Tuesday, August 11, 2009

Persönlichkeitsfragebogen am Nachmittag des 11. August, 2009

—für Hans Eysenck, Moritz von Oswald, Nicholas Currie


1. Ich empfinde oft eine ontologische Differenz.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


2. Ich wünsche mir heimlich, dass Usama Bin Laden nie gefasst wird.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


3. Ich möchte Arbeit lieber geben als nehmen.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


4. Moral ist Eitelkeit.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


5. I’d rather prefer an English questionnaire.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


6. Ich will kein Inmich mehr sein.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


7. Ich wäre manchmal gerne unsichtbar.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


8. Ich wünsche mir, dass Usama Bin Laden gefasst wird.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


9. Nur wer nicht wütend ist, kann denken.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


10. Meine Persönlichkeit wird sich nie ändern.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


11. Ich würde gerne mehr sein und wäre weniger seiend.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


12. Ich habe Angst vor einem überfluteten Keller.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


13. Ich habe nie Angst.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu


14. Ich bin eher traurig als wütend, wenn mein Zug Verspätung hat.

trifft sehr zu — trifft eher zu — trifft eher nicht zu — trifft gar nicht zu

Saturday, August 08, 2009

Zeichenlehre

Geschichte wird gemacht, schon wieder, dieses Wochenende. Charles Manson schickte vor vierzig Jahre eine radikale Erneuerung der Defintion von Böse auf den Weg. Die Beatles liefen über einen Füßgängerüberweg, und belebten das Genre der Verschwörungstheorie damit neu: Paul ist tot? Und gehörte dieser VW Käfer nicht auch einmal Charles Manson? Ach nein.

Die Hakenkreuze auf Mansons Stirn jedenfalls drehen in den frühen Jahren mal links, mal rechts herum. Dies erstaunt zumindest, und legt nahe dass Manson in jener Zeit sich sicher intensiv mit der hinduistischen Symbolik der Svastika, स्वस्तिक, auseinandersetzte. Jedoch, virtuose, brutale Semiotiker waren die Manson-Familie von Beginn an, ohne dass man sich sicher sein kann, dass hier Wissen und planvolle Zeichenspiele am Werk waren und nicht vielmehr kruder Bildersturm.

Spielen Sie doch heute, so oder so, einmal die Abbey Road Schallplatte links statt rechts herum ab. Vielleicht macht das die schlimmsten von Paul McCartney’s zahlreichen ästhetischen Irrungen in diesem Spätwerk erträglicher.

Abb. 1: Eine verunglimpfende Schmähcollage, in der das Gesicht des Paul McCartney, offensichtlich geliftet und leer, mit dem erstaunlich ansehnlich gealterten Gesicht des Charles Manson, ein Hakenkreuz ist zu erahnen, übereinander projiziert ist, leicht gefiltert mit RGB 204,0,0.



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Friday, August 07, 2009

Dreifachimpfung

“Verworrensein und Nicht schreiben Können ist noch kein Surrealismus”
—Gottfried Benn


Ich sitze in einem weißen Plastikstuhl. In Belgien fällt alles auseinander, höre ich. Ich entnehme dies einer fast weißen Postkarte, die umseitig den fiktiven Reporter eines non-fiktiven Journals bei seinem (fiktiven) Russland-Abenteuer aus dem Jahre 1929 zeigt. Belgien zerfällt? Im Frühjahr, wenn dickes Blut in dünnen Ärmchen auf 9 Atmosphärenüberdruck durch die flämische Hölle strampelt, frage ich mich ohnehin immer, ob diese eindrücklichen Pflastersteine nicht direkt aus der Zeitmauer herausgebrochen sind einst. Nun liegen Sie dort.

Ein anderer Schamane, Paco sein von Zeitungsblättern umrankter Name, erzählt von Reisen entlang einer anderen, von ihm mythisch aufgeladenen, vor allem aber wesentlich besser präparierten Piste, der Autobahn 38. Er zeigt mir neue Bilder; wieder hat er also eine Gruppe blasierter und vom Posthistoire schon ganz gelangweilter Großstädter ins Südharz gelockt, dieser Jeffrey Dahmer des Speedtourimus. Die Photographien resonieren mit Bildern in mir, die ich längst verloren glaubte; wieder das Kaffee Kolditz, wieder die Storm-Statue, wieder dieser schlimme Tyler-Brulé-McDonalds.

Indes erwähnt in Amerika ein Schriftsteller, dem ein anderer, mit den Kolditzschen und den belgischen Mythen nicht unassoziierter Scharfgeist einmal bei einem französischen Butterhörnchen und Kirschmarmeldade mit etwas starkem Bourbon-Vanille-Aroma vorwarf, doch nur von Sex zu schreiben, in seinem neuen Buch diese weißen Stühle, diese aus Plastik, und feiert auch den Namen des europäischen Experten auf diesem Gebiet, Monoblocist Jens Thiel.

Da wird mir dann vollends etwas schwindelig auf meinem Balkon, zu viele Querbezüge, und die 3-fach-Impfung (REPEVAX) gegen Ironie, Ennuie und Misanthropie vom Anfang der Woche haut wieder rein. Ich hole einen mit einem Putzeimer voll lauwarmem, um nicht zu sagen: heilignüchternen Wasser. Ich reinige das weiße Plastik vom Schmutz; vor allem Reifenabrieb einer dritten, sehr ausgefahrenen Piste, an der wir alle gerne großes Weltengericht halten. Ich gieße mit einer Haltung, die mich selbst an Liebenswürdigkeit erinnert, einen großen Pflanzengast und erwarte, möglichst nichts denkend, die Rückkehr unserer Bel­gien­kor­res­pondentin.



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Wednesday, August 05, 2009

Lektionen des Verschwindens

I found a book on how to be invisible. Einige Übungen:

1. In eine Stadt fahren, die man nicht kennt, und dort Photo­gra­phi­en machen von Plätzen und Straß­en. Menschen, die ak­zidentiell mit­be­lich­tet werden, darf man keines­falls kennen.

2. Auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause die toten Vögel zählen. Kleine Vögel zählen mehr, denn sie sind unserer mit­fühl­enden Natur gemäß an­rühr­ender.

3. Über eine Poetik des Verschwindens nachdenken; kürzere Texte, Sätze, Gedanken.

4. Mit Kindern, und zwar nur noch mit Kindern, über Jean Baudrillard sprechen.

5. Weniger Internet. Alle sogenannten social networks meiden.

6. Die Freizeitangebote nicht wahrnehmen.

7. Leiser sprechen, telefonieren.

8. Weniger telefonieren.

9. Gasförmig leben.

10. Lieben.



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Friday, July 31, 2009

Der Müll, die Stadt und der Tod

Als ich einmal versuchte, ein Hölderlin-Gedicht zu lernen:

Die Mauern stehn sprachlos und kalt.

[Das Starrende, das Dreckige. Der Dreck, der Schmutz. So sollte man nicht schreiben, aber ich bin noch so erstaunt und bar jedes Handlungswortes, nachdem ich verstehen musste, wieviel Dreck die immer für so rein und fast unberührt gehaltene Heimat birgt. Ein paar Tage verbrachte ich in diesen klingenden schwäbischen Städten des mittleren Neckars. Doch alles geht zu Ende dort.

Die Häuser der Siedlung tragen nicht mehr den Stolz ihrer Erbauer zur Schau. Kein Aufbruch und keine überstandene Ölkrise mehr ist zu spüren, und der zweite Versuch, der Neuanstrich in Memphis-Türkis aus den 1980er Jahren, war damals schon von minderer Qualität und vollführt nun einen Totentanz mit dem Schimmel, dem über alles und immer siegenden WETTER zum letzten Mahl vorgeworfen.

Große, viel zu breite Straßen, die sich über die ehemaligen, längst gegangenen Obstwiesen gelegt haben und einmal die Verheißungen der San-Francisco-Werdung unseres Viertels andeuten sollten, dienen nur noch den knautschumzonten Kleinwagen, und einigen einsamen Radfahrerinnen, die einzuschlafen drohen, als letzte Flucht.

Halt, rufen Sie jetzt bestimmt, Sie übertreiben; doch es ist alles wahr, und wer Augen hat zu schauen, der schaue. Dieses Land ist vorbei, es ist nicht mehr, denn seine Keimzelle, die Kleinstadt funktioniert nicht mehr. Sie spielt jetzt Dorf, und hat die Errungenschaften ausgesperrt; Fußgängerzonen sind errichtet worden, und aus ihnen heraus sind Ground Zeros entstanden, die nurmehr Seelenlose freiwillig betreten können.

Die Kreisstadt spielt an anderen Orten jetzt Großstadt und stört die Ihren nicht, und vollzieht dies in atemberaubender Debilität; die billige Sportkleidung von 1998, da waren die armen Menschen etwa sechs – sie muss einhegen, was keine Seele mehr beheimatet. Alle sitzen da, auf Bänken, die auf der Gemeinderatssitzung vom 24. April 1986 mit den Stimmen der SPD– und Freie Wähler-Fraktionen erstritten wurden, und sie rauchen das Crack direkt von der Folie, und ein junger Schizophrener mit einem Strick um den Leib und dünnem Tartarenbart geißelt und fuchtelt umher und ruft etwas von „Reinigung“.

Glauben Sie mir, es geht schlimm und elend zu dort in der Provinz, aber bald, bald ist es sicher vorbei, und die großen Feldhasen werden wieder aufsitzen und in Ruhe schauen können,]

und im Winde klirren die Fahnen.


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Monday, July 20, 2009

The impenetrable beauty of Time (III)


«FIGURE 6.2. A: 3 typical types of rate-intensity functions for the auditory nerve fibers in acoustic hearing. Note the narrowest dynamic range in the saturating-type fiber and the widest dynamic range in the straight-type fiber. B: compressive input-output function of the basilar membrane (BM). C: Transformed "rate-intensity" functions in which the x-axis is the basilar membrane displacement. Note the uni-formly narrow dynamic range in all 3 nerve fibers, suggesting that the acoustically observed different types of rate-intensity functions are mainly due to cochlear compression.»


Compression is at the heart of hearing. It broadly refers to the com­pres­sion of the vast dynamic range in loudness of the sounds we are able to listen to into a much more narrow dyn­amic range of neural activity that en­codes these sounds. In geeneral, any compressive function more or less linearly trans­lates a wide range of values on any kind of input into a smaller range of these values in the output.

My percep­tion of time is just behav­ing the same: A long stretch of phys­ical time can feel very brief, when my temporal input­/­out­put function is compressive—mostly when I feel extremely good—, or it can become expansive when short stretches of phys­ical time are mapped onto a larger range of perceived time; known to most of us only as boredom. Compres­sive functions are beautiful creatures.

Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Friday, July 17, 2009

Das Ende des Endes – eine optimistische Figur

—für die Freunde

Wir hatten die ganze Nacht gewacht, meine Freunde und ich, und es begab sich, dass wir im Freien zu liegen kamen. Dies war das Ende eines wunderbaren Sommers. Die Gerüche drangen wieder durch, und die knarz­enden, ächz­enden Ge­räusche eines krea­tiven, pa­arungs­willigen Singvogels freuten mich an diesem Morgen wie wenig je zuvor.

Die Erdachse war ganz leicht, aber merklich, in ihrer Bahn präzediert, wie sie es alle 26.000 Jahre tut, und der Wassermann stand mit seinen Schnapsflaschen hinter uns. Er hatte uns erlaubt—heute und all die Tage zuvor—etwas Gutes, Dauerhaftes zu schauen. Zusammen, nicht allein, tranken wir, den ganzen Sommer lang, und die Getränke, die wir erfanden, benannten wir nach unseren Idolen. Mit “Heidegger” war nicht zu Spaßen, er war unser erstes kollektives Gesellenstück, und vor lauter Geworfenheit hatte einer entschieden, dass Wodka und Korn uns nur zusammen weiterhelfen würden. Albernheiten wie “Arendt” und “Eichmann” waren nicht fern, aber unsere Augen strahlten vor Glück und Glanz, wie wir uns in Liebe zueinander stritten darüber, ob Likör oder Blutwurz die Basis dieses zu erfindenden Teufelszeugs sein sollte.

So jedenfalls verstrich dieser Sommer. Viele der Frauen unter uns trugen plötzlich Kinder in ihren Bäuchen, und wir Männer schienen endlich von Söhnen zu Vätern werden zu können ohne Angst, und wir alle waren verliebt, ineinander, so schien es; und endlich, endlich ereignete sich etwas, so schien es ebenfalls. Die Geschichte hob wieder an zu atmen, und das kleine Glück kroch aus den Fugen, und die Mauer aus Zeit, die wir gedankenlos jahrhundertelang, in stetiger Erschlaffung begriffen, errichtet hatten, wurde mürbe und brüchig, und Licht fiel herein. Wir hatten die ganze Nacht gewacht, meine Freunde und ich, und es begab sich, dass wir sehr glücklich waren.

Saturday, July 11, 2009

All things must pass

“Live forward, think backward”
—unknown, London, 2006


“Heute hat es endlich mal geregnet, genieselt, als ich das Haus verließ. Ich ging noch einmal nach oben und nahm seit langem einmal wieder das Regen-Cape zur Hand.—Überhaupt ist das Wetter seit ein paar Tagen gleich wieder so frühherbstlich, das tut einerseits ohnehin meiner Seele gut, andererseits weckt es diese kleinen Flammenstöße von Trauer, wenn ich die Stadt rieche und sehe und sie mich in diesem Gewand [meinem und ihrem] so an unseren Besuch hier letzten September erinnert. Diese Aufbruchsstimmung damals, aber mit dir dabei, das war etwas Wunderbares. Es ist dieser frische, nicht mehr so heiße Spätsommer, der mich also heute Morgen zu dir führte. Das sage ich ohne Wehleid oder Anklage.—Eine Erinnerung, ein Moment, zerbrechlich; Druck hinter den Augen, ein kurzer Stich, als sei ein Amokläufer mit einem Messer vorübergegangen, und dann schaltete sich die Ampel ja auch gleich auf grün und ich überquerte die Strasse und ging weiter meines Weges.”



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Thursday, July 02, 2009

Erste Sätze (II)

“Wir saßen vor dem kleinen Café in der Stalinallee, der portugiesische Kollege und ich. Er sprach nur sehr schlechtes Englisch; im Sinne von: sehr schlechtes. Wir mochten einander, aber er hielt mich wohl für einen milde Wahnsinnigen, der bestimmt mit 19 einmal gutartig an einer Psychose vorbeigeschlittert war und dessen fast zärtlich zu nennende Obsession für dynamische Multi-Band-Kompression ihm ein Rätsel bleiben musste. Ich fand gerade dies sehr angenehm: Da er von meiner Seite ständig mit allem rechnete, war es ganz und gar obsolet geworden, in seiner Gegenwart den Künstler, den Abseitigen zu geben.”



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Monday, June 22, 2009

Of flags and freedom

—Tehran, GMT +330

No worries: Your beloved literary and fine arts enterprise WALL OF TIME. will not branch out and strive for world domi­nation—but if any opportunity arises to add a few grains of subversion here or a light touch of terribly old-fashioned, out-of-date yet lean hyper­text mark­up language code there, we do what we can.

Very recently, DIE GROSSE FLAGGE, previously announced here, have relaunched their website and we humbly tried to make them look good, hip, old-fashioned, idealistic and nonchalant at the same time.

Note especially how the proto-fascist social network of FACEBOOK is hemmed in and watched over by DIE GROSSE FLAGGE’s 1997-style Frame set.




Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Classics of Camp (VIII): Stürme, endlich.

Und einmal dachte ich, ich hätte Dich gesehen, in einer überfüllten, schummrigen Kneipe, wie Du auf dem Licht von Stern zu Stern tanztest

[J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or d'étoile à étoile, et je danse.—ist das Rimbaud?]

weit draussen auf dem Mondstrahl. Ich weiss, wer Du bist: Ich habe das Braun in Deinen Augen gesehen, und wie es einmal zu Feuer wurde. Du bist ein Sturm.

Du bist ein Sturm. Ruhe in Deinen Augen, vielleicht, aber ich werde fort­geweht, irgend­wohin wo es sicherer zugeht und das Gefühl über­dauert. Ich will Dich lieben, aber es weht mich fort.

Ich bin ja nur ein Träumer. Aber Du bist nur der Traum; irgendjemand hätte Du sein können. Doch kurz bevor Du mich berührtest: Dieses vollendete Gefühl, wenn sich die Zeit einfach auflöst zwischen uns, auf dieser undurchsichtigen Reise. Du bist ein Sturm.


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Wednesday, June 17, 2009

Testimony (III): Kippi was here.

Gestern bin ich dem deutschen Künstler Martin Kippen­berger hier begeg­net. Er ging schweren, lang­samen Schrittes. Ich sprach ihn natürlich an, wie ich alle anspreche. Herr Kippen­berger, sind Sie das? Kurzes Nachdenken auf Seiten des Kolosses mir gegenüber, ob Weitergehen nicht das Beste wäre.

Ja, bin ich. Nun ist ja dieser große deutsche Held seit langem tot, und an seinem Grab auf dem Düsseldorfer Friedhof kann man jeden Samstag die Kinder beobachten, wie sie Fange spielen, und wenn der im­pertinente Jon­athan Meese mal wieder im manischen Stile eines Elton John ein Farben­geschäft leerkauft und sich unbeobachtet fühlt, dann lacht er immer sehr laut und grüßt jovial zu dem Kippenberger-Wandbild hinauf, das dieser einmal als eine postironische DDR-Reminiszenz photographieren hatte lassen. Um so mehr freute ich mich, dieses lebende tote Denkmal bei offenbar bester Gesundheit in sich gekehrt durch die Ruinen der neuen Leipziger Schule spazieren zu sehen.

—Was ist mit der Zeit passiert, Herr Kippenberger?, fiel mir als erstes ein. Da endlich lachte er.

—Die Zeit, die Zeit, rief er mehr hinaus als mir zu, die haben die Chinesen gekauft, das weiss doch ein jeder, sag mal, wo lebst du denn; die Chinesen sind ja das Nächste Grosse Ding, und jetzt geh ich nach Hause und male schön.

Seltsamerweise machte er zu diesem Ausruf aber zwei Riesenschritte auf mich zu, und sagte das alles mit einem entgleitenden Lächeln, das ich eher als Bedrohung empfand, und ich glaubte plötzlich einem lokalen Kippenberger-Darsteller und gescheiterten HGB-Faktotum in die Axtmörder-Arme gelaufen zu sein. Sehr, gut, sehr gut, nickte ich noch völlig überemphatisch, und Ja, Chinesen, und verabschiedete mich, servil rückwärts in meinen Kinderschuhen stolpernd.



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Thursday, June 11, 2009

Haarrisse

“In general, the sources of historical knowledge can be separated into three categories: what is written, what is said, and what is physically preserved, and historians often consult all three.”

Ich bin Theodor Fontane, mit siebzig Jahren, wie er sich versucht vorzustellen, ob Effis Zimmer links oder rechts von jenem Innstettens gelegen ist und wie er alles genau vor sich sieht auf einmal, und wie er, obschon so alt, so große Kunst schafft, weil er ja nur erzählt; erzählen muss, erst seit ein paar Jahren, in einer unangestrengten Perfektion, die mich schaudern lässt, und wie er noch keine Autos hat und keine Mobiltelephone, und wie ihn das überhaupt nicht daran hindert, in meiner Sprache zu mir zu sprechen, der ich genau gespiegelt am zwanzigsten Jahrhundert seine Worte in Händen halten darf.

*

Ich bin Chuck Mangione, wie er sein Flügelhorn—jemand muss einmal einen Palast, mit Wolfsmilchtapete ausgegeschlagen, errichten für das wunderschöne Wort vom Flügelhorn—wie er also sein Mundstück in dieses Horn steckt, die Lippen an- und entspannt, wie nur Blechbläser es vermögen, bevor es in die Töne geht, und wie er dann zu James Bradley Jr. nickt, damit der dieses seltsame Metrum lostrete, und sein dünner werdendes Haar weht ganz bar jeder Prätention.

*

Ich bin Max Frisch, der ein Idiot ist, er weiss es sogar selber, wie er an seinem Tisch sitzt und seine Lieblingspfeife von Vauen sich ansteckt, und weiss, dass in diesem neuen, letzten Buch soviel Schmerz so lapidar daher erzählt wird, dass es eine Frechheit ist und dass die Wechsel zwischen ich und er—anders als das langsam ausfallende, lange Haar von Chuck Mangione—sehr prätentiös sind und dass er keine Lust mehr hat, seine eigene Genialität noch einmal aufzurollen, und wie dann der Architekt in ihm denkt:

A BEAUTIFUL BOOK IT SHALL BE

und zu seinem Setzer sagt: In Montauk, da könnten Sie doch bitte schön die englischen Einschübe immer in Kapitälchen setzen statt kursiv, und wie er ausgerechnet und der Gerechtigkeit halber dabei gar nicht merkt, wie er Großes schafft.


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Saturday, June 06, 2009

Ich bin das Glück

Ich bin das Glück dieser Erde, so hat der vielleicht nicht unfassbar glückliche Rainer Werner Fassbinder eines seiner Projekte genannt. Eines der erstaunlich wenigen, die er nicht zu Ende gebracht hat, bevor er im Juni 1982 um das Leben kam. Ich bin das Glück, dachte ich vor einiger Zeit, wenige Jahre jünger als Fassbinder, als er starb, und ohne Erde, bescheiden, um nicht zu sagen: demütig.

Es war ein Samstag; ein den Menschen ja oft gelingender Tag. Warum das so ist, darüber müsste man einmal gesondert nachdenken. Samstags fällt vieles leichter. Samstags sehen die Gesichter auf der Straße farbiger aus, und die Bücher in der großen Handlung am Marktplatz klingen besser, wenn ich sie überfliege, und die Zwiebeln und die Mayon­naise fügen sich sanfter als sonst zu den frittierten Kartoffelschnitzen dieses kleinen Kartoffel­schnitz­pavillons inmitten der Stadt, wo—am Rande bemerkt—die Verkäufer­innen eigentlich jeden Wochentag eine erstaunliche Lebens­zugewandtheit ausstrahlen.

Ich bin das Glück, dachte ich also, wie ich durch eine Fussgängerzone lief, eine sterile Zone aus Kopfsteinpflaster, Panflöten und Schlemmer­meier-Filialen; eine Zone, deren Erfindung—so hätte ich an jedem nur unwesentlich schlechteren Tag befunden—die Seele unserer Innen­städte doch eigentlich mehr verheert hat als die Städte­planer der englischen Brand­rodung dies je vermocht hätten.

Aber an diesem jenen Tag ging ich dort mit den anderen Gängern, und empfand große Sympathie für das Mädchen mit der dünnen Stimme und ihren Freund mit der kubanischen Zigarrenkiste, auf die er einhämmerte. Ich war froh, am Leben zu sein, gesundet an Leib und Geist, gewandet in Sicherheit spendende Stoffe von Männer und Frauen ihres Faches; arm an Zahlungsmitteln, aber reich an sogenanntem Dispositions­kredit, der mich zu disponieren mir erlaubt. Ich bin das Glück, dachte ich.

Und das Glück blieb, den ganzen Tag, und es wurde zu einem nur unwesentlich älteren Mann mit seinem Kontrabass, der auf Ladino sang, der vielleicht einmal aus­sterbenden Sprache (und sei es drum) der sephardischen Juden, und ich war froh und labte mich eine ganze Nacht und einen ganzen weiteren, dann so leichten Sonntag an diesen Liedern und an diesem Wort: Sephardisch, weil es so schön ist und so viele wortlose Kon­notationen in sich trägt.

Während ich hier diesem Glück nochmals nachspüre (als Residuum ist es noch da, ich kann es ganz leicht herauf­beschwören, nur nicht zu laut sprechen darf ich), dringen die melismatischen Tonfolgen aus dem Nachbarzimmer herüber, und jener Samstag dehnt sich zu allen Samstagen, und allen Tagen eines Daseins, und die Erinnerung perlt und resoniert, und ein geglücktes Leben erscheint plötzlich denkbar. Ich bin das Glück, und Du bist es auch.


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