAEL JACKSON.

Die sehr begabte Margo Jefferson hat einen wunderbaren Essay (dt. Versuch) geschrieben mit dem ebenso naheliegenden wie bezaubernden Titel Über Michael Jackson. Jefferson beherrscht alle Taschen­spielertricks der Essayistin, die sie sich entweder charmant bei Susan Sontag abgeschaut hat, oder mithilfe dieser sie Sontag ein kleines Denkmal zimmern möchte; jedenfalls greift sie weit ins 19. Jahrhundert zurück, ins Vaudeville und in die Panoptika jener Zeit, sie kreist um den nicht benennbaren Kern des Michael Jackson, und ihr Text hat so viel Zauber, Mitgefühl und Substanz, dass er die Übersetzung ins Deutsche mühelos überlebt.

Jefferson ist sich mit jedem Wort bewusst, wie viel über Michael Jackson, schon geschrieben worden ist; so viel, dass ich hier weder Berufsbezeichnungen, Adjektive noch sonstwelche Attribute seinem Namen beigeben kann. Und doch gelingt es Jefferson, den Zauber, das unendlich Fremde, das gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt so unfasslich far-out ist, also—excusé-moi:—das Hyperreale des Michael Jackson, dieser Art «Koloss des Camp» (Jefferson—die sich merkwürdigerweise ihre Initialen mit Michael Jackson teilt; vielleicht ist das Buch doch von ihm selbst—über Freddie Mercury) zum Leben zu erwecken für uns.

Lesen Sie dieses Buch, und geben Sie es nicht mehr her.


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Wednesday, July 23, 2008

We tell ourselves stories in order to live: 20 lines of why I love Joan Didion

«During this period I spent what were for me the usual proportions of time in Los Angeles and New York and Sacramento. I spent what seemed to many people I know an eccentric amount of time in Honolulu, the particular aspect of which lent me the illusion that I could any minute order from room service a revisionist theory of my own history, garnished with a vanda orchid. I watched Robert Kennedy’s funeral on a verandah at the Royal Hawaiian Hotel in Honolulu, and also the first reports from My Lai. I reread all of George Orwell on the Royal Hawaiian Beach, and also I read, in the papers that came one day late from the mainland, the story of Betty Lansdown Fouquet, a 26-year-old woman who put her five-year-old daughter out to die on the center divider of Interstate 5 some miles south of the last Bakersfield exit. The child, whose fingers had to be pried loose from the Cyclone fence when she was rescued twelve hours later by the California Highway Patrol, reported that she had run after the car “for a long time.” Certain of these images did not fit into any narrative I knew.»





Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, July 08, 2008

Blätternde und Steinerne

Kürzlich rief mich mein Freund, der peruanische Schamane Cristiano Gran Sonq, aus seiner Eremitage im Berner Oberland an; ich müsse unbedingt mich mit der hervorragenden Seite umblaetterer.de in Verbindung setzen; ein Maulwurf, das Wappentier der Erratiker und Eingeweihten, fände dort einen prominenten Platz im Logotyp, und überhaupt sei dies eine ganz erstaunliche und erwähnenswerte Publikation, die noch dazu in Leipzig beheimatet scheine.

Sofort erinnerte mich der Titel natürlich an diese heroischen Versuche findiger Ingenieure, alte Bücher und Zeitungen zu restaurieren, indem man—unvorstellbarerweise—eine gedruckte Seite in der Fläche spaltet, als wolle man nachschauen was eigentlich in den Blättern statt stets nur auf ihnen zu finden ist an Geheimnissen.

Tatsächlich blättern die Freunde aber in den alten Zeitungen und ihren Archiven, und legen eine Art schlauen Tiefpassfilter an die gehetzte und sich selbst karzinogen reproduzierende Welt der Feuilletons und Medienschaffenden an: Ein FAZ-Artikel aus dem Jahre 2003 kann gerade heute vielleicht seine Qualitäten offenbaren, wenn er gut an der Zeit sich abgehangen hat.

WALL OF TIME wird all dem nachgehen, denn in der Tat scheinen dort bei den Blätternden einige, den Topois der Zeitmauer nicht völlig verschlossene und, im Gegenteil, höchst (im Wortsinne) inspririerte Geister am Werk.

Bleiben Sie uns also gewogen, auch in diesen dürren, traurigen und steinernen Tagen. Und bis dahin blättern Sie doch ein bisschen.

Apologies to our readers who prefer our English posts. Greek declinations in this contribution are brought to you courtesy of C.O. from the Bavarian Front Disco.

Tuesday, June 24, 2008

Kaufbefehl


In Iron fists. Branding 20th-century totalitarian states, Steven Heller approaches the 20th century totalitarian attempts of Germany, the USSR, China and others with the scholarly eye of the typograph, designer and expert for corporate identity.

Quite rightly and timely so, as one might ask (with not too much headway made, 50 years after Hannah Arendt): How—if not via their surface and looks and self-concept of corporate design, folk myth and branding—are we supposed to finally understand these opaque regimes?

“Ein wahrnehmendes Denken dieser Art—also […] ein aisthetisches Denken, das sowohl Ästhetik wie Anästhetik umfasst—scheint mir gegenwärtig aus nicht etwa, wie manche argwöhnen, modischen Gründen, sondern wegen seiner Begreifenskapazität und Wirklichkeitskompetenz an der Zeit zu sein. Es ist—so meine These—heute das eigentlich realistische, will sagen: das der gegenwärtigen Wirklichkeit (der schier nichts mehr gewachsen ist) noch am ehesten, nämlich wenigstens stellenweise gewachsene Denken. Die einst für dubios gehalteten ästhetischen Perspektiven erweisen sich zunehmend als die wirklichkeitsnäheren und erschließungskräftigeren.” (Wolfgang Welsch)

Friday, April 25, 2008

Wall of Time Employee of the Month: Klaus Meine

I would like to express my heartfelt thanks to KLAUS MEINE, of Scorpions, Nordoff-Robbins and Gerhard Schröder tennis court compañero fame, for his efforts on the song Still loving you.

[Yikes, cheesy Scorpions? Now, I guess we can skip all the distinction crap; see Kracht, 1995, Bourdieu, 1984, and Sontag 1964 for comprehensive and ultimate takes on how pointless it has become.]

I therefore feel most obliged to pay tribute to one of the unsung heroes of Bigtime guitar-based German Weltwunder. Klaus Meine is by any standard you could possibly come up with a very, very good Rock’n’roll singer. Also, and crucial to his achievement under consideration here, it is not entirely clear as to whether or not his German pronounciation adds to or subtracts from that.

WALL OF TIME honours Klaus Meine explicitely for his double contribution to Still loving you both as a lyricist as well as a singer. The jury would like to point your attention exemplarily to two aspects:

One being the haunting dynamic range of Meine’s delivery throughout the classically suspended build-up of the song, neatly preserved by pre-compression-craze studio engineers under the auspices of Dieter Dierks (probably also responsible for arranging Meine’s voice in this cozy yet rapturing environment of the flappiest snare sound this side of your mother’s detergent boxes and the most soulful guitar accents ever to make it onto a 1980s Hard rock LP),

Another one being the chorus lyrics pronounced in a decidedly German accent, convoluted with Meine’s recent recovery from vocal chord surgery: A combination that allows for poetic re-configurations in the listener’s mind. Such would have been unthinkable to experience with Meine’s native English Heavy croon contenders back then in 1983: Here we go again, all the way from the stars. Although the actual written lyrics are also very good (feel free to look them up), this version—imprinted in my neural circuitry for 22 years now—is preferable at any rate. The jury was also very convinced by the casual afterthought conveyed in I would try to change things that killed our love.

Thank you, Klaus Meine.



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Thursday, April 03, 2008

My daily dose of Baudrillard


Genau jetzt: Es scheint, als bräuchte ich meine tägliche Dosis Baudrillard. Er ist ja als Philosoph missverstanden worden, also: als Philosoph verstanden worden. Dabei ist er doch ein Poet gewesen.

Da schlage ich ein wunderschönes kleines, kleinstmögliches Büchlein auf, mit dem ja bereits sagenhaften Titel “Warum ist nicht alles schon verschwunden?”, en passant eigentlich eine gelungene Demonstration, dass Selbst-Ironie doch noch möglich ist,

und dann steht da auf der ersten Seite—die wie das ganze Buch in einem ganz engen Satzspiegel daherkommt, muss es ja, es ist so klein, gewinnt aber dadurch diese gedichthafte Zeilenlänge von höchstens 45 Zeichen—da steht also:

WENN ich von der Zeit spreche, dann deshalb,
weil sie noch nicht ist

Wenn ich von einem Ort spreche, dann
deshalb, weil er verschwunden ist

Wenn ich von einem Menschen spreche,
dann deshalb, weil er schon tot ist

Wenn ich von der Zeit spreche, dann des-
halb, weil sie schon nicht mehr ist

— Kann man Zeit treffender um-schreiben? Sie zu be-schreiben scheitert, das sehen wir hier an der Zeitmauer ja täglich.

Aber dann dichtet da ein alter Franzose, unser Freund Markus Sedlaczek übersetzt es für uns in wohlgeformtes Deutsch, der alte Mann mäandert durch die Worte, pflügt mit seinem Tempus-Traktor durch die Logik; aller Baudrillard scheint auch in diesen (posthum erschienenen) vier Zeilen enthalten, alles was sie an ihm hassen, und alles (dasselbe) was man an ihm lieben muss.

Und er hat plötzlich in den vier Zeilen, die seinen letzten Text einleiten, das Paradoxon der Zeit oder unserer Erlebens von ihr, das Flüchtige, das für die Melancholischeren unter uns immer auch vom Verschwinden und vom Sterben handelt, eingefangen, eingerahmt. Die Zeit, die noch nicht ist, und jene, die schon vorbei ist, halten und stützen hier die verschwundenen Orte und die toten Menschen.

Wer so zu schreiben weiss, hat die Zeit und den Raum und den Tod überlistet.



Apologies to our readers who prefer our English posts.

Sunday, March 16, 2008

Alles macht weiter

In den einleitenden Worten zu seiner umfassenden Analyse des Konzepts des Posthistoire weist Lutz Niethammer vorsichtig darauf hin, dass es sich bei den Propheten des Posthistoire in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihrer Diagnose womöglich—schlicht, eigentlich—um die Verwechslung des (so nicht erkannten und benannten) Endes oder Scheiterns eines persönlichen, geschichtlichen oder zeitgeistlichen Projekts mit dem (stattdessen proklamierten) Endes aller Geschichte, aller Entwicklung gehandelt haben könnte.

Diese Verwechslung ist Ihnen unterlaufen, mag sich in ihr Denken eingeschlichen haben; und mitnichten ist Niethammer hier die gerne von Literaturwissenschaftlern gezückte sogenannte biographische Methode vorzuwerfen, das griffe zu kurz, auch wenn er—vermutlich nicht zu unrecht—den Umständen persönlicher und ideologischer Um–, Neu– und Desorientierung bei Gehlen, Jünger, Heiddegger, Kojève oder auch Benjamin nachspürt (Ähnliches sagt übrigens Andreas Höfele im hervorragenden Fachblatt Shakespeare Quarterly (1992, 41(1):80–86) über Baudrillard, dessen Posthistoire- und Hyperrealitäts-Diagnose mit einer enttäuschten post-1968 Position in Beziehung zu setzen sei).

Das diagnostizierte Ende der Geschichte, mithin die Problemstellung des Posthistoire sei demnach keine Enttäuschung über das Ende einer Entwicklung, sondern über ein erlebtes Ende von Bedeutung (engl. meaning).

Warum schreibt einer das alles? Weil er über die selbst bereits zwanzig Jahre alten, fast lakonischen Worte Niethammers, ins noch konzisere und schmucklosere Englisch übersetzt, erkennt, dass—wenn all dem, wie zu befürchten steht, ein wahrer Funke innewohnt—seine individuelle, ureigenste Faszination mit dem Ende der Geschichte und dem Einmünden in die Bedeutungslosigkeit, dem obsoleten Kreisen, auch das eigene Leben und die eigene Existenz gemeint sein kann.

Weil es keine Ursachen mehr gibt, weil man über die Ursachen nicht mehr sprechen kann, muss man eben Effekte ohne Unterbrechung herstellen, um Baudrillard (nur unwesentlich) zu paraphrasieren. Weil nichts mehr Sinn hat, muß alles reibungslos funktionieren (im Wortlaut).

Alles macht weiter, auch wenn Bedeutung nicht zu finden ist. Das ist die Zeitmauer, gegen die man eben auch rennen kann.



Apologies to our readers who prefer our English posts.

Saturday, March 15, 2008

Einer ist hingefahren für uns

“Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum.” (Friedrich Nietzsche)

Zeitreisen ist möglich. Jetzt. In das jetzt Stattfindende, jeden Tag Stattfindende. In fünfzehn Jahren werde ich sicher meine Forschungsergebnisse eher auf Tagungen in China als in Paris oder San Fransisco vorstellen. Deshalb dringende Kauf– und Leseempfehlung: CHINA RUFT DICH von Ingo Niermann, mit Photographien von Antje Majewski.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

Friday, February 22, 2008

Stars of the Post-Histoire (VI)

Carl Craig

Over the last weeks, a recurrent figure in my audio playback devices as well as in the interviews and features I consume has been prodigious Carl Craig, of Detroit fame. Carl Craig is a magician, go and buy all his records and remixes [1]. Basically every track he has ever laid his hands on is a better one than it must have been before — something that I would not dare to say about the inbred remixing industry in general.

His records do sound timeless, as if he had found the key to an otherworldly funkiness. We should imagine Carl Craig as the man who has catapulted himself out of this pseudo-fluctuating styles stratosphere into an eternal loop surrounding our planet, from where he frequently transmits dry beauty and funk [2]; I would not be surprised to learn that his loop out there sounds like the two quarter notes of ‘Hit and Run’ that Carl had sampled for Paperclip people's eternally valid ‘Throw’ from 1994.


“What I’m trying to do is similar to what Herbie did back in the day in the 1970’s. And to what Miles had done back in the day in the late 1960’s / early 1970’s, where it just had the feel that was timeless, that was amazing. And they were able to integrate aspects of modern technology at that time. My whole outlook isn’t to make a pop record. My whole outlook is to make a classic, timeless piece of music that I could pick up thirty years from now and be proud of it, as well as the average person could pick up and say ‘well fucking shit, this is amazing.’ Or maybe today they won’t get into it but in five years time it might be like ‘damn, what the fuck was he on? Was he on some kind of drugs when he was doing this shit?’
You know, just doing something that is against the grain of what has been done, but borrowing concepts and ideas from what has been done, but taking it a few steps further. I think one of the other groups that is doing something kind of similar to that whole concept is Tortoise. They took another avenue to what was happening with the whole Can thing and elevated that to a 1990’s, end of the century concept.”


1The super smart !K7 sessions album of Craig is out this week.

2After having drafted this paragraph, I found out how fitting my astronaut / stars wars analogy was: On his myspace profile, Craig himself calls his occupation “Thermonuclear brain teasing”.