Friday, March 07, 2008

On Photography: Ein verpasstes Nein.

Ein Bild, eine Photographie, und ihr Einmünden in das entzeitlichte All des sogenannten Internets.

Gerade flattert es erst herein, es ist so unschuldig noch und frisch, und diese Frische ist es wohl, die mich fasziniert: Wie ein aus dem ewigen Eis geretteter, längst toter Jüngling, in einer Paul Auster– oder Sebald-Erzählung, wie in irgend solch einem kleinen alchemistischen Erzählertrick taucht es auf: Ein Bild aus dem Jahre 1888, so erfahren wir. Einhundertzwanzig Jahre ist das her. Das Bild selbst tut—so ist das stets mit den Essayisten—leider kaum etwas zur Sache, aber sein Eintritt in unser kollektives Bewusstsein, sein Eintritt in das von uns geschaffene Reich der Bilderherrschaft erscheint bemerkenswert.

Das Bild jedenfalls zeigt, so sagt man uns, die taubblinde Helen Keller als Kind noch, mit ihrer Betreuerin. Was daran fasziniert, ist diese Vorstellung des “Auftauchens” des Bildes (ewiges Eismeer):

Die wollweißen Handschuhe, mit denen ein Archivars-Faktotum es zu einem Flachbettsscanner trägt. Wie das Bild dieses eine, entscheidene, alles für immer verändernde Mal nicht von einem menschlichen Auge, sondern vom Licht dieses Bildhäschers erfasst wird. Wie eine Datei Keller_raw.tiff entsteht. Wie es sodann in wenigen Tagen, nachdem vielleicht der Pressechef der New England Historic Genealogical Society seine begleitenden Worte wohlfeil geschliffen hat—Worte die bereits heute der FAZ keinen Abdruck mehr wert erscheinen, das Bild spricht für sich selbst bereits, erstickt jedes Wort, wird vom Redakteur angetextet, von Generationen von Praktikantinnen untertitelt werden für die nun folgende immerwährende Umkreisung im Bild- und Präsenzäther—

Wie also solch ein Moment des Eintretens in unsere allpräsente Bilderwelt sich für ein Stück chemisch behandelte Pappe aus dem Jahre 1888 vollzieht, für dieses Stück Papier, das belichtet wurde, als Gottfried Benn zweijährig ein brandenburgisches Pfarrhaus auf seinen ersten Schritten durchmaß; ein Stück Papier, das in Schachteln und Archiven und auf Dachböden gelegen haben mag, während all diese Jahre lang die sich total verweigernde Schildkröte Lonesome George ([1], von der zu reden sein wird eines Tages) ihre umgrenzten Kreise zog, und immer noch zieht—

Wie also dieses Bild seine 120jährige Gestationszeit, Unschuldszeit, Kindheit verbracht hat und nun gebannt ist, eingefangen, vollends, dem Verfall entzogen ist auch, einem Verfall, der doch dazugehört hätte, wie jeder Verfall, wie jeder Tod, das kann einen schon staunen machen und rätseln über die entzeitlichte enträumlichte Kapazität des totalen Netzes.

Ich trage bei, weil es ja egal sein wird, zur Vervielfältigung, und präsentiere auch hier dieses Bild. Ich lade es so gar erneut auf einen Server meines Anbieters, statt es nur zu verlinken, wie um zu demonstrieren, dass sich nichts mehr ändert hierdurch. Es ist nicht öfters oder anders in dieser Welt dadurch, weil es absolut und total geworden ist, damals, vor einigen Tagen vielleicht (und schon bald wird dies 4000 Jahre her sein), als es digitalisiert wurde.

Es ist egal, es kommt nicht mehr darauf an. Doch während ich die Zeile img src=“…” tippe, denke ich, ja, jedes nicht-digitalisierte Bild, im Ende: jede nie entstandene Photographie ist ein kleiner Sieg, eine kleine erfolgreiche Verweigerung, ein kleines stolzes, würdiges Nein.





[1] siehe hierzu Kamerun, S. (2006) Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt; Hörspiel. Köln: Westdeutscher Rundfunk.


Apologies to our readers who prefer our English posts.

1 comment:

  1. Was für ein Schmarrn. Vielleicht werden diese Satzfragmente nie wieder auftauchen, nein, nicht vielleicht - ziemlich sicher werden sie nicht in 120 Jahren nicht mehr ausgegraben werden. Der ganze Sinn eines Bildes ist es, zu dokumentieren, und der Sinn des Dokumentierens liegt in der Zukunft und nicht in der Gegenwart. Also, lieber Jonas, man muss nicht alles kaputt denken.

    Matthias

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