Sunday, December 28, 2008

Winterreise, Part V

5.
25.12., Schwäbisch-Sibirien

Heimat ist ein flüchtiges Konstrukt; das Bose-Einstein-Kondensat des limbischen Systems, oder so ähnlich.

Im einen Blickwinkel im einen Moment stellt sich alles als vertraut und heimlich dar, die Menschen, die Klänge, die Themen, die wir uns schaffen. Man mag beispielsweise hinter einem Musikinstrument sitzen, ihm lärmend großen Schall entlocken, und die immergleichen Lieder und die immergleichen, ganz leicht unsauber rollenden Rhythmen mit den alten Gefährten produzieren.

Doch dreht man zwischen zwei Liedern den Kopf ebenso leicht, und schaut auf die billige Gemäldereproduktion an der Wand, dann kann schon alles wieder anders sein: Auf einem gefrorenen Feld wähnte ich mich, mit einem Schlauch im Rücken, und nur mit einem Flügelhemdchen am gemergelten Leib. Unter Menschen, die ein schnarrendes Phantasierussisch sprechen, aber alle ein anderes. Das geht vorbei, zum Glück, und man trinkt einen Schluck, trocknet sich die faltige, heisse Stirn und spielt noch einen Hit, die Menschen tanzen wieder. Aber die Szenerie ist gemalt, das Thema gesetzt: Zuhause ist immer woanders.

Genauso können inmitten der monatelang ersehnten Leere der Zeit und des Kalenders all der Mangel und die Verwirrung am ehesten zu Tage treten, die sich breit machen in den Lebewesen einer säkulären, autistischen Welt. Wehe dem, der vergessen hat, seine Analgetika zu nehmen. Wenn die Einsamkeit der Seele nicht mehr von den Torwächtern des Termindrucks unten draußen gehalten werden, sondern oben drinnen mit uns am Tisch sitzt, mit uns im Bett liegt und selbst mit uns in den Büchern liest – den Büchern, die manche Unbelehrbare als Sedativa und Antiprofanika stets mitführen –, wo soll man dann hin? Der Stollen liegt hinter mir, doch wer hätte mich gewarnt, wohin er führen würde?

Heimat ist ein flüchtiges Konstrukt, was aber auch bedeutet, dass man in jeder Flüchtigkeit Heimat und Ruhe und eine Tachistoskopie des Glücks finden kann. Ich darf nur nicht im falschen Moment blinzeln. Offenen Auges, und verbrannten Herzens weiter des Wegs.

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Friday, December 26, 2008

Winterreise, Part IV

4.
«This paper trail leads right back to you»

Wieder in der Zeitraummaschine Zug; Bilder, die bleiben: Ein Bildband, in der Buchhandlung, mit vielen, würdigen, mit Sorgfalt arrangierten Portraitphotographien. Menschen, alle tot, seit langem. Die Gebäude, denen gegenüber auf einer Doppelseite ihre Abbilder arrangiert sind, stehen noch. Nicht mehr so völlig spektakulär allein auf leeren Fluren und Plätzen wie anno 1890 oder 1936, natürlich, doch sie sind noch da. Und bieten uns an, unsere Lebenszeit gegen sie zu messen.

—wie lange hast Du am Bodensee gelebt?
—etwa halb so lange wie das Münster eingerüstet war.
—und wie lang bist Du schon weg?
—höchstens so kurz, wie sie für den großen neuen Kaufhausmonolithen benötigt haben, der rührend viel aus der Zeit gekippte Moderne, Verheißung, Aufbruch ausstrahlt.

Gegen die dar­gestellt­en Men­schen kann ich mich nicht vermessen; nur das Gefühl bleibt, sie verpasst zu haben. Nepomuk, den stadt­berühmten, schwach­sinn­igen Stum­pen-Lieb­haber, der die Aborte des Kranken­hauses leerte und verfrachtete, sehe ich da mit Frack und Zylinder. Er starb 1909, und mit ihm wurde tat­sächlich noch 1938 lokale Zigarren­werb­ung gemacht; ihn habe ich nie gesehen, wo ist er hin? In welcher Stadt hat er gelebt, und in welcher Welt, noch dazu mit einem etwas enger gefassten Verstand? Sein Portrait ist so einprägsam, dass ich es gerne in einem kleinen verlegerischen Trick im Nachhinein in Barthes’ berühmte Abhandlung seiner Lieblings­photo­graph­ien montieren würde.

Menschen und Gebäude und Getier hinter mir lassend, breche ich auf. Was bricht da, wenn ich aufbreche? Breaking and entering. Enter Stuttgart.


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Wednesday, December 24, 2008

Winterreise, Part III

3.

Konstanz (Slovak: Kostnica, Czech: Kostnice, English: formerly known as Constance) is a university town of around 80,000 inhabitants at the western end of Lake Constance in the south-west corner of Germany, bordering Switzerland. […] Because it practically lies within Switzerland, directly adjacent to the Swiss border, Konstanz was not bombed by the Allied Forces during World War II. The city left all its lights on at night, and thus fooled the bombers into thinking it was actually Switzerland.

Im Stollen. Der süddeutsche Zungenschlag klingt durch alles hindurch. Es geht wie immer um den Zusammenhang von Klang und Emotion und Erinnerung. Aber gerade bei den Südbadenern, die einen Dialekt immer nur als Residuum durchscheinen lassen, spitzen sich mir unwillkürlich die Ohren. Ich höre die verschiedensten süddeutschen alternative sound sets aus allen Worten; in den Zügen, Geschäften, Restaurants, Clubs. Fremd klingt das mittlerweile, obwohl es meinen eigenen Sound des mittleren Neckars durchaus einschliesst.

Wie klingen eigentlich die verstrichenen Jahre in der sächsischen Diaspora, wie jene im englischen Ständebabylon, das Camden und Bloomsbury darstellten? Und wie klang Konstanz 1995, als ich nach scheinbar unendlich langer Fahrt durch eine Hölle aus “Horb” und “Spaichingen”, mit Grashalmen zwischen den verlassenen Nachbargleisen, hier das erste mal ausstieg?

Heute schläft eine kleine Stadt weiter ihren provinziellen Schönheitsschlaf, sie murmelt dabei irgendetwas Unverständliches, spielt ihre Lounge-Elektro-House-Platten, trinkt ihre Rothaus-Biere, gewandet sich im ebenso sorgsamen wie leicht das Ziel verfehlenden Hipster-Kleid, und wähnt sich bei einem undefinierten “vorn” dabei. All das ist eine Lüge, oder, weniger böse, einfach ein Traum. Ein Traum, der hier im Süden des großen Landes und am Nordrand der doch unendlich fernen Schweiz, sehr plausibel klingt, und doch unerreichbar ist. Deshalb sah die Welt immer so gut aus von hier, und klang so verheissungsvoll. Die Uneinnehmbare singt weiter in ihren vielen Variationen der Selbstzufriedenheit ihr Lied.

Monday, December 22, 2008

Winterreise, Part II

2.
19.12., im Schwarzwald:

Ich fahre hinein in eine empfundene Tiefe. Wie in ein Tal, das sich verengt, und unweigerlich auf einen Stollen zuführen wird. Der Stollen, das ist Konstanz. Hier, hinter St. Georgen türmt sich bereits der Schnee neben den Geleisen, von dem in Leipzig noch keine Ahnung und in Frankfurt nur ein Regen war.

Wenn es dunkel wird noch dazu, vor den Fenstern, dann verstärkt sich das Gefühl, in einer Kapsel zu rasen, und das Rauschhafte des Zugfahrens nimmt überhand: Zusammen mit der unerreichten Monotonie seines Geräuschs erlaubte es mir, die letzten drei Stunden ebenso rauschhaft dem absurden Theater des Bomber Command zu folgen. Über den Krieg zu lesen, den Luftkrieg insbesondere, ist eine einmalige, bei Sebald natürlich abgeschaute Gedächtnisfigur: Durch ein heiles Land fahren, die Landschaft und die Städte mehr streifend und spürend als sie tatsächlich betrachtend, und sich dabei den Dissonanzen des doppelten Echos aussetzen, das zum einen die Druckwellen der Bombardierungen und die Feuerbrünste der Landschaft einbeschrieben haben und das zum anderen aus den Worten der Schriftsteller und Historiker deutscher wie englischer Zunge strahlt und im Kopf zu Schall und Erregung und Schmerz sich zurückwandelt.

In Konstanz, so ging – als ich dort lebte – stets die Mär, sollen sie einer Zerstörung von oben entgangen sein, weil sie ihre Nähe zur Schweiz ausnutzten und kühn einfach nicht verdunkelten, ganz wie die Schweizer Vettern es taten, und so von oben wie ein Stück der neutralen Schweiz erschienen sind. Das glaube ich nicht. Ich glaube, Konstanz hat Glück gehabt (but see Seuffer, 2003). Es stand vielleicht nie auf einer der sicher nur für Wissenschaftlerherzen wie das meine bewundernswert erscheinenden, akribisch erstellten und iterativ optimierten Listen aus den Faktoren Möglichkeit, Notwendigkeit, Brennbarkeit. Ich fahre nach Konstanz, durch den Schnee, und alles brennt lichterloh.


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Saturday, December 20, 2008

Winterreise, Part I

1.
19.12., Notiz von Hand, Interregio, unter IC Zugnummer fahrend, der einen ICE ersetzt; Beim Abtippen geringfügig editiert:

Im Zug, auf Reisen. Es fällt mir heute, da das Herz sich doch so frei fühlt wie lange nicht mehr, auf, dass es ein Wunder ist mit den Menschen, und ihren Gehirnen.

Da sitzen mir Fremde, Andere, Nicht-iche gegenüber, und ich denke: Ist das der Film einer Träne, die da über ihr Auge gespannt ist? Wird ihr Blick nicht etwas glasig beim Blick dort ins vermeintlich Leere? Ich selbst mag ja einen ganz ähnlichen Anblick bieten. Aber ich, hier, unter meinen Kopfhörern, habe ja den Mann aus Manchester im Ohr, der meine Erinnerungen anzapft und diese kleine, klare Traurigkeit auszulösen im Stande ist. Aber diese Fremde?

Wie kommt es, dass ihr Gehirn, wo sie doch nichts tut, nur so dasitzt, Traurigkeit oder Rührung oder Melancholie kreirt, evoziert, sendet, ist? Peinlich sicher, einen ausgebildeten Hirnforscher dies fragen zu hören, aber: Wo in uns wohnen die Bilder, die Geister? Und wenn das mir in mir selbst bereits ein Rätsel, wie unklar und unfassbar und wundergleich dann erst solche, sicher ganz wesensgleiche Bilder und Geister im mir Fremden.

Ich sehe die Andeutung einer Träne im Auge der Fremden, als sähe ich so etwas zum ersten Mal. Ich stehe im Rätsel, in der Bilder Flut. (Ist das nicht vom der Empathie eher unverdächtigen Benn?)


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Friday, December 19, 2008

Die wohltemperierte Manier: It was so cold in that house.

—to a long-lost friend, a long time ago:

«Wie die Tage verstreichen, zergehen, sich auflösen unter den Händen der Zeit. Heute ist wieder das meiste anders als noch zu Zeiten des letzten Eintrags. Ich kann es aber kaum fassen, bin wieder durch allerhand Formen geschritten. München-Beef jedenfalls ist geklärt, soweit; ein Verhaltensexperiment mit 18 Leuten ist im Kasten; Die Andrucke des letzten Artikel sind bereits vorliegend; Paul war zwei Tage zu Besuch, was rundum gelang eigentlich. Doch dazwischen, inmitten des wohligen Schauers auch, den die Wohnungssuche und die Planung der Umzugsmodalitäten mit sich bringen, ist es eiseskalt. Kalt wie eh.

Lieder der Ringleader of the Tormentors klingen an, und mit ihnen diese Eiszeit des vergangenen Frühjahrs, als ein System, eine Welt zum stehen kam. Max Sebalds Prosa klingt in allem durch mich hindurch, sie fräst förmlich Löcher in meine Fassade; ich merke an den wenigen zahnlosen Mitteln, die ich noch habe, um mich gegen seine alles durchdringende Traurigkeit zu wehren in manchen Momenten, wie dünn die Grasnabe noch ist. Irgendetwas fror ein, damals im ausgehenden Winter, und wie jede ordentliche Eiszeit dauert das Frieren an, und es dauert länger an als die zuvor existierenden Kulturen und Existenzen es durchzustehen im Stande sind—auf dass wahrlich Neues erst geboren werden muss.»


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Saturday, December 13, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit (III)

Am 7. Dezember war das ersehnte Flugwetter endlich eingetreten. Mit einem Sanka wurde ich auf den Flugplatz Pitomnik gefahren. Als man mich in eines von zwei dort am Rande aufgestellten Zelte trug, stand am Zelteingang ein Assistenzarzt, der offensichtlich von unserer Division war, denn er fragte leise: "44.I.D.?" Als ich die Hand hob, wies er die zwei Sanitäter an, mit meiner Bahre kehrt zu machen und mich zu einer etwa 100 Meter entfernt stehenden He 111 zu bringen. Die Heinkel nahm 7 oder 8 Verwundete mit. Für mehr war in ihrem Gang, in dem es aus den Bombenschächten jämmerlich zog, kein Platz. Die He 111 war ja ein Kampfflugzeug. Ich saß hinter den Sitzen des Piloten und des Ko-Piloten und konnte durch die Kanzel seilen.

Als wir den Einschließungsring überflogen, setzte russisches Flakfeuer ein. Der Pilot zog das Flugzeug sofort steil hoch. Nach wenigen Sekunden platzten die Flakgranaten schon tief unter uns. Schätzungsweise die letzten 50, 60 Kilometer legten wir im Tiefflug zurück und landeten nach 50 Minuten auf dem Flugplatz Morosowskaja. Die Eintragung im Bordbuch wird auch bei meinem Flug “Ver­bindung zu ein­geschlossenen Truppen” gelautet haben. Alle in Pitomnik gelandeten Maschinen wurden entladen, sofern es Transportflugzeuge wie die Ju’s waren. Allen, auch Kampfflugzeugen wie der He 111, wurde Sprit abgezapft und nur so viel belassen, wie sie für den Rückflug benötigten.

An diesem 7. Dezember landeten auf dem Flugplatz Pitomnik 188 Maschinen, die 282 Tonnen Nachschub brachten (Piekalkiewicz, Stalingrad). Diese Leistung wurde meines Wissens nur einmal überboten, im Schnitt aber nicht annähernd erreicht. Nach dem Kriegstagebuch des OKW 1942/11, Seite 1109, waren 199 Flugzeuge eingesetzt, von denen 7 Ju 52 und 4 He 111 ab­geschos­sen worden sind. Die Russen wollen am 7. Dezember 44 Transportmaschinen Ju 52 vernichtet haben. Wahrscheinlich untertreiben die einen, die anderen wieder übertreiben. Wieviele es wirklich waren, weiß mit letzter Sicherheit wohl niemand.

Ich war nun aus dem Verband der 44. Infanterie-Division ausgeschieden, der ich vom 2. November 1940 bis zum 7. Dezember 1942 angehört hatte. Ihr weiterer Leidensweg im Kessel von Stalingrad ist auf der Karte Seite 170 eingezeichnet.

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Wednesday, December 10, 2008

We should be whispering all the time

“You have submitted a proposal to the Electronic Proposal Submission System.
Here are the details of the proposal you have submitted:
Call title : ERC-2008-StG_20091310
Call closure : 10 Dec 2008 17:00:00 Brussels Local Time
Date of submission : 10 Dec 2008
Hour of submission : 15:24:43 Brussels Local Time”

Wenn man lange schweigt, hat man natürlich auch nicht zwangsläufig mehr zu sagen. Das Schweigen ist insofern ein empfunden langes, als die Meldungen und Geräusche in Wort und Bild sekündlich vor meine Bildschirm-Tür hageln. Auch mag ich in den diversen sozialen Netzwerken als sprunghafter Geist mit einer erfolgreichen Taktik aus Statusmeldungs-Sperrfeuer und Blendgranaten-Stakkato berüchtigt sein – zum Denken aber kommt man ja gar nicht mehr. Das fühlt sich, bei Sinnen betrachtet, in zunehmendem Maße als Schweigen an.

Der Brotberuf, wie ihm Benn zwischen zwei Gedichtstrophen nachging, wie ihn Kempowski von sieben Uhr dreißig bis Schulsschluss ausführte, ist mir ein ehrenwerter; wenn man ihm nur mit genügend Tiefgang einige Wochen nachspürt und dem Sog in die Tiefen des Gehirns und entlang der verschlung­enen Pfade büro­krat­isiert­er Forsch­ungs­förd­erung folgt, kann man ungeahnte Belohnung, lange entbehrte Befriedigung erfahren.

Als Schweigen nimmt sich dies zwangsläufig an einer Mauer der Zeit aus; zur Schweigemauer, einer liebenden Mutter des Schweigens wird das einst zur Verbesserung des Rausch– zu Signal-Quotienten eingerichtete öffentliche Notizbuch dann.

Rauschen erlaubt. Schweigen auch. Auf bald, Ihr Zeitmaurer


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Monday, December 01, 2008

Hier ist immer woanders.

Kennen Sie das? Sie reissen einen braunen Umschlag auf; gelblich ist er eher—eine Farbe, wie sie längst ausgestorben sein müsste, wenn es kein Leben im Geheimnis gäbe.

Und wenn Sie den Umschlag aufreissen, dann schaut sie das Ergebnis einer längst vergessenen DVD-Bestellung an. Diese wiederum, jetzt erinnern Sie sich, war das Ergebnis langen Suchens, intensiv empfundener Sehnsucht gewesen.

Ich übertreibe schrecklich, aber so ist es, wenn man in Worten sagen muss, was nur Bilder können. Ich jage seit langen Jahren, wie hier oft genug zu lesen war bereits, dem Mann nach, der einst auf sein Segelboot stieg und verschwand. Nicht ohne uns große, weil reine, kleine Kunst zu hinterlassen. Kunst, bei der man nicht mit Idioten dikutieren muss, was denn daran Kunst sei. Dies wiederum nicht, weil es solche matten Geister nicht gäbe, die angesichts des Schaffens dieses Mannes dies einwerfen würden; sondern weil man ganz gleichmütig und leise und melancholisch, und: froh wird, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Bas Jan Ader. Endlich, endlich auch in allen DVD-Geräten all überall. Erwerben Sie bitte diesen Film und geben Sie ihn nicht mehr fort.


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Saturday, November 29, 2008

Singularity

I hope that nobody will come and visit the Wall of Time, as I type this, in the last minutes of November 29, 2008. I hope so, because statistics indicate that today would then have been the first day (since Wall of Time came to new life in February earlier this year) on which nobody has visited. Now, this is not a bad thing. This is rather a very good thing, finally, something interesting is happening in the overwhelming amounts of senseless statistics a simple and irrelevant literary web-based notebook like this produces, every day. Normally, that is. Today, a big Zero lights up inmidst the steady flow of 28, 37, 106, or 49 visitors we usually witness each and every day, 24/7.

Please, come in, have a look around; but thanks honestly for giving the internet a real sense of space and limits today. A singularity in time and space, a zero with a smile. Speak soon, dear visitors, here at the Wall of Time.

Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Saturday, November 22, 2008

Walking in D.C.

Problemlos reiste ich ein in das neue Land. Nicht einmal meine Fingerabdrücke wurden genommen; es lag bestimmt an kaputter Gerätschaft, aber mir war, als sei der Geist Obamas bereits in operation. Bereits wenige Stunden nach der Ankunft fand ich mich an der Ecke 7th & F wieder, wo ich mit dem Kollegen und Neurolinguisten Walt Whitman verabredet war. Die lose Bekanntschaft war schnell aufgefrischt, und er schwärmte mir vor, wie alles blühe hier in D.C., mitten im Herbst, in den wenigen Tagen seit der Wahl. Whitman erwies sich als bestens informiert: Das neue Killers-Album bezeichnete er als healthily camp—die Qualität der Verse in seinem Verdikt wohl gnädig aussparend—, zahlreiche Werke in der neuen Georgetown Gallery of Modest Art hatten es ihm offensichtlich angetan, ich konnte mir unmöglich alles merken (eine neue Videoarbeit von Antje Majewski müsse ich mir unbedingt anschauen), und bei einem iced cheese cake im Bistro “Poste” im Hotel Monaco gegenüber überzeugte er mich, dass der sehr ehrbare Rizzolatti selbst nicht haftbar zu machen sei für die Mirror Neuron-Pest in den Empathie–, Erziehungs– und Ratgeber-Schundbüchern. Ich war überwältigt von der Energie des alten Mannes: Whitman hatte in den späten 1960ern hartnäckig versucht, eine aus Heidegger abgeleitete Chomsky-Interpretation im Affenmodell zu überprüfen, war damit aber stets bei Geldgebern und den wichtigen Zeitschriften durchgefallen. Heute—und dafür wird er ebenso bewundert wie belächelt—arbeitet er mit einem ebenfalls sehr eigenwilligen kombinierten EEG– und MRT-Setup daran, Körperschwingungen, wie sie beim Vokalisieren entstehen, in elektrischen Strom zu wandeln und mithilfe einer Armada von schlauen Physik– und Elektrotechnik-Studenten in einem mehr oder weniger klassischen EEG-Feedback ins Hirn zurückzuspeisen. Erfrischt und ermutigt von so viel liebenswertem Wahnsinn in unserer Branche schlenderte ich mit ihm die Straße hinauf zum Empfang im Goethe-Institut, wo Whitman von meinen wie seinen Landsleuten emphatisch begrüsst wurde. Eine gute, neue Zeit.

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Tuesday, November 18, 2008

Vorwärtsrechnung

—Washington, D.C., a day in yesterday’s future

Ich sitze an der Zeitmauer. Ich komme hierher, wenn sich die kleinen Dinge des Alltags wieder zu einem großen Rätsel aufgetürmt haben. Dann, so heute, sitze ich hier und lasse die Beine baumeln über dem noch Unaussprechlichen.

Ich sitze an der Zeitmauer, mit einer Straßenkarte des schwäbischen Waldes aus den späten 1960er Jahren in der Hand. Ich sehe meine Eltern mit einem sogenannten Käfer umherfahren, ich bin ein Punkt ohne Ausdehnung im noch zu spinnenden Gespinst zweier Menschen.

Ich sitze an der Zeitmauer, und mich schwindelt, wie meist an Abgründen. Mich schwindelt vor der Höhe, und vor der Strecke. Mich schwindelt bei der Idee, dort ins Unaussprechliche, Unplanbare vorzufühlen, hinauszuspüren. Morgen schon wird die Mauer sich selbst einige Meter nach vorn in eben jenes Unaussprechliche hinein umzemetiert haben, und wieder werden die Beine baumeln und wird die Seele spannen.

Ich sitze an der Zeitmauer, jeden Tag fast, und schaue hinaus, und ich danke Ihnen, dass Sie manchmal zurückschauen, von dort draussen. Was sehen Sie, wenn Sie mir zuschauen, wie ich da sitze, anbrande an die Grenzen meinerselbst?


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Sunday, November 16, 2008

The lab has opened

Just an editorial side note from Washington, DC: There’s more to life than science, you know, but not much more.

Monday, November 10, 2008

Tuesday, November 04, 2008

Heute sind wir alle Amerikaner: Ingo Niermanns JOIN THE U.S. ARMY

Am vergangenen Freitag eröffnete der Autor und Künstler Ingo Niermann in der Berliner Galerie ZERN seine Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY, passend zu den heute bevorstehenden Umstürzen im Heimatland dieser großen Militärmacht.

Ich war auch anwesend, geplagt von widerstrebenden Eindrücken – doch am Schluss gewann das Leuchten in meinen Augen, nach der wiederholten gedanklichen Rückkehr zur Kindheit in den frühen 1980er Jahren, als während des NATO-Doppelbeschlusses es meinen Eltern leider nicht geboten schien, ihrem Kind ein ordentliches Gewehr auszusägen, und deshalb nur Holz-Tomahawks (die Äxte, nicht die Raketen) zur Verfügung standen.

WALL OF TIME konnte in den unmittelbaren Turbulenzen nach der Vernissage mit dem deutschen Künstler Ingo Niermann ein kurzes Gespräch führen.

Lieber Ingo Niermann, als wir bei WALL OF TIME von Ihrer Ausstellung JOIN THE U.S. ARMY hörten, zögerten wir keine Sekunde, Ihrem Ruf Folge zu leisten. Und die Eröffnung geriet ja auch zum veritablen Spektakel, von den gestrengen Recruiting Officers der Galerie ZERN über die wunderschönen M-16 Holzgewehre – wer hat diese eigentlich ausgesägt?

…Ein mir nicht bekannter, kundiger Schreiner…

– bis zu Ihrem Drill Instructor Thoralf. Ein sehr guter Name, im Übrigen. Wieso eine Ausstellung, Ihre erste Einzel-Ausstellung, zur US-Armee? Hat diese nicht ein sehr schlechtes Image?

Keine andere Armee ist auch nur halb so mächtig.

Im Begleittext zur Ausstellung wird Bezug genommen auf den Cargo-Kult der auf den Neuen Hebriden Verbreitung erfuhr, eine – bitte korrigieren Sie mich – Form der kultischen Verehrung von US-Cargo-Gütern, die die Verheerungen des Pazifikkriegs an diese Inseln spülten. Ist es tatsächlich so, dass dort bis heute der US-Armee wie einer Gottheit gehuldigt wird? Sie waren 2004 einmal dort, stimmt das?

Cargo-Kulte gibt es auf vielen Südsee-Inseln. Die Güter wurden während des Zweiten Weltkriegs von gegen Japan kämpfenden GIs auf die Inseln gebracht. Auf der Insel Tanna im Inselstaat Vanuatu (ehemals Neue Hebriden) wird der eschatologischen Gottheit John Frum einmal jährlich mit einer eigenen US-Armee gedacht. Christian Kracht und ich hatten im Februar 2004 die Ehre, diesem Fest beizuwohnen, und erfuhren, dass auf der Insel, im Krater des Mount Yasur, auch der Geist von Amerika Zuflucht gefunden hat. Der Geist von Amerika – so auch der Titel eines gemeinsam mit Christian Kracht verfassten Aufsatzes, abgedruckt in Krachts “New Wave” (Köln, 2006) und dem von Chus Martínez herausgegebenen Katalog “Pensée Sauvage” (Frankfurt/M., 2007).

Mir fiel auf, dass sehr viele Un­ge­dien­te und Frau­en Ihrem Ruf Folge leistet­en und sofort und be­reit­wil­lig der U.S. ARMY be­itrat­en. Hatten Sie das geahnt, waren Sie sich dieses Zuspruchs gar sicher im Vorfeld? Und warum wollen nun auf einmal alle der US-Armee angehören? Was ist das Geheimnis?

Die schöne Flagge, die schönen Gewehre und die Macht.

Ein integraler Bestandteil der Ausstellung schien mir neben den Holzgewehren und dem Rekrutierungsprozess selbst die Feilbietung und Aufnahme von frei verfügbarem, hochprozentigem Alkohol zu sein. Ich selbst fürchtete kurzzeitig, mittels des Alkohols vielleicht “shanghait” zu werden und mich am nächsten Morgen auf einem Flugzeugträger der dann leider echten U.S. ARMY wiederzufinden. Dies passierte nicht, aber: Weshalb der Alkohol, der in der echten U.S. ARMY wie in jeder Armee sicher streng verboten und doch Teil der Kultur ist?

Alkohol ist eine klassische Rekrutierungsdroge, die sich – wie ich von an dem Abend anwesenden US-Amerikanern erfuhr – auch heute noch die US-Armee während des Spring Breaks zunutze macht.

Commander Niermann, aufmerksame Besucher Ihrer Ausstellung konnten Zeuge werden, wie Sie wiederholt davon sprachen, dies sei erst der Anfang gewesen, und es gehe “immer weiter”. Wohin bitte geht es immer weiter mit der Niermannschen U.S. ARMY?

Geplant sind weitere Rekrutierungen sowieso Ausbildungscamps mit den bereits Rekrutierten.

Oh. Das betrifft auch mich. — Heute wird gewählt, Sie feiern in Ihrer Ausstellung auch eine große Wahlparty unter dem Motto “My Country, right or wrong”. Sehen Sie direkte Implikationen für die U.S. ARMY durch den Ausgang der Wahl?

Nein.

Vielen Dank für das Gespräch!



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