Thursday, April 03, 2008

My daily dose of Baudrillard


Genau jetzt: Es scheint, als bräuchte ich meine tägliche Dosis Baudrillard. Er ist ja als Philosoph missverstanden worden, also: als Philosoph verstanden worden. Dabei ist er doch ein Poet gewesen.

Da schlage ich ein wunderschönes kleines, kleinstmögliches Büchlein auf, mit dem ja bereits sagenhaften Titel “Warum ist nicht alles schon verschwunden?”, en passant eigentlich eine gelungene Demonstration, dass Selbst-Ironie doch noch möglich ist,

und dann steht da auf der ersten Seite—die wie das ganze Buch in einem ganz engen Satzspiegel daherkommt, muss es ja, es ist so klein, gewinnt aber dadurch diese gedichthafte Zeilenlänge von höchstens 45 Zeichen—da steht also:

WENN ich von der Zeit spreche, dann deshalb,
weil sie noch nicht ist

Wenn ich von einem Ort spreche, dann
deshalb, weil er verschwunden ist

Wenn ich von einem Menschen spreche,
dann deshalb, weil er schon tot ist

Wenn ich von der Zeit spreche, dann des-
halb, weil sie schon nicht mehr ist

— Kann man Zeit treffender um-schreiben? Sie zu be-schreiben scheitert, das sehen wir hier an der Zeitmauer ja täglich.

Aber dann dichtet da ein alter Franzose, unser Freund Markus Sedlaczek übersetzt es für uns in wohlgeformtes Deutsch, der alte Mann mäandert durch die Worte, pflügt mit seinem Tempus-Traktor durch die Logik; aller Baudrillard scheint auch in diesen (posthum erschienenen) vier Zeilen enthalten, alles was sie an ihm hassen, und alles (dasselbe) was man an ihm lieben muss.

Und er hat plötzlich in den vier Zeilen, die seinen letzten Text einleiten, das Paradoxon der Zeit oder unserer Erlebens von ihr, das Flüchtige, das für die Melancholischeren unter uns immer auch vom Verschwinden und vom Sterben handelt, eingefangen, eingerahmt. Die Zeit, die noch nicht ist, und jene, die schon vorbei ist, halten und stützen hier die verschwundenen Orte und die toten Menschen.

Wer so zu schreiben weiss, hat die Zeit und den Raum und den Tod überlistet.



Apologies to our readers who prefer our English posts.

Wednesday, April 02, 2008

160 characters of art (III): Lyrics enactment

May I humbly present the third great idea for a piece of art, again given away for free to perform it and get famous with.

This one is—admittedly—a bit conceptual. You might want to perform this only after you have established a certain aura of importance to your artistic persona:

ENACT GERMAN SCHLAGER LYRICS THAT INVOLVE FAMOUS PLACES, E.G. REALLY DO TAKE A TAXI TO PARIS OR NEVER GO (PRECISELY, MAKE SURE YOU NEVER HAVE BEEN) TO NEW YORK.

(160 characters)

Now, this must be really self-explanatory. An instant 160-characters classic. In any event, a few notes on the side:

1. Granted—this sounds like an outrageously silly idea. But I am sure there are some beautiful undertones of situationism hiding in there. If only somebody could bring them to life.

2. This piece of art has the potential to gain you some TV coverage, e.g., German conceptual artist caught in Barcelona brothel (Mickie Krause, ~2007, Olé wir fahren in den Puff nach Barcelona).

3. More profoundly, it allows you to single-handedly critisize (to question, in art speak) German post-war travel escapism, as you focus on Schlager lyrics that contain sentimental references to metropolises (e.g., Felix De Luxe, 1984, Taxi nach Paris) and holiday destinations.
To the same end, you might also consider hiring two small-built Italians as extras and have them travel to Naples, as in the famous lyrics by Christian Bruhn for Conny Froebess, 1962, Zwei kleine Italiener.

4. As a footnote to 3., sending out others to travel and enact the lyrics would make for a hilarious second derivative of an artwork, with me donating the idea, and you hiring the actual performers. I like it.

5. As a footnote to the piece of art in whole, I agree that enacting some lyrics, such as the famous 1982 Udo Jürgens tune Ich war noch niemals in New York, might require a bit of extra alchemy such as time travel. However, in case you are one of the (lucky) few who indeed never have been to New York and never strawled through San Francisco in ragged jeans, why don’t you just keep it that way and turn it into a piece of art. Let me know how it all will work out.


Make sure to check out all other 160 characters of art suggestions available so far. 160 CHARACTERS OF ART, an initiative of walloftime.net.


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Tuesday, April 01, 2008

One must get inside the sound: Announcement of the second interview to come — Olaf Schäfer

“[Klang? —] Das würde ich keinesfalls Immaterialität nennen. Warum sollte ich also aufhören, mich mit Klang zu beschäftigen? Klänge wird es immer geben. Ich kann dir genau sagen, wann der Fernseher meiner Nachbarn wieder sein komprimiertes, tiefpassgefiltertes Gegrummel von sich gibt. Und es ist an der Zeit, stärker auf die unbedachten, formlosen Klänge zu achten, die Geräusche, die uns täglich umgeben, und an ihnen zu arbeiten.

[Sound? —] That's definitely not what I would call immateriality. Accordingly, why should I give up on them? Sounds will never leave. I can tell you exactly when my neighbours’ TV will start emitting its compressed low-pass filtered mumbling and grumbling. And it's time to become more sensitive to the thoughtless and undesigned sounds, the noise that surrounds us everyday, and work on it.”

I am very pleased to announce the second full-length interview to be published here at the WALL OF TIME.

It will be a conversation with the architect, sound engineer, and urban space doctor OLAF SCHÄFER, who famously called out for a remix of dull Berlin and a dub re-work of Stuttgart motor city as early as 2004.

Schäfer is one hell of a thinker, always on his toes and playful with words. Hence, it was a great pleasure to meet up and chat on multisensory architecture, the textures of sound, the German Autobahn, as well as La Monte Young and the futurists.

Please bear with us and watch out for the full-length interview with OLAF SCHÄFER to be published both in German and English and, as usual here at the WALL OF TIME, downloadable also in glossy hi-res colour portable document file (pdf) format as soon as next Wednesday, April 9, 2008.



Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen. Auch das Interview mit SCHÄFER wird auf Deutsch bereit stehen.

Monday, March 31, 2008

1975

Ich sitze in einem ganz besonderen Hotel in Nijmegen, Holland, und verstehe kein Wort, wenn die Menschen sprechen. Das ist ein bemerkenswertes Gefühl, das auch das Fremdsein besser approximiert als das Leben im englischsprachigen Ausland, wo nur ein bisschen Akzent im Weg ist üblicherweise.

Dieses Hotel hier ist besonders, weil seine industriell anmutende 1970erhaftigkeit sofort die wärmsten und besten Erinnerungen in mir wachruft—es ist eben doch dies das Jahrzehnt, in dem ich geboren wurde und nach dessen Mitte, also in dessen Blütezeit (nachdem es also seine ästhetische Definition gefunden hatte), ich aufwuchs.

Die dunkelbraunen Holztüren, die Teppiche, die Fassade, die Type der Leuchtschrift. Alles erinnert sofort sehr stark an unseren Stadtteil Schelmenholz, der selbst—in quasi allen seinen bestimmenden visuellen Elementen—eine einzige Hervorbringung der 1970er Jahre ist. Es wird sich zeigen, ob der Rest von Holland und Nijmegen diesen Eindruck bestätigen wird. Sollte Holland für die 1970er Jahre sein, was die Schweiz für die 1960er geworden zu sein scheint: Ein Hort, ein Schrein, ein letztes Resort?


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Friday, March 28, 2008

Time traveler wisdom (IX)

The Wall of Time could possibly be a fence rather than a wall, I realised when I opened my mailbox and found this thoughtful testimony in response to my (by now notorious) Time-oracle question.

It comes straight from Jörg Kühnel, 32, who is a tasteful and eclectic DJ, as well as a booker and label promoter in Cologne, Germany.

Q: “What is Time”?
A: “I often have the feeling not to have enough time; therefore I am often late, as the density of those things I want to do is higher than the time I have at hand for doing so. Therefore Time is a limit of what you can do. It runs along whatever you do and confines it at the same time.

[Oft habe ich das Gefühl zu wenig Zeit zu haben; deshalb komme ich oft zu spät, weil die Dichte der Dinge, die ich tun möchte grösser ist, als die Zeit, die ich tatsächlich für das Tun zur Verfügung habe. Insofern ist die Zeit eine Grenze dessen, was man tun kann. Sie läuft am Tun entlang und begrenzt es zugleich.]”



Dieser Beitrag ist hauptsächlich auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.

Thursday, March 27, 2008

Stars of the Post-Histoire (VII): The Maya

Das heutige Datum lautet, natürlich, 12.19.15.3.8 1 Lamat 16 Kumk’u (angenommen, man benutzt die Korrelationskonstante 584 285)

Man muss sich nicht die Mühe geben und die sogenannten Kreatonisten, jene christlichen Fundamentalisten, die behaupten, die Erde wäre vor gerade einmal 6000 Jahren erschaffen worden—von Gotteshand—mit dem sprichwörtlichen Schaum vor dem Mund bekämpfen und bekriegen, wie der umtriebige Richard Dawkins dies tut. Man muss sie nicht verdammen und fürchten. Man muss sich nicht über ihre Phantastereien beschweren, und sie mit dem Darwinschen Weihwasser bekämpfen wollen.

Man muss sie vielmehr mit der gebotenen Lässigkeit ihrer Phantasielosigkeit und Kurzsichtigkeit überführen—es reicht also eigentlich, mit einem müden Lächeln sich die Einfalt klarzumachen, die solchen Weltbildern innewohnt.

Am besten tut man dies mit einem Blick auf reichhaltige vergangene Kulturen wie jene der MAYA, die mühelos uns fremd erscheinende Mathematik (Vigesimalsystem, if you know what I am saying) mit planetarischer Weitsicht und dieser gewissen Ergebenheit verbanden, und denen das Denken in Zyklen von über 5000 Jahren kein Problem darstellte.

Ich muss im Folgenden einige fleissig-zwänglerische Wikipedia-Autoren zu Wort kommen lassen, auf dass die ganze Schönheit des Maya-Kalender-Systems in dem ihm würdigen Lichte erstrahle:

“Die Maya benutzten für rituelle und zivile Zwecke nebeneinander verschiedene Kalender, die auf einer Tageszählung im Zwanzigersystem beruhen: den rituellen Tzolkin-Kalender, den zivilen Haab-Kalender und die Lange Zählung (long count), mit der längere Zeiträume erfasst werden konnten, die für Himmelsbeobachtungen und Astronomie eine große Rolle spielen. Die Kombinationen von Tzolkin und Haab Daten wiederholen sich nach einer 52 Jahre dauernden Kalenderrunde. Die gegenwärtige Periode des Maya-Kalenders endet aller Wahrscheinlichkeit nach am 21. Dezember 2012.

Das Haab ist ein Solarkalender mit 5-Tages-Interkalation, aber ohne Bindung an den Mond. Der Tzolkin-Kalender is—im Unterschied zu den überaus meisten anderen historischen und heute verwendeten Kalendersysteme—weder an den Sonnen- noch an den Mondrhythmus gebunden. Es sind zahlreiche Spekulationen gemacht worden, ob, und wenn ja, welchen—wohl astronomischen—Vorgaben dieses erstaunliche System folgt. Eine schlüssige Hypothese steht aber noch aus, und erscheint angesichts der schlechten Quellenlage auch wenig wahrscheinlich.

Vollständige Datumsangabe: Der Todestag des Herrschers Pacal I. von Palenque lautet im Maya-Kalender 9.12.11.5.18 6 Edznab 11 Yax. Dabei gibt 9.12.11.5.18 den Tag als Lange Zählung an, 6 Edznab den Tag im Tzolkin-Kalender und 11 Yax ist der Tag im Haab-Kalender.

Lange Zählung: Die Lange Zählung der Tage benötigten die Maya für astronomische Berechnungen und die Geschichtsaufzeichnung. Dabei laufen die einzelnen Stellen (z.B. 9.12.11.5.18) jeweils von 0 bis 19, bis auf die vorletzte Stelle, die nur bis 17 läuft. Die Lange Zählung stellt daher eine Datumsangabe dar, mit der über einen Zeitraum von über 5000 Jahren jeder Tag eindeutig angegeben werden kann.

Haab: Das Haab diente den Maya zu zivilen Zwecken, z. B. zur Berechnung der Saat- und Erntezeiten und ähnelt unserem Kalender, da es ein Sonnenjahr mit 365 Tagen umfasst. Im Haab-Kalender wird das Jahr in 18 “Monate” mit je 20 Tagen unterteilt. Zum Abschluss dieser addierten 360 Tage folgen 5 “Unglückstage” (Wayeb'; Schalttage). Alles in allem ergibt das 365 Tage pro Jahr.

Tzolkin: Für rituelle Zwecke benutzten die Maya den Tzolkin (“Zählung der Tage”), bei dem jeder Tag (Kin) durch eine Kombination einer Zahl (Ton) von 1 bis 13 mit dem Namen einer von 20 Schutzgottheiten (oder Tagesnamen) bezeichnet wird. Ein Tzolkin-Datum bezeichnet daher einen bestimmten Tag in einer Periode von 260 Tagen und wird beispielsweise als 6 Edznab angegeben.

Kalenderrunde: Da der Haab-Kalender 360 Tage (im Gegensatz zum Gregorianischen Kalender) und der Tzolkin-Kalender 260 umfasst, wiederholen sich alle 18.720 Tage (kleinstes gemeinsames Vielfaches von 360 und 260) oder 52 Haab-Jahre die Kombinationen von Haab- und Tzolkin-Daten. Dieser Zeitraum wird als Kalenderrunde bezeichnet, innerhalb derer eine Kombination aus Haab- und Tzolkin-Datum eindeutig ist.”

Etwas esoterischere Denker wie José Argüelles gehen einige Schritte weiter in ihrer Lesart des Maya-Kalenders und ziehen für uns hier an der Zeitmauer inspirierende Parallelen, die Daniel Pinchbeck zusammenfasst: Der Zeitraum des ganz grossen Zyklus (step aside, pathetic creationists) seit dem 11. August 3114 vor Christus bis ins Jahr 2012 stellt ziemlich genau das dar, was wir Geschichte zu nennen übereingekommen sind.

Im Jahre 2012, am 21. Dezember, also treten wir ins Post-Histoire ein. Bleiben nur noch ein paar Fragen: Wusste Hegel davon, und wer sagt Kojève Bescheid?



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Wednesday, March 26, 2008

Leserumfrage — Reader survey

1. Haben Sie auch jeden Morgen tote Marienkäfer an ihrer Küchentür, dort, wo es hinausgeht auf den Balkon? Vielleicht an Ihrer Terrassentür? Und wenn ja, macht Sie das auch etwas traurig, auch wenn Sie es jetzt nicht zugeben?

1. Do you also find dead ladybirds every morning in front of your kitchen window, or wherever you enter your balcony usually? If yes, does this also make you slightly sad, even if you’re not ready to admit this here and now?

Tuesday, March 25, 2008

Wall of Time Employee of the Month: Marvin Gaye

I would like to express my heartfelt thanks to Marvin Gaye (1939–1984) for his efforts on the song “Ain’t no mountain high enough”, where—at 1'40'', right after the song has changed gears into a higher register, in reply to his co-star Tammi Terell, years later to break down on stage in his arms and to die shortly thereafter—Marvin single-handly invents, saves and declares finished Soul music; all of this he achieves with a single, short “whoo” cry-out of excitement in reply to Tammi’s line “My love is alive”, equally plausibly saying “My love is a lie”.

Go and listen. It is all in there, a universe you did not even dream of, in this one burst of sound from the lungs of a dead man, recorded over forty years ago. Thank you, Marvin.


(Strictly speaking, Marvin would qualify for a fruit tart of honour. Or, actually, a whole sweets shop of honour.)


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Saturday, March 22, 2008

Vollsperrung

for O.S., S.R., C.K.

Um zu verstehen, wie Raum und Zeit verwoben sind, muss man nicht die effektheischenden Bücher des Stephen Hawking lesen. Man muss auch nicht Weblogs ins Leben rufen, die diffus nach Zeit benannt sind, auch und gerade wenn Zeit als Phänomen alles andere als den Mittelpunkt des eigenen Denkens darstellt (dafür ist es zu ausuferend auch, und zu sehr mit dem schalen Geruch des Wissenschaftlichen behaftet).

Nein, um Raum und Zeit und ihre Verwobenheit zu erfahren reicht es, an einer der zahlreichen sogenannten Anschlussstellen in das mächtige Rhizom, das die deutsche Autobahn darstellt [1], einzubiegen.

Bringt man dazu noch das leicht übernächtigte Gehirn mit, das es braucht, um im schlichten Autofahren gleich wieder den Raum, die Zeit und Gott am Werke zu sehen,

und ist das Innere dieser Raum-Zeit-Kapsel auch noch erfüllt mit der beruhigenden Stimme eines Dichters, der in einem längst verhallten Moment in einem Tonstudio in ein (den Bass seiner Stimme hyperreal mumifizierendes) Neumann-Mikrophon seine Erzählung von einer so sicher nie stattgefundenen Revolution ( i.e., Um-Kehr) gesprochen hat

—dann kann es einem klar vor das innere Auge treten:

Ich fahre in die Zukunft, die die Vergangenheit des Autos auf der Gegenfahrbahn ist. Besser, auch wenn es das gleiche meint, aber es klingt dramatischer: Ich komme aus der Zukunft der Gegenfahrbahn. Das ist herrlich, fast könnte das Gehirn sich in einem Schauer oder wenigstens einem Hauch von Macht und Überlegenheit ergehen:

Ich weiss, dass Du in wenigen Momenten, in Sekunden oder in Metern zu messen, hinter einer undurchdringlichen Wand aus Blech Dich wirst anstellen müssen. Ich weiss sogar, und Du wirst froh sein, es nicht zu wissen, wie unfassbar lange dieser Metallverschluss sich hinzieht, wie undurchdringlich Dein Anstehen dort hinten also sein wird. So schmerzhaft genau und detailreich und unabwendbar kenne ich Deine Zukunft, dass ich Dich um den Verstand bringen würde, teilte ich Dir mit, dass—hast Du doch einmal diese Obstipation aus stehendem, nutzlos gewordenen Gefährt, schreiendem Kind, abgestandenden Schweigen zwischen den Paaren durchstanden, heute Nacht gegen 22 Uhr vielleicht—Du wirst abfahren müssen, hinausgebeten werden wirst aus unserer schönen Raummaschine, hinab ins irdische Treiben auf den Landstraßen.

Denn dort, wo ich herkomme, auf meinem Ritt auf dem Kondensstreifen des Zeitstrahls, dort habe ich die Zeitlöcher gesehen, diese wunderschönen endlos scheinenden Kilometer ungenutzter Autobahn. Dort vorn (dort hinten?) in Deiner vollgesperrten Zukunft wiederum, in dem, was Dein blinder Fleck werden wird, war es mir vergönnt, meine eigene verpasste Vergangenheit, sozusagen den blinden Fleck vor meiner Geburt, ja genau: jene sagenumwobenenden autofreien Sonntage im 1973er Jahr, doch noch zu erfahren. Welch ein Erlebnis.

Du hingegen wirst leider die anmutige Sanftheit dieser der Landschaft einbeschriebenen, unbenutzten Betonbahn nicht erleben; sie zeigt sich erst, wenn man all die ignoranten Fahrzeugführer mit ihrem Gummi und ihrem Rausch, auch Dich, einmal verbannt, wie es die weisen Ästheten der Autobahnpolizei soeben tun.

Während ich all dies herbeihalluziniere, schleicht sich aus einem stärker der Ratio verhafteten Teil meines Gehirns der—bescheidenere—Gedanke an, dass all dieses prophetisch-machtberauschte Künden von Deiner Zukunft, die ich erlebt habe und von der Du nichts ahnst, genau so gnadenlos gilt für mich und Deine Vergangenheit, die meine Zukunft sein wird.

Ich sollte also nicht so dick auftragen, denke ich, lausche weiter dem namenlosen Held auf seinem Weg zur Verflüchtigung im Autoradio und schiesse mit 150 Kilometern/Stunde in meine ungewisse und mir auf einmal fast gefährlich erscheinende Zukunft.


[1] Zum Thema der Autobahn als (Klang–)Geflecht empfehle ich ausdrücklich das Schaffen von OLAF SCHÄFER, bald nachzulesen im vorzüglichen Interview hier an der WALL OF TIME, sowie kommenden Donnerstag in Berlin seinen Vortrag mit dem Titel “Metrophonie No. 1” im Rahmen der UDK Sound Studies Abschlusspräsentationen.




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Friday, March 21, 2008

Dritte Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit

Mit kindlicher Freude und vorpubertärem Eifer machte ich mich heute Morgen daran, nach meiner etwas verfrühten Ankunft am Bahnhof Paddington die wie eine riesiges Bilderbuch aufklappbaren und zum Blättern einladenden Abfahrtszeittafeln zu durchstöbern:

Ob es nicht tatsächlich einen Zug 16 Uhr 50 ab Paddington geben müsse, heute noch, falls es ihn denn je gegeben hat, so wie ihn Agatha Christie zum Buchtitel sich nahm (oder ihr Übersetzer). Es dauerte dann doch lange, und es erforderte eine gewisse Optimierung der visuellen Suche, doch ich fand ihn. Welch großes, reines, leider unteilbares Glück.

Immer und nur samstags bringt er den geneigten Fahrgast bis nach Reading. 1650 ab Paddington.


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Thursday, March 20, 2008

Botho Strauß on Time (III)

Es ist diese gelungene, eindringliche und stets leicht traurige poetische Figur, die Botho Strauss strichelt für uns, immer aufs Neue, in wunderschönen Iterationen desselben:

“Was aber, wenn er dennoch ein empfindlicher Chronist bleiben möchte und dem Regime des totalen öffentlichen Bewusstseins, unter dem er seine Tage verbringt, weder entkommen noch gehorchen kann? Vielleicht wird er zunächst gut daran tun, sich in Form und Blick zunutze zu machen, worin ihn die Epoche erzogen hat, zum Beispiel in der Übung, die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen und erst recht scharfumrandet wahrzunehmen. Statt in gerader Fortsetzung zu erzählen, umschlossene Entwicklung anzustreben, wird er dem Diversen seine Zonen schaffen, statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen. Er wird sich also im Gegenteil der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, anstatt sich ihr verhalten entgegenzustellen.”

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Wednesday, March 19, 2008

Zweite Ableitung eines Briefs aus der Vergangenheit

Es ist der Vorabend des Osterfestes, Gründonnerstag. Im Fern­sehen moderiert zum einen, für mich völlig unfassbar, der seit Jahren doch im Grunde nicht mehr vermittelbare Gottschalk eine Bibel-Show (mir wird übel beim Tippen dieses Kompositums), zum anderen diskutiert man auf 3SAT Bezüge von Politik und Religion. Wo sonst. Ist das Hans Küng, der da so schwyzer­deutscht? Wahrscheinlich schon, ach nein, doch nicht.

Heute formulierte ich es beim Kaffeekranz mit den Kollegen so: Im Grunde merke ich nur noch an den Kreuzigungsversuchen auf RTL2, “Welt der Wunder”, mit Studenten in Turnschuhen, die mit EKG-Elektroden auf der Brust für ein paar Minütchen an einem Kreuz in irgendeinem Max-Planck-Institut schmoren, dass es wohl wieder Ostern ist.

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Rainer Maria Langhans

Ich lebe mein Leben in wachsenden Buchmessen, die sich über die Dinge ziehen.

Schon ein Jahr, in regelhaft wiederkehrenden Fachmessen des Buch– und Verlagswesen gemessen, habe ich demnach in dieser Stadt hier verbracht (ist verbringen nicht ein altmodischer, aber korrekter Ausdruck für versorgen, wegräumen, verschicken?), ver– und zerlebt.

Ab jetzt: Zeit nur noch messen in albernen, am besten völlig abwegigen Maßeinheiten: Bücher, Getränke, Publikationen, Anstellungsverträge, und eben: Fachmessen.

Ich werde die letzte vielleicht nicht vollbringen, aber besuchen will ich sie.


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Tuesday, March 18, 2008

On the road to “Emergenz des Totalen” (pt. II)

Ein kleiner Denker gerät ins Stocken. Zu groß und auch noch etwas zu heiss das Eisen, dass er angepackt hat und schmieden will. Ein wirklich toller Titel (inklusive ganz distanziert-seismographischer Selbsteinordnung), eine Zusammenfassung (siehe unten; engl. so passend abstract, dem Jünger’schen Duktus—halb ironisch und halb bewundernd—folgend in nummerierte Abschnitte gefasst) und insgesamt 4134 Worte Rausch, Halluzination, und noch wenig, das dem eigenen Anspruch zu kohärentem Argument genügen würde. Aber lesen Sie selbst.


Die Emergenz des Totalen — Eine Bestandsaufnahme

DIE SITUATION: 1. Vernetzung und Wechselbeziehung durch Austausch und Zugänglichkeit von Information zwischen den Menschen, allen, auch denen, die sich nicht kennen, ist nun möglich, findet statt.

DIE DIAGNOSE: 2. Diese Vernetzung korrodiert tradierte Größen des Raumes und der Zeit. 3. Damit wird Totalheit—wie von den großen bösen Erzählern des 20. Jahrhunderts lediglich erstrebt—möglich.

DER POSTULIERTE MECHANISMUS: 3. Totalheit erzeugt Starre, Starre bedeutet Unfreiheit: Totale Einbindung, Mobilmachung, Gleichschaltung und Kontrollierbarkeit haben für (fundamental als gut und erstrebenswert betrachtete) Eigenschaften wie Freiheit des Willens, geistige und physische Unversehrtheit, und Freiheit der Meinung Folgen—Folgen, die als nachteilig und böse betrachtet werden können.

4. Die neue Totale wird von niemandem angestrebt, keiner kann belangt werden, und jeder Einzelne webt daran mit. Versuche, die Bösewichte zu benennen, führen ins Absurde: “Das Internet”, “Google”, “Microsoft”. Die beiden Letztgenannten können besten Willens als derzeit größere Anteilseigner an der Börse des neuen Totalen verstanden werden.

5. Wie geschieht Böses aus der Totalheit heraus? Hier sind die Lehren aus den totalitären Versuchen des 20. Jahrhunderts durchaus instruktiv: Totalheit wirkt zurück aufs Individuum, verändert sein Erleben—damit zwingend seinen Erlebnisrahmen—damit hochwahrscheinlich auch sein Erleben und seine Interpretationen von Recht und Unrecht. Taugen individuelle, nur auf Empathie oder gar Altruismus gegründete Werturteile bereits in der prä-totalen Gesellschaft wenig, so ist anzunehmen, dass ihr schützender und schonender Einfluss proportional zur Geltung des Individuellen insgesamt schwindet.

DAS FAZIT: 6. Es ist Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts auf verstörende Weise unklar, wie die Antwort des Individuums auf diese totalen Tendenzen aussehen kann, geschweige denn: soll. Das Normative scheitert. Wo kein Schuldiger, da kein Kläger; wo kein Kläger, da kein Unrecht. Das Böse hat sich selbst inkarniert.


Bleiben Sie mir gewogen, während ich versuche, dies alles in vernünftige Worte zu gießen.

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Monday, March 17, 2008

Ffffinally ffffound: The table of time

Possibly the closest we may ever come to a physical instantiation of the Wall of Time—a time table. Instead of writing with a slightly disillusioned undertone about being worn out by our de-scheduled eternal circling at the wall of time, we may prefer to bang our head on this one:

Thanks, Stefanie Roenneke.


Dieser Beitrag ist auf Englisch, doch einiges an der Zeitmauer gibt es auch in der hervorragenden Kultur- und Verwaltungssprache Deutsch zu lesen.