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Wednesday, November 11, 2009

Brasilien

“Yes, I always used to wonder if she wore falsies.”
—Sam Lowry, in Terry Gilliam’s “Brazil”


Ich fühle mich ja wirklich manchmal etwas schlecht, wenn ich ein Leben als Täuschung aufführe. Wenn ich von Städten schreibe, die es zwar gibt, die aber in Wirklichkeit ganz anders aussehen. Wenn ich Personen treffe, die nicht mehr leben und wenn, dann schon gar nicht dort auftauchen würden, wo die Spürnasen von WALL OF TIME sie wieder gesehen haben wollen. Aber es gibt eben kein richtiges Leben im Gefälschten, und so bleibt mir nichts übrig, als Ihnen diese kleinen Spielchen aufzuführen. Und es ist ja am Ende des Tages auch alles wahr, was ich zu berichten weiß. Aber ich gestehe zu, dass es alles sehr ermüdend ist mit dieser Postmoderne.

Und dann lese ich von Brasilien. Nicht jenem Brasilien, dem Oskar Niermeyer, als die Moderne noch ohne Vorsilbe auskam, einen gigantischen Traum in Stein goß. Sondern jenem Brasilien in Lauffen am Neckar. Ich lüge nicht.

Ich wollte doch nur etwas mehr wissen über den Friedrich Hölderlin einmal mehr, der am Fluß Neckar sein Leben gelebt hat, in Lauffen und Nürtingen und Tübingen. Und ich höre: Da ist nichts mehr zu sehen; alles der alliierten luftgestützten Stadtplanung zum Opfer gefallen.

Bei Lauffen, so stellt sich heraus, macht dieser Neckar, den der Holder gern besang, einen seiner Mäander – hatte ich bereits einmal erwähnt, dass Flüße, wenn man nur Mut zum Großen Ganzen hat, immer ihre Bögen der Kreiszahl π annähern? Steht irgendwo in Science, 1995 – und just diese Biegung ähnelt aus der Höhe besehen recht eindringlich jener wirtschaftlich und politisch viel signifikanteren Biegung weiter stromaufwärts, in Cannstatt bei Stuttgart. Während des Krieges war die Kenntnis solch flußlicher Selbstvervielfältigung den Nazis ein ganz besonderes Schauspiel wert. Unter dem nom de guerre „Brasilien“ wurde Lauffen zu Stuttgart. Können Sie noch folgen?

Der Stuttgarter Hauptbahnhof, jene von Paul Bonatz geschaffene spätimperiale Quadratperle, wurde flugs aus sehr viel Holz, versehen mit echt gefaketen Flugabwehrkanonen, im Niemandsland an der Lauffener Neckarkrümmung, 40, 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, aufs Aufwändigste herbeipotemkinisiert. Ein schwäbischer, arbeitsloser Informatiker schreibt dazu in der Informatikerpostille Wikipedia, unter dem schönen Stichwort „Brasilien (Scheinanlage)“: „An Stangen befestigte Lampen erweckten den Eindruck von beleuchteten Gleisanlagen. Künstliche Lichtblitze sollten fahrende Straßenbahnen vortäuschen, Strohmatten umliegende Straßenzüge.“

So kommt es, dass sich noch heute im schönen Bad Cannstatt in der Nähe des Hauptbahnhofs alte Bürgerhäuser erhalten haben, in deren ausrangierten Bäckereien ich als Kind spielen und etwas unbestimmt Erhabenes, Altes, mich bei weitem Überragendes wahrnehmen durfte. (Dafür haben sich die Stuttgarter fairerweise auch bei den fast vierzig Mal einem der falschen Flußbiegung zugeeigneten Feuer zum Ziel gewordenen Lauffenern bedankt.) Aber so kommt es eben auch, dass man in Lauffen am Neckar vergeblich ein Hölderlin-Erbe herbeisimulieren muss heute, denn Echtes, was immer das sein mag, ist längst fort, verbrannt, einmal, als Lauffen ein Brasilien war, das Stuttgart sein sollte.


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Saturday, May 23, 2009

Eine weitere Kampfschrift gegen das Bild

Wo gehen Sie hin um zu träumen? — Die Bilder sind mir fad geworden. Ich weiss nicht, woher das Wort fad stammt, aber seine vielleicht nur phonetische Ähnlichkeit zum englischen to fade trifft es gut. Die Bilder laufen nicht mehr nur, sie bilden zunehmend ein Kontinuum mit unserer Existenz aus, und unter ihrer zäh werdenden, in tausend Jahren nicht verwesenden Lackfarbe verblassen die eigenen Träume. Diese an sich langweilige kulturpessimistische Figur ist so alt wie die Photographie oder älter; sie haben vor mir wortreicher und geistesschärfer andere analysiert, und Verlage wie Merve oder Suhrkamp bestreiten mit Variationen derselben einen beträchtlichen Teil ihres Katalogs.

Aber am eigenen Ätherleib spürt man dieses unfreiwillige Kontinuum doch am besten. Die Bilder kommen einen holen, wenn man sich nicht in Acht nimmt vor Ihnen. Sie schliessen ganz von selbst die Grenze zwischen mir hier und Ihnen dort, zwischen Erfahrungsrealität und Bildrealität. Es wird gern übersehen, dass der Mensch ein Augenwesen ist, und mein Augensinn macht mich so anfällig für die Wirkstoffe des Bildes.

Viel leichter kann ich einfach nicht glauben oder einfach gar nicht hören, was man mir erzählt. Aber die neuralen Bilder, die ich aus Ab­bild­ern aufnehme—von Photo­graphi­en etwa, oder noch wirk­mächtiger von Filmen und Filmspielen—trennen sich ungleich schwerer ab von jenen neuralen Bildern, die ich selbst er-lebt habe. Warum auch; es ist dasselbe, und es ist in besonderem Maße dasselbe für die uralten Schaltkreise, die mit nur zweimal Umsteigen in die Sehrinde führen und auf dem Weg dorthin bereits in die vorbewussten Vorratskeller des fühlenden Hirns hinabdiffundiert sind.

Das Hören oder Lesen eines noch so trivialen und sicher in vielerlei Hinsicht fahrlässigen Textes wie Angel of Death der Krawallbrüder von Slayer, so die These, bringt insgesamt deutlich weniger Schaden und Verkommenheit in die Welt als der sepiafarbene Auschwitz-Kitsch von Stephen Spielberg. Und, so der Komplementärteil der These, traumatisiert worden (d.h., in seiner eigenen Phantasie vieler Freiheitsgrade gewaltsam beraubt worden) ist von einem noch so detail– und blutreich, meinethalben: pervers (falls Ihnen diese Vokabel weiterhilft; mir nicht) erdachten Roman, Text, Satz sicher niemand. Verstört: ja; seiner Vor­stellungen, seiner Ausmalungen, und damit seiner Souveränität beraubt: Nein.

Mit dem Vorsatz noch träumen zu wollen in die Bilder zu gehen heisst also zunehmend: Nicht mehr zu träumen. Wenn die Bilder zum Träumen also nicht mehr taugen, weil sie von einer Realität sich nicht mehr ab­setzen, dann verliert auch das Kino seinen Options­schein auf meine Träume.

Ob es nun die nächste Evolutionsstufe sein wird, lieber gar nicht mehr zu sehen, sei dahin­gestellt. Vorerst aber heisst die Antwort: Zurück zum Wort, paradoxer­weise. Die alte Schulhof– und Smalltalk-Frage Buch oder Film muss in dieser Allge­mein­heit und zunehmend radikaler mit Buch beantwortet werden, und die an sich jüngere Kulturtechnik des geschriebenen Worts ist es erstaunlicherweise, die uns hilft, den fast verlorenen Freiraum des selbstbestimmten Traums zu bewahren.

Abb.: Keine vorhanden.


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Thursday, May 21, 2009

Hebephrenie oder die Rückkopplungen einer noch jungen Technologie

Selbstreferenz. Eine Kamera, die ihr eigenes Abbild filmt, wenn Sie wissen, wovon ich rede. Manche Schizophrenie-Forscher würden vielleicht von fehlgeleiteten Efferenzkopien sprechen. — Alles eine große Theorie, vor allem aber ein großer Spaß.

Um selbigen voranzutreiben und um die Suchmaschinen der totalen Bibliothek mal mit etwas Rauschen neben all dem Hochqualitätssignal zu füllen, ist es unabdingbar, hier einmal recht wahllos die Suchbegriffe (mit allen Schreibfehlern! Auf dass sie noch mehr sogenannte Google-Hits produzieren mögen) aufzulisten, mittels derer Menschen aus Nah und Fern zu uns hier an die WALL OF TIME gefunden haben in den letzten Tagen.

Erklärte Favoriten der Redaktion sind natürlich “Autofahren bei hebephrener Schizophrenie” und “free-world-of-voyeur-deutschland”. Aber Lesen Sie selbst. Suchmaschinen-Roboter bitte hier entlang:

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Wednesday, March 18, 2009

Wo die Kamerafahrten ein Ende gefunden haben

Ich wohne ja weit weg. Ich weiss nicht, ob das kleine Schicksal nun mich gezwungen oder die Zwänge mein Schicksal gebogen haben, aber ich sitze auf dem Bahnhof des mit den anmutigen und frohen Lettern Adrian Frutigers verzierten Pariser Flughafens. Wieso hier, fragen Sie. Wieso hier, frage ich mich selbst.

Das kam so: Ich beschreibe eine elliptische Fahrt, wie die Kamera des Michael Ballhaus, die um die Mutter Küster auf ihrer Fahrt zum Himmel kreiste. Meine Kreise werden sich konzentrisch verengen in den nächsten Tagen. In der Asepsis, die der deutsche Osten darstellt, war ich heute Morgen zunächst in eine etwas verwohnte Embraer-Maschine der Air France gestiegen. Zwei der jungen Männer meiner Reisegemeinschaft verdächtigte ich—wofür ich mich zwar entschuldigen, aber es nicht ungeschehen machen kann—umgehend des Bösen in ihrem Schilde; dies wohl eine unheilige Kondensation aus ganz normalem Post-9/11-Wahnsinn und dem völlig arglosen Blick des so unheilvollen Tim, leicht aufwärts zu mir blickend, abwartend, auf dem aktuellen Wochenmagazin SPIEGEL, das ich entgegen meines Wollens hatte kaufen müssen.

Wieso eigentlich elliptisch, wieso Kamera, wieso Fahrt? Nach dem gewissermaßen zunächst auswärts, scheinbar fort vom Ziel strebenden Reisen und Arbeiten über Paris, Lyon und Grenoble der Linksschwenk hinein; eindrehend, um durch die Mutter der Beschaulichkeit, der Schweiz, hindurch, auf Wegen aus Eisen, nach Deutschland, durch die Hintertür, und vollends hinauf nach Stuttgart zu gelangen und das eigentliche Ziel in den Blick zu nehmen: jene schwäbische Heimat, deren unaussprechlichen Namen bisher doch nur so wenige zu buchstabieren wussten, und dessen Zweckarchitektur sowie seine bleichen, verzerrten Gesichter in den letzten sieben Tagen so rat– und rastlos zerfragt und zerfilmt worden waren.

Vielleicht werde ich zunächst in der größeren, weniger leicht zu erschütternden Metropole verharren, bevor am nächsten Tag die Fahrt hinein in die kleine Stadt mit der großen Trauer möglich sein wird. Dann wieder die Heimat mit den eigenen Augen schauen, und von mir aus auch mit dem von (Frankreich!) Saint-Exupéry besungenen Organ. Aber auf alle Fälle nicht mehr durch die Bildwurst– und Fleischmaschine der Übertragungswagen, an deren Auswurf wir wider besseres Wissen und Gewissen gehangen waren in den ersten Stunden und Tagen. Es war nicht weit gewesen zu Baudrillard und einem in sich richtigen, emotional aber unerträglichen Baudrillardschen Schluss, Winnenden did not take place.

Ich verbot mir, solch Französisch-Postmodernes, einst Schickes zu Ende zu denken im Angesicht des Unsprechlichen. Um aber über diese medialen Rückkopplungen, die unbestreitbar die feinen Sinneszellen in allen Organen zerstören können, hinwegzugelangen, muss selbst hinfahren, wer verstehen will. Verstehen heisst in diesem Falle nicht, aus dem “Warum?” ein rohes “Deshalb” zu meisseln. Verstehen erfordert zuerst, die Ohnmacht anzuerkennen. Er sei der Gott der Traurigkeit, hat der nicht minder unheilvolle Dylan Klebold nämlich geschrieben, in einer Sprache die ebenso krank wie schön war.

Hinein also, dorthin, wo mittlerweile die Kamerafahrten ein Ende gefunden haben und wo die Bushaltestelle wieder den Schulbussen und Schulkindern gehört. Die Traurigkeit werden die Korrespondenten und auch wir Zuschauer wohl dort gelassen haben, denn ihr Widerhall will nicht verstummen in mir. Aufschub, also nur, im satten Violett des TGV. Auf ins Reich der Traurigkeit.


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Wednesday, March 11, 2009

Poetik der Oberfläche

Pop. Wissen Sie noch? We don‘t need that fascist groove thing, give me—pronto—Amaretto, und all das. Junge (sehr beliebt:) Schnösel sitzen in Hotels herum und so. Ach nein, das war ja viel später. Es ist alles sehr verwirrend, aber das scheint alles Pop zu sein. Und falls Sie nun genauso verwirrt sind wie ich, fahren Sie doch bitte das gesamte Sommersemester hindurch nach Hamburg hinauf und lauschen Sie, was einige unserer führenden Experten auf diesem Gebiet zu sagen haben. Der Wall of Time nicht fremde Topoi der kontemporären Literatur, des Camp und des Gesellschaftsdesigns scheinen dort auf dem sehr schön gestalteten Lehrplan zu stehen. Be there, or be square, wie die Nachbarjungs immer riefen.

POETIK DER OBERFLÄCHE—Die deutschsprachige Popliteratur der 1990er Jahre
Chaired by Olaf Grabienski, Till Huber, Jan-Noël Thon
Universität Hamburg, Ringvorlesung am Institut für Germanistik II und im Allgemeinen Vorlesungswesen
Montags 18-20 Uhr, Phil-Turm, Hörsaal D, Kick off 06.04.2009



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Monday, January 19, 2009

Deconstructing Jünger

“Wenn Sie einsteigen in ein Spiel […], dann merken Sie, daß eine gewisse Be­geist­erung Sie befällt, auch wenn Sie, wie ich, eigentlich kein Ver­hält­nis [zu diesem Spiel] haben. Dasselbe ereignet sich, wenn ich in ein polit­isches System einsteige. Ich habe für Ord­nungs­systeme ein Faible.” Das sagte Ernst Jünger einmal, 1982, und dieser Satz lässt ahnen, dass er der span­nungs­reichen (De-)Konstruktion seiner eigenen Begriffswelten durch den Herausgeber Alexander Pschera und seiner nicht un-illustren Autorenschar im recht neuen Band “BUNTER STAUB” sicher sehr aufgeschlossen gegenübergetreten wäre.

Das vieltausendseitige Ordnungssystem Ernst Jünger, an dem der alte bad guy mit dem später eher humanistisch-entzeitlichten Gestus eines Astrologen und Sehers jahrzehntelang gewerkt und, vielleicht ohne es zu bemerken sehr postmodern, herumredigiert hat. Dieses System erfährt nun eine Spiegelung und Brechung in einem fast vierhundertseitigen Band aus dem Hause Matthes & Seitz:

Schlüsselbegriffe aus Jüngers Werk wie “Gestalt”, “Rausch”, “Waldgang”, “Schmerz” werden von ausgewählten Kennern des Jüngerschen Werks in eigenen Texten neu eingeleuchtet, und stehen  in der Mehrzahl  als Kunsttexte eigenen Ranges nun vor uns. Ihre wirklich kunstvolle, ebenso gedanken– wie für Jüngernovizen einsichtsreiche Verbindung aber besorgt ein namenloser Essayist, von dem wir annehmen, dass es Pschera selbst ist und der hier uneitel die eigentlichen Ein– und Aussichten zusammenträgt.

Gerade also für alle, denen dieser Bücherversand schon ebenso penetrant wie erfolgreich vom »Arbeiter« bis zu den »Afrikanischen Spielen« oder den »Glass Bees« (Jünger auf Englisch, auch eine sehr schöne Spiegelung) alles anempfohlen hat, ist dieser Band ein Segen: Endlich weiterdenken, über Jünger hinausdenken, Jünger anders lesen. Dazu tragen am ertragreichsten gerade die aberwitzigsten Versuche bei, wie David Woodards situationskomischer Trip mit Jüngers Augen durch das nicht mehr Leningrad heissende Petersburg, oder Pscheras stream of consciousness, den Topos des “Flugtraum” einleitend. Die einst an einer selbstbewussten Nation feilenden vermeintlichen Stars des Bandes hingegen bleiben erstaunlich blass, zu nah an Jünger selbst vielleicht, um dem Unternehmen der Dekonstruktion Entscheidendes beifügen zu können. Aber das machen andere wett, wie Eckhart Nickel, Lorenz Jäger, Günter Figal oder Mark von Schlegell, die verschmitzt ihre Hütchenspieltricks mit Jüngers Wesen und seinen Begrifflichkeiten veranstalten.

Jeder “[Künstler], für den […] die Jagd ein faszinierendes Spiel ist, ein Vorwand für subtilste Kombinationen und Differenzierungen” (so schreibt Jünger selbst in “Subtile Jagden” 1967) wird jedenfalls eine andauernde Freude am Besitz dieses sehr schön gesetzten, schön unbunt in schwarz und weiss gehaltenen, handlichen Bandes haben. Kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her!


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Sunday, October 26, 2008

Leipzig, at last

Nach Monaten reich an Wirrungen ist es einigen Leipziger Kultur­schaf­fen­den vergangenen Samstag doch noch gelungen, den Autor Christian Kracht in den Osten zu locken. Doch statt durch große Buchhandlungen oder die einschlägigen literarischen Zirkel dieser Stadt erfuhr ich erst am späten Nachmittag durch das Murdochsche Periodikum Myspace.com von einer ad hoc Lesung des enigmatischen Schriftstellers—vielleicht war es ihm selbst unheimlich geworden nach all dem Lob im Mainstream, also wieder Untergrund: “Galerie Bothe & Rillert 20.00 h”. Ich musste natürlich hin, und suchte eine ganze Weile nach dieser Hinterzimmer-Galerie, die vermutlich nur für diesen Abend nach den Großmüttern des effeminierten Galeristen so benannt wurde. Wir standen ab halb neun unschlüssig in einer unrenovierten Wohnung aus der Gründerzeit und schauten verstört unter den fünfundzwanzig, dreißig Besuchern umher: Hipster, Studentinnen und einige verstreute Corps-Geister mit Barbourjacke und Koppelschloß, die Faserland wohl etwas falsch verstanden haben.

Kracht, leise und leicht den kleinen Galerieraum durchmessend, erschien punkt neun in Begleitung seiner Gattin Frauke Finsterwalder, einer Art weiblicher Wiedergängerin seinerselbst. Ihm schien das Ambiente auch etwas unheimlich zu sein, aber er nickte freundlich in die kleine Runde, die nun raunend die Monobloc-Stühle besetzte. Es begann stockend; ein erwartet unlustiger Wissenschaftler im “Bingo Handjob”-T-Shirt versuchte, im mittlerweile legendär zu nennenden Volker-Weidermann-Stil in das Krachtsche Schaffen einzuführen, was dem Abend gleich zu Beginn eine Wendung ins Absurde gab. Ich eilte unter leichtem Unwohlsein um ein warmes Bier, um erst zurückzukommen, als Kracht selbst endlich das Wort hatte.

Er las ohne Mikrophon, und so recht wollte keine Stimmung aufkommen; ich fand nicht hinein in seine Worte, war es 1917 oder 2017, man weiss es nicht. Vielleicht lag es auch an der Clique von Endzwanzigern, stadtbekannt durch etliche Elektronikveranstaltungen; sie kicherten bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit recht laut los, ganz offensichtlich bemüht, sich den hippen Abend nicht durch die an sich eher sperrige Handlung des neuen Kracht-Romans zunichte machen zu lassen. Kracht las circa fünfzig, ziemlich lange Minuten, nur unterbrochen von seinen Korrekturen an der offenbar suboptimal sitzenden Tim und Struppi-Lesebrille, und einigen listigen Blicken ins Publikum bei den hippen Zuhörern wohl besonders gelungen erscheinenden Stellen.

Er endete etwas abrupt, vielleicht wollte er seinen Lesern keine rechte Klimax gönnen, signierte dafür aber hinterher noch einigen Lesern geduldig seine Werke. Wir versuchten, den Dichter noch zu einer Expedition ins hyperreale (read: nicht-existente) Leipziger Nachtleben zu überreden, aber nach einer kurzen Plauderei über den Vornamen von Slavoj Zizeks Ehefrau sowie die Rolle eines gewissen Martin Luthers im unheimlichen Madagascar-Plan verabschiedete sich Kracht; früh schon ginge sein Zug nach Göttingen.


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Monday, September 22, 2008

The impossibility of Now (pt. I)

“Tried living in the real world, instead of a shell /
but before I began / I was bored / before I even began”
—The Smiths –
q.e.d. – as early as 1987

Breathe in, breathe out. Believe me, I try my very best to live a life in the present.

For example, I breathe, in and out, and even try faux-buddhist tricks like attending the air flow into one nostril and exhaling through the other. Yet, Now is a difficult and somewhat harrowing concept for me. As the future also carries only a limited appeal, all there remains is the past; or, so it seems:

1. A random day in London, where I used to live.
2. I buy a book on Dresden, 1945. I am not interested in the present city of Dresden.
3. I buy another book; on Stalingrad.
4. I buy a pair of trainers that are inspired by a 1970s Tennis hero.
5. I buy a book with short poems by W.G. Sebald, a dead writer, very obsessed himself with life and events preceding his own.
5b. I stop myself from also buying a sociologist account on Baader-Meinhof and the Weathermen, and how the 1960s student revolts went out of hand.
6. I buy a book by poet Wallace Stevens, not knowing him as of yet, but feeling a deep sense of doing the right thing as I learn that he died over 50 years ago.
7. I exchange text messages with a girl I used to know.

During all of this, I hallucinate a bittersweet smell in the air, having “better” written all over it, as I derail from my lame attempts to live in the present. I am not here. Here is somewhere else. Breathe in, breathe out.


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Thursday, September 04, 2008

Als das Kind noch Kind war: Ein Koloss des Camp


Eine Feier des Irrealen. Wenn man das, was wir irreal nennen, durchdekliniert, und versucht zu verstehen, was alles erfüllt sein muss, damit Menschen in Übereinkunft etwas als irreal anerkennen, dann landet man sehr schnell bei MICHAEL JACKSON.

Die sehr begabte Margo Jefferson hat einen wunderbaren Essay (dt. Versuch) geschrieben mit dem ebenso naheliegenden wie bezaubernden Titel Über Michael Jackson. Jefferson beherrscht alle Taschen­spielertricks der Essayistin, die sie sich entweder charmant bei Susan Sontag abgeschaut hat, oder mithilfe dieser sie Sontag ein kleines Denkmal zimmern möchte; jedenfalls greift sie weit ins 19. Jahrhundert zurück, ins Vaudeville und in die Panoptika jener Zeit, sie kreist um den nicht benennbaren Kern des Michael Jackson, und ihr Text hat so viel Zauber, Mitgefühl und Substanz, dass er die Übersetzung ins Deutsche mühelos überlebt.

Jefferson ist sich mit jedem Wort bewusst, wie viel über Michael Jackson, schon geschrieben worden ist; so viel, dass ich hier weder Berufsbezeichnungen, Adjektive noch sonstwelche Attribute seinem Namen beigeben kann. Und doch gelingt es Jefferson, den Zauber, das unendlich Fremde, das gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt so unfasslich far-out ist, also—excusé-moi:—das Hyperreale des Michael Jackson, dieser Art «Koloss des Camp» (Jefferson—die sich merkwürdigerweise ihre Initialen mit Michael Jackson teilt; vielleicht ist das Buch doch von ihm selbst—über Freddie Mercury) zum Leben zu erwecken für uns.

Lesen Sie dieses Buch, und geben Sie es nicht mehr her.


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Friday, August 08, 2008

Why the Olympics will not take place

Weit entfernt, in einem Land, von dem ich nicht wissen kann, ob es wirklich existiert, so wirklich wie die Wiese vor meinem Balkon—dort haben sie heute ein Fest der Völker eröffnet, ist das ein Wort von Riefenstahl?, da muss man ja immer aufpassen.

Dort, weit entfernt also, heisst es, gebe es ein Vogelnest, so nennen es alle ganz repetitiv, und ein schlauer bärtiger Künstler, der auch gerne mit deutschen und amerikanischen Zeitungen spricht, erzählt von seinem Nest und von dem Land, in dem es steht, und wie er mit den lustigen zwei Schweizern es sich ausgedacht hat.

Und ich fände es nun prima, wenn mein Onkel Baudrillard anrufen würde, und wir würden uns in seinem wunderschönen Deutsch, das mich immer an Tommi Ungerer erinnert, über das unterhalten, was wir da “live” auf unseren Fernsehgeräten sehen. In Amerika, das gibt es, dort war ich schon, dort jedenfalls werden sie die Bilder sogar mit großem stundenlangen Zeitversatz zeigen, und während ein deutscher Reporter dies etwas hämisch und irgendwie anti-amerikanisch bemerkt, “live” aus Peking, gibt es einen halbsekündigen infernalischen Wiederhall, ein sogenanntes Feedback, und ich sage zu Baudrillard, ob er auch dieses Hallen gerade gehört habe, da hätten sie wohl gerade ein neues Patch in die Matrix eingespielt, und wir lachen.

Dann schlafe ich ein bisschen, ich nicke so weg, über einem Buch über Franz Gsellmanns Weltmaschine, und alles macht auf einmal Sinn, als Onkel Baudrillard noch einmal anruft. Ob ich ich die ganzen sogenannten “mündigen Athleten” gesehen habe, die seit 05 Uhr 45 zurückschossen. Tatsächlich, nicht mehr Winken und Sich ablichten lassen; nein, mit Digitalkameras bewehrt, aufs Display ihrer Geräte schauend, während sie in Horden durch das Vogelnest schreiten, filmen und photographieren sie selbst das Stadion, die Klaqueure, die Staatschefs, die Kameras, uns an den Geräten in der wirklichen Welt.

Mir ist leicht zumute, und ich laufe aus dem Haus.


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Tuesday, June 24, 2008

Kaufbefehl


In Iron fists. Branding 20th-century totalitarian states, Steven Heller approaches the 20th century totalitarian attempts of Germany, the USSR, China and others with the scholarly eye of the typograph, designer and expert for corporate identity.

Quite rightly and timely so, as one might ask (with not too much headway made, 50 years after Hannah Arendt): How—if not via their surface and looks and self-concept of corporate design, folk myth and branding—are we supposed to finally understand these opaque regimes?

“Ein wahrnehmendes Denken dieser Art—also […] ein aisthetisches Denken, das sowohl Ästhetik wie Anästhetik umfasst—scheint mir gegenwärtig aus nicht etwa, wie manche argwöhnen, modischen Gründen, sondern wegen seiner Begreifenskapazität und Wirklichkeitskompetenz an der Zeit zu sein. Es ist—so meine These—heute das eigentlich realistische, will sagen: das der gegenwärtigen Wirklichkeit (der schier nichts mehr gewachsen ist) noch am ehesten, nämlich wenigstens stellenweise gewachsene Denken. Die einst für dubios gehalteten ästhetischen Perspektiven erweisen sich zunehmend als die wirklichkeitsnäheren und erschließungskräftigeren.” (Wolfgang Welsch)

Monday, June 16, 2008

I am a Spenglerian spoilsport

Here is why postmodernism has become so boring: Everybody thinks they can have their share and play a few witty tricks on perception, aesthetics, common rules, irony, and post–irony, as well as post-post-irony. I arrived at this conclusion on the unlikely yet very delicate topic of EURO 2008’s football shirts, and especially, shirt typography.

I was just about to recover from Puma’s sick and plain tasteless all-lowercase typeface that had been so ubiquitously present on the last worldcup’s African team equipments (it doesn’t look good, it’s not legible, and it was post-modernism at its worst: It est, it looked dated).

This time round, a few coked-up big-time graphic designers were surprised themselves when they got through with their parody of an idea for Italy’s shirt numbers.

I guess we are supposed to be in awe: The shirt numbers in close-range look pixelated, their borders are blurry rather than high-contrasted lines. What you as a postmodern media consumer are supposed to see here, of course, is what you see when you zoom into a low-resolution jpeg image: The pixels become obvious to the human eye, but you see a clear shape from a more far-range perspective (cf. Fig. 1). Our funny post-modern graphic designers thought that it would be so next decade to invert this effect and make the real-life shirt and real-life vision (if there is such things as real-life vision, that is) mimic our screen-based visual experiences.

It had been only half-funny in 1984 when Zucker & Abraham did this with a giant telephone in Top Secret!. Now, judge for yourself whether to shake your head rather over such silly outdated hip-to-be-square fake-web-aesthetics or over my ability to be so upset about it.



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Saturday, June 07, 2008

Classics of Camp (V): Well come to Billy Beats

«Mein Gefährte und ich schlichen den anderen einige Meter hinterher, in ein laues Gespräch vertieft, in dem jeder die Pässe des anderen routiniert zurückspielte, mit kleinen Tricks und Wendungen ihnen neuen Schwung verlieh. Und dann, vor uns, der Weckruf; ein Schild, eine Leuchtschrift, ich weiß nicht, wer es zuerst entdeckte, wer zuerst die große runde Wahrheit und Schönheit in seiner Form und seiner Botschaft realisierte. In hellblau und orange gehalten, rief es fröhlich: Well come to Billy Beats.

Dazu muss man wissen, dass jener Sommer uns auch zum ersten Mal an den schweren, stahlgrauen Quarzlaufwerken sah. Wir drehten die mattschwarzen Plastikscheiben mit den ihnen eingeschriebenen regelmäßigen Variationen, die, einem Saphir zur Abtastung untergeschoben, ganze Reiche voller Klang und Krach, mit wundersamen Pausen zwischen den Zählzeiten, zu Gehör brachten. Es war der Sommer, der ungelogen und völlig ohne Übertreibung bereits lange vor unserer Abreise eine neue Zeit zum Klingen gebracht hatte. Unsere ganz private Moderne mit den Blechinstrumenten und den Samtanzügen schien schon weit ins Museale gerückt, und die Elektrifizierung fand in unseren Herzen und unter unseren Händen statt, während und weil wir durch die Läden der Großstadt streiften, und für wenige Währungseinheiten billiges, schwarzes Gold aus großen Kisten zerrten, es zur Kasse, flugs nach Hause, auf ebenjenes neue schwere Laufwerk und von dort in den Kreislauf jagten. Ein schlechtes, plump anmutendes Gleichnis? In der Tat, wäre es nicht das einzig treffende, das den Aufbruch und die vollkommene Mobilmachung unserer Sinne in besagtem Sommer erfassen könnte.

Gutes Kommen zu den Billy Beats also. Ob die Mediterranen nicht eher das englische Idiom für den Strand meinten mit ihrem freundlichen und nicht unaufwendig gestalteten Schild, was ja offensichtlich war, wagte keiner von uns anzusprechen: zu elektrifiziert waren wir von diesem neu gewonnenen Wahlspruch.

Vor uns ein Strand namens Billy, den wir schon bei Nacht betreten hatten, der aber erst jetzt in seiner visuell zu erfassenden Weite seine volle Wucht entfaltete. Der Gefährte ließ sich als erster nieder im Sand. Ob er ein Handtuch benutzte, ist mir nicht mehr erinnerlich, ich möchte aber des Bildes wegen glauben, dass er solche Vorkehrung für albern erachtet hätte. Jedenfalls beneidete ich sofort die Lässigkeit seines Dahingestrecktseins. Und legte mich eilig daneben, die Sonnenbrille zwar auf der Nase, sonst aber von einer mir heute wundersam erscheinenden Arglosigkeit ob meiner unbeeindruckenden bis hässlichen körperlichen Erscheinung.»



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Wednesday, May 28, 2008

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Schon zu oft habe ich das Ende der Syntax beklagt. Und, gerade wenn ich denke, alles versinkt im gleichzeitigen, ungeordneten Regnum der Schlagwörter, kommt einer, den wir vermisst haben, und schreibt wieder ein Buch. Und zum ersten Mal, antizyklisch zum Zeitgespenst fast, nimmt er nicht ein rätselhaftes Wort (“Faserland”, “Mesopotamia”, “Metan”) zum Titel. Auch belässt er es nicht bei Jahreszahlen (“1979”) oder politischen Forderungen (“Ferien für immer”)—

Nein, Christian Kracht wird bald zurück sein, an unserer Seite, mit einem neuen Roman, und er trägt einen vollständigen deutschen Satz zum Titel, einen sanften, beruhigenden Satz. “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten”.

Viel mehr lässt sich noch nicht sagen, und bei diesem Sendboten der mehrfach verschachtelten Ironie kann es einem gern passieren, dass man das Konnotations-Karusell durch den Ausgang für Post-Post–Ironiker verlässt, obwohl man durch den Eingang für Authentizitätsgläubige und Bedeutungsschwangere hereinkam.

For the time being lässt sich zumindest folgern, dass Kracht seinen Titel mit den höchsten Distinktionsweihen entweder sehr gut aus sehr alten prä-digitalen Librärien geklaut hat (siehe unsere Abbildung), oder einfach eine seiner vielen guten Ideen hatte.

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Fig. 1: As of May 28 2008, the beautiful sentence ”Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ did not yield any results in a leading search engine. Click on the image and see how this may have changed in the meantime.



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Friday, May 02, 2008

Alles ist erreicht.

Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen. So pathetisch stand dieser Satz in einem an Pathos insgesamt nicht armen, mich dennoch oder gerade deshalb jahrelang begleitenden Artikel des leider sich meinem Verständnis mittlerweile völlig entziehenden Ulf Poschardt, in einem Spiegel Spezial “Pop und Politik” aus dem Jahre 1994.

(Als Fussnote sei erwähnt, dass in selbem Heft, das in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz hält, der aufs Angenehmste gegen Pathos immune Christian Kracht mit einem Vorabdruck seines ersten Romans vertreten ist; von Taxifahrern, die aussehen wie Nazis, ist die Rede.)

Alles ist also in der Tat erreicht, dachte ich gestern; alles ist doch richtig und wunderbar, und es ist etwas gelungen in meinem Land, wenn ich mit einem in England lebenden Deutschen und einem in Sachsen lebenden Bayern das hervorragende Ad hoc Konzert eines singenden Kraftsportlers besuche, der eine Cover-Version des Überhits “Mongoloid” von Devo im Programm hat, mit homosexuellen, männerbündischen und Riefenstalinistischen Konnotationen völlig selbstverständlich und angenehm post-ironisch um sich wirft in dieser ostdeutschen Hinterzimmer-Galerie als wären es seine Ringergegner, und wenn wir drei im Taxi zurück dann mit unserem iranischen Taxifahrer Pashootan zusammen aufs Lauteste und ebenfalls Unironischste Iron Maiden’s Run to the Hills zelebrieren. Alles ist erreicht, wenn wir nicht mehr lügen müssen.

Monday, April 28, 2008

Der Traum vom Fliegen, ein fliegender Traum

Es ist vermutlich eine Schande, erst dieser Tage von der großartigen Fluglinie Ingold Airlines zu erfahren. Da aber ein guter Traum auch nach 26 Jahren wahr werden kann, hier nichts weiter als eine Verbeugung vor großem richtigem Leben im Falschen: Die Fluglinie Ingold Airlines des Inhabers und Kunstprofessors Res Ingold.

Aus einem kürzlich erschienen Interview mit Seniorchef Ingold:

SZ—Was ist bei Ingold Airlines anders als bei anderen Fluglinien?
Ingold—Fast alles. Wir bilden im Prinzip eine ideale Fluggesellschaft ab. In der heutigen Gesellschaft ist alles billig und schnell. Der Idealpassagier einer konventionellen Fluggesellschaft passt ins Konzept der Airline und zahlt gut Geld, dann ist das in Ordnung. Das kommt dann den wirtschaftlichen Entwicklungen entgegen, aber es geht zu Lasten der individuellen Genussfähigkeit. Ingold Airlines war nie eine Billigfluggesellschaft und wollte es auch nie werden. Bei uns stehen die Träume und die Wünsche der Passagiere im Zentrum. Wie suchen die ideale Servicekombination für jeden individuellen Fall. Ingold Airlines möchte die Idee verbreiten, dass man seine kurz bemessene Lebenszeit möglichst optimal nutzen sollte. Will ich mich mit tausend anderen wie in einer Sardinendose zusammengepfercht an einen Strand liegen? Oder bin ich es mir wert, ganz andere höchst individuelle Ziele zu finden und die Zeit optimal zu genießen?


Ich bin gespannt, wann Ingold Airlines Opfer der ersten Flugzeugentführung (gibt es so etwas noch?) oder des ersten Absturzes wird. Ich jedenfalls werde zu meiner nächsten Flugreise mit Ingold Airlines vermutlich von einer der zahlreichen Haltestellen von Martin Kippenbergers weltweitem U-Bahn-Netz aufbrechen.


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Friday, April 25, 2008

Spiralen einer Erinnerung: Ankündigung David Woodard, Christian Kracht, Ma Anand Sheela

Ausstellung 02.05.—24.08.08
«Dreamachine: David Woodard, Christian Kracht, Ma Anand Sheela»
Kuratiert von Adrian Notz und David Woodard; Eröffnungsgala am 02.05.08 um 20:00 mit einer Lesung von Christian Kracht, einem Vortrag von Dr. David Woodard und einem Gespräch mit Dr. Sheela Birnstiel


Spiralen der Erinnerung, Spiralen der Ereignisse. Spiralen verdichten sich, in einem Punkt. Eine solche Spirale liesse sich schreiben aus drei Charakteren, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Wer sagt, die großen Erzählungen seien vorbei, war das Lyotard? Nun denn, hier ist eine neue, große Erzählung. Sie beginnt im Feburar 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich und findet einen vorläufigen Kulminationspunkt kommenden Freitag, den 02. Mai ebenda.

Ein kleiner, maximal subjektiver Auszug aus den Spiralen der Erinnerung könnte sich etwa so lesen (magischerweise wird das Bild durch Anklicken größer):



Zu guter Letzt, zur Verdeutlichung, darf ich um Aufmerksamkeit bitten für einen kleinen Auszug aus dem Pressetext des Cabaret Voltaire, Zürich, der auch als spirituelle Unterweisung im Verfassen von Pressetexten durch Dr. Woodard selbst verstanden werden kann:

“Sheela and Woodard guided a group of 14 gifted patients in a symposium centered on the muse-like and therapeutic value of stroboscopic light. For a period of two hours each day—culminating on April 16, the sixty-fifth anniversary of [LSD dicoverer] Hofmann's invention—patients created watercolor paintings in the presence of a Dreamachine, which was lent for this purpose by the German art collector Alexander Schröder.
Along with the Dreamachine, which visitors are welcome to experience in the privacy of a cordoned area, a selection of completed works from Woodard's and Birnstiel's symposium are on view.
Please greet the artists at our Friday, May 2 reception: Christian Kracht will read from a text distinguishing the Dreamachine from TV, and David Woodard will read from a text connecting the Dreamachine to the realm of coincidence and Sheela Birnstiel will present her work in Matrusaden and her experience with the Dreamachine, after which Kracht, Birnstiel and Woodard together will form a brief Q&A panel.”

Es verschafft allen Mitarbeitern hier an der WALL OF TIME große physische Schmerzen, die an und für sich zwingende Reise nach Zürich nächste Woche nicht antreten zu können. Aber bitte, liebe Leser, eilen Sie zahlreich und gehen Sie dieser großen Erzählung selbst auf den Grund.


Photo: Arne Ahlert, Schloss Wiesenburg, 2008; Illustrations: Wall of Time

Thursday, April 03, 2008

My daily dose of Baudrillard


Genau jetzt: Es scheint, als bräuchte ich meine tägliche Dosis Baudrillard. Er ist ja als Philosoph missverstanden worden, also: als Philosoph verstanden worden. Dabei ist er doch ein Poet gewesen.

Da schlage ich ein wunderschönes kleines, kleinstmögliches Büchlein auf, mit dem ja bereits sagenhaften Titel “Warum ist nicht alles schon verschwunden?”, en passant eigentlich eine gelungene Demonstration, dass Selbst-Ironie doch noch möglich ist,

und dann steht da auf der ersten Seite—die wie das ganze Buch in einem ganz engen Satzspiegel daherkommt, muss es ja, es ist so klein, gewinnt aber dadurch diese gedichthafte Zeilenlänge von höchstens 45 Zeichen—da steht also:

WENN ich von der Zeit spreche, dann deshalb,
weil sie noch nicht ist

Wenn ich von einem Ort spreche, dann
deshalb, weil er verschwunden ist

Wenn ich von einem Menschen spreche,
dann deshalb, weil er schon tot ist

Wenn ich von der Zeit spreche, dann des-
halb, weil sie schon nicht mehr ist

— Kann man Zeit treffender um-schreiben? Sie zu be-schreiben scheitert, das sehen wir hier an der Zeitmauer ja täglich.

Aber dann dichtet da ein alter Franzose, unser Freund Markus Sedlaczek übersetzt es für uns in wohlgeformtes Deutsch, der alte Mann mäandert durch die Worte, pflügt mit seinem Tempus-Traktor durch die Logik; aller Baudrillard scheint auch in diesen (posthum erschienenen) vier Zeilen enthalten, alles was sie an ihm hassen, und alles (dasselbe) was man an ihm lieben muss.

Und er hat plötzlich in den vier Zeilen, die seinen letzten Text einleiten, das Paradoxon der Zeit oder unserer Erlebens von ihr, das Flüchtige, das für die Melancholischeren unter uns immer auch vom Verschwinden und vom Sterben handelt, eingefangen, eingerahmt. Die Zeit, die noch nicht ist, und jene, die schon vorbei ist, halten und stützen hier die verschwundenen Orte und die toten Menschen.

Wer so zu schreiben weiss, hat die Zeit und den Raum und den Tod überlistet.



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Monday, March 31, 2008

1975

Ich sitze in einem ganz besonderen Hotel in Nijmegen, Holland, und verstehe kein Wort, wenn die Menschen sprechen. Das ist ein bemerkenswertes Gefühl, das auch das Fremdsein besser approximiert als das Leben im englischsprachigen Ausland, wo nur ein bisschen Akzent im Weg ist üblicherweise.

Dieses Hotel hier ist besonders, weil seine industriell anmutende 1970erhaftigkeit sofort die wärmsten und besten Erinnerungen in mir wachruft—es ist eben doch dies das Jahrzehnt, in dem ich geboren wurde und nach dessen Mitte, also in dessen Blütezeit (nachdem es also seine ästhetische Definition gefunden hatte), ich aufwuchs.

Die dunkelbraunen Holztüren, die Teppiche, die Fassade, die Type der Leuchtschrift. Alles erinnert sofort sehr stark an unseren Stadtteil Schelmenholz, der selbst—in quasi allen seinen bestimmenden visuellen Elementen—eine einzige Hervorbringung der 1970er Jahre ist. Es wird sich zeigen, ob der Rest von Holland und Nijmegen diesen Eindruck bestätigen wird. Sollte Holland für die 1970er Jahre sein, was die Schweiz für die 1960er geworden zu sein scheint: Ein Hort, ein Schrein, ein letztes Resort?


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Thursday, March 20, 2008

Botho Strauß on Time (III)

Es ist diese gelungene, eindringliche und stets leicht traurige poetische Figur, die Botho Strauss strichelt für uns, immer aufs Neue, in wunderschönen Iterationen desselben:

“Was aber, wenn er dennoch ein empfindlicher Chronist bleiben möchte und dem Regime des totalen öffentlichen Bewusstseins, unter dem er seine Tage verbringt, weder entkommen noch gehorchen kann? Vielleicht wird er zunächst gut daran tun, sich in Form und Blick zunutze zu machen, worin ihn die Epoche erzogen hat, zum Beispiel in der Übung, die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen und erst recht scharfumrandet wahrzunehmen. Statt in gerader Fortsetzung zu erzählen, umschlossene Entwicklung anzustreben, wird er dem Diversen seine Zonen schaffen, statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen. Er wird sich also im Gegenteil der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, anstatt sich ihr verhalten entgegenzustellen.”

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