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Wednesday, November 04, 2009

Drei Worte

“Muss ich auch sterben?”
—Rudolf

Das weisse Band.

Nun gut, Das weisse Band von Michael Haneke. Ich gehe kaum noch ins Kino, es ist so irrelevant geworden, für mich ganz persönlich. Doch hier war ein Besuch unabwendbar—das war früh klargeworden in den letzten Wochen und Monaten.

Haneke ist ein großer Moralist, das bringt stets mit sich die Gefahr, völlig danebenzugreifen, in allem, und ganz besonders im Ästhetischen. Vielleicht ist Haneke aber auch ein großer Ästhet; einer, der verstanden hat, dass Ästhetizismus mit der Abwesenheit von Moral nichts zu tun hat. Dieser Film hat—so er denn eine Moral transportieren will, wie man Haneke ja immer sofort unterstellt—die Moral ins Ästhetische , und von dort direkt ins Viszerale übersetzt. Es ist ein grausamer und amoralischer Film, über die—per definitionem amoralische—Grausamkeit, die zwischen und in den Menschen wohnt, für alle Zeit und alle Lebenstage.



Apologies to our readers who prefer our English posts.

Saturday, May 23, 2009

Eine weitere Kampfschrift gegen das Bild

Wo gehen Sie hin um zu träumen? — Die Bilder sind mir fad geworden. Ich weiss nicht, woher das Wort fad stammt, aber seine vielleicht nur phonetische Ähnlichkeit zum englischen to fade trifft es gut. Die Bilder laufen nicht mehr nur, sie bilden zunehmend ein Kontinuum mit unserer Existenz aus, und unter ihrer zäh werdenden, in tausend Jahren nicht verwesenden Lackfarbe verblassen die eigenen Träume. Diese an sich langweilige kulturpessimistische Figur ist so alt wie die Photographie oder älter; sie haben vor mir wortreicher und geistesschärfer andere analysiert, und Verlage wie Merve oder Suhrkamp bestreiten mit Variationen derselben einen beträchtlichen Teil ihres Katalogs.

Aber am eigenen Ätherleib spürt man dieses unfreiwillige Kontinuum doch am besten. Die Bilder kommen einen holen, wenn man sich nicht in Acht nimmt vor Ihnen. Sie schliessen ganz von selbst die Grenze zwischen mir hier und Ihnen dort, zwischen Erfahrungsrealität und Bildrealität. Es wird gern übersehen, dass der Mensch ein Augenwesen ist, und mein Augensinn macht mich so anfällig für die Wirkstoffe des Bildes.

Viel leichter kann ich einfach nicht glauben oder einfach gar nicht hören, was man mir erzählt. Aber die neuralen Bilder, die ich aus Ab­bild­ern aufnehme—von Photo­graphi­en etwa, oder noch wirk­mächtiger von Filmen und Filmspielen—trennen sich ungleich schwerer ab von jenen neuralen Bildern, die ich selbst er-lebt habe. Warum auch; es ist dasselbe, und es ist in besonderem Maße dasselbe für die uralten Schaltkreise, die mit nur zweimal Umsteigen in die Sehrinde führen und auf dem Weg dorthin bereits in die vorbewussten Vorratskeller des fühlenden Hirns hinabdiffundiert sind.

Das Hören oder Lesen eines noch so trivialen und sicher in vielerlei Hinsicht fahrlässigen Textes wie Angel of Death der Krawallbrüder von Slayer, so die These, bringt insgesamt deutlich weniger Schaden und Verkommenheit in die Welt als der sepiafarbene Auschwitz-Kitsch von Stephen Spielberg. Und, so der Komplementärteil der These, traumatisiert worden (d.h., in seiner eigenen Phantasie vieler Freiheitsgrade gewaltsam beraubt worden) ist von einem noch so detail– und blutreich, meinethalben: pervers (falls Ihnen diese Vokabel weiterhilft; mir nicht) erdachten Roman, Text, Satz sicher niemand. Verstört: ja; seiner Vor­stellungen, seiner Ausmalungen, und damit seiner Souveränität beraubt: Nein.

Mit dem Vorsatz noch träumen zu wollen in die Bilder zu gehen heisst also zunehmend: Nicht mehr zu träumen. Wenn die Bilder zum Träumen also nicht mehr taugen, weil sie von einer Realität sich nicht mehr ab­setzen, dann verliert auch das Kino seinen Options­schein auf meine Träume.

Ob es nun die nächste Evolutionsstufe sein wird, lieber gar nicht mehr zu sehen, sei dahin­gestellt. Vorerst aber heisst die Antwort: Zurück zum Wort, paradoxer­weise. Die alte Schulhof– und Smalltalk-Frage Buch oder Film muss in dieser Allge­mein­heit und zunehmend radikaler mit Buch beantwortet werden, und die an sich jüngere Kulturtechnik des geschriebenen Worts ist es erstaunlicherweise, die uns hilft, den fast verlorenen Freiraum des selbstbestimmten Traums zu bewahren.

Abb.: Keine vorhanden.


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Monday, December 01, 2008

Hier ist immer woanders.

Kennen Sie das? Sie reissen einen braunen Umschlag auf; gelblich ist er eher—eine Farbe, wie sie längst ausgestorben sein müsste, wenn es kein Leben im Geheimnis gäbe.

Und wenn Sie den Umschlag aufreissen, dann schaut sie das Ergebnis einer längst vergessenen DVD-Bestellung an. Diese wiederum, jetzt erinnern Sie sich, war das Ergebnis langen Suchens, intensiv empfundener Sehnsucht gewesen.

Ich übertreibe schrecklich, aber so ist es, wenn man in Worten sagen muss, was nur Bilder können. Ich jage seit langen Jahren, wie hier oft genug zu lesen war bereits, dem Mann nach, der einst auf sein Segelboot stieg und verschwand. Nicht ohne uns große, weil reine, kleine Kunst zu hinterlassen. Kunst, bei der man nicht mit Idioten dikutieren muss, was denn daran Kunst sei. Dies wiederum nicht, weil es solche matten Geister nicht gäbe, die angesichts des Schaffens dieses Mannes dies einwerfen würden; sondern weil man ganz gleichmütig und leise und melancholisch, und: froh wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Bas Jan Ader. Endlich, endlich auch in allen DVD-Geräten all überall. Erwerben Sie bitte diesen Film und geben Sie ihn nicht mehr fort.


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Friday, October 17, 2008

Autobahn 38

Heute ist ein guter Tag. Denn heute sind es erst genau zwei Wochen, dass wir entlang der Auto­bahn 38 unterwegs waren und uns gefragt haben, was es eigentlich heisst, Tourist zu sein. 7000 Jahre, oder 21 Stunden, oder 600 ge­wund­ene Kilometer lang.

Und bereits heute stellen vebfilm.net, um­blaet­ter­er.de, und wall­of­time.net zusam­men eine erste Ausgeburt dieser Ex­pedi­tion vor:

Der kurze Film “Auto­bahn 38” ist ein 23 Minuten langer Genre-Amok­lauf durch die deutsche Geschichte, von Ost nach West, auf Nietzsches und Luthers und von der Wenses Spuren, immer auf der Jagd nach Bratwürsten oder Rosen oder Einar Schleefs Grab, auf English und Deutsch (erhellend polyglott untertitelt), mit bairisch-spanisch-schwäbisch-russischen Einsprengseln.

Im affektiert unaffektiert (Helvetica, Berlin-Mitte, wenn Sie wissen, was ich meine) gestalteten Produktionsblatt des Films schreiben wir, auf Englisch natürlich:

Why do people visit places where other people were born, lived, fought, or died? What does it mean to be a tourist? […] [C]ombining elements of documentary, mockumentary, travel clip, freestyle, different sub­cult­ures, YouTube chic, and a load of explicit or obscure allusions to German and Western culture [, it] follows a tangential structure. Most of the things are just mentioned or shown briefly, it is more like an index to actual contents. Among others, Gustav II Adolf, Nietzsche, Goethe, Cortázar, Pushkin, and infamous German field marshal von Hindenburg are referenced. There is also room for phan­tas­magoric approaches, like an excessive dialogue about the origin of ABC’s hit series “Lost”.

Die Väter des Filmes Stefan Kluge und Frank Fischer sind strenge Adepten des Creative Commons Li­zenz­ier­ungs­ver­fahr­ens; ich verstehe davon nichts, aber ich glaube, es bedeutet, Sie alle, geneigte Leser und Betrachter, können sich den Film gerne zur Brust nehmen und einen, früher nannte man das:, Remix erstellen. Oder ähnliches. Es kostet jedenfalls alles nichts.

Autobahn 38. Schauen Sie jetzt!

(Zum Aufbewahren in schöner Qualität, 342 MB, bitte hier speichern.)

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Friday, August 08, 2008

Why the Olympics will not take place

Weit entfernt, in einem Land, von dem ich nicht wissen kann, ob es wirklich existiert, so wirklich wie die Wiese vor meinem Balkon—dort haben sie heute ein Fest der Völker eröffnet, ist das ein Wort von Riefenstahl?, da muss man ja immer aufpassen.

Dort, weit entfernt also, heisst es, gebe es ein Vogelnest, so nennen es alle ganz repetitiv, und ein schlauer bärtiger Künstler, der auch gerne mit deutschen und amerikanischen Zeitungen spricht, erzählt von seinem Nest und von dem Land, in dem es steht, und wie er mit den lustigen zwei Schweizern es sich ausgedacht hat.

Und ich fände es nun prima, wenn mein Onkel Baudrillard anrufen würde, und wir würden uns in seinem wunderschönen Deutsch, das mich immer an Tommi Ungerer erinnert, über das unterhalten, was wir da “live” auf unseren Fernsehgeräten sehen. In Amerika, das gibt es, dort war ich schon, dort jedenfalls werden sie die Bilder sogar mit großem stundenlangen Zeitversatz zeigen, und während ein deutscher Reporter dies etwas hämisch und irgendwie anti-amerikanisch bemerkt, “live” aus Peking, gibt es einen halbsekündigen infernalischen Wiederhall, ein sogenanntes Feedback, und ich sage zu Baudrillard, ob er auch dieses Hallen gerade gehört habe, da hätten sie wohl gerade ein neues Patch in die Matrix eingespielt, und wir lachen.

Dann schlafe ich ein bisschen, ich nicke so weg, über einem Buch über Franz Gsellmanns Weltmaschine, und alles macht auf einmal Sinn, als Onkel Baudrillard noch einmal anruft. Ob ich ich die ganzen sogenannten “mündigen Athleten” gesehen habe, die seit 05 Uhr 45 zurückschossen. Tatsächlich, nicht mehr Winken und Sich ablichten lassen; nein, mit Digitalkameras bewehrt, aufs Display ihrer Geräte schauend, während sie in Horden durch das Vogelnest schreiten, filmen und photographieren sie selbst das Stadion, die Klaqueure, die Staatschefs, die Kameras, uns an den Geräten in der wirklichen Welt.

Mir ist leicht zumute, und ich laufe aus dem Haus.


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Monday, June 23, 2008

The 18th lesson in compassion

At the risk of belaboring the point:

The text of the 17th lesson in compassion reads as follows (see below). It is as if the text Werner Herzog speaks gives the idea of compassion yet another twist, that is, Herzog’s compassion with Kinski.

«The whole world belongs to us.
But Klaus seems to want to fly away.

Shouldn’t I have noticed, that it was his soul
that wanted to flutter away?
Then I see him with a butterfly, softly, delicately.

The little creature doesn’t want to leave him, and is so unafraid...
...Sometimes it seems to me that Klaus himself turns into a butterfly.

Everything that weighed on us is gone.
And even though my mind revolts against it
something deep inside tells me:
This is the way I’d like to keep him in my memory.»


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Friday, June 13, 2008

The 17th lesson in compassion

From the most unlikely of all teachers in compassion, Klaus Kinski, comes a beautiful update to our recent 16 lessons in compassion.

This short excerpt also nicely demonstrates how, in contrast to widely distributed belief, some of us humans show their compassion more easily towards non-human beings than towards their conspecifics—as it was certainly the case with the loose cannon Klaus Kinski:



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Sunday, October 08, 2006

Ein Buch fuer alle Filmfreunde, und fuer Doktor El Baradei

Ich war noch nie in Nordkorea. Ich war sogar noch nie in Asien. Das macht aber ja nichts, weil Christian Kracht und seine Freunde ueberall hin fahren fuer mich, und wenn es nur wegen der Stempel im Pass ist.

Eva Munz und Lukas Nikol haben in diesem fein anzufassenden Band (Querformat, laesst sich hervorragend an den kurzen Seiten in einer Hand tragen, zum Beispiel beim Marsch durch andere Filmkulissen wie London) Bildeindruecke aus Nordkorea versammelt, und ‚der komplizierteste Ironiker der deutschen Gegenwartsliteratur’ Christian Kracht hat einen noch schoeneren Text dazu geschrieben. Es werden zur Enttaeuschung aller Feuilletonmitarbeiter keine Markenartikel erwaehnt und auch der Dandyismusverdacht greift diesesmal etwas kurz. Stattdessen finden sich Photographien, die aus der Zeit gefallen scheinen, denn sie tragen eine Patina wie wir sie aus Guido Knopps grossartigen ZDF-Historienfilmen ueber die deutschen Versuche am Totalitarimus kennen.

Die Juche-Philosophie, eine nordkoreanische Spezialitaet, kann jeder Einzelne versuchen in den vielen Farbtafeln wieder zu finden, und es empfiehlt sich ein Oszillieren zwischen Krachts einleitenden Worten und den Farbphotographien von Munz und Nikol. Die Zitate aus Kim Jong Ils Standardwerk zur Filmkunst sind zwischen oder gar in die Photographien montiert, und ein Schelm oder ein Feuilletonist wer Boeses dabei denkt: Ganz offensichtlich hat naemlich Kim Jong Il alles verstanden, er ist, frei nach Emmanuel Carrere einer der wenigen, der den Mann am Tresen gesehen hat, welcher das Bierglas einschenkt (und wir alle leben im Sonnensystem, das lediglich eine Luftblase im Bier darstellt). Vielleicht aber auch haben stattdessen Kracht, Munz, und Nikol endlich fuer uns aus dem Bierglas geschaut und uns mit anruehrend schoenen Bildern und Worten gezeigt, das nicht alles immer so ist es wie es scheint. Lieber Doktor El Baradei, kaufen Sie sich dieses Buch und geben Sie es nie wieder her.

Wenn ich nun gleich heim spaziere und mich auf zahlreichen CCTV-Kameras verewige, denke ich an Nordkorea, die groesste Filmkulisse der Welt, und dies alles dank dieses schoenen Buchs. Dass es nur beim Versand Zweitausendeins (2001) zu erwerben ist, wuerde Stanley Kubrick, Arthur C Clarke, und nicht zuletzt den Filmfreund Kim Jong Il sicher sehr freuen.

________________________

Adnote -- Freund O. bemerkte dazu am 01. Oktober
sehr korrekt folgendes:

"Hatte gestern in der sueddeutschen
in einer kleinen notiz gelesen, dass sich kim jong il
zuweilen von doppelgängern vertreten lässt,
'die dem herrscher nordkoreas so ähnlich sehen,
dass selbst regierungsvertreter nichts von der
täuschung wüssten'.

Da ich gerade in gesamtkunstwerk-totalkunst-totalitarismus
stecke, wurde mir gewahr, welch absurdität in der
vorstellung steckt, dass die vielleicht nicht nur zur
sicherheit dienen sondern das maß der inszenierung um
eine weitere realitätspotzenz erhöhen und den ganzen
totalitarismus eigentlich zurück ins gesamtkunstwerk heben,
dessen einziger rezipient eben kil jong il ist mit sich
und doch nicht ich als protagonisten."

Thursday, December 01, 2005

Hank is back.

It actually felt very good
seeing Matt Dillon
doing his thing in 'Factotum'.

Being gently pulled through
times and tides in this
slow and smart movie,
(the only period movie I have ever seen
that is actually not a period movie),

I decided to go back to Bukowski's poems,
and have a look at them in a more relaxed
way, being maybe less tensed myself than I was
with sixteen.

And I found this incredibly good poem.
He obviously conceived it back in the mid eighties,
but sadly and luckily enough it still holds true.

The website americanpoem.com uses
the same beloved font, by the way.

Hank is back.