Monday, February 23, 2009

Willy Reichert oder der letzte Grund

—“Tell that smart-ass to get his adjectives straight before
I see a second version of this draft”

Stuttgart. Ihr unermüdlicher Reporter war für ein neues heim­zu­bring­endes Abenteuer in die mythen­um­rankte Landes­haupt­stadt­si­mu­la­tion im Süden des Reiches aufgebrochen. Mit der Trashfluglinie “Deutsche Flügel” tuckerten wir durch die Wolken mittenhinein in die schwäbische Waschküche. War es nicht Hergé oder ein anderer Schweizer, der einmal schrieb, der interessante Teil der Welt zeichne sich dadurch aus, dass man am Flughafen nicht durch die an die Fluggeräte geschobenen “Finger” aussteige sondern dass man noch freien Fußes über das Vorfeld oder zumindest zum Bus schreite? Diesem Kriterium folgend gehört Stuttgart ganz klar zum interessanten Teil der Welt. Es roch sofort nach Seife und Rasierwasser und Kraut und Teigwaren.

Die Uhren gehen anders in Stuttgart, und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Ernst Jünger bei seinen seltenen Besuchen beim Verleger Klett in Stuttgart und auch sonst, weit im oberschwäbischen Hinterland, hinter einer Zeitmauer wähnte: Am Eisenbahnhof des Flughafens jedenfalls wird die Zeit der sogenannten Schnellbahnen zwar in Minuten angezeigt, um Vitesse und Esprit zu suggerieren, sollte aber der Ehrlichkeit halber eher in Stunden oder wie in vermeintlich unzivilisierten Teilen des Globus in Tagen berichtet werden: “S3 nach Filderstadt in 79 Minuten”.

In der Schnellbahn Richtung Stadtmitte lernten wir die ebenso charmante wie ungestüm-matronale Islamistik– und Logistik-Student­in Pilo­mena (“Pippi”) Rotter kennen. Sie verkürzte und versüsste uns die Fahrt durch fast quasi noch selbst erlebte Räuberpistolen aus den Zeiten Hölderlins und Schellings, erwähnte einen legendären Imbiss, “Vegi Vodoo King”, den wir unbedingt aufsuchen müssten, weil dort schon Maximilian Herre und Rezzo Schlauch vor ihrem Weg in den Untergrund gespeist hätten, und sie bot sogar an, uns am nächsten Morgen eine Führung durch die vom Tausendsassa Stauffenberg in Kindertagen bewohnten Gemächer im Schloß zu organisieren.

Vielleicht steht Pilomena für alle Stuttgarter; bei all ihrer rauen Freundlichkeit verstand man sie nur schlecht; sie sprach ein gutturales Schwäbisch, alle Vokale fast liebevoll zu Diphtongen zerkauend. Sie trug schwere Winterstiefel, und eine eher im von Ralph Siegel oder Leslie Mandoki ersonnenen Moskau zu erwartende Bieberfellmütze. Darauf angesprochen erklärte uns Frau Rotter, dass alle Schwaben so herumliefen, und tatsächlich sass uns gegenüber ein an Klaus Kinski im Spaghetti-Schocker “Leichen pflastern seinen Weg” gemahnender Zausel in ebensolchem Zausel-Gewand. Meine Begleiterin und ich kamen uns in unseren noch in Ostdeutschland erworbenen Stan Smith Tennisschuhen und den feinen Halstüchern sehr deplatziert vor.

Heute morgen dann, nach langer, vergeblicher Suche nach der wohl längst eingerissenen Weissenhofsiedlung und nach kurzer Nacht in der feinen Herberge des Dreifarbenhauses, liefen wir durch den nieselnden Regen auf so appetitlich sonst nur in Zürich zu findenden Gehwegen und erwogen, die Rückreise in die andere große Verlagsstadt Leipzig vielleicht lieber zu Fuß als mit der scheppernden Airbus 319 zurückzulegen. Auch könne man vielleicht symbolhaft einige Reclam-Ausgaben Schillers und Hegels dabei in einer Art Prozession von West nach Ost überführen, schlug ich vor, als uns eine verwirrt wirkende Frau bar fast aller Zähne ansprach und nach dem nächsten Telefon fragte; sie habe sich ausgesperrt—soviel ich verstand.

Ich war überfordert, wollte auch die Einheimische nicht mit unbedachten Verweisen auf die bereits erfundene und in anderen Gauen etablierte Mobilfunktelefonie beleidigen und reichte ihr stattdessen, einer Eingebung folgend, den Zettel mit Frau Rotters Adresse. Meine Begleiterin und ich schauten uns an und entschieden fast wortlos auf sofortige Abreise. Wir erreichten gerade noch die Mittagsschnellbahn ins nahe Marbach am Neckar, und ich schreibe Ihnen nun bereits aus einem kleinen Internetcafé an der hessischen Landesgrenze.

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Friday, February 20, 2009

The fire in which we burn

«What will become of you and me
(This is the school in which we learn...)
Besides the photo and the memory?
(...that time is the fire in which we burn.)»

—Delmore Schwartz


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, February 17, 2009

Lord, give me grace, and dancing feet, and the power to impress.

Irgendetwas muss doch auch richtig gelaufen sein.
Irgendetwas muss doch gelungen sein, wenn
nur zwei Tage nach dem (dieses Jahr
auch wieder besonders unerquicklichen) Jahrestag
des Dresdner Feuerregens eine ausgerechnet englische
Band mit einem ausgerechnet auch noch
nigerianisch-stämmigen Sänger ausgerechnet
den Alten Schlachthof, ganz nach Kurt
Vonneguts Slaughterhouse-Five—nehmen denn
die Allegorien gar kein Ende—, in eben jenem
Dresden bespielt und über tausend Menschen,

vielleicht etwa so viele wie damals vergeblich
Zuflucht im Hauptbahnhof suchten, sich und einander
im Schallsturm wiegen; froh sind; die Arme unwillkürlich
nach oben reissen müssen und schreien vor
flüchtigem Glück ob der Energie, die da von den
drei (eher gemütlich-rotgesichtigen Oktoberfestbesuchern
als einer Lancaster-Besatzung ähnelnden)
Ton– und Lichtmännern übertragen und verstärkt wird;
und wenn dann auch noch der frohe junge
Engländer die Dresdner ganz ohne Hintergedanken

auffordert, zum ausgerechnet “Ares” betitelten
letzten Stück doch bitte das Dach des Hauses
abheben zu lassen (statt es von oben mit dem mühsam
aus Norfolk herbeigeflogenen Sprenggut einstürzen
zu lassen
, denkt die Vernetzungs– und Historienmaschine
in meinem Kopf sofort mit) und alle, aber wirklich alle für
drei Minuten dann auch nichts anderes mehr im
Schilde führen, dann muss doch
etwas richtig gelaufen sein.

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Sunday, February 15, 2009

Das Vergnügen, die Empörung singen.

“Weisst Du, vor hundert Jahren, vor: hundert!, hat Marinetti sein futuristisches Manifest hinausgeschleudert. Das habe ich neulich gelesen.” — “Marinetti war doch ein Faschist.” — “Das ist doch nur kennzeichnend, dass er später dann eben daran geglaubt hat; Er dachte, Mussolini überlässt den Künstlern die Macht; war das Benn, der ja auch kurz darauf reingefallen ist in seiner Eitelkeit, der das als Artokratie bezeichnet hat? Nun ja.” — “Und, macht es Dich traurig, dass es schon hundert Jahre alt ist, das Manifest?” — “Ich glaube, Du machst Dich lustig. Aber: Ja, es macht mich traurig. Wo ist unsere Wut? Wo ist dieser Schaum vor dem Mund hin, der die schönsten Blasen trug? Wo ist diese Wut hin? Der Aufbruch.” — “Zweitausend Euro bekommt ein Wissenschaftler heute, wie soll man da wütend sein?” — “Ja, vielleicht ist das das Problem. Aber ich glaube, es ist eher ein Symptom. Kein Druck mehr.” —

“Noch ist es doch nicht zu spät. Ich will mich auch nicht lustig machen, ich spüre ja auch diese Trägheit, diese Dumpfheit. Wir könnten doch neu aufbrechen.” — “2009, das Jahr in dem wir alles hinter uns liessen…Ich weiss nicht. Weisst Du noch, 2004, also: neulich erst. Da waren wir beide noch so voller Bilder, und voller magischer Träume, und voller Pläne. Und jetzt, in diesem neuen Jahr, hundert neue Jahre seit Marinettis durchbrochenen Lampen, elektrischen Herzen, dem Lärm der Straße, sitzen und warten wir matt und dumpf und hirntot; so tot am Leben wie es heute nichtmal mehr die umsorgten und bespaßten Zoobären sind.” — “Kannst Du schnell dranbleiben, ich habe einen Anruf des Vermieters gerade.” — “Ja – ein anderes Mal dann. Wir haben heute auch Karten fürs Theater. Ich verabscheue das Theater. Ich will das alles nicht.” — “Sei nicht so – traurig. Freitag dann?” — “Am Freitag sind es dann genau hundert Jahre.” — “Elektrische Herzen!” — “Siehst Du, Du machst Dich doch lustig.”


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Sunday, February 08, 2009

On the Eave of Wall of Time’s second year of tenure:

Liebe Zeitmaurer, ich hoffe Sie schätzen ebenso wie wir hier die anmutigen Kapitälchen der Mrs Eaves, wie sie seit ganz neuem unser Ladenschild hier oben zieren.

Der Februar ist ein schwieriger Monat; vielleicht nicht der grausamste, wie es Eliot über den April in die poetische Ewigkeit nagelte, aber ein seltsamer zumal. Vor einem Jahr kehrte die Wall of Time wieder, Anfang Februar des Jahres 2008; sie ändert seitdem fast täglich nicht nur Ihr Antlitz, sondern auch—falls es so etwas gibt—ihre Bestimmung, ihr Wesen, ihren Zweck. Derzeit, wie Ihnen als treuen Lesern nicht entgangen sein dürfte, mäandern wir wieder nach Herzenslust durch die Eschatologie, den magischen Realismus, die Sprachen Englisch und Deutsch sowie alle Mischformen der beiden. Und wir glauben immer noch sehr fest an die bessere Welt.

Wir glauben daran, dass es irgendwo eine Welt gibt, in der Bon Scott auf den Back in Black-Mastertapes singt; in der alle Menschen lustig-unheimliche Affenmasken zu körperschmeichelnden Anzügen tragen, wie es uns der Berliner Stadtaffe derzeit nahelegt; in der Wissenschaft und Wahnsinn, Leid und Humor, Aeropitura und Anti-AKW-Bewegung ein freundlicheres Miteinander pflegen; in der der lächerliche Dualismus von Wort und Bild überwunden sein wird.

Ein subtil erneuertes Ladenschild aus den Kapitälchen der Mrs Eaves, flankiert von einer grotesken Akzidenz, ist da ganz klar—schon wieder—ein Anfang.



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Thursday, February 05, 2009

Inverse effectiveness

—“Of Conrad's novels, Lord Jim and Nostromo continue to be widely read, as set texts and for pleasure.”

Great things will come to those who wait, I once overheard a friend say. My English is very bad, but this saying is somewhat true. In 2004, I was offered the privilege and the pleasure to visit a small Paraguayan enclave in Eastern Germany, on a strip of land mostly inhabited by—confusingly—the people of the Sorbes.

Amongst them, a small but thriving community of South American pilgrims has survived. They had arrived here in Saxonia in the 1890s, hoping to find peace from economic hardship and political instability back home. Today, very few families have survived without mixing with the Sorbian and German natives. I personally had first heard about the village of Weisswasser (engl. white water) in my southern German hometown when the community had decided to donate a seasoned firefighter vehicle to this Eastern German community some time after 1989.

Now, in 2003 or so, I learned about the Paraguayan enclave outside Weisswasser through the befriended Peruvian Shaman Cristiano Gran Sonq and the Polish poet and composer Dawid Desantowiec. Early in 2004, just after my PhD defense, Gran Sonq called me and invited me to join them on their visit to the enigmatic Paraguayan village in the Lausitz area. I distinctly remember us driving the endless Kohlian highways in my wrecked Ford Focus, running low on fuel, passing by Nuremberg, where we enjoyed Nümberga Wüschtla, and Bayreuth, whereupon Desantowiec rejoiced in cursing on Wagner and his antisemitic polemics. Meanwhile, Gran Sonq and I enjoyed the water pipe that my then-girlfriend had refilled, kindly enough.

When we finally hit the Sorbian soil, the atmosphere got tranquil within as well as around the car. Gran Sonq and Desantowiec had been here before, I reckoned, but it turned out to be obviously wrong. We passed Weisswasser, and the two of them pretended to know their way round, yet made me ask a German native for “the Paraguayans”. The German—or Sorbian?—native’s face was erased of any hospitality immediately. “Turn left after the cemetry.“ And, after a short fermate, ”take them all with you, if possible.” I frowned, puzzled. I looked at my passengers in the rear view mirror. Gran Sonq and Desantowiec looked back at me, innocently yet knowingly, then further delighted themselves with the water pipe. “Ours like the stars”, Desantowiec murmured in his fake US English. This all really freaked me out, you know.

I have to admit that ultimately I never made it to the Paraguayan enclave itself. I panicked instead. I kindly asked the esteemed Shaman and his Polish friend to leave me alone for a second. They waited outside the car and had a coffee or something at the local café (“Kaffeehaus Käthe”), while I—totally flustered—phoned my only friend in Berlin and asked her for a night’s stay.

Since then I’ve seen neither Cristiano Gran Sonq nor Dawid Desantowiec again. I understand that Gran Sonq now runs a spiritual center near the Polish border, where Gran Sonq’s Arian wife also plans to establish a very expensive private liberal arts and film college. Desantowiec was recently reported by a friend to run a premium-membership facebook group on 19th century transgender composers, which I doubt, as there are no premium memberships on facebook.

The funny thing is that this whole story and me remembering it is prompted by a book I found this morning. Gran Sonq had forgotten it on my Ford’s back seat back in 2004, and I since have read it many times with tremendous joy. It is Nikolai Ostrovskiy’s stalinist classic Wie der Stahl gehärtet wurde (Как закалялась сталь), in a beautifully-typeset GDR edition from the late 1970s.

Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, February 03, 2009

Am Tag nach Maria Lichtmess

—“The Bonanza was at a slight downward angle and banked to the right when it struck the ground at around 170 miles per hour (270 km/h). The plane tumbled and skidded another 570 feet (170 m) across the frozen landscape before the crumpled ball of wreckage piled against a wire fence at the edge of the property.”

—Director Kenneth Anger turned 32 on February 3, 1959

Vor langer, langer Zeit —Ich weiss es noch genau—musste ich immer unwillkürlich lächeln bei dieser Musik. Und ich wusste, wenn ich nur einmal meine Chance bekäme, dann würde ich die Leute zum Tanzen bringen, und vielleicht wären sie dann glücklich, nur eine Weile.

Aber der Februar fröstelte mich, mit jeder Zeitung die ich austrug; Schlechte Neuigkeiten auf den Haustreppen, ich konnte keinen Schritt vorwärts mehr. Ich weiss nicht mehr, ob ich geweint habe, als ich von seiner verwitweten Braut las, aber irgendwas hat mich tief berührt am Tag, als die Musik starb.

Tschüss, also, Fräulein American Pie. Ich fuhr meinen VW zum Stausee, aber der war ausgetrocknet; die guten alten Jungs tranken Whisky und Klare, sangen “We’re all gonna die, but we don’t know how, and we don’t know when” von Scout Niblett.

Hast Du das Buch der Liebe geschrieben? Und glaubst Du an den Gott da oben, wenn es doch so in der Bibel steht? Sag mal, glaubst Du an Rock’n’Roll? Kann Musik Deine sterbliche Seele retten?

Und, könntest Du mir beibringen, schön langsam und eng zu tanzen? Ich weiss, Du liebst ihn, denn ich sah Euch tanzen in der Sporthalle; Ihr zogt beide Eure Schuhe aus. Junge, Ich steh echt auf R&B. Ich war damals ein einsamer Testosteron-Teenie, mit rosiger Haut und einem VW Kombi, aber ich wusste, das Glück war vollends vorbei am Tag, als die Musik starb.

Schließlich traf ich ein Mädchen, die mir den Blues sang. Ich fragte Sie nach ein paar guten Neuigkeiten, aber sie lächelte nur und drehte sich fort. Also ging ich runter zum heiligen Laden, wo ich die Musik Jahre zuvor gehört hatte, aber der Mann im Laden sagte nur: Keine Musik heute.

In den Straßen schrien die Kinder, Liebende heulten herum, und die Dichter träumten. Aber kein Wort wurde gesprochen, die Glocken der Kirchen waren alle kaputt, oder an der Front. Und just die drei Männer, die ich am meisten bewundere, der Vater, sein Sohn und der heilige Geist, die schnappten sich den letzten Zug Richtung Küste, am Tag, als die Musik starb.

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Friday, January 30, 2009

Object Trouvée

This photo was allegedly taken only minutes before Rezzo Schlauch failed being elected as mayor of Stuttgart, in autumn 1996.

Friday, January 23, 2009

Und alles wäre gut.

– und automatisch hat man Ernst Blochs besorgte Worte im Ohr, warum gerade junge Menschen eine Zeit sentimentalisch vermissen, die sie gar nicht erlebt haben. (Tobias Rüther)

“Wie manchmal, in einem Moment, und nur für diesen Moment, alles gut ist. Das vergisst man viel zu schnell. Dass manchmal, nur manchmal und sehr kurz, wirklich alles gut und richtig ist.

Über diese Momente lebt man immer so hinweg, um sich wieder den Erfordernissen der Wirklichkeit oder auch dem Selbstmitleid und der kulturpessimistischen Rage hinzugeben. Im Anfluten solcher Momente beschleunigt sich das Denken zu einem kleinen, aber rasenden Fluss, wie als wüsste das Hirn schon, dass es jetzt durch dieses Nadelöhr, diese enge Stirn durch müsste, um dann gleich dahinter—oder gleich danach— zum völligen Erliegen zu kommen, sehr kurzzeitig.

Dieser Stillstand des Denkens, die völlige Abwesenheit des Sorgens, Mangelns und Wollens ist sehr schön. Sie ereilte den Schreiber dieser Zeilen heute morgen, nach kurzer Rast nach umso längerer, rasender Abfahrt entlang der hübsch bepflanzten Weinberge. Einfaches in der Küche stehen, baren Fusses, achtlos gekleidet, ein Märchen über Bowie und Berlin und die vergangene Zeit gerade aus der Hand gelegt, den Siebträger der Kaffeemaschine soeben am herausdrehen.

Noch bevor der Siebträger auf dem Tisch zu liegen kam, war schon alles vorbei, das Denken suchte sich wieder seinen Platz und ich die Kaffeebohnen, und die Worte, mit denen ich dies schreibe, zeigten sich. Aber—wie doch manchmal, in einem Moment, und nur für diesen Moment, alles gut ist!”

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Wednesday, January 21, 2009

Das Böse des Banalen: Der achte Versuch

Alles, was ich vor bald einem Jahr über das Ende der Syntax schrieb, über das Versagen unserer Sprache, oder besser gesagt über unseren freiwilligen Verzicht auf sprachliche Kohäsion und Komplexitäten: All das, so ist mir klar geworden, findet sich in der mittlerweile völlig etablierten Formulierung «Liebes-Aus». Sie penetriert den öffentlichen Raum des Boulevards und der Video-Texte, und endlich unser Bewusstsein, das ja nur Sprache ist.

Es ist so schrecklich; man will zurück zu den Keilschreibern, man will ein Nacktmull sein, man will wortlos durch die Nacht des gefrorenen Bodens graben, immer tiefer, immer trauriger, wenn man so etwas zu gleichen Teilen verachtenswert Albernes, Falsches, sehenden Auges Herätisches, Blut– und Hirnleeres und wirklich ästhetisch Entsetzliches lesen muss. “Liebes-Aus».

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Monday, January 19, 2009

Deconstructing Jünger

“Wenn Sie einsteigen in ein Spiel […], dann merken Sie, daß eine gewisse Be­geist­erung Sie befällt, auch wenn Sie, wie ich, eigentlich kein Ver­hält­nis [zu diesem Spiel] haben. Dasselbe ereignet sich, wenn ich in ein polit­isches System einsteige. Ich habe für Ord­nungs­systeme ein Faible.” Das sagte Ernst Jünger einmal, 1982, und dieser Satz lässt ahnen, dass er der span­nungs­reichen (De-)Konstruktion seiner eigenen Begriffswelten durch den Herausgeber Alexander Pschera und seiner nicht un-illustren Autorenschar im recht neuen Band “BUNTER STAUB sicher sehr aufgeschlossen gegenübergetreten wäre.

Das vieltausendseitige Ordnungssystem Ernst Jünger, an dem der alte bad guy mit dem später eher humanistisch-entzeitlichten Gestus eines Astrologen und Sehers jahrzehntelang gewerkt und, vielleicht ohne es zu bemerken sehr postmodern, herumredigiert hat. Dieses System erfährt nun eine Spiegelung und Brechung in einem fast vierhundertseitigen Band aus dem Hause Matthes & Seitz:

Schlüsselbegriffe aus Jüngers Werk wie “Gestalt”, “Rausch”, “Waldgang”, “Schmerz” werden von ausgewählten Kennern des Jüngerschen Werks in eigenen Texten neu eingeleuchtet, und stehen  in der Mehrzahl  als Kunsttexte eigenen Ranges nun vor uns. Ihre wirklich kunstvolle, ebenso gedanken– wie für Jüngernovizen einsichtsreiche Verbindung aber besorgt ein namenloser Essayist, von dem wir annehmen, dass es Pschera selbst ist und der hier uneitel die eigentlichen Ein– und Aussichten zusammenträgt.

Gerade also für alle, denen dieser Bücherversand schon ebenso penetrant wie erfolgreich vom »Arbeiter« bis zu den »Afrikanischen Spielen« oder den »Glass Bees« (Jünger auf Englisch, auch eine sehr schöne Spiegelung) alles anempfohlen hat, ist dieser Band ein Segen: Endlich weiterdenken, über Jünger hinausdenken, Jünger anders lesen. Dazu tragen am ertragreichsten gerade die aberwitzigsten Versuche bei, wie David Woodards situationskomischer Trip mit Jüngers Augen durch das nicht mehr Leningrad heissende Petersburg, oder Pscheras stream of consciousness, den Topos des “Flugtraum” einleitend. Die einst an einer selbstbewussten Nation feilenden vermeintlichen Stars des Bandes hingegen bleiben erstaunlich blass, zu nah an Jünger selbst vielleicht, um dem Unternehmen der Dekonstruktion Entscheidendes beifügen zu können. Aber das machen andere wett, wie Eckhart Nickel, Lorenz Jäger, Günter Figal oder Mark von Schlegell, die verschmitzt ihre Hütchenspieltricks mit Jüngers Wesen und seinen Begrifflichkeiten veranstalten.

Jeder “[Künstler], für den […] die Jagd ein faszinierendes Spiel ist, ein Vorwand für subtilste Kombinationen und Differenzierungen” (so schreibt Jünger selbst in “Subtile Jagden” 1967) wird jedenfalls eine andauernde Freude am Besitz dieses sehr schön gesetzten, schön unbunt in schwarz und weiss gehaltenen, handlichen Bandes haben. Kaufen Sie dieses Buch und geben Sie es nicht mehr her!


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Thursday, January 15, 2009

Hannes Woidich: Maschine

Hannes Woidich
MASCHINE
Ausstellung der Diplomarbeit
15.–18. Januar 2009, jeweils von 16.00 bis 19.00 Uhr
Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1

Hannes Woidich, der mit uns an der Wall of Time letzten Mai ausführlich sprach, stellt nun endlich sein bisheriges Opus Magnum, die Photographien-Serie “MASCHINE”, aus.

Damals sagte Woidich, nach seinen Motiven (sic) befragt:

“Zur Zeit photographiere ich in großen Fabrikhallen Maschinen, alles bei Nacht, die Maschinen stehen still. Wenn man diese Produktionsstätten ruhen sieht, bei Dunkelheit und menschenleer, dann fragt man sich zwangsläufig, was das bedeuten könnte. Ein Leben, das versorgt wird aus irgendwelchen austauschbaren Fabriken, die diese austauschbaren Waren herstellen, die ich dann mit meiner einzigartigen CANON EOS 5d und mit meinem hochwertigen und vorzüglich verarbeitetem Stativ aus Carbon abphotographiere […] Ich photographiere diesen Zerfall auch, weil ich froh um ihn bin.



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Wednesday, January 14, 2009

Erste Sätze (I)

In this mini-series, WALL OF TIME will present sentences or short paragraphs that would make for a good book opener, all from novels or essays I have not written and I have no intention to write. Feel free to use them:

— “Durch die Pfoten eines Plastik-Eichhörnchens betraten wir die Disco, die von Guillermo Del Toro 1998 entworfen worden war.”
— “Was ist eine Disco?”

The series ERSTE SÄTZE is brought to you by WALL OF TIME Prose and Cons Dept.

Tuesday, January 13, 2009

Bekanntmachung

Antje Majewski

“Tanz
RGBCMYK
05 January–31 January 2009

neugerriemschneider
Linienstr. 155
10115 Berlin

Bitte besuchen Sie die Ausstellung der Künstlerin Antje Majewski, wenn Sie einmal in Berlin sein sollten dieser Tage.

Thursday, January 01, 2009

2009: The year we make contact

David Woodard is playing at my house.
Markus Hablizel is playing at my house.
David Byrne and Brian Eno are playing at my house.
Anne Hauswald is playing at my house.
JC Schmiedle is playing at my house.
Stalingrad is playing at my house.
Vera Leirer is playing at my house.
Till Huber is playing at my house.
Ingo Niermann is playing at my house.
Alexandra Ludwig is playing at my house.
Eckhart Nickel is playing at my house.
Minion is playing at my house.
Dresden is playing at my house.
Stefanie Roenneke is playing at my house.
Ramin Assadollahi is playing at my house.
Christian Obermeier is playing at my house.
The dearest colleagues some of whom would hate to be named here are all playing at my house.
Books from Boxes is playing at my house.
Christian Kracht is playing at my house.
The only living boy in NY is playing at my house.
Britta Heumann is playing at my house.
Jens Lekman is playing at my house.
Hölderlin is playing at my house.
Time code is playing at my house.
Frutiger is playing at my house.
Bashir waltzes at my house.
Dick van Dique is playing at my house.
The Darjeeling Limited is playing at my house.
Jean Baudrillard is not playing at my house.
The Editors are playing at my house.
Café Cantona is playing at my house.
The young man who looked so totally lost sleeping in the underpass for a while is playing at my house.
Somebody is playing at my house.
The Dearest Neighbour is playing at my house.
David Lieske is playing at my house. Also, Carsten Jost is playing at my house.
Stefan George is playing at my house.
Peter Handke is playing at my house.
Tina Bauer is playing at my house.
ZERN is playing at my house.
Schloss Wiesenburg is playing at my house.
Josie is playing at my house.
Ca. of MIJULY & CA. is playing at my house.
Lewis is playing at my house.
Paco is playing at my house.
Back surgery is playing at my house.
The Groove Department is playing at my house.
Hoefler is playing at my house.
Hand surgery is playing at my house.
Bine Knauer is playing at my house.
Frank Eisner is playing at my house.
All Frauke Finsterwalder movies are playing at my house.
Max Sebald is playing at my house.
Hannes Woidich is playing at my house.
Olaf Schäfer is playing at my house.
Taxman is playing at my house.
Anne Philippi is playing at my house.
Three friends sadly lost are still playing at my house.
Jens Thiel is playing at my house.
Bloc Party is playing at my house.
Daniel Klemm is playing at my house.
Helvetica is playing at my house.
Jörg Kühnel is playing at my house.
Soulsender.de is playing at my house.
Skins are playing at my house.
My family is playing at my house.
The dead are all playing at my house.

Thank you all for the year we called 2008 here at the Wall of Time.